26 + 4: Vorworte zur Reihe

Eins: Was zu erwarten ist

Im Frühjahr 2022 erscheinen die ersten beiden Hefte der Reihe 26+4 in der edition kreatives schreiben im Verlag Wortwechsel. Mit Heft a wie anfangen … geht es – erwartungsgemäß – los. Und gleich darauf folgt Heft f wie Freewriting … und dann all die anderen 28 Hefte nach und nach. Jedes heißt nach einem der 30 Buchstaben des deutschen Alphabets (26 plus ä, ö, ü und ß). Die Hefte erscheinen in nicht chronologischer Reihenfolge. Jedes enthält auf 28 bis 36 Seiten ein persönlich-wissenschaftliches Essay, zum jeweiligen Fokus des Hefts passende und mir liebste Schreibaufgaben sowie (literarische) Beispieltexte, die meisten aus meiner Feder.
Jedes Heft wird in einer anderen Farbe erscheinen, passend zum Buchstaben:

  • a wie anfangen | Azurblau | April 2022
  • f wie Freewriting | Fallunrot | April 2022
  • o wie OuLiPo | Orange | Sommer 2022
  • r wie Revision | Rauchtopas | Herbst 2022
  • u wie unkonventionell | Umbra | Herbst 2022
  • h wie Handschreiben | Himbeerpink | Winter 2022/23

Zwei: Was mir das Kreative Schreiben ist

„Seinen Schüler Guy de Maupassant lehrte er1: Es geht darum, alles, was man darstellen möchte, lang genug zu betrachten, um darin einen Aspekt zu entdecken, der noch nie von jemandem erkannt und ausgesprochen wurde. In allem liegt Neuland […]. In der geringsten Sache steckt etwas Unbekanntes. Finden wir es“ (Zeug 2017).
Was steckt im Kreativen Schreiben, was noch nie von jemandem erkannt und ausgesprochen wurde? Das muss(te) ich zu fassen bekommen, wenn ich nicht nur einen 43. Aufguss einer Sammlung machen wollte der altbekannten Übungen/Schreibimpulse/Schreibaufgaben/Verfahrensweisen/Methoden2 mit altbekannten Rahmungen und Begründungen. Mehr als in meinem Fachbuch will ich als Ich sprechen. Sprechen von dem, was Kreatives Schreiben mir ist, sprechen von dem, in welchen Facetten sich meine Sicht auf das Kreative Schreiben von anderen Sichtweisen, die (mir) bekannt sind, unterscheidet.

Drei: Was die Reihe ist (und was nicht)

Diese Reihe ist keine Ratgebersammlung mit Rezepten zum Erfolg.
Diese Reihe zeigt Varianten, Facetten, immer Vorläufiges – sie ist kein Endprodukt, eher etwas Fluides. Sie liefert keine hermetischen Definitionen, schon gar nicht eine Definition des Kreativen Schreibens.3 Sie hat weder einen letzten Grund, noch folgt sie einer übergeordneten kategorisierenden Systematik. Sie ist dennoch insofern eine wissenschaftliche, als sie Bekanntes abstrahiert und dekonstruiert, um es neu zu verknüpfen (vgl. Ortner 2006).
Diese Reihe ist das Produkt von Denken, Machen, Reflexion, Erfahrung, Sprechen, Dialogen und ästhetischer Forschung, eine Essenz aus 30 Jahren reflektiertem Unterricht, Literaturrecherche und eigener Schreibpraxis. Sie ist eine Sammelmappe, vielleicht aber auch eine Wunderkammer mit Miniaturen eines nicht zu überblickenden Ganzen. Sie traut sich, fragmentarisch zu bleiben im Sinne der romantischen Vorstellung des Fragments als unabschließbares Projekt, als Öffnung „in Richtung Unendlichkeit“ (Porombka 2007: 33).
Diese Reihe sagt: Schreiben spürt, erfährt, übt, lernt man beim Schreiben. Sie ist zuvorderst aber die Ermutigung zu: „Ich mache jetzt etwas mit Sprache“ (Titel eines Poetry Slam-Textes von Nora Gomringer), ob kreativ oder unkreativ – kregal! Sie will Sprache öffnen, zur (Wieder-)Aneignung anstiften (vgl. Goldsmith 2017).
Diese Reihe will zum Mäandern, Zweifeln, Zittern und „Treideln“ (vgl. Zeh 2015) aufrufen, das mögliche Scheitern und das Absurde nicht ausschließen. Sie will Räume öffnen, zum Perspektivenwechsel ermutigen und zum Anfänger:in-Geist. Sie ist eine Aufforderung zum Spiel(en) und Experiment(ieren), zum Verwandeln von Vorhandenem und zum Probehandeln. Und fühlt sich dem Konzept der Ästhetischen Forschung verbunden (vgl. Kämpf-Jansen 2012). Diese Reihe kann leider die Welt weder retten noch befrieden.

Vier: Warum es Hefte werden und kein Buch

Geboren wurde die Idee zu einer umfassenden Veröffentlichung zum Kreativen Schreiben im Sommer 2019 am Kellersee. Als ich Ende 2021 schon aufgeben wollte, weil ich an meinen eigenen Ansprüchen zu scheitern drohte, sagte Sigrid Varduhn, eine Kollegin aus Berlin: „klein denken“ (danke!). Zuerst war ich irritiert – sagen doch Coachs u. ä. immer: „groß denken“. Und dann war ich erleichtert, dachte klein, dachte an die Grundschule, an die kleinen Schulhefte – und gab die Idee eines Buches, nicht aber die eines Gesamtwerks auf. Ich entwickelte die Idee der einzelnen Hefte, einer Reihe zum Kreativen Schreiben. So konnte ich mich wieder an die Denk- und Schreibarbeit machen, aber wunderbarerweise nicht zu 30 Themen parallel, sondern zu zwei oder drei. Nun sind sie da, die ersten Hefte. Die anderen werden nach und nach geboren. Und dann wird es am Ende etwas Großes sein.

Anmerkungen

1 Mit „er“ gemeint ist John Irving.
2Diese Begriffe werden in der Literatur zum Kreativen Schreiben nicht systematisch verwendet, meist als Synonyme. Ich bevorzuge den Begriff Schreibaufgabe für die konkreten Anleitungen in der Praxis und den Begriff Methode als übergeordnete Kategorie.
3Joachim Fritzsche nennt den Begriff Kreatives Schreiben einen „Begriff mit offenen Rändern“ und einen „Sammelbegriff für alle möglichen Schreibtätigkeiten“ (Fritzsche 1994: 160).

Literatur

  • Alers, Kirsten (2018): Schreiben wir! Eine Schreibgruppenpädagogik, 2. Auflage. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren
  • Goldsmith, Kenneth (2017): Uncreative Writing. Berlin: Matthes & Seitz (engl. Orig. 2011)
  • Kämpf-Jansen, Helga (2012): Ästhetische Forschung. Wege durch Alltag, Kunst und Wissenschaft. Zu einem innovativen Konzept ästhetischer Bildung, 3. Auflage. Marburg: Tectum
  • Ortner, Hanspeter (2006): Spontanschreiben und elaboriertes Schreiben – wenn die ursprüngliche Lösung zu einem Teil des (neuen) Problems wird. In: Kissling, Walter / Perko, Gudrun (Hg.): Wissenschaftliches Schreiben in der Hochschullehre. Innsbruck/Wien/Bozen: StudienVerlag: 77–101
    Porombka, Stephan (2007): Für wahre Leser und erweiterte Autoren. Novalis: Blütenstaubfragmente [1798]. In: Kutzmutz, Olaf / Porombka, Stephan (Hg.) (2007): Erst lesen. Dann schreiben. 22 Autoren und ihre Lehrmeister. München: Luchterhand: 23–35
  • Zeh, Juli (2013): Treideln. Frankfurter Poetikvorlesungen. Frankfurt/Main: Schöffling & Co.
  • Zeug, Katrin (2017): Wie das Schreiben das Denken verändert. In: ZEIT Wissen Nr. 6/2017, 17. Oktober 2017. Abrufbar hier: http://www.zeit.de/zeit-wissen/2017/06/schrift-schreiben-denken-sprache. Letzter Abruf: 3. 12. 2017, 7.29 Uhr

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