Tippszurück zum Blog

5. November 2018
An der Grenze
6. Autorenpreis-Anthologie erschienen

Gestern ist sie präsentiert worden. Jetzt ist sie online: die 6. Anthologie des Nordhessischen Autorenpreises: AN DER GRENZE. Nicht papiernen, sondern virtuell. Ob das eine Anbiederung an einen wie auch immer zu nennenden Zeitgeist ist, will ich hier nicht diskutieren. Auf jeden Fall stellt sich über die Möglichkeit, kostenlos auf die 30 Texte zuzugreifen, eine Öffentlichkeit für diese und ihre VerfasserInnen her, die ansonsten nicht zu gewährleisten ist. Manche der angefragten AutorInnen haben sich ja gescheut, der Text werde im world wide web verbrannt. Nun, der Verein aber, der für das Öffentlichmachen (nordhessischer) Gegenwartsliteratur steht, kann sich über diese Veröffentlichung freuen. Ich tue es, als Gründungs- und Vorstandsmitglied.

Zur Anthologie geht es hier .


24. September 2018
11. Kasseler Schreibcafé
Rhythmisch schreiben

Mit dem Thema „Rhythmus – wie Texte lebendig werden“ beschäftigt sich das 11. Schreibcafé im Café am Bebelplatz am 27. September ab 19 Uhr. Die Schreiblehrerin Jacqueline Engelke und die Musikerin Andrea Belser geben einen ersten Einblick, wie Rhythmus in Texten entstehen kann und wie er laut gelesen klingt. Dazu werden Gedichte und kleine Texte geschrieben.
Veranstalter des Kasseler Schreibcafés ist das Netzwerk Kreatives Schreiben Nordhessen/Südniedersachsen (das ich 2014 gründete) in Kooperation mit dem Café am Bebelplatz. Das Schreibcafé, das dreimal im Jahr stattfindet, jeweils unter Leitung einer anderen Schreiblehrerin, ermöglicht das Hineinschnuppern, das Antesten des Kreativen Schreibens. Vorkenntnisse und eine Anmeldung für den Workshop sind nicht erforderlich.
Im Zentrum des Abends steht das praktische Tun. Papier und Stifte müssen mitgebracht werden. Das Vorlesen der geschriebenen Texte ist freiwillig.
Eintritt: 5 Euro und ein Getränk im Café

Veranstalter: Netzwerk Kreatives Schreiben Nordhessen/Südniedersachsen, in Kooperation mit dem Café am Bebelplatz
Leitung: Schreiblehrerin Jacqueline Engelke und Musikerin Andrea Belser
Termin: Donnerstag, 27. September 2018
Zeit: 19 bis ca. 21.30 Uhr
Ort: Café am Bebelplatz, Friedrich-Ebert-Straße, Kassel, Tram 4 + 8
Eintritt: 5 Euro + 1 Getränk im Café


10. September 2018
Frauen schreiben
Noch Plätze frei in Schreibwerkstätten

Schreiben in einer Gruppe Gleichgesinnter: Kreatives Schreiben, Geschichten und Gedichte, autobiografische Texte, Methoden gegen Schreibblockaden, Textkritik – die Frauenschreibwerkstatt vermittelt Handwerkszeug und fördert die Lust am eigenen Schreiben.
In zwei Kursen mit insgesamt neun Gruppensitzungen sind noch einige Plätze frei: montags von 9 bis 11 Uhr sowie mittwochs von 19 bis 21 Uhr. Die Kurse starten am 10. bzw. 12. September.
Infos und Anmeldung: Kirsten Alers, Tel. (0 56 05) 92 62 71


20. August 2018
2. korrigierte Auflage Schreiben wir!
(M)Eine Schreibgruppenpädagogik ist wieder erhältlich

Die erste Auflage ist fast ausverkauft. Und der Schneider-Verlag hat sich entscheiden, mir die Gelegenheit zu geben, die Fehlerchen zu korrigieren, um dann eine 2. Auflage von Schreiben wir! Eine Schreibgruppenpädagogik auf den Weg zu bringen. Ich freue mich!
Der Preis hat sich nicht verändert (18 Euro), wohl aber die ISBN, die neue ist 978-3-8340-1874-8; 184 Seiten; 20 Abbildungen. Die 2. korrigierte Auflage ist über den Buchhandel ab sofort zu beziehen.

Der Klappentext:
Schreiben wir! Eine Schreibgruppenpädagogik
Menschen schreiben in Gruppen. Seit Jahrhunderten. Schaffen literarische Kulturen, tragen bei zur Demokratisierung des Schreibens. Und seit rund 50 Jahren verstärkt – mit unterschiedlichen Zwecken und Rahmungen und meist unter den Ideen des Kreativen Schreibens und der Literarischen Geselligkeit.
Diese Schreibgruppenpädagogik geht der Hauptfrage nach, was das Schreiben in Gruppen ist und welche ,Gewinne’ sich zeigen, wenn Menschen in Gruppen schreiben. Sie nimmt dabei speziell eine Domäne in den Blick: die des Kreativen Schreibens in Gruppen in der Jugend- und Erwachsenenbildung außerhalb der klassischen Bildungsinstitutionen Schule und Hochschule.
Sie leistet einen Beitrag zur Weiterentwicklung und Theorie einer kritischen Fachpädagogik, sie liefert an der Schnittstelle Theorie/Handwerkszeug wissenschaftliches Hintergrundwissen ebenso wie Ideen für die Lehrpraxis und ist damit eine Handreichung für Menschen, die Schreibgruppen leiten und/oder Schreibprozesse begleiten (wollen) und sich dabei als Ermöglichende und Forschende verstehen.
Die Schreibgruppenpädagogik wird in sieben Kapiteln dargestellt:

  • Geschichte des Schreibens in Gruppen
  • das System Gruppe: Gruppenpädagogik und Gruppendynamik
  • das System Schreiben: Schreibprozess, -strategien und -kompetenzen
  • das System Didaktik für (kreative) Schreibgruppen
  • Anleitung zur Entwicklung von Schreibgruppenkonzepten
  • zehn durchdachte und erprobte Schreibgruppenkonzepte
  • Übungen- und Notfallkoffer: für Anfang und Ende, Feedback, Schreibprobleme und Gruppen­krisen


16. Juli 2018
Nach dem Fußball
Von der Entdeckung einer französischen Autorin

Gestern ist die Männer-Fußballmannschaft aus Frankreich Fußball-Weltmeister geworden. Viele freuen sich, mir ist das ziemlich egal (wäre es auch, wäre es eine deutsche Mannschaft), aber natürlich gönne ich den vielen Begeisterten ihre Begeisterung. Mich begeistern andere Dinge – deshalb gibt es ja auch nicht nur Fußball-Stadien und Fußball-Zeitschriften, sondern auch Verlage, ÜbersetzerInnen und Bücher, vor allem die. Und auch welche aus Frankreich bzw. von französischen AutorInnen.
Eigentlich lese ich selten übersetzte Werke, aber dieses Mal machte ich eine Ausnahme und wurde belohnt. Ich las Die Jahre von einer der wohl aktuell hochgelobtesten französischen SchriftstellerInnen: Annie Ernaux. Ich kannte sie nicht, bevor die Teilnehmerinnen eines Workshops im Juni mir eben jenes Buch Die Jahre schenkten. „Alle Bilder werden verschwinden.“ Das ist der erste Satz. Und dann eine Aufzählung, seitenlang, der Bilder, die verschwinden werden, ihre Bilder, die präsent, die bedeutsam sind, persönliche, aber auch universelle. Mit ihr, der Autorin und Erzählerin und Protagonistin, werden sie alle verschwinden in ihrer ganz speziellen Färbung. Wenn sie nicht schreibt. „Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird.“ Das ist der letzte Satz. Schreibend etwas retten von der Zeit. Die ihre war, die meine, unsere war.
Annie Ernaux ist 1940 geboren und nimmt die LeserInnen mit durch nahezu 70 Jahre Geschichte. Geschichte der Suche, des Widerstands, der Begegnungen, der Transformationen, des Scheiterns und Hoffens. Obwohl ich immer mal wieder zwischendurch dachte, ich hätte jetzt gern als Referenz den deutschen Ort, das deutsche Buch, die deutschen PolitikerInnen anstatt der französischen, die ich oft nicht kannte, hat mich diese Art, Autobiografisches mit Zeitgeschehen zu verknüpfen nicht zuletzt deshalb fasziniert, weil die Autorin mich mit ihren Stil, der manches Mal an freies Assoziieren, an ein Schreiben des Bewusstseinsstroms erinnert, zu meinen scheint. Als säßen wir uns gegenüber und ich hörte zu, streute mein Leben dazwischen, verstünde. Verstünde, wie Anderen das Leben gelingt, wie sie es jenseits des Mainstreams gestalten oder darin herumstolpern, als sei es nicht ihr eigenes und einziges ...

Ernaux, Annie (2018): Die Jahre. Roman, 5. Auflage. Berlin: Bibliothek Suhrkamp (Original 2008)


23. April 2018
Unbedingt lesen!
Bücher dieses Frühjahrs

Weil heute Welttag des Buches ist, empfehle ich ein Bücher, die ich in diesem Frühjahr mit Genuss gelesen habe (und auch wenn ich auch manchmal Bücher von männlichen Autoren lese – die von Frauen möchte ich würdigend zeigen, weil sie immer noch skeptischer betrachtet, als Fräuleinwunder diffamiert oder schlicht ignoriert werden):

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe. Roman. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2017.
Dunja, eine alte Frau, und ein paar andere Alte gehen zurück in ihr Dorf in der Todeszone am Reaktor von Tschernobyl, um dort bis zu ihrem Tod zu leben: skurril und sprachlich überzeugend, vor allem aber von der ersten bis zur letzten Seite berührend.

Lily King: Euphoria. Roman. München: C. H. Beck 2015.
Inspiriert vom Leben der Ethnologin Margaret Mead wird die Geschichte dreier EthnologInnen in den 1930er Jahren in Neuguinea erzählt; neben der (erwartbaren) Dreiecksgeschichte geht es aber vor allem um Blicke, Macht, Herrschaft – die Konstruktion von Wirklichkeit wird zart und schonungslos zugleich überzeugend erzählt.

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. Roman. Köln: DuMont 2017.
Luise ist Selmas Enkelin und darf leben in der Liebe der Großmutter und in einem Dorf, das Platz für viele und vieles hat – aber trotzdem bleiben die schrecklichsten Erschütterungen nicht außen vor, und die Liebe ist auch hier nicht einfach da und manchmal ist sie unerreichbar.

Jeanette Winterson: Warum glücklich statt einfach nur normal? München: Hanser 2013.
Eine Frau, die als Kind adoptiert wurde und eine Kindheit erleben musste, in der sie als die, die sie war, nicht vorkam, befreit sich mühsam, um leben zu können: nicht normal, sondern glücklich (oder wenigstens als sie selbst).

Juli Zeh: Leere Herzen. Roman. München: Luchterhand 2017.
Ein Science Fiction, in dem man die aktuelle Gesellschaft – bis auf einige Skurrilitäten – eigentlich schon erkennen kann. Die Protagonistin Britta lässt sich (gezwungenermaßen) in ihren Grundfesten erschüttern, als eine ihrer KandidatInnen nicht mitspielt, aber auch nicht wieder verschwindet.


26. März 2018
Mehr als Fassade
Masterstudiengang Biografisches und Kreatives Schreiben

Die Alice Salomon Hochschule kennen jetzt alle, na ja, also ... viele, z. B. die, die FR, FAZ, DIE ZEIT, Blogs etc. lesen. Alle haben sich geäußert zum Beschluss, ein Gedicht von der Südfassade zu entfernen. Ich auch, nachzulesen in meinem Blog-Eintrag vom 5. Februar 2018.
Diese Hochschule ist mehr als Fassade, sie bietet qualitativ hochwertige Studiengänge, znetral ist die Soziale Arbeit. Ergänzt werden grundständige Studiengänge durch konsekutive und Weiterbildungsmasterstudiengänge – einer davon ist meiner ... also, nein, nicht im Besitzen-Sinne, sondern meiner im Sinne von: Ich bin eine der rund 20 Lehrenden am Masterstudiengang Biografisches und Kreatives Schreiben, den es seit knapp zwölf Jahren gibt. Ich bin von Beginn an als Dozentin für die explizit pädagogischen Fächer Schreibgruppenpädagogik und -dynamik sowie für die Begleitung der Versuche in der Praxis zuständig.
Im Oktober soll der 13. Jahrgang starten. Die Bewerbungsfrist läuft am 30. Juni aus. Nähere Infos gibt es hier.
Der Studiengang ist der einzige seiner Art im deutschsprachigen Raum. Er hat nicht den Anspruch, AutorInnen auszubilden, sondern den, Menschen zu befähigen, Schreibgruppen zu leiten und (individuelle) Schreibprozesse (biografische, literarische, wissenschaftliche und jourmalistische) zu begleiten. Wenn er nicht (u. a. von Lutz von Werder) erfunden worden wäre, müsste das unbedingt nachgeholt werden!


19. März 2018
études
Fingerübungen à la Friederike Mayröcker

In meinen Schreibwerkstätten gehört zum festen Repertoire die Kopie eines Schreibstils, der Textmuster eines Textes einer bekannten Autorin, eines bekannten Autos. Beim Nachahmen, als bei der Kopie des Stils, der Muster, muss ich weggehen von dem, was ich sonst immer tue, muss meinen Inhalt eine andere Form geben – und über dabei bestimmte Stilelemente und Textmuster. Hier möchte ich ein Beispiel aus meiner eigenen Feder dokumentieren, bei dem ich mich der Nachahmung eines sehr speziellen Textes von Friederike Mayröcker gestellt habe.

27. 3. 11
dieses Vöglein Vögelchen mit der Trompete nämlich im Regenschauer des Morgens wehe mein Herz wie Tränen am Fenster Perlen April usw., trippele durch die Träume, Sufistimme Satie, kretische Steine auf meinem Herzen wie ich erkenne Weide Flüsse und Wälder damals im Brausen und Hand in Hand, die weiszen Füsze des Kranichs das Blättchen Entzündung der Rose, die errötende Blume und wie sie ins Herz gelodert, bin eingesponnen in Forste Fittiche Fingerchen, hatte geküszt 1 grüne Blättchen hinter Parkgitter Heidelerche Wildtaube Zeisig in meiner Einfalt. Auf blauen Stoffgürtel tretend mein Gotteshirn – hatte zu Hase geflüstert LAPIN oder zerknalltes Kaninchen, solche Vöglein Vögelchen glucksend (aus der Erde guckend) oder wenn diese Romi entlangschläft entlangschleift mich meine deren Schatten mir auftaucht, wie’s windet ........ die Thaya nämlich war vorübergewischt hatte genäselt im Flur usw., ausgeblasenes Föhnchen wie’s mundet. (aus: Friederike Mayröcker: études, 2013, S. 20)

8. 3. 18, Sylt
tote Fliege im Kirschsaft, nämlich identitätsstiftendes Anhängsel wie gestern, und immer so viel Himmel, die Freiheit zur Kür usw., im Lazarett gestanden, Luisas Stimme ein Reim ist ein Keim, lass sie doch mit ihrem Tee und ob hier das Und oder das Aber gilt, Kobra Hund Adler am Spülsaum Mörderwellenzungen, das wollige Gelb am Tunnelausgang, Rosen und ihre Klischees zerkratzen Beine, im Land der Lächelnden der Süden eine 5, die 6 eine perfekte Vibrationszahl, zur Stille geworden, bin gefangen hinter meiner Stirn mit Möwen, Mobiles, Mimosen, im besten Fall im Labyrinth, hätte parliert mit Fried, Krishnamurti, Simone, Hannah, Rosa, Xanthippe. Herzenspochen Herz gesprochen, wie heißt der Sog, Beklemmung ob der Weite, bin chinesische oder 12-Ton-Melodie plötzlich am Mittag, Wutwind, Wahrheitswirbel, zerstäubtes Blütchen, Blütlein gelb vom Ginster, finster (Silberfäden aus der Erde ziehend), eingepfercht in Kategorien, bestimmt entstimmt, über all dem Falb, unter all dem Blau über dem Nebel, wie es, er, treibt nagt zerrt beißt zermürbt. Der Tunnelmolch, die Amöbe, entwischt heute früh, nichts kommt mir entgegen, acht Wörter auf der Zunge, ohne Mütze, und Hinkekästchen mit Glückskeks.


12. Februar 2018
Meine Herren
(K)eine Satire (eine wahre Geschichte)

Die Szenerie:
Januar 2018, eine westdeutsche Metropole, ein Opernhaus, eine Orchesterprobe, ein Orchester mit 70 MusikerInnen, etwa 30 Frauen und 40 Männer, ein 35-jähriger südeuropäischer Gastdirigent.
Die Geschichte:
Giulio Antinori (so nenne ich ihn einmal), der Dirigent, kommt herein, klopft mit dem Taktstock aufs Pult: „Meine Herren, guten Morgen, bitte den Tristan, zweiter Akt.“
Das Orchester beginnt zu spielen. Gesa (so nenne ich sie einmal), Oboistin, zögert ... – ,meine Herren’, wieso soll sie bei der Aufforderung spielen? Kommt der damit woanders durch? –, dann spielt sie doch.
„Nein, meine Herren, so geht das nicht, bitte die Dynamik im Blech, die Striche in den Bratschen, noch einmal ab Takt 17.“
Gesa kann es nicht glauben. Sie weiß, dass sie als die Emanze des Orchesters gilt, sie hat den Ruf doch eh weg, also kann sie auch ... Doch sie spielt. Sie ist müde, sie ist es so leid, immer wieder dieses Kämpfen ... Sie verweigert nicht das Spielen, sie steht nicht auf, sie sagt nichts. Nicht in der Probe.
Nach der Probe fragt sie ihre Kollegin Gudrun, ob sie das nicht stört mit der Anrede. „Ach, der ist doch Italiener“, sagt diese und grinst. Sie fragt eine Geigerin. „Was du dich auch immer gleich so aufregen musst. Das ist doch nun wirklich nicht schlimm“, sagt diese und wendet sich ab.
Am nächsten Tag bittet Gesa Giulio Antinori um ein kurzes Gespräch vor der Probe. Sie bittet ihn, auch die Frauen anzusprechen. Er entschuldigt sich sofort, erzählt, dass er auch in Turin bereits darauf angesprochen worden ist, Signore e Signori zu sagen.
„Meine Damen, meine Herren, heute noch einmal Tristan und Isolde.“ Giulio Antinori hebt seinen Taktstock.
Gemurmel, Getuschel, wer hat denn da wohl was gesagt? Alle wissen es sofort und drehen sich zu Gesa. Sie steht lächelnd auf, verbeugt sich mit großer Geste. Ist der Ruf erst ruiniert ..., denkt sie, aber es hat sich doch gelohnt.


29. Januar 2018
Quo vadis?
Nordhessischer Autorenpreis

Es ist vorbei – für mich ist es vorbei. Ich will aus der allerallervordersten Reihe des Nordhessischen Autorenpreises zurücktreten. Platz machen. Mit einem lachenden Auge mache ich Platz, weil dieses lachende Auge auf drei (wissenschaftliche) Buchprojekte schaut, die da gären und realisiert werden wollen. Mit einem weinenden Auge mache ich Platz, weil dieses weinende Auge auf etwas schauen wird, was dann nicht mehr meins ist, was Andere ganz anders machen werden. Das kann ich schwer aushalten. Da muss ich wirklich ganz wegschauen. Und erst ganz am Ende, wenn es um den Verlag geht, vorsichtig auf das Neue, das von Anderen in die Wege geleitete Neue schauen.
Jedenfalls: Damit der Nordhessische Autorenpreis, zuvorderst erst einmal die Anthologie aus dem Wettbewerb AN DER GRENZE, weiterleben kann, gibt es ein Interesssiertentreffen. Meine Vorstandskollegin Jana Ißleib und ich laden ein zur

Gründung einer Anthologie-Arbeitsgemeinschaft
am Dienstag, 6. Februar 2018
um 18 Uhr
in die Werkstatt Kassel (Friedrich-Ebert-Straße 175)


22. Januar 2018
Anfänge schreiben
9. Kasseler Schreibcafé am 25. Januar

„Anfänge“ sind das Thema des 9. Kasseler Schreibcafés am 25. Januar im Café am Bebelplatz. „Es ist Januar, das Jahr ist jung“, sagt Maria Knissel, die den Workshop leiten wird, „wir legen also einfach los und bringen Worte, Zeilen, Sätze auf die Welt, die vielleicht der Anfang von mehr sein können.“
Die seit zwei Jahren in Kassel lebende Schriftstellerin ist mit ihren Romanen bundesweit auf Lesebühnen unterwegs und erhielt für ihre Projekte mehrfach Stipendien des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst. Seit Herbst 2017 leitet sie die „Schreibgruppe Kassel“, ein Kooperationsangebot der Autorenschule Textmanufaktur und dem Literaturhaus Nordhessen e.V.
Veranstalter des Kasseler Schreibcafés ist das Netzwerk Kreatives Schreiben Nordhessen/Südniedersachsen in Kooperation mit dem Café am Bebelplatz. Das Schreibcafé, das dreimal im Jahr, jeweils unter Leitung einer anderen Schreiblehrerin, stattfindet, ermöglicht das Hineinschnuppern, das Antesten des Kreativen Schreibens. Vorkenntnisse und eine Anmeldung für den Workshop „Anfänge“ sind nicht erforderlich. Das Vorlesen der geschriebenen Texte ist freiwillig.

Leitung: Maria Knissel (Schriftstellerin)
Termin: Donnerstag, 25. Januar 2018
Zeit: 19 bis ca. 21.30 Uhr
Ort: Café am Bebelplatz, Friedrich-Ebert-Straße, Kassel, Tram 4 + 8
Eintritt: 5 Euro + 1 Getränk im Café


6. November 2017
An der Grenze
Verleihung des 6. Nordhessischen Autorenpreises am 9. November 2017

Grenzzäune und verminte Todesstreifen, innere Grenzen und Entgrenzungen, rote Linien und Schwellenangst, Grenzgängerinnen und ein Bogen, der überspannt wird – AN DER GRENZE war der Titel des Literaturwettbewerbs zum 6. Nordhessischen Autorenpreises, der am 9. November in Kassel verliehen wird.
Vier Preise vergibt die Jury, bestehend aus Bettina Fraschke (HNA-Kulturredakteurin, Kassel), Andrea Gunkler (Autorin, Niederaula), Alf Mayer (Schriftsteller, Bad Soden/Taunus), Karl-Heinz Nickel (Literatur-Spaziergänger, Kassel), Brigitte Noll (Germanistin, Kassel), Heiko Schimmelpfeng (Redakteur (k)KulturMagazin, Kassel) und Irene Schweizer (Buchhändlerin, Kaufungen/Kassel).
213 Autorinnen und Autoren aus Nordhessen und anderen Teilen der Welt haben sich beteiligt. „Omnia“, „Schlammzeit“, „Alles in Ocker“ und „Antiterror Podcast“ – so die Titel der vier Texte, die die Jury für die Preise des 6. Nordhessischen Autorenpreises ausgewählt hat. Die Laudatio hält Heiko Schimmelpfeng als Sprecher der Jury. Die bepreisten Texte werden von den Autoren selbst während der Preisverleihung am 9. November 2017 im Regierungspräsidium Kassel, Am alten Stadtschloss, gelesen.
Der Vorstand des Vereins Nordhessischer Autorenpreis e.V., Kirsten Alers, Jana Ißleib und Carmen Weidemann, moderiert die Veranstaltung, die der Schlagzeuger Jonas Giger (Kassel) musikalisch begleitet. Sie ist öffentlich und beginnt um 19 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Verleihung des 6. Nordhessischen Autorenpreises
Donnerstag, 9. November 2017, 19 Uhr
Regierungspräsidium Kassel, Am alten Stadtschloss 1, großer Sitzungssaal, 1. Stock


23. Oktober 2017
Die Listensammlerin
Eine Lektüre- und Schreib-Empfehlung

„Oft weiß Sofia nicht aus noch ein: An das Dasein als Mutter hat sie sich noch nicht gewöhnt, ihre kleine Tochter wird bald am Herzen operiert, Sofias überfürsorgliche Mutter ist mehr Last als Hilfe, und ihre alte Großmutter dämmert dement vor sich hin. Nur ihre Leidenschaft, Listen anzulegen – Listen der peinlichsten Kosenamen, der witzigsten Neurosen, der schlimmsten Restaurants etc. –, bringen ein wenig Ordnung in Sofias Leben. Da macht sie in der großmütterlichen Wohnung eine Entdeckung: eine andere Listensammlung, in vergilbte Hefte notiert, in kyrillischer Schrift – die Familie hat in den Siebzigern die Sowjetunion verlassen. Über diesen Fund stößt Sofia auf einen geheimnisvollen Onkel, von dem nie jemand sprach: Onkel Grischa, ein Querkopf und schräger Vogel, der sich im Untergrund betätigt hat, der alle in Gefahr brachte und den trotzdem alle liebten. Anhand der Listen spürt Sofia Grischas dunkler Geschichte nach und entdeckt, was die Vergangenheit für das Jetzt und für sie bedeuten kann … Die Listensammlerin erzählt mitreißend und mit herrlich originellen Figuren die Geschichte von Grischa und Sofia. Ein oft komischer, warmer und lebensnaher Familienroman, der gar nicht so einfache Fragen stellt: was Familie, Nähe und Fremdsein bedeuten – und wer man selber ist.“
Soweit der Text von der Website des Rowohlt-Verlags. Mich haben natürlich (jenseits der wirklich spannenden und gut erzählten Geschichte) die Listen fasziniert – sie sind tatsächlich auch eine famose Schreibanregung (für eigenes Schreiben oder für Schreibgruppen).
Listen? Was für Listen? Auf die Frage eines Therapeuten, zu dem ihre Mutter sie als Jugendliche ,schleppt’, was es denn für Listen seien, die sie führe, antwortet Sofia: „Oh, sehr verschiedene. Also, ich habe zum Beispiel eine Liste schöner Menschen. Ich habe eine Liste mit Büchern, die mich zum Weinen gebracht haben, eine Liste mit Büchern, die ich besser nicht gelesen hätte, eine mit Büchern, die ich noch einmal lesen will. Eine mit Büchern, die noch geschrieben werden müssen, eine mit Büchern, die ich gerne schreiben würde. Ich habe auch eine Liste mit möglichen Allergien, eine mit Tomatengerichten, eine mit Gerichten, die Zwiebeln enthalten, weil Frank keine Zwiebeln verträgt. Ich habe eine Liste mit tollen Hundenamen, eine mit peinlichen Kosenamen, eine Liste mit Lehrern, die besser etwas anderes hätten werden sollen, eine mit Ideen, was für andere Jobs diese Lehrer sich hätten suchen sollen, eine Liste mit Begriffen, die ich mal nachschlagen muss, weil ich mir nicht sicher bin, was sie bedeuten, eine Liste mit meinen Aufstehzeiten seit dem 23. Dezember letzten Jahres, eine Liste mit Schimpfwörtern, die die Jungs aus meiner Klasse benutzen, eine mit meinen Noten in allen Fächertn. Eine Liste mit Dingen, die ich niemals geschenkt haben möchte, eine mit Stars, die ich gerne treffen würde, eine mit Stars, die ich gerne wäre, eine mit Sätzen, die meine Mutter wiederholt, eine mit den Noten von Christina, das ist meine beste Freundin, eine mit den Anrufzeiten von Christina seit diesem Schuljahr, eine mit den Kuchen, die meine Großmutter backt, sie probiert gerne neue Rezepte aus. Soll ich weitermachen?“ (S. 64f.)

Lena Gorelik: Die Listensammlerin. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2015 (1. Auflage 2013)


4. September 2017
Erst lesen. Dann schreiben
Aufforderungen zum Lernen

Kann man das Schreiben lernen? Jahrhunderte lang war man im Speziellen in Deutschland davon überzeugt, dass man zwar das Musizieren, Malen oder Tanzen lehren und also üben und lernen kann, nicht aber das literarische Schreiben – dazu musste man schon als Genie geboren sein. Seit rund 30 Jahren nun zweifelt man auch in Deutschland nicht mehr an, dass Schreiben lehr- und lernbar ist, man fragt sich allerdings, wie das geschehen soll. Im Kontext der (wissenschaftlichen) Debatte, die im Zuge der Gründung des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig 1995 und des Studiengangs Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim sowie der Implementierungen der ersten Schreib(beratungs)zentren an deutschen Hochschulen/Universitäten intensiv geführt wurde, setzten sich auch AutorInnen und Lehrende damit auseinander, wie sie das Schreiben gelernt haben. 22 geben dementsprechende essayistische Selbstauskünfte über ihre literarischen Vorbilder und wie sie was von ihnen gelernt haben in dem Sammelband Erst lesen. Dann schreiben. Lernen von Vorbildern heiße, so der Schriftsteller Burkhard Spinnen: „ganz wesentlich geht es um Aneignung und Metamorphose“ (S. 259). Robert Gernhardt, Hanns-Josef Ortheil, Daniel Kehlmann und Antje Rávic Strubel. Das Buch ist ein wunderbares Plädoyer dafür, sich mit der Gemachtheit von Literatur auseinanderzusetzen, nicht um ,große’ zu kopieren, sondern um die Palette des eigenen poetischen Ausdrucks zu erweitern.

Porombka, Stefan / Kutzmutz, Olaf (2007): Erst lesen. Dann schreiben. 22 Autoren und ihre Lehrmeister. München: Luchterhand. (U. a. geben Selbstauskunft Robert Gernhardt, Hanns-Josef Ortheil, Daniel Kehlmann und Antje Rávic Strubel.)


21. August 2017
Urlaubslektüre
Entdeckungen

Im Urlaub lese ich auch mal Bücher, die ich nicht für die Arbeit brauche, genauer gesagt: Ich erlaube mir, Bücher zu lesen, deren direkte Verwendbarkeit für die Arbeit nicht schon auf dem Klappentext ersichtlich ist – und so entdecke ich dann doch Spannendes (das erstaunlicherweise oft auch noch verwendbar ist). Hier also die Liste meiner mit Genuss gelesenen Bücher (nicht ganz bzw. überhaupt nicht zufällig, dass fast alle aus der Feder von Autorinnen stammen):

  • Kristine Bilkau (2017): Die Glücklichen, btb. Wie ein junges Paar mit Kind und akademisch-künstlerischen Berufen versucht, nicht an den Zumutungen der Postmoderne zu scheitern.
  • Lena Gorelik (2015): Null bis Unendlich, Rowohlt. Es geht um Sprache, Liebe und Weltsichten von Nils und Sanela aus Jugoslawien.
  • Ayelet Gundar-Goshen (2015): Löwen wecken, Kein und Aber Verlag. Ein Roman aus Israel, in dem die Hauptfigur um sein Selbstbild ringt; nebenbei geht es um Flüchtlinge aus Eritrea.
  • Susann Pásztor (2017): Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster, Kiepenheuer & Witsch. Eine anrührende und zur Selbstreflexion des eigenen Gutmenschenanteils geeignete Geschichte über eine Sterbebegleitung.
  • Yasmina Reza (2017): Babylon, Hanser. Es geht um bürgerliche Doppelmoral und das Scheitern an Idealen.
  • Fred Vargas (2002): Bei Einbruch der Nacht, Aufbau Taschenbuchverlag. Ein spannender Krimi (und auch ein Roadmovie), der in Südfrankreich spielt und in dem die Charaktere wunderbar gezeichnet sind; nebenbei geht es ums Thema Wolfseinwanderung.


24. Juli 2017
100 Arten ...
... die Documenta zu betrachten (Teil 1)

Unter der Blog-Rubrik Schreibanregungen findet man am 13. März 2017 ein Gedicht von Wallace Stevens: Dreizehn Arten, eine Amsel zu betrachten. Seit ich es kennen gelernt habe, ist es einer meiner Lieblingsschreibimpulse. Und so habe ich ihn auch verwendet, um einen Blick oder 13 Blicke oder 100 Blicke auf die Documenta zu werfen. Die ersten können jetzt hier gelesen werden:

24 Arten, die Documenta 14 zu betrachten
I. Noch nichts gefunden, an dem ich etwas verlernen könnte.
II. Weil es Ithaka gibt und ich es erst ganz am Ende erreichen werde, muss mir Ithaka nichts mehr sein, weil alles alles davor nur passiert ist, weil ich auf dem Weg nach Ithaka war, und das war es ja dann, was Ithaka mir war.
III. Der Zwang zur Norwegisierung, dem die Sami ausgesetzt sind, führt zu Vorhängen und Halsschmuck aus Rentierschädeln in alter dunkler Posthalle.
IV. Wer hat Schloss aus Glas je auf welchen Index gesetzt, sodass es das Recht hat, eingeschweißt den Sommer auf dem Friedrichsplatz zu verbringen (wobei ich dieses Buch unbedingt zu lesen empfehle).
V. Wenn Elefanten kämpfen, leidet der Frosch und Fluxus aufersteht im und am Küchengraben und die Gänse schnattern was auch immer, nur Ben Patterson ist schon tot.
VI. Wenn man nichts verstehen will, versteht man auch nichts.
VII. Indigo kommt aus grünen Pflanzen, die das Blau als ihr Geheimnis bewahren.
VIII. Und alle wissen, wo sie nach Lösungen zu suchen haben, nur die nicht, die mitten im Problem sitzen.
IX. Ich sehe das, was in meine Kategorien passt, und trete einen Schritt zurück, als ich Kassel lese statt Minsk oder Incirlik.
X. Warum muss ich Kaffee aus Pappbechern und für 3,80 Euro trinken?
XI. Die Suche, immer die Suche nach der Ästhetik des Widerstands (auch Jahrzehnte nach der Lektüre von Peter Weiss), nach dem, wie sich Kunst zur Gesellschaft stellt und lustvolle und farbenfrohe Antikategorien entwirft; fündig geworden in der Gottschalkhalle.
XII. Zu viel Dokumentarisches, sagte Friedrich. Zu wenig Farbe, sagte Marie-Luise. Die Kunst liegt unter dem Hauptbahnhof, schrieb Barbara.
XIII. In meinem Garten blüht roter Mohn – und ich weiß nicht, ob es der ist, den ich von Karla bekam, oder der, der zehn Jahre gebraucht hat, um von Kassel nach Kaufungen zu wehen.
XIV. In Resonanz zu gehen, kann zu Verhaftungen führen, wenn es um das echte Leben jenseits der Kunst geht, in dem nämlich Krauss-Maffay-Wegmann Kriegsgerät im Namen der Bundesregierung für Saudi-Arabien herstellt.
XV. 82 Übersetzungen von Goya-Gemälden und ein Trojanisches Pferd, das an Johanni verbrannt wurde, also entkommt doch niemand der Verdammnis – erst angetan, dann in Distanz, jetzt im Zweifel, ob dieser Künstler schon einmal etwas von Hexenverbrennungen oder sich gerade darauf ...
XVI. Die Annahme einer Multiperspektivität und das In-Erwägung-Ziehen, dass ich nicht Recht habe, ermöglicht das Staunen.
XVII. Die Essbare Stadt ist auch dabei und die Werkstatt und Jana.
XVIII. Barbara kommt. Marion kommt. Christine kommt.
XIX. Mich interessiert nicht, was die KünstlerInnen mir sagen wollen – ich bin eine Amöbe.
XX. Die Gazekugel – hineingeschmuggelt und nicht entfernt (so wie der Sandwichdemonstrant).
XXI. Wenn die Banane in der Pyramide etwas erzählen könnte, würde sie dann von Flüchtlingen erzählen, die als Blinde Passagiere auf ihr nach Europa kamen?
XXII. Auf einmal ist alles bedeutsam.
XXIII. Sind wir nicht alle Documenta? Sei Documenta! Leg dich im Fridericianum auf das Lichtmosaik – ähm, nein, so hatte ich das nicht gemeint, tiefer, anders eben, grundsätzlicher, wesentlicher natürlich. Ich scheitere.
XXIV. Und weißer Rauch steigt auf: Habemus ... – oder alles Schall und Rauch?

19. Juni 2017
Sieben Stichworte von mir
im ersten Wörterbuch des Kreativen Schreibens

Das erste deutsche Wörterbuch des Kreativen Schreibens enthält 285 Stichworte von Abecedarius bis Zwei-Minuten-Text. Ergänzt werden die theoretischen Ausführungen durch viele Übungen und Literaturverweise. Das Wörterbuch stellt neben den deutschen und europäischen Ansätzen des Kreativen Schreibens auch die Entwicklung und Praxis des Kreativen Schreibens in den USA, in China und Lateinamerika dar; auch gibt es Kurzportraits von SchreibforscherInnen aus aller Welt. Durch seine Vielfalt ist das Wörterbuch hilfreich für die Stimulierung kreativer Prozesse – egal ob in Schule, Hochschule oder Betrieb. Der Einzelschreibende und auch Schreibgruppen können mit diesem Wörterbuch Themen und Methoden finden und Einstiege zur Bearbeitung ihrer Schreibstörungen entdecken. Das Werk zeigt das Universum dessen, was Kreatives Schreiben im digitalen Zeitalter ist, wozu es sich (in Deutschland) in viereinhalb Jahrzehnten entwickelt hat. So kann man es auf vielfältige Weise als Begleiter benutzen.
Beiträge zu den Stichwörtern geliefert haben neben Lutz von Werder als Initiator und Herausgeber 24 im Bereich des Kreativen Schreibens hochqualifizierte AutorInnen, darunter auch ich. Ich habe Beiträge geschrieben zu sieben Stichworten, die meinen wissenschaftlichen und Unterrichts-Schwerpunkten entsprechen: Didaktik allgemein (S. 145ff.), Didaktik des Kreativen Schreibens (S. 147ff.), Haiku (S. 232 ff.), Schreiben in Gruppen – die Geschichte (S. 575ff.), Schreibgruppen-Dynamik (S. 584ff.), Schreibgruppen-Pädagogik (S. 587ff.), Segeberger Kreis – Gesellschaft für Kreatives Schreiben e.V. (S. 646ff.).
Sicherlich kann man vieles auch anders beschreiben; und gerade dadurch, dass das Werk sehr von-Werder-lastig ist und viele der Menschen, die im Kreativen Schreiben z.B. in den Kontexten Schule und Hochschule sich einen Namen gemacht haben, nicht als AutorInnen dabei sind, sollte es mit überaus kritischem Blick gelesen werden – aber es ist in seiner Einzigartigkeit unbedingt zu würdigen und zu empfehlen.
Als Kostprobe kann man den Beitrag zum Haiku lesen: Haiku.

Lutz von Werder & Friends Das Wörterbuch des Kreativen Schreibens. Begriffe, Textsorten, Übungen, Schreibspiele, Schreib­theorien, Schreib­therapien, Schreibpädagogik
Schibri-Verlag, Berlin 2017, 840 Seiten, Broschur, 2 Bände (A–O, P–Z)
ISBN 978-3-86863-070-1 / 978-3-86863-180-7, 49,80 Euro


8. Mai 2017
Wortweise Wege gehen
7. Kasseler Schreibcafé am 11. Mai

Das 7. Kasseler Schreibcafé steht ganz im Zeichen von Sprachkürze und Denkweite. Die Gedanken fließen in ein einziges Wort. Es steht am Anfang eines Wortweges. Durch Weglassen, Hinzufügen und Austauschen einzelner Buchstaben entsteht ein neues Wort. Hinter jedem Wort kann sich dann ein Wortraum öffnen. Das 7. Kasseler Schreibcafé wird veranstaltet vom Netzwerk Kreatives Schreiben Nordhessen/Südniedersachsen in Kooperation mit dem Café am Bebelplatz. Am 11.Mai kann man ab 19 Uhr unter der Leitung von Ellen Volkhardt ganz zwanglos in die Welt der Buchstaben eintauchen. Dabei werden Worte geschöpft, gefunden, verwandelt. Wer möchte, kann seinen so gehobenen Wortschatz in ein kleines Büchlein zusammenheften. Materialien dafür sind vorhanden.

Veranstalter   Netzwerk Kreatives Schreiben Nordhessen/Südniedersachsen,
in Kooperation mit dem Café am Bebelplatz
LeitungEllen Volkhardt
TerminDonnerstag, 11 Mai 2017
Zeit19 bis ca. 21.30 Uhr
OrtCafé am Bebelplatz, Friedrich-Ebert-Straße, Kassel, Tram 4 + 8
Eintritt5 Euro + 1 Getränk im Café


27. März 2017
Antworten – warum?
Der Sog von Fragen

Angestochen durch das Buch Roman in Fragen von Padgett Powell habe ich vor einigen Wochen angefangen, reine Fragen­texte zu schreiben. Und bin nach dem Lesesog in einen regelrechten Schreibsog geraten. Echte Fragen, noch nie gestellte Fragen, sinnlose Fragen, banale Fragen philosophische Fragen, Fragen à la Pablo Neruda – diese Art des Schreibens ist eine (zumindest mich gerade) faszinierende Mischung aus Reflexion und (fast) Automatischem Schreiben. Hier eine meiner Texte aus diesem Monat als Kostprobe:

Fragen
Wird die Welt heil? Wer nur sehnt sich nach dem Paradies? Was hat Luther mit den Nationalsozialisten zu tun? Wer stöhnt da schon wieder? Warum habe ich keinen E-Bass? Wobei soll ich denn den Waschbär beobachten? Was bringt es, Handball im Fernsehen zu schauen? Welche Socken passen an Barbaras Füße? Kommen Engel bei Fehlverhalten in die Hölle? Was zagst du? Kann ich eine Fahrt auf der Hoppetosse buchen? Laufen Isländerpferde auch auf Island im Passgang? Was bedeutet Tölt? Warum steht das Wort immermehr nicht im Duden? Wohin soll der Wind denn über­morgen mal wehen? Kommen Botschafter mit Botschaften oder mit Spionageaufträgen? Gibt es Botschafter mut Botenstoffen? An welchen Stellschrauben könnte ich mal drehen? Welches Gefüge lechzt danach, aus den Angeln gehoben zu werden? Woher wissen Wildschweine, wo es sich gut suhlen lässt? Brauchen wir einen Erdogan? Welche Präsidenten müssen der Welt noch widerfahren, bis die Menschen merken, was sie tun? Wohin gehen die Träume, an die ich mich morgens nicht mehr erinnere? Bleiben wirklich alle Energien erhalten? Was bedeuten Pyramiden? Warum sieht das S wie eine Schlange aus? Woher weiß man, dass Granatäpfel genießbar sind? Enden alle Geschichten mit dem Tod? Würde ich ein Elixier trinken, das mich ewig leben lässt? Wann verziehe ich endlich? Was ist Treue? Warum schaut sie wie eine Mörderin? Zu welchen Handlungen sollen Schokolade und Massage mich bewegen? Warum zerren Menschen mit niedriger Energiefrequenz an denen mit hoher? Warum gelten Blutegel als heilsam? Wobei darf niemand jemand anders beobachten? Wie haben sich die Menschen gefühlt, als sie noch nicht „Ich“ sagen konnten? Wohin gehen die Gedanken, die ich beim Yoga ziehen lasse? Warum geben gewisse Zeitungen gewissen populistischen Strömungen eine tägliche Plattform? Wann fallen wilde Horden in die Vorgärten der Braven ein?

Padgett Powell: Roman in Fragen (übersetzt von Harry Rowohlt), Berlin Verlag 2012 (1. Auflage 2009)


20. März 2017
Treideln
Lesen!

Was für ein Buch! Ich lese eigentlich kein Buch zweimal (na ja, ein paar wissenschaftliche Aufsätze habe ich schon mehrmals gelesen – und mich gewundert, was ich alles überlesen hatte oder wie ich unter einer neuen Fragestellung etwas ganz Anderes herauslesen kann). Dieses Buch habe ich zwar vom Nachttisch zum Bücherregal getragen, ich werde es aber noch heute wieder zurück zum Nachttisch (möglicherweise auch zum Arbeitstisch) tragen. Denn es ist fantastisch. Massenhaft Sätze à la Max Frisch (Schreiben heißt: sich selber lesen). Und diese Sprache: so nah an der Autorin (nehme ich an) und mich trotzdem meinend (nehme ich an). Und das Fragmentarische (frühromantische Vorwegnahme des die Welt nicht anders fassen könnenden postmodernen Stils), das sich dann doch zu einem Ganzen fügt. Und natürlich das Treideln, das Mäandern, das Umwege-Gehen, das Schlingern, das Straucheln, das Treideln eben. Treideln, von Juli Zeh. Die ich bewundere, nicht für Schilf, eher für Spieltrieb. Und für Treideln.


27. Februar 2017
Wie fühlt sich Depression an?
Einfühlungsversuch und Buchtipp

Auf Anregung meines Kollegen Roland Goldack versetzte ich mich letzten Donnerstag in der Schreibwerkstatt in eine Person, die an einer Krankheit leidet – ich wählte die Depression. Hier also mein Versuch, mich einzufühlen, mir vorzustellen, zu verstehen:

Diese Macht ist schwarz. Nicht wie die Nacht so samtig-schwarz, sondern wie ein schwarzes Loch. Es saugt alles an, ein Magnet, ein Monstermagnet mit einem schwarzen eisigen Schlund. In Licht-geschwindigkeit wird alles hineingesogen, alles Rot und alles Gelb und alles Blau, alles, was hell, alles alles. Nichts bleibt verschont. Das schwarze Loch ist die unerbittliche Materie, die alles alles gnadenlos anzieht, einsaugt und eliminiert. Alle Freuden, alles Helle, aber auch alle Leiden, alles Dunkle. Bis nichts mehr da ist, bis ich gar nichts mehr spüre, bis ich gar nichts mehr will – außer tot sein. Es ist die Leere, die das schwarze Loch übrig lässt. Alles verschwindet in seinem Schlund, nur die Leere nicht. Und die Leere, die füllt mich aus, in jeden Winkel dringt sie. Ich reiße die Augen auf, vor Entsetzen. Aber auch, um das kleine Fitzelchen nicht zu übersehen, das sich erfolgreich verstecken konnte, aber da ist nichts. Nur diese Leere. Nicht traurig macht sie mich, nicht bitter, nicht verzweifelt, nicht wütend, sogar die Angst verliert ihre Bedeutung. Nur entsetzt, das bin ich noch, entsetzt, weggesetzt, versetzt, verrückt. Verrückt bin ich. Denn es ist doch so: Das schwarze Loch, das ist in mir. Ich bin es selbst, die alles alles vernichtet, bis nichts mehr übrig ist und ich nur noch tot sein will. Wobei das Ich, das ist es nicht, dass das will. Denn auch das, was Ich oder Selbst oder Persona genannt werden könnte, auch das wird in den Schlund gesogen, unaufhaltsam, unerbittlich, gnadenlos. Da ist keine Hilfe. Und nichts bleibt. Außer der Leere. Da kann ich in die Tagesstätte gehen, Volleyball spielen, die Pferde füttern, Filme schauen, Musik hören, Geschichten schreiben, Freunde treffen, telefonieren – über, unter, neben, hinter allem ist immer dieses Schwarze, das alles vernichtet, kaum ist es geboren. Es duldet keine Götter neben sich, das schwarze Loch, dieses Monstrum, dieses, das in mir ist und doch um so vieles größer und stärker als alles, was ich bin. Ich bin das Plankton in den Barten des schwarzen Lochs. Und weiß nicht wie. Und wo ein Notausgang. Und warum das da ist und nicht aufhört und wie das Gegengift heißt, das die Gravitation aufhebt. Der Gegenzauber. Aus der Leere wird er nicht geboren werden. Ein Phönix wird immer aus dem Feuer geboren, niemals aus der eiskalten Leere, gegen die der Tod sich wie eine himmlische Verheißung ausnimmt. Alles implodiert und das Schwarze. Ich weiß nichts mehr. Es soll endlich aufhören. Es soll weggehen. Und aufhören.

Mehr als ein Versuch ist sicherlich das Buch von Thomas Melle Die Welt im Rücken (2016 bei Rowohlt, Berlin), in dem er in einer Mischung aus autobiografischen Erzählungen, schreibkreativen Annäherungsversuchen und Ausflügen in die Medizin sich mit seiner Krankheit auseinandersetzt. Das Buch kann gelesen werden als die Chronik einer manisch-depressiven Erkrankung, aber auch als ein literarisches Experiment, mittels der Sprache(n) die Vielschichtigkeit dieser bipolaren Erkrankung zu fassen.


20. Februar 2017
Web-Auftritt
Ein Blick über den Tellerrand

Mein Partner und Freund Uli Ahrend hat seinen Web-Auftritt aktualisiert bzw. vollkommen erneuert. Wenn man schreibt, ist das das Eine. Wenn man das zeigen will, reicht nicht das Abtippen auf der Schreibmaschine. Immer braucht es Menschen, die die die richtige Form für das Geschriebene finden, damit das Geschriebene in der Welt wirken kann, braucht es die Gestaltung. Das Layout. Das Design. Hier finden Sie das Portfolio der Satzmanufaktur .


16. Januar 2017
An der Grenze
6. Nordhessischer Autorenpreis ausgeschrieben

Immer auch und immer noch bin ich involviert in den Nordhessischen Autorenpreis, bin Kassenwartin, vor allem aber Initiatorin des Literaturwettbewerbs und Herausgeberin und Verlegerin der daraus hervorgehenden Anthologien – es ist jedes Mal eine wunderbare Erfahrung, dass ein Impuls in die Welt geschickt wird und sich dann mehrere hundert Menschen hinsetzen und schreiben! So soll es auch dieses Mal wieder sein. Der Impuls, hier ist er: AN DER GRENZE.
Ein paar Zusatzideen und natürlich die Teilnahmebedingungen findet man hier.


28. November 2016
Fährtensucherinnen
Ein langer Weg zum Buch

Am 3. Dezember präsentiere ich mit einer Gruppe Autorinnen aus Bad Hersfeld ihr neues Buch: Fährtensucherinnen. Ein langer Prozess, in den ich zuerst als Schreiblehrerin, dann als Schreibprozessbegleiterin und schließlich als Verlegerin involviert war, materialisiert sich nun in dieser Anthologie.
Buchpräsentation Fährtensucherinnen
Samstag, 3. Dezember 2016, 15 Uhr
Dippelmühle, Dippelstraße 2, Bad Hersfeld

Sieben Autorinnen gewähren Einblicke in das Zeitpanorama des 20. Jahrhunderts. In biografischen Episoden zeigen sich die Fährtensucherinnen Irene Kreissl (geb. 1925), Helga Overweg (geb. 1937), Waltraud Viehmann (geb. 1943), Wernhild Bär (geb. 1944), Monika Beisheim (geb. 1947), Andrea Gunkler (geb. 1967) und Claudia Wagner-Kempf (geb. 1970).
Sieben Frauen aus drei Generationen – sie alle sind Mitglieder der Schreibwerkstatt Dippelmühle in Bad Hersfeld und erzählen von Bombennächten und Hungerjahren, vom Kind- und Muttersein, vom Leben am Fluss, vom Fröscheküssen und vom Überwinden der innerdeutschen Grenze.
Ging es im Schreibprozess zunächst um Biografiearbeit, das Nocheinmal-Hinschauen und Erinnern, so konnten in der poetischen Gestaltung rote Fäden sichtbar gemacht werden. Auch die Korrespondenz zwischen Zeitgeschichte und indi­viduellem Leben wurde deutlich.
Vom Persönlichen ausgehend sind Erzählungen entstanden, die Gesellschaftliches spiegeln. Sie gehen weit über das Private hinaus und ermöglichen es Lesenden, eigenes Biografisches zu befragen. Folgen kann man den Autorinnen zurück nach Fulda, auf die schwäbische Alb, nach Machtlos, an die Kleine Elster, an die Nordsee – in eine andere Zeit, an andere Orte, von wo aus sie losgingen, um die Heutigen zu werden: Frauen aus Bad Hersfeld und Umgebung.

Claudia Wagner-Kempf (Hg.): Fährtensucherinnen
ISBN 978-3-935663-30-4, 180 Seiten, Paperback, Dezember 2016, 12,80 Euro
Hier können Sie das Buch bestellen.


21. November 2016
Pourquoi pas?
Befragung des Konzepts der Zweigeschlechtlichkeit

Der Transgender Day of Remembrance findet jedes Jahr am 20. November statt; er ist den trans- und intersexuellen Menschen gewidmet, die Opfer von transphobem Hass wurden. Weil gestern der 20. November war und weil ich mich schon seit meiner Kindheit und seit Mitte der 1980er Jahre auch theoretisch (u. a. während eines Studienausflugs in die Ethnologie) mit dem Zwangs-Konzept der Zweigeschlechtlichkeit auseinandersetze, will ich hier heute einen Text veröffentlichen, den ich am 10. November geschrieben habe.
Er entstand nach einem Rundgang durch die Ethnologische Sammlung der Uni­ver­sität Göttingen, organisiert von der Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung während der Jahrestagung. Die Mitgehenden waren von Ella Grieshammer aufgefordert worden, sich von einem Objekt inspirieren zu lassen. Ich wählte als Impuls eine historische Uli-Figur aus Neu-Irland (eine Insel, die zu Papua-Neuguinea gehört). Uli-Figuren sind zweigeschlechtliche Figuren, die in Männerhäusern aufbewahrt wurden und bei Totenerinnerungsfeiern zum Einsatz kamen; die Doppelgeschlechtlichkeit wurde als Symbol für die Stärke und Macht der jeweiligen Vorfahren verstanden, die Androgynität symbolisierte aber auch die Harmonie der Weltordnung in der Vereinigung der Gegensätze.

Wäre es anders
Wäre es anders, gäbe es nicht diese Ordnung, sähen Andere nicht das in mir, was sie sehen müssen, was sie meinen, sehen zu müssen, wankten sie, stolperten sie, stockten sie, stotterten sie, zögerten sie, schauen sie ein zweites Mal hin, ließen sie sich irritieren, gäben sie sich nicht mit dem ersten Blick zufrieden, stellten sie Fragen, deren Antworten sie aus dem Konzept bringen könnten, sagten sie Oh, staunten sie ob des Ungeahnten, befragten sie ihre Konzepte von Ich und Welt, träumten sie von Utopos, sähen sie – ja, was sähen sie?
Eine Frau, die Hure, Hexe, Heilige, Amazone ist? Eine Frau, die trans*, inter*, queer ist? Zuschreibungen das. Auch das: wieder Zuschreibungen. Wieder wankten, stolperten, stockten, stotterten, zögerten sie, wieder schauten sie ein zweites Mal, träten drei Meter zurück, rückten auf Tuchfühlung heran, tasteten, röchen, schmeckten, hörten genau hin. Vielleicht, falls sie es noch aushielten, falls sie noch keine Angst bekommen hätten, falls sie noch nicht drohten, zu vergehen, sich aufzulösen, sich nicht mehr zu kennen, sich zu verlieren, zu hilflosen Neugeborenen zu werden.
Und falls also eines dieser hinschauenden Wesen übrig bliebe, nur eines, und falls es dann das Un-geheuerliche nicht verschwiege, um der drohenden Steinigung, der Einweisung in Psychiatrie oder Hochsicher­heitstrakt zu entkommen, falls es sich also traute, dann würde es sagen: Es gibt Wesen, die sind Frau und Mann, also weder Frau noch Mann, also etwas Anderes, also ... Und da hörte es auf zu sprechen, das Wesen, das so mutig ein zweites, drittes, viertes Mal hingeschaut hat, denn es hätte kein Wort für das, was ich wäre, was sich zeigte, wäre es anders, gäbe es nicht diese Ordnung, diese festschreibende, zementierende, wertende, negierende Ordnung. Die tötet. Die mich tötet.


31. Oktober 2016
Von Fisch und Wolf und Heimat und Zukunft
Ein Abend mit Nordhessischer Gegenwartsliteratur

Als Verlegerin gestalte ich einen Abend mit Texten, die in meinem Verlag Wortwechsel erschienen sind. Dem Publikum gewähren die Geschichten und Gedichte Einblicke in Wohnzimmer und Politik, in Herzen und Vergangenheiten und Zukunft. In allen Facetten von der Liebeserklärung bis zur schonungslosen Analyse bereiten die Texte Literaturfans und Neugierigen aller Art Vergnügen.
Wortwechsel steht für Literatur, die aus Nordhessen stammt oder sich mit der Region verbindet, die berührt, aufregt und anregt, die das reflektiert, was war, und das ahnen lässt, was möglich sein könnte, die mitgehen und Nein sagen und Ja sagen lässt. Wortwechsel hat sich auf die Fahnen geschrieben, Autorinnen und Autoren aus der Region zu fördern und ihre Texte zu zeigen, die Nordhessen in den Blick nehmen, ohne einfach nur rückwärts gewandt kritiklos-heimattümelnd zu sein.
Es erwartet Sie eine Stunde mit Literarischem, gelesen von mir. Als Highlight des Abends ist die Präsentation des modernen Märchenbuches FischWolfVogelEidechse geplant, das in diesem Jahr erschienen ist; die Autorin und Illustratorin Yara Semmler (27) ist in Melsungen und Kaufungen aufgewachsen und wird persönlich anwesend sein, um zu lesen und Fragen aus dem Publikum zu beantworten.
Donnerstag, 3. November 2016, 19.30 Uhr, Gemeindehaus der evangelischen Kirche, Melsungen-Röhrenfurth


19. September 2016
Mein Buch!
Es ist geschafft und erschienen!

Es ist im Schneider Verlag Hohengehren erschienen (ISBN 978-3-8340-1652-2; 184 Seiten; 20 Abbildungen; 18 Euro) und natürlich in jeder Buchhandlung zu bestellen – aber auch bei mir direkt.

Der Klappentext:
Schreiben wir! Eine Schreibgruppenpädagogik
Menschen schreiben in Gruppen. Seit Jahrhunderten. Schaffen literarische Kulturen, tragen bei zur Demokratisierung des Schreibens. Und seit rund 50 Jahren verstärkt – mit unterschiedlichen Zwecken und Rahmungen und meist unter den Ideen des Kreativen Schreibens und der Literarischen Geselligkeit.
Diese Schreibgruppenpädagogik geht der Hauptfrage nach, was das Schreiben in Gruppen ist und welche ,Gewinne’ sich zeigen, wenn Menschen in Gruppen schreiben. Sie nimmt dabei speziell eine Domäne in den Blick: die des Kreativen Schreibens in Gruppen in der Jugend- und Erwachsenenbildung außerhalb der klassischen Bildungsinstitutionen Schule und Hoch­schule.
Sie leistet einen Beitrag zur Weiterentwicklung und Theorie einer kritischen Fachpädagogik, sie liefert an der Schnittstelle Theorie/Handwerkszeug wissenschaftliches Hintergrund­wissen ebenso wie Ideen für die Lehrpraxis und ist damit eine Handreichung für Menschen, die Schreibgruppen leiten und/oder Schreibprozesse begleiten (wollen) und sich dabei als Ermöglichende und Forschende verstehen.
Die Schreibgruppenpädagogik wird in sieben Kapiteln dargestellt:

  • Geschichte des Schreibens in Gruppen
  • das System Gruppe: Gruppenpädagogik und Gruppendynamik
  • das System Schreiben: Schreibprozess, -strategien und -kompetenzen
  • das System Didaktik für (kreative) Schreibgruppen
  • Anleitung zur Entwicklung von Schreibgruppenkonzepten
  • zehn durchdachte und erprobte Schreibgruppenkonzepte
  • Übungen- und Notfallkoffer: für Anfang und Ende, Feedback, Schreibprobleme und Gruppenkrisen


5. September 2016
Kühlschrankpoesie
Wenn mir nichts mehr einfällt, ...

... gehe ich an meine Magnetwand und greife Wörter heraus. Irgendetwas wird es immer. Und irgendwie hat es immer mit mir jetzt und hier zu tun oder mit draußen oder mit dir. Die Kühlschrankpoesie gibt es in mehreren Ausführungen – die Wört kleben natürlich nur an den nicht verkleideten Kühlschränken. In meiner Werkstatt gibt es eine Magnetwand, falls einer/m Schreibwerkstattteilnehmer/in nicht mehr einfällt ... Ein Beispiel von mir von Mittwoch, als ich genug hatte vom Aufräumen und Semesterplanen.


29. August 2016
Drei Bücher
Gelesen in den Sommerferien

Den Wälzer, der mich nicht begeistert und von dem ich doch nicht lassen kann, weil ich natürlich wissen will, wie sie sich entscheiden, wie sie die auseinanderdriftenden Lebenslinien laufen, habe ich nicht mitgenommen: Bodo Kirchoffs Die Liebe in groben Zügen. Jetzt bin ich wieder zuhause und kaue mich zehnseitenweise wie vorher langsam gen Ende.
Mitgenommen und in atemlosen Lesemarathons verschlungen habe ich: Fegefeuer von Sofi Oksanen, Die Liebesgeschichtenerzählerin von Friedrich Christian Delius und Außer und spricht niemand über uns von Wilhelm Genazino. So verschieden sie sind, so sehr ähneln sie sich doch in vielerlei Hinsicht. Sprachlich sind sie überzeugend, inhaltlich fesselnd und universell sowieso (Oksanen schreibt von Verstrickungen im nach-sowjetischen Estland, Delius vom Versuch, die Entscheidungen des Vaters im ersten Weltkrieg und in Nazi-Deutschland zu verstehen, Genazino von einem, der im Berlin des 21. Jahrhunderts ein unangedocktes Leben versucht). Was sie für mich aber besonders macht und wo es dann auch die o. g. Verbindung gibt, ist die für mich so überraschend ähnliche Botschaft: Es gibt kein richtiges Leben (nicht nur nicht im falschen); es gibt nur ein mehr oder weniger mutig und ermächtigend gestaltetes in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation, in der man sich entscheidet, etwas zu tun oder etwas zu lassen – oder darüber nicht zum Handeln zu kommen, dass man sich nicht von den Schwingen der Frage heruntertraut, die da heißt: Wie geht das richtige Leben? Wenn man sich herunterstürzt und sich entscheidet, dann kann es sein, dass man sich für das Falsche entscheidet oder für etwas, das anachronistisch ist oder vollkommen einsam macht, die Gefahr besteht immer. Aber oben zu bleiben, ist auch keine Lösung. Es ist dieser Zusammenklang der drei, der mich wieder einmal hat spüren lassen, warum ich lese. Nicht zur Ablenkung, nicht zum Abtauchen, nicht zur Entspannung (na ja, auch) – sondern, weil ich immer noch versuche, das richtige Leben zu leben, von diesem Suchweg nicht lassen kann, obwohl er sich ,irgendwie’ nicht richtig anfühlt (und nicht gut) ... Ich werde das Gelesene ein bisschen sacken lassen ... Ach ja, im Rügener Windland gewandert und in der Ostsee geschwommen habe ich auch.


16. Mai 2016
konstELLAtionen
Erzählung zu neunt

Es ist Montag, neun Frauen sitzen, den Kopf geneigt, den Stift über das Papier laufen lassend, am großen Tisch in der Schreibwerkstatt. Jede schreibt einen Text, einen aus ihrem eigenen Innern heraus, jede über sich, über ihre Sicht auf die Welt, für sich. So ist das meistens. Im Herbst 2015 war es zeitweise anders. Die Montags­schreib­werkstatt schrieb eine Erzählung. Alle schrieben an einer Erzählung, schrieben eine Gruppenerzählung. Wie das geht? Ohne dass neun Stile sich ,beißen’?
Zuerst entwickelte jede eine Figur, fertigte einen umfangreichen Steckbrief. Nach der Lektüre der Steckbriefe standen uns neun Figuren lebhaft vor Augen. Aus diesen neun wählten wir eine Figur aus, die den meisten von uns am sympathischsten und am geeignetsten zum Ausgestalten einer Erzählung schien, diese wurde die Hauptfigur für unsere gemeinsame Erzählung: Ella.
Wir einigten uns außerdem darauf, dass die Erzählung in Kassel und in der Gegenwart (2015/2016) spielen sollte. Und dann schrieb eine das erste Kapitel, zuhause, das war im September.
Beim nächsten Schreibwerkstatttreffen las sie den Anfang vor. Wir diskutierten, ob wir uns ,die Szene’ so vorgestellt hatten, ob eine Problematik, ein Konflikt, eine Aufgabe für Ella angelegt war, ob uns etwas unlogisch, übertrieben, verzichtbar erschien. Und dann nahm eine Andere die Erzählung mit nach Hause, um das zweite Kapitel zu schreiben.
Beim nächsten Schreibwerkstatttreffen stellten wir wieder die gleichen Fragen an den Text, außerdem noch die Frage, ob ein Stilbruch feststellbar sei – denn am Ende sollte die Erzählung ja wie aus einem Guss wirken.
Bis zum Kursende im Mai waren neun Kapitel geschrieben – doch es fehlte der Schluss. Jede hatte eine andere Vorstellung davon, wie die Erzählung enden, wie Ellas Geschichte zu einem Ende geführt werden könnte. So einigten wir uns darauf, dass jede, die wollte, einen Schluss schreiben konnte. Also gibt es nun eine Erzählung über Ella, ihre Freundinnen Romy, Luise, Katja und Helga, Frau Schulz und Kalle und einige weitere Randfiguren.
Jetzt ist die Erzählung erschienen. Die Verfasserinnen wünschen, dass das Lesen Genuss bringt und dass die Erzählung ein Sich-Spiegeln ermöglicht.

Die Verfasserinnen (von links nach rechts): Kirsten Alers, Christa Grill, Emmi Poguntke, Christel Högemann-Lohse, Doris Goede, Sabine Wölm, Waltraud Schade, Nicole Ohm-Hansen, Petra Meder.

konstELLAtionen kann über Wortwechsel für 6 Euro (ggfs. plus Porto) bezogen werden.


18. April 2016
FischWolfVogelEidechse
Ein Märchen – nicht nur für Kinder

Ich empfehle zu lesen:
Fisch, Wolf, Vogel und Eidechse begeben sich auf eine lange Reise, um das Schöne zu suchen – um unbewusst die Antwort nach dem Sinn des eigenen Seins zu finden. Eine Geschichte von Freiheit und Sehnsucht, von den kleinen Dingen, die zu Großem werden, und darüber, dass wir vergessen, über diese zu staunen. Eine Geschichte für kleine und große Menschen (ab 5), die sich erfreuen können an der fantasievollen märchenhaften Erzählweise und an den farbigen Aquarellen und Zeichnungen, die mehr sind als einfache Illustrationen des Erzählten.
Die Autorin und Illustratorin Yara Leonie Semmler (27) ist Diplom-Designerin (Kommunikationsdesign, Hochschule Darmstadt) und Mitinhaberin des Studios So in Leipzig. Sie hat das bekannte Märchen von den Bremer Stadtmusikanten adaptiert, aber keineswegs eine einfache Kopie angefertigt. Die vier Elemente Wasser, Erde, Luft und Feuer verkörpern sich in den Saibling, Timberwolf, Rotmilan und Mauereidechse ebenso, wie die Erzählung von den Tieren, die zu Gefährten werden, soziologische und ökologische Fragen berührt.
Ich habe das Buch sehr gern lektoriert und verlegt, nicht zuletzt, weil es das Ergebnis eines langen kreativen Prozesses ist, der von Versuch und Irrtum, von Mut und Kooperation zeugt.

Yara Leonie Semmler
FischWolfVogelEidechse
Verlag Wortwechsel
ISBN 978-3-935663-29-8
13,90 Euro


21. März 2016
Facetten des Lebens:
Stark, mutig und schön

Wenn Menschen eine Geburtstagskarte schreiben, muss sie unbedingt mit drauf, die Gesundheit … ohne die doch angeblich alles nichts ist. Doch was machen die Frauen, denen dieses Wünschen nicht geholfen hat? Sie fallen nicht nur aus der Gesundheit, sondern auch aus der Gesellschaft derer, die sie für das Wichtigste im Leben halten. Eine gute Art, damit umzugehen, ist zu schreiben. Aber nicht nur über Gesundheit und Krankheit, sondern auch über Liebe und Freundschaft, Arbeit und Hobbys, Feste und Reisen, Kindheit und Alter ...
Eine Lieblingsstelle, im Gedicht menschenskind von Karla Kundisch:
„kennen wir uns denn und wissen
wir denn was wir können und
wie wir anders gut und böse und
normal behindert krank gesund und anders sind und wären wenn?“

Stark, mutig und schön – die Dresdener Schreiblehrerin Angelika Weirauch hat für den Verein Lebendiger leben! eine außergewöhnliche Anthologie zusammengestellt. Dies ist kein depressives Buch, wie manche vielleicht denken würden! Es ist nachdenklich, realitätsnah, manchmal lustig, manchmal sehr ernst. Es zeigt viele Facetten des Lebens von Frauen zwischen 30 und 75, die entdeckt haben, dass ihnen das Schreiben hilft, auch die anstrengenden Zeiten des Lebens gut durchzustehen, und dass sie nicht allein sind dabei.

Angelika Weirauch (Hg.) für den Verein Lebendiger leben!: Stark, mutig und schön

Bestellungen über: lebendiger_leben@web.de oder Wortwechsel


29. Februar 2016
Schichtungen
Versuch, ein Thema sprachlich zu fassen

Seit einiger Zeit versuche ich, die Gleichzeitigkeit meines Luxuslebens und des Lebens der Anderen (derer auf der Flucht, im Krieg, in Diktaturen usw. usf.) zu fassen. Bisher ist mir kein Text gelungen. Nur diese Arbeit, die entstand nach einer Woche Kreativem Schreiben Sylt, in der das Privilegiert-Sein noch deutlicher zum Vorschein trat als zuhause, zu der auch die Präsenz des Meeres beitrug: das mich zu philosophischen Traktaten auf Papier bringt und anderswo Menschen verschluckt und tot wieder ausspuckt (und da ist sie wieder, die Sprachlosigkeit, die mich dann auch noch manchmal textlich dazu führt, dass ich das Meer als böses Ungeheuer personifiziere ...).


1. Februar 2016
Auf dem Weg zum Projekt
SWOT-Analyse nach Gerd Bräuer

Schreiben, um sich zu entlasten, schreiben, um etwas zu verarbeiten, zu bewahren, um zu denken, um zu kommunizieren. Schreiben hat viele Funktionen. Eine ist die der Selbst­reflexion. Reflexive Praxis ist eine im Prinzip für alle Berufsfelder nützliche Tätigkeit – auch wenn man sonst nicht so gern zu Stift greift.
Vor ein paar Jahren lernte ich in einer Weiterbildung von Gerd Bräuer (Schreib­zentrum PH Freiburg) in ,geballter’ Form etwas über das Schreiben als reflexive Praxis – und wende die Methoden seither sehr eifrig an.

Eine Methode möchte ich hier vorstellen, die ganz einfach daher­kommt und nach meiner Erfahrung extrem wirkungsvoll ist: die SWOT-Analyse. Sie haben ein Projekt, das Sie realisieren möchten, ob es sich im ein Schreibprojekt handelt oder eines, das mit Text gar nichts zu tun hat. An dieses Projekt stellen Sie vier Fragen, entsprechend der SWOT-Analyse, deren Akronym für Strength, Weak­nesses, Opportunities und Threats steht:
S – Strength: Welche sind die Stärken des Projekts?
W – Weaknesses: Welche Schwächen und Grenzen hat mein Projekt?
O - Opportunities: Welche hilfreichen äußeren Umstände gibt es?
T - Threats: Welche gefährdenden äußeren Umstände vermute ich?

Sie machen einfach vier Listen. Und vielleicht bitten Sie auch andere Menschen, Ihr Projekt mit Hilfe der SWOT-Analyse zu betrachten.


25. Januar 2016
2. Kasseler Poets’ Day
Achtstündiger Lesemarathon im autorencafé

AutorInnen aus der Region Kassel treffen sich am 31. Januar zum 2. Kasseler Poets’ Day im autorencafé der Werkstatt Kassel. Während des achtstündigen Lesemarathons hat jede/r Lesende 15 Minuten zum Vortrag eigener Texte – veröffentlicht oder aus der Schublade. Kommen und Gehen ist Lesenden und interessierten Zuhörenden zwischen 12 und 20 Uhr jederzeit möglich.
Der ausrichtende Verein Nordhessischer Autorenpreis e.V. fördert mit dem Lesemarathon die literarischen Kapazitäten der Region, die Menschen hinter den Texten werden lebendig, die AutorInnen können untereinander und mit ihrem Publikum in Kontakt kommen.
Es lesen: Ria Ahrend, Ina Berninger, Manfred G. Burgheim, Petra Dippel, Marie-Luise Erner, Elisabeth Gessner, Roland Goldack, Jürgen Helm, Hans Horn, Andreas Knierim, Michael Knoth, Horst Paul Kuhley, Waltraut Martens, Jürgen Pasche, Brigitte Petri, Daniela Rieß, Isa Rühling, Rainald Siemon, Edith Speck, Helmut Wetzel, Anette Wicke, Ulrich Wicke, Erika Wiemer.
Für Fingerfood und Getränke sorgt der Vorstand des Autorenpreises (Carmen Weidemann, Jana Ißleib, Kirsten Alers). Der Eintritt ist frei.

31. Januar 2016, 12 bis 20 Uhr, autorencafé Werkstatt Kassel, Friedrich-Ebert-Straße 175


14. Dezember 2015
Jungs schreiben ...
... keine Gedichte, außer ...

Es heißt Der beste Hund der Welt, es ist vergriffen, es ist eine Art Goldschatz. Sharon Creech beginnt die Geschichte mit folgenden Wörtern auf der ersten Seite:
„JACK
Raum 105 – Miss Stretchberry
13. September
Ich will nicht.
Jungs schreiben
keine Gedichte.
Mädchen schon.“

Das Buch, das ich Lehrpersonen und Erziehungsberechtigten wärmstens ans Herz legen möchte, handelt von einem kleinen Jungen, der in der Schule – angeregt durch das Gedicht Die rote Schubkarre von William Carlos Williams – ein eigenes Gedicht schreiben soll. Handelt vom leeren Kopf und wie ein Hund dort hineingerät und einer Begegnung mit einem Dichtrer und einem Liebesgedicht an Sky, am Ende.


30. November 2015
Ulla Hahn
Zehn Gebote des Schreibens

  1. Fang an! Nur Mut!
  2. Mach weiter! Keine Angst!
  3. Bleib dran! (Ablenkung verboten) Konzentration!
  4. Wenn’s nicht recht weiter geht, tu so als ob.
  5. Weg mit der Schere im Kopf. Nur Mut!
  6. Schäm dich für nichts – auf dem Papier. Keine Angst!
  7. Jeden Einfall ernst nehmen, sofort notieren, egal wo und wann (Papier und Stift immer griffbereit) – Fleiß!
  8. Auch vorm Papierkorb (dinglich oder virtuell): Keine Angst! Kunst des Schreibens ist Kunst des Streichens.
  9. Und immer wieder: Lesen, lesen, lesen. (Am besten in einer anderen Sprache.)
  10. Was du schon weißt, davon musst du nicht schreiben. – Neugier!
  11. (Optional): Um Regen beten für die Saat. Demut!

Oder kurz und knapp: In der Oper Die Meistersinger von Nürnberg fragt Stolzing, der gerne Dichter werden möchte, den erfahrenen Hans Sachs: „Wie fang’ ich nach der Regel an?“ Hans Sachs: „Ihr stellt sie selbst und folgt ihr dann.“
Sich immer wieder selbst neue Regeln zu stellen (und zu brechen), sich immer wieder selbst zu überraschen: Das ist das erste und einzige Gebot.
(aus: Zehn Gebote des Schreibens, DVA, München 2011)

Das hier ist ein Buchtipp und eine Schreibanregung. Im auszugsweise zitierten Buch verraten 42 AutorInnen von Margaret Atwood bis Juli Zeh ihre zehn Gebote des Schreibens. Sehr anregend, sehr nach-denkenswert. Und wie lauten Ihre Gebote des Schreibens?


19. Oktober 2015
Noch Plätze frei
Regionaltagung zum Kreativen Schreiben

Zusammen mit Norbert Kruse und Klaus-Peter Lorenz lade ich ein zur Regionaltagung Nordhessen/Südniedersachen: Lehrende und Veranstalter aus den Universitäten, der Erwachsenenbildung und freie Anbieter in den Domänen des Kreativen Schreibens. Sie findet am 17. November 2015 von 12 bis 18 Uhr in Kaufungen statt.

  • Schreibaufgaben und das Kreative Schreiben
    (Impulsvortrag von Prof. Dr. Norbert Kruse, Deutschdidaktiker an der Universität Kassel)
  • Textsteigerung durch Textberührungen – Feedback in der Schreib­gruppenarbeit
    (Impulsvortrag von Kirsten Alers, Schreibpädagogin)
  • Themen für die Kleingruppenarbeit im World Café: regionale Kooperationen; Schreib­strategien und Schreibstörungen; Herausforderungen durch ,schwierige‘ Teilnehmende; Korres­pon­den­zen zwischen Gegenwartsliteratur, Lesen und Schreiben.
  • 19 Uhr Lesung und Werkstattgespräch mit Regina Scheer: Machandel
Anmeldungerbeten bis zum 29. Oktober 2015 unter
www.vhs-region-kassel.de / Tel. (05 61) 1003 1681 / Kursnummer P 2116
Kosten27 Euro (Nachlass aus sozialem Grund wird gewährt)
Verantwortlich   Dr. Klaus-Peter Lorenz, Tel. (05 61) 10 03-16 96

13. September 2015
2. Kasseler Schreibcafé
Freude am Schreiben

Biografisches und kreatives Schreiben ... Wie geht das? Anhand unterschiedlicher Schreibübungen geht es unter Leitung von meiner Kasseler Kollegin Patricia Sheldon auf Spurensuche. Werden Sie zum Schatzsucher oder zur Schatzsucherin und kommen Sie ins Schreibcafé des Netzwerks Kreatives Schreiben Nordhessen/Südniedersachsen! Einen Abend können Sie hineinschnuppern in das, was kreatives und biografisches Schreiben sein kann. Es erwarten Sie kleine Schreibexperimente, der eigene Faden, der schreibend aufgegriffen sein will, und ein Kurzvortrag. Schreiberfahrung wird nicht vorausgesetzt! Im Zentrum des Schreibcafés steht das praktische Tun. Was Sie brauchen ist: Lust am Schreiben und die Bereitschaft in der Gruppe zu schreiben. Das Vorlesen der Texte ist freiwillig. Bitte, bringen Sie Papier und Stifte mit.

  • Termin: Donnerstag, 17. September 2015, 19 bis ca. 21.30 Uhr
    Ort: Café am Bebelplatz, Friedrich-Ebert-Straße, Kassel, Tram 4 + 8
    Eintritt: 5 Euro + 1 Getränk im Café

3. August 2015
Jetzt subskribieren!
Anthologie Himmel.Hölle.Heimatkunde.

Himmel + Hölle + Heimatkunde – die wesentlichen Themen des Menschseins. Die Texte in der 5. Anthologie mit nordhessischer Gegenwartsliteratur erzählen von Höllen, von düsteren oder Pseudo-Himmeln, von einem Trotzdem, vom Ringen um einen (inneren) Ort, der, wenn nicht Heimat, so zumindest ,mein’ genannt werden kann. Die Geschichten, Gedichte und experimentellen Texte zeigen Verortungsversuche im Dazwischen, berichten von Götterspeise und Satansbraten, von den Anderen, die uns Hölle sind, von Nachbarn und weiteren Zumutungen, erzählen von Liebe und anderen Umständen, von Wanderungen durch Hessisch Sibirien und von Versuchen, Sprache zu finden oder irgend etwas. Die Anthologie enthält Prosa, Lyrik und Experimentelles – 47 ausgewählte Texte aus dem 5. Literaturwettbewerb zum Nordhessischen Autorenpreis (2014), an dem sich 234 Schreibende beteiligten. Außergewöhnlich ist die Mischung von Genres und Generationen, von professionell Schreibenden und Laien. Nordhessische Gegenwartsliteratur berührt, regt auf und an, reflektiert und antizipiert, lässt mitgehen und Nein sagen und Ja sagen. Wie Nordhessen intim, Salto mortale, klartext und Planet Kassel, die Bände zu den ersten vier Nordhessischen Autorenpreisen, ist auch Himmel.Hölle.Heimatkunde. eine Art modernes Heimatbuch ohne Heimattümelei.


22. Juni 2015
Von Ich und Welt
Schreiben nah am Leben

Jugendliche und junge Erwachsene (ab 16 Jahre) lädt das Literaturbüro Kassel ein, in einem Schreibworkshop über sich und die Welt zu reflektieren und über die Zumutungen des Lebens autobiografisch und fiktiv zu schreiben. Sie können sich am Erzählen und am Dichten versuchen und sich inspirieren lassen von dem, was Leben und Erfahrung zu bieten haben. Im Austausch in einer Gruppe Gleichgesinnter lässt sich so ein Zugang zur eigenen Schreibstimme finden. Es wird geschrieben und vorgelesen, fantasiert und gelacht. Außerdem gebe ich Tipps zu Sprache und Stil.

  • Samstag, 11. Juli 2015, 10 bis 17 Uhr
    Literaturbüro im Kunsttempel Kassel
    Gebühr 10/5 Euro; Anmeldeschluss 1. Juli.

Der Schreibworkshop findet statt im Rahmen der Veranstaltungsreihe Kleine Schritte. Große Sprünge! Literatur als Experiment und Herausforderung des Literaturbüros Nordhessen von Mai bis Juli 2015. Mehr auf: Literaturbüro Nordhessen.


21. April 2015
1. Kasseler Schreibcafé
Vom Wort zum Satz: Kreative Schreibexperimente

Kreatives Schreiben? Sie wollten immer schon mal wissen, was sich hinter dem schillernden Begriff verbirgt? Und sie wollten immer schon mal ausprobieren, ob Sie Ihre Gedanken und Gefühle, all die Geschichten und Gedichte, die in Ihnen schlummern, auch zu Papier bringen können? Dann kommen Sie ins Schreibcafé. Einen Abend können Sie hineinschnuppern in das, was Kreatives Schreiben sein kann.
Es erwarten Sie kleine Schreibexperimente mit Wörtern, Ideen, wie Sätze aufs Papier kommen können und ein Kurzvortrag über Kreatives Schreiben. Im Zentrum des Schreibcafés steht das praktische Tun. Bitte, bringen Sie Papier und Stifte mit. Das Vorlesen der Texte ist freiwillig.

Veranstalter: Netzwerk Kreatives Schreiben Nordhessen/Südniedersachsen
Leitung: Kirsten Alers (Schreibpädagogin)
Termin: Donnerstag, 23. April 2015
Zeit: 19 bis ca. 21.30 Uhr
Ort: Café am Bebelplatz, Friedrich-Ebert-Straße, Kassel
Eintritt: 3 Euro + 1 Getränk im Café


31. März 2015
Blickwinkel Wasser
Ausstellung im Augustinum Kassel

Noch einmal und bis Mitte Mai können ca. 60 Schwarzweißfotos zum Thema Wasser betrachtet werden – dieses Mal im Augustinum Kassel. Mit 14 SchreibwerkstattteilnehmerInnen gab es 2014 eine Kooperation mit der Blickwinkel-Fotogruppe von Sabine Große. (Siehe auch Blog-Eintrag vom 9. Juli 2014.) Die Lesung zur Ausstellungseröffnung am 27. 3. vor etwa 100 Gästen war ein Genuss – wie gut alle gelesen haben. Und wie gut es ist, die Texte noch einmal und immer wieder von den AutorInnen in solch einem Rahmen zu HÖREN! Nun, dieses Erlebnis ist nicht zu konservieren. In einer Publikation sind zahlreiche Texte und Fotos veröffentlicht, sie ist über mich zu bestellen. Und einige wenige Texte, die visuelle Poesie genannt werden können, sind in der Ausstellung zu sehen, z. B. dieses von Rita Krause.

Ausstellung Blickwinkel Wasser
bis Mitte Mai im Augustinum
Im Druseltal 12, Kassel-Wilhelmshöhe
Di–Sa 12–19 Uhr, So 10–19 Uhr


26. Januar 2015
Kreativität locken
Buch-Empfehlungen von meiner Kollegin Susanne Wetzel

Auf der Suche nach Impulsen, um inspirierende Übungen zu entwickeln, findet man immer wieder mal geniale Sachen ganz woanders als im Kreativen Schreiben verortet. Z. B. in Du bist ein Künstler von Nick Bantock. Er ist bildender Künstler und schreibt. Er ist ein Meister der Collagetechnik und Buch ist eine inspirierende Reise zur Kreativität und zu sich selbst. In diesem Buch stellt er 49 Übungen vor, um die eigene Kreativität herauszufordern. Collagierend, schreibend, malend. Macht super Spaß, damit zu arbeiten.
Oder von Austin Kleon: Newspaper Blackout. Austin Kleon, der als Kreativ-Guru in den USA gefeiert wird, hat das Genre der Newspaper Blackout Poems erfunden. Creative blackout meint Kreativitätsblockade. Das erste Blackout-Gedicht entstand, als Kleon Wörter für eine Geschichte suchte und einfach auf einer Zeitungsseite alle schwärzte, die er nicht gebrauchen konnte. Oder vom selben Autor Alles nur geklaut. Klauen und neu mixen und zur eigenen Schöpfung kommen? Es macht Spaß, das auch optisch sehr ansprechende Büchlein zu lesen, von vorne oder ab Seite 15: „Nichts ist neu. [...] Schon in der Bibel steht: ,Es gibt nichts Neues unter der Sonne.’ (Prediger 1,9).“

Nick Bantock: Du bist ein Künstler. Eine inspirierende Reise zur Kreativität und zu sich selbst, Allegria 2014
Austin Kleon: Newspaper Blackout, Harper Perennial 2010
Austin Kleon: Alles nur geklaut. 10 Wege zum kreativen Durchbruch, Mosaik Verlag 2013


8. Dezember 2014
Schreibwettbewerb vom LEA-Leseklub
Die Kunst der Einfachheit

In der letzten 3+-Schreibworkshopstunde, in der ich mich von meiner Kollegin Carmen Weidemann inspirieren lassen durfte, erfuhr ich von einem Schreibwettbewerb von KuBus e.V. und dem Literaturhaus Köln, mit dem sie unter dem Titel Die Kunst der Einfachheit dazu aufruft, Kurzgeschichten, Gedichte oder Essays in einer „einfach verständlichen, aber erwachsenengerechten Sprache“ zu verfassen, sodass Menschen mit Behinderung sie verstehen können und gern lesen. Wir versuchten uns an dieser Aufgabe – und stellten fest, dass es keineswegs einfach ist.
Es entwickelte sich eine Debatte darüber, ob Menschen mit einer geistigen Behinderung Metaphern nicht oder gerade verstehen. „Die Dunkelheit überschwemmte mein Herz.“ Ist da kein oder ein selbstverständlicheres, intuitiveres Bildverstehen? Wir wussten es nicht, konnten keine Einigkeit erzielen. Und was ist eine einfach verständliche, aber erwachsenengerechte Sprache? Oder geht es vielmehr um ,Einfache Sprache’ (vgl. Netzwerk People First) und erwachsenengerechte Inhalte? Und nicht zu vergessen: Bin ich geistig behindert, wenn ich keine Nebensatzkonstruktionen verstehe, oder bereits, wenn ich nicht weiß, was Interdependenz bedeutet?
Ob KuBus oder LEA darauf eine Antwort wissen, kann ich nicht sagen, aber vielleicht lässt sich eine Annäherung schreibend ausloten.
Informationen zum Schreibwettbewerb und zum LEA-Leseklub unter KuBus|LEA-Leseklub.


22. September 2014
Wortwechsel
In guter Gesellschaft

Als ich Mitte Juli in Berlin war, fand ich in einem Buchladen mit modernem Antiquariat sowohl ein Geburtstagsgeschenk für meinen Bruder als auch ein Buch mit dem Titel Wortwechsel (Frauenoffensive, München 2006). Das ich natürlich kaufte. Nicht zuletzt, weil ich die Autorin (Luisa Francia) schätze, aber ganz zuvorderst natürlich wegen des Titels: Wortwechsel. Im Klappentext ist zu lesen: „Wortwechsel geht der Sprache auf den Grund, zeigt ihre Bedeutung im Alltag und in der Tradition der Magie, die sich der Worte bedient, um zu rufen, zu bannen, zu binden, zu lösen und zu wandeln.“

Im zweiten Kapitel gibt es – das entdeckte ich erst nach dem Kauf – u. a. Spiele mit Worten. Bekannte Assoziations(schreib)spiele, wie z. B. das Bilden von Anagrammen aus dem eigenen Namen, setzt Luisa Francia hier in einen neuen Zusammenhang, in dem sie eine andere, vielleicht stärkere Kraft entfalten, als wenn man sie ,nur’ als niedrigschwellige Warming-ups benutzt.


1. September 2014
„Wenn Schreiblehrer schreiben lernen ...“
Segeberger Kreis in TextArt

Es ist ja immer wieder interessant zu beobachten, wie Neulinge die Tagungen des Segeberger Kreises erleben. Bei der Märztagung in Meißen war erstmals der Autor und Journalist Oliver Buslau zu Gast, der über seine Erfahrungen in einem Artikel in seiner Zeitschrift TextArt – Magazin für Kreatives Schreiben berichtet. Die Tagung stand unter dem Thema „Schreiben21 – Was ist zeitgemäß?“. Oliver Buslau arbeitete in der Gruppe „Postmodernes Schreiben“ mit. Über die Schilderung der Gruppenarbeit hinaus ist der Artikel mit dem Titel Wenn Schreiblehrer schreiben lernen … aber auch ein großes Porträt des Segeberger Kreises, in dem die Zielsetzung des Kreises und die Tagungs-Rituale von der Gruppen­themen­findung bis zum fröhlichen Beisammensein nicht zu kurz kommen. Der Beitrag ist Teil der aktuellen TextArt-Septemberausgabe (TextArt Magazin).

Weitere Informationen: Segeberger Kreis


9. Juli 2014
Blickwinkel Wasser – ein Foto-Text-Projekt
Ausstellung und Lesung im Café Buch-Oase

Wasser – Quelle, Lebensraum, Nahrung, Energie, Bedrohung. Wasser – Fließen, Verdampfen, Erstarren. Wasser – was für ein Thema! Seit Sommer 2013 arbeitet eine Gruppe von Fotografierenden unter Leitung der Kaufunger Künstlerin Sabine Große zum Thema „Blickwinkel Wasser“. Anfang 2014 kamen noch einmal neue Aspekte hinzu durch die Kooperation mit der Schreibwerkstatt Kaufungen. Angeleitet durch mich texteten Schreibende zu ausgesuchten Fotos, sie eröffneten durch ihre Wassertexte aber auch für die Fotografierenden neue Blickwinkel. Es entstanden fotografische und textliche Eindrücke von Fluss- und Bachläufen, vom Wasser als Energiespender, als Ort der Erholung und Faszination, als fantasieanregendes sowie bedrohliches und bedrohtes Element. Die rund 60 fotografischen Umsetzungen, die einen Spannungsbogen von dokumentarischen bis zu experimentell-abstrahierenden Positionen zeigen, erfolgten als digitale Fine-Art-Prints in Schwarzweiß. Die Fotos werden ergänzt durch Wort-Bild-Kompositionen. Und in etwa 40 Prosa- und Lyriktexten manifestiert sich tiefes biografisches und fiktionales Eintauchen in die Mikro- und Makrowelt unserer Lebensgrundlage. Am 17. Juli laden die beiden Initiatorinnen und 26 Kursteilnehmende zur Ausstellungseröffnung mit Lesung ins Kasseler Café Buch-Oase ein.

Blickwinkel Wasser  |  Ausstellungseröffnung mit Lesung
17. Juli 2014, 19 Uhr, Café Buch-Oase, Germaniastraße 14, Kassel
zu sehen bis 7. September 2014, Di–Sa 12–19 Uhr, So 10–19 Uhr


29. Juni 2014
Flow
Eine Entdeckung

Nicht der Flow an und für sich ist keine neue Entdeckung. Beim Schreiben, speziell beim Automatischen Schreiben (écriture automatique) verspüre ich ihn, ich gerate schnell in einen rauschartigen Zustand (meine ehemaligen Schreibschüler im Jugenddrogenprojekt Willings­hausen-Leimbach haben mich immer gefragt, was ich denn genommen hätte, wenn sie meine im Flow geschriebenen Texte zu hören bekamen), aber dazu mehr an anderer Stelle. Ich entdeckte letzten Samstag in einer Berliner Bahnhofsbuchhandlung die Zeitschrift Flow.
Flow – nun ja, Verlag Gruner+Jahr: ein bisschen Brigitte, ein bisschen schöner wohnen, ein bisschen Esoterik, ein bisschen Lifestyle, das alles durchaus sympathisch aufgemacht für die Generation Y – und darin (Nummer 3/2014) ein herausnehmbares Schreibheft mit 30 Fragen für „30 Tage schreiben, denken und zu sich finden“, denn, so der Autor und Mottogeber des einleitenden Textes Rutger Kopland (1934–2012): „Schreiben heißt finden, was in dir lebt.“
Und da ich alles erst einmal wertschätze, was Menschen ins Schreiben, ins sich ausdrückende, sich reflektierende, denkende und spinnende Schreiben bringt, empfehle ich also diese Ausgabe von Flow.


12. Juni 2014
(Wieder-)Erkennen beim Lesen
Die Eleganz des Igels

Dieses Buch empfahlen mir schon Imke und Veronika und nun las ich es. Der Vergleich mit Harold and Maud – nun gut, ein Werbetrick. Paloma, ein zwölfjähriges, hochintelligentes Mädchen aus einer wohlhabenden Familie, das sich an ihrem nächsten Geburtstag das Leben nehmen will, und die sich heimlich seit Jahrzehnten selbst bildende Concierge Renée im gleichen Haus in der Rue de Grenelle 7 in Paris schreiben Tagebuch. Aus ihren Tagebucheinträgen besteht das Buch. Erst auf den letzten Seiten kommt es zu einer (erkennenden) Begegnung der beiden. Ich zitiere jeweils eine Passage, die etwas mit Schreiben bzw. Sprache zu tun haben:

Renée: „So ist es auch mit gar manchen glücklichen Momenten unseres Lebens. Von der Las der Entscheidung und der Absicht befreit, unterwegs auf unseren inneren Meeren, wohnen wir unseren verschiedenen Bewegungen bei wie den Verrichtungen eines anderen und bewundern doch deren unbeabsichtigte Vortrefflichkeit. Welchen anderen Grund könnte ich haben, dies hier zu schreiben, dieses lächerliche Tagebuch einer alternden Concierge, wenn das Schreiben nicht selbst etwas von der Kunst des Mähens hätte? Wenn die Zeilen zu ihren eigenen Demiurgen werden, wenn ich wie durch wunderbaren Zufall miterlebe, wie auf dem Papier Sätze entstehen, die sich meinem Willen entziehen und, indem sie ohne mein Zutun auf dem Blatt Niederschlag finden, mich lehren, was ich will, ohne dass ich wusste oder glaubte, es zu wollen, genieße ich diese schmerzlose Geburt, diese nicht bewusst herbeigeführte Selbstverständlichkeit, genieße ich es mit dem Glück aufrichtigen Staunens, ohne Anstrengung und ohne Gewissheit einer Feder zu folgen, die mich führt und mich trägt.“ (S. 134 f.)

Paloma: „Ich persönlich glaube, dass die Grammatik einen Zugang zur Schönheit bietet. Wenn man spricht, wenn man schreibt oder wenn man liest, spürt man genau, ob man einen schönen Satz formuliert hat oder ob man dabei ist, einen schönen Satz zu lesen. Wir sind fähig, eine schöne Wendung oder einen schönen Stil zu erkennen. Doch wenn man sich mit Grammatik befasst, hat man Zugang zu einer anderen Dimension der Schönheit der Sprache. Sich mit Grammatik zu befassen, das bedeutet, die Sprache zu enthülsen, zu schauen, wie sie gemacht ist, sie gewissermaßen ganz nackt zu sehen. Und genau das ist das Wunderbare, denn man sagt sich: ,Wie gut sie gemacht ist, wie gut ist sie gebaut!’, ,Wie solid, sinnig, reich und subtil sie ist!’. Nur schon zu wissen, dass es mehrere Wortarten gibt und dass man sie kennen muss, um daraus auf ihren Gebrauch und ihre mögliche Vereinbarkeit zu schließen, entzückt mich.“ (S. 174)

Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels, Paris 2006, München 2009/2010


11. Juni 2014
Museum der Sprachen der Welt
Berliner Initiative organisiert Lesung mit Claus Mischon

Claus Mischon, mein ehemaliger Kollege an der Alice-Salomon-Hochschule (und weiterhin engagierter Geschäftsführer des Instituts für Kreatives Schreiben in Berlin) ist Pfälzer. Das hört man – und das will er hören lassen. Man kann ihm zuhören:
„Das Pfälzische: Phonetik, Grammatik, ,fremde’ Einflüsse, Mundartdichtung“ 9. Salon der Sprachen in der Galerie Wedding am Dienstag, 8. Juli 2014, 19 Uhr, Altes Rathaus Wedding, Müllerstraße 146, Erdgeschoss, U-Bhf. Leopoldplatz Organisiert wird die Veranstaltung von der mir bis dato unbekannten und mich überaus neugierig machenden Initiative für ein Museum der Sprachen der Welt (Prof. Dr. Gerd Koch, Prof. Dr. Jürgen Nowak, Dipl.-Kaufmann Günter Thauer). Mehr unter Linguae Mundi.


26. Mai 2014
Filme – Liste 1
zum Thema Schreiben, Geschichten erfinden, Lesen

Eine kleine Auswahl von Filmen, in denen Bücher, Geschichten, Gedichte, Lesen, Erzählen und last but not least Schreiben eine Rolle spielen (ich freue mich über Ergänzungen):

  • Danny DeVito: Schmeiß die Mama aus dem Zug, 1987 (Eingangsszene: der Kampf des Autors mit dem ersten Satz)
  • Vadim Jendreyko: Die Frau mit den fünf Elefanten, 2009 (Dokumentarfilm über Svetlana Geier, die Dostojewskis Romane ins Deutsche übersetzt und u. a. dafür gesorgt hat, Schuld und Sühne in Verbrechen und Strafe umtituliert wurde)
  • Scott Kalvert: Jim Carroll – In den Straßen von New York, 1995 (weg von Drogen durch Schreiben, mit Leonardo DiCaprio)
  • Sydney Pollack: Jenseits von Afrika, 1985 (Meryl Streep als Karen Blixen erzählt mitreißend eine Geschichte, die sie aus dem Stegreif entwickelt)
  • Rob Reiner: Das Beste kommt zum Schluss, 2007 (ein Todkranker schreibt eine ,Löffelliste’, auf der steht, was er noch tun will, bevor er den Löffel abgibt, mit Morgan Freeman und Jack Nicholson)
  • Éric-Emmanuel Schmitt: Odette Toulemonde, 2007 (Lesen als Eskapismus aus dem Alltag)
  • John N. Smith: Dangerous Minds, 1995 (Lehrerin bringt vorwiegend schwarze Unterschicht-SchülerInnen über Song-Texte von Bob Dylan zur Auseinandersetzung mit Gedichten und sich selbst)
  • Gus van Sant: Forrester – Gefunden!, 2000 (alter schreibblockierter Schriftsteller, gespielt von Sean Connery, unterstützt jungen Schwarzen beim Schreiben)
  • Peter Weir: Club der toten Dichter, 1989 (Umgang mit dem Lesekanon)


24. Mai 2014
Bücher – Liste 1
zum Thema Schreiben, Schreibwerkstätten

Bücher, in denen Lesen eine Rolle spielt, gibt es zahlreiche. Die unendliche Geschichte (Michael Ende) und Das verborgene Wort (Ulla Hahn) seien hier als berühmte Beispiele genannt. Aber Bücher, in denen Schreiben, womöglich gar Kreatives Schreiben oder Schreibwerkstätten eine Rolle spielen, sind eher selten. In meinen Regalen stehen die folgenden (ich freue mich über weitere Tipps):

  • Sharon Creech: Der beste Hund der Welt, Frankfurt/Main 2003 (Tagebuch eines Jungen, der merkt, dass auch Jungs Gedichte schreiben können)
  • Susanne Diehm: Hannahs fabelhafte Welt des Kreativen Schreibens, Milow 2013 (Krimi und der Weg zum Schreiben)
  • Erin Gruwell & Freedom Writers: Freedom Writers, Berlin 2007 (eine Lehrerin in Long Beach bringt ihre vorwiegend schwarzen ,Risiko-SchülerInnen’ zur Auseinandersetzung mit ihrem Leben, u. a. indem sie sie das Tagebuch der Anne Frank lesen lässt; auch verfilmt mit Hilary Swank)
  • Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur, Berlin 2013 (Tagebuch parallel zum Sterben am Krebs, in dem auch das Schreiben an sich reflektiert wird; stellvertretend empfohlen für Schreibprozesse begleitende Tagebücher/Journale von SchriftstellerInnen)
  • Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer, Reinbek 2009 (auf einer Ebene die Geschichte eines Sommerschreibkurses für Mädchen)
  • Agota Kristof: Das große Heft, Berlin 1987 (grausig emotionsloses Dokumentieren des Lebens durch zwei Jungen Mitte des 20. Jahrhunderts, Folgebände: Der Beweis; Die dritte Lüge)
  • Marlen Haushofer: Die Wand, Hildeheim 1968 (Schreiben, um das Letzter-Mensch-Sein zu verkraften; auch verfilmt mit Martina Gedeck)
  • Siegfried Lenz: Deutschstunde, Hamburg 1968 (ein Aufsatz als Strafarbeit wird zur Auseinandersetzung mit dem Leben während der NS-Zeit)
  • Henning Mankell: Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt, München 2006 (über das Schreiben von Memory-Books AIDS-kranker, sterbender Eltern in Uganda)
  • Antonio Skármeta: Der Aufsatz, Hamburg 2003 (Kinderbuch über die Schwierigkeit des Aufsatzschreibens in der Militärdiktatur in Chile)
  • Denis Thériault: Siebzehn Silben Ewigkeit, München 2011 (Liebesroman rund ums Haiku-Schreiben)
  • Jincy Willet: Die Dramaturgie des Todes, Reinbek 2009 (spannender Krimi mit vielschichtig aufgefächerten Schreibwerkstattstunden)

  • 5. Mai 2014
    Einzigartig in Deutschland
    Masterstudiengang „Biografisches und Kreatives Schreiben“

    Mittlerweile im achten Jahrgang bildet die Alice Salomon Hochschule (Berlin) als deutschlandweit einzige Hochschule SchreibpädagogInnen (M.A.) aus. Ich vertrete im Masterstudiengang „Biografisches und Kreatives Schreiben“ das Fach Schreibgruppen­pädagogik und Schreibgruppendynamik – und werbe an dieser Stelle gern für diesen großartigen, sich im ständigen Wandel befindenden Studiengang.
    Ich möchte bereits praktizierende SchreibpädagogInnen einladen, mit dem Gedanken zu spielen, ihre in der Praxis erworbenen Kenntnisse wissenschaftlich und selbstreflektierend zu untermauern. Und ich möchte diejenigen Menschen einladen, die eigene schreibkreative Erfahrungen haben und sich vorstellen können, das Instrumentarium des Kreativen Schreibens in ihrem Berufsfeld zu implementieren. Mehr in der folgenden Pressemitteilung.

    Pressemitteilung
    An der Alice Salomon Hochschule Berlin startet im Oktober 2014 nunmehr zum neunten Mal der berufsbegleitende Masterstudiengang „Biografisches und Kreatives Schreiben“ (M.A.). „Mit Methoden der Biografiearbeit und des kreativen Schreibens die eigene Arbeit zu bereichern oder aus dem Arbeitsalltag auszubrechen und etwas Anderes zu machen, motiviert viele unserer Studierenden für den Masterstudiengang“, so Prof. Dr. Ingrid Kollak, wissenschaftliche Leiterin des Studiengangs. Vier Präsenzwochenenden pro Semester werden mit Methoden des E-Learning kombiniert. Neben den beiden Studienbereichen Kreatives Schreiben mit Textimpulsen aus Lyrik und Prosa und Biografisches Schreiben mit authentischen und künstlerisch-ästhetischen Reflexionen über Lebensphasen und Lebenskrisen werden schreibpädagogische Fähigkeiten vermittelt und praktisch erprobt. Untersuchungen über die Wirkung kreativen Schreibens und die Arbeit in Schreibgruppen können im Rahmen der Masterarbeit angelegt werden.
    Weitere Informationen unter: www.ash-berlin.eu/bks
    Kontakt: Telefon (030) 992 45-426