Fundstückezurück zum Blog

29. Oktober 2018
Ein Kellerfund
Manchmal überraschen wir uns selbst

„Ich habe das Gefühl, Sie glauben, daß Sie verstanden hätten, was Sie meinen, was ich gesagt habe – aber ich bin nicht sicher, daß Sie begriffen haben, daß das, was Sie gehört haben, nicht das ist, was ich gemeint habe.“ (Notiz aus einer vergangenen Zeit von Emmi Poguntke, den sie im Oktober 2018 in ihrem Keller fand und mir zum Vergnügen schickte)


2. Juli 2018
25 Jahre Schreiblehrerin
und kein bisschen müde!

Am 23. Juni haben wir gefeiert. Also, ich ließ mich feiern: Mit den SchreibschülerInnen aus meinen aktuell fünf fortlaufenden Kursen durfte ich einen halben Samstag lang im Mitbringbüffet und in literarischen Beiträgen schwelgen.
1993 leitete ich den ersten Schreib-Workshop in Wuppertal, damals einen mit journalistischer Ausrichtung: Rund ums Zeitungmachen. Viele Menschen sind seither zu mir gekommen, um zu schreiben, etwas zu lernen, sich die Zeit zum Schreiben zu nehmen, literarische Geselligkeit in der Gruppe zu erleben, sich und der Welt schreibend Ausdruck zu verleihen. Menschen von 8 bis 88. Es hat sich in meiner Art zu unterrichten einiges verändert, aber die Grundsäulen (Vermittlung kreativer Schreiblust, von Handwerkszeug und Zutrauen zum eigenen Blick auf die Welt) stehen nach wie vor. Und dass ich mich als Texthebamme verstehe, als Schreibprozessbegleiterin.
Seit 1999 bin ich freiberuflich unterwegs – und seit 2006 lebe ich nahezu ausschließlich vom Unterrichten, u. a. an der VHS, an der Alice Salomon Hochschule (Berlin), an der Uni Kassel – dem Ruf gefolgt zu sein, der mich in einer Schreibwerkstatt, an der ich ebenfalls 1993 in Wuppertal teilnahm, macht mich heute noch staunen und überaus zufrieden, gehöre ich doch zu den Privilegierten, die ihre Berufung zum Beruf machen konnten. Auch das galt es zu feiern.
Hier nun, als Dank und Wertschätzung, ein Text von den vielen, die mir am vorletzten Samstag geschenkt wurden:

Ein Limerick von C. K.
Literarisches Schreiben lehrt Kirsten
vom Grundstein bis hoch zun den Firsten
da stöhnt manche voll Glut
der Gedanke war gut
aber willste ihn fassen, verliersten


11. Juni 2018
Haikus
oder so etwas Ähnliches

Eigentlich sind Haikus mir heilig, ich lehne es ab, sie für jede Art von Inhalt einzusetzen, versuche, das Meditative des Herstellens mit zu vermitteln usw. Dennoch – als ich (in alten Unterlagen) auf die folgenden Haikus stieß, hatte ich doch Spaß daran:

Polizeiku von meiner Kasseler Jana Ißleib (2012)
Stillgestanden Halt!
Bevor die Knarre schallt
Ausweiskontrolle

Keks-Haiku vom Poetry Slammer Jan Philipp Zymny (2014)
Tuc Tuc Tuc Tuc Tuc,
Tuc Tuc; Tuc Tuc Tuc; Tuc Tuc.
Tuc Tuc Tuc Tuc Tuc!


21. Mai 2018
Von wo aus ich spreche
Ein Essay zu einer falsch geführten Debatte

In letzter Zeit bin ich stark beschäftigt mit dem Thema Feminismus und Genderphilosophie, versuche mich zu positionieren, meinen Standort, von dem aus ich denke, spreche, schreibe, zu klären. Dabei stoße ich auf Positionierungen Anderer, die mich berühren, Ja sagen lassen. So wie der von Miriam N. Reinhard, die mir freundlicherweise erlaubt hat, ihr Essay, das ich vor einigen Wochen in der Krampfader las, hier zu posten.
(Eine Erstfassung dieses Essays erschien in: Krampfader, der Kasseler Frauen- und Lesbenzeitschrift IV 2017: http://www.feminismus-zeitung.de)

FEMINISMUS CONTRA GENDERPHILOSOPHIE?
Position zu einer aktuellen Debatte

von Miriam N. Reinhard

1. Scheingefechte
Die Ausgaben der EMMA im Juli/August und September/Oktober 2017 bieten Artikel, die Paukenschläge sind und damit auch über ein feuilletonistisches Interesse an feministischen Themen hinaus Kreise ziehen. So lobt etwa die ehemalige Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) in einem Interview mit Focus-Online vom 27. 8. 20171 ganz ausdrücklich, dass Schwarzer „Fehlentwicklungen an Genderlehrstühlen“ kritisieren würde, ohne dazu auch nur einen einzigen inhaltlichen Punkt zu nennen, den sie an Schwarzers Kritik nun konkret für unterstützenswert hält. Vielleicht liegt es daran, dass Schwarzer selbst ihre Kritik auch kaum inhaltlich in Bezug auf Genderphilosophie konkretisiert. In einem in der Juli/August-Ausgabe der EMMA publizierten Dossier werden die Gender-Studies, wie sie maßgeblich von der Philosophieprofessorin Judith Butler vertreten werden, u.a. als „Sargnägel des Feminismus“2 bezeichnet. So legen etwa Sabine Wettig und Vojin Saša Vukadinović in ihren Beiträgen dar, dass die Genderphilosophie und Theorien, die in ihren Augen mit ihr korrespondieren, einen „reaktionären Kern“3 enthalten; sie würde sich unkritisch und verklärend zum Dschihadismus verhalten und „Studierende oftmals nicht schlauer, sondern in vielen Fragen dümmer machen“4. In derselben Weise haben bereits die Aufsätze des im Februar 2017 im Queer-Verlag erschienen Sammelbandes „Beißreflexe“ Kritik an der Genderphilosophie und den Critical Whiteness Studies geübt; die Essays des EMMA-Dossiers sind zum Teil von denselben Autor_innen verfasst.
Gegen die im EMMA-Dossier erhobenen Vorwürfe argumentieren Judith Butler und die Berliner Professorin Sabine Hark in einem Artikel in DIE ZEIT vom 2. August 20175 und beklagen das „Erstarken autoritär grundierter Ressentiments“ in öffentlichen Debatten. Sie werfen EMMA vor, dass diese „kein Problem mit Rassismus habe und nicht bereit ist, rassistische Formen und Praktiken der Macht zu verurteilen.“ Darauf wiederum reagierte Alice Schwarzer mit einem ZEIT-Artikel vom 9. August 20176, in dem die bereits im EMMA-Dossier erhobenen Vorwürfe an Butler wiederholt werden. Neu ist hier allerdings der explizite Bezug auf Butlers Schriften, der in den vorangegangenen Auseinandersetzungen weitestgehend fehlt. Schwarzer geht auf Butlers 1990 erschienenes Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“ ein und stellt heraus, dass mit Butler die „Geschlechterrolle nicht mehr zwingend an ein biologisches Geschlecht“ gebunden sei. Damit komme man, so Schwarzer, bei dem Gedanken des „Queeren“ an. Dieser habe jedoch nichts mit der Realität zu tun, denn: „In der Realität […] sind die weiblichen Menschen in unserer Kultur weiterhin die Anderen, es gilt für sie ein anderes Maß als für Männer. Entsprechend sind sie zum Beispiel in erster Linie zuständig für Einfühlsamkeit und Fürsorge, Kinder und Haushalt, sie verdienen weniger und können selbst in Liebesbeziehungen Opfer von (sexueller) Gewalt werden. In anderen Kulturen – wie in islamischen, in denen die Scharia Gesetz ist – geht es noch viel ärger zu. Da sind Frauen vollends relative Wesen, sind rechtlose Mündel […]. Diese Verhältnisse werden von Butler im Namen einer „Andersheit der Anderen“ gerechtfertigt.“7
Diese Kritik wiederholt Schwarzer in der September/Oktober-Ausgabe der EMMA und nimmt zugleich dort eine anti-rassistisch motivierte Kritik an ihren Positionen vorweg, indem sie formuliert, dass genau eine solche Kritik „Methode“ habe: „Denn Kritikerinnen, denen man unterstellt, sie seien Rassistinnen niederer Machart, die den eigenen Gedanken kaum folgen können, solche Kritikerinnen brauchen den Mund gar nicht erst aufzumachen.“8
Es ist nicht ganz einfach, die wirkliche Frontlinie hier im Blick zu behalten; beide Seiten werfen sich Unsachlichkeit vor und Blindheit gegenüber der Argumentation der Anderen und der Realität. Dennoch läuft meines Erachtens die Kritik, die Schwarzer übt, zu einem großen Teil ins Leere, weil sie das, worum es der Genderphilosophie geht, nur oberflächlich zur Kenntnis genommen hat und an manchen Punkten daraus nicht die richtigen Schlüsse zieht.
Mit der von ihr konstruierten Opposition ‚Genderphilosophie/Feminismus‛ führt sie schon deswegen ein Scheingefecht, weil ihre Fragen als Journalistin, die auf tagespolitische Ereignisse reagiert und diese in einen Zusammenhang konkret politischer Debatten verortet, zunächst einmal völlig andere sind als die einer Philosophin, die die Bedingungen der Konstitution von Identität reflektiert und mit dieser Fragestellung an philosophische Traditionen des Denkens anknüpft. Wenn Schwarzer kritisiert, dass Butler das biologische Geschlecht relativiere und damit das Unrecht nicht mehr sagbar mache, das Frauen als Frauen widerfahre, so trifft sie damit das Anliegen der Genderphilosophie nicht.

2. Der Zeitpunkt des Sprechens
Die Genderphilosophie setzt früher ein, als die Reflexionen des Journalismus beginnen. Das, was der Journalismus uns in seinen Auseinandersetzungen präsentiert, ist bereits durch verschiedene diskursive Ebenen geprägt. Dies soll nicht bedeuten, dass es deswegen keinen kritischen Journalismus geben könnte, sondern, dass die Voraussetzungen des eigenen Sprechens diesem nicht immer zugänglich sind. Wenn Schwarzer darauf insistiert, es würde ein biologisches Geschlecht existieren und dies sei bedeutend dafür, dass man überhaupt von Frauen sprechen und dann auch für Frauen Partei ergreifen könne, so reproduziert sie damit eine Denkfigur, die eine Geschichte besitzt.
Genderphilosophie setzt bei dieser Geschichte ein. Sie geht davon aus, dass sich in Wissen und Sprache nicht einfach abbildet, was tatsächlich empirisch vorhanden ist, sondern, dass durch sie mitproduziert, reproduziert, inszeniert und in verschiedenen Formen spezifiziert wird, was dann als Reales in Erscheinung treten kann. Der Philosoph Michel Foucault hat mit dem Begriff des ‚Diskurses‛ und seinen Analysen zu verschiedenen diskursiven Ebenen versucht, beschreibbar zu machen, in welcher Weise in bestimmten historischen Konstellationen sich Wissen formiert, in welcher Weise es die Wahrnehmung und Lebenswelt der Menschen zu organisieren beginnt. Der Diskurs ist eine Art Archiv des Wissens, das sich selbst verschließt und ständig erneuert, das seine eigenen Zutrittsbedingungen reguliert, und damit über Möglichkeiten des Sprechens entscheidet. Der Diskurs sammelt das Wissen, etwa der Medizin, der Biologie, der Psychiatrie. Er ermöglicht damit das Sprechen von Ärzt_innen, von Therapeut_innen. Er prägt bestimmte Vorstellungen von Verhalten, von Normalität, von Gesundheit und Krankheit. Er hat auch die ‚Geschlechtsidentität‛ hervorgebracht, wie wir sie heute verstehen. Anhand der Analyse eines Falls aus dem 19. Jahrhundert, wo ein hermaphroditischer Mensch plötzlich von Medizin und Justiz gezwungen wird eine Geschlechtsidentität anzunehmen, in der er zuvor nicht gelebt hat (und der sich dann schließlich unter dem Zwang dieser verordneten Identität das Leben nimmt), zeigt Foucault, dass erst ab dem 17. Jahrhundert das Wissen sich so spezifiziert, dass es einem Hermaphroditen ein ‚eindeutiges Geschlecht‛ zuordnen will.9 In der Zeit vor dem 17. Jahrhundert geht man – so beschreibt es Foucault – nicht davon aus, dass der Hermaphrodit ein eindeutiges Geschlecht besitzt; erst mit der Spezifizierung des Wissens entwickelt sich die Vorstellung, dass es sich bei Hermaphrodismus nur um ‚Scheinhermaphrodismus‛ handelt, einem raffinierten Versteckspiel der Natur, das das wahre Geschlecht eines Menschen nur verschleiert, das die Medizin fortan zu enthüllen beauftragt ist. Was sich hier ab dem 17. Jahrhundert am Beispiel des Hermaphrodismus herauskristallisiert, ist nichts weniger als die Norm, die fortan die Eindeutigkeit der Geschlechtsidentität mit einer Wahrheit versieht, die ihr zuvor nicht zugesprochen worden ist. Betrachtet Foucault besonders den Zeitpunkt des Erscheinens einer solchen eindeutigen Geschlechtsidentität innerhalb einer Chronologie des Wissens, so geht es Butler darum, zu zeigen, wie durch bestimmte Inszenierungen ein solches Wissen und der aus ihm folgende Effekt einer Geschlechtsidentität immer wieder eine Aktualisierung erfahren.
Damit geht es ihr nicht darum zu behaupten, dass ein biologischer Körper oder ein biologisches Geschlecht nicht existent seien, sondern darum zu zeigen, in welcher Weise der biologische Körper eine Figuration des Wissens ist.

3. Gesellschaftliche Funktionsweisen, gesellschaftlicher Konflikt
Ausgehend von der Sprechakttheorie, die beschreibt, dass Sprechen nicht eine objektiv vorhandene Wirklichkeit abbildet, sondern an ihrer Konstitution beteiligt ist– im Sprechen also handelt – analysiert Butler jene Sprechakte, die das biologische Geschlecht beglaubigen und damit seine Identität performativ generieren. Der erste Sprechakt, mit dem ein Mensch in diesem Zusammenhang konfrontiert wird, der die Rolle innerhalb seines Mensch-Seins fortan determiniert, ist die Benennung seines biologischen Geschlechts nach der Geburt: „Es ist ein Mädchen“, sagt eben auch: Dieser Mensch wird (so die Norm) eine Frau werden, er wird (so die Norm) sich in einen Mann verlieben; Butler: „Das Benennen setzt zugleich eine Grenze und wiederholt eine Norm“.10 An das benannte biologische Geschlecht knüpfen sich also Vorstellungen von Identität, die genau jene Normen manifestieren, die diesen Körper mitkonstituieren, zu dem das Geschlecht gehört; Butler fragt: „In welchem Ausmaß ist das ,Geschlecht’ [sex] eine erzwungene Produktion, ein Zwangseffekt, der die Grenzen dafür setzt, was sich als ein Körper qualifizieren kann, indem er die Bedingungen reguliert, von denen Körper getragen und nicht getragen werden?“11
Diese Frage, die Butler aufwirft, ist politisch, denn sie problematisiert die Konstellationen, in denen ein Körper zu einem diskursiv legitimierten Körper eines Menschen wird. Wo wird die Praxis einer solchen diskursiven Legitimierung sichtbar? Noch am 22. 6. 2016 hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass eine intersexuelle Person, nicht als ‚inter‛ in das Personenstandsregister eingetragen werden kann, sondern dass eine eindeutige Geschlechtszugehörigkeit für die Eintragung benötigt wird.12 Als intersexueller Mensch ist man bis jetzt also keine Rechtsperson, man existiert in der Ordnung dieses Staates nicht. Jemand, dessen Geschlechtsidentität nicht in Eindeutigkeit überführt werden kann, oder diese Eindeutigkeit verweigert, kann als Rechtssubjekt damit nicht sichtbar werden. Das bedeutet ja mehr, als nur nicht in einem Register aufgeführt zu sein. Es bedeutet, nicht handlungsfähig zu sein, es bedeutet die Aberkennung des Person-Seins, die Aberkennung des Status des Sozialen. In diesen Praktiken der Identifizierung entscheidet sich in letzter Konsequenz, wie und ob Dasein möglich ist. Zu Recht hat deswegen das Bundesverfassungsgericht am 8. 11. 2017 eine Korrektur dieser Praxis verlangt und die Bundesregierung aufgefordert, das Personenstandsrecht bis Ende 2018 dahingehend zu verändern, dass auch ein drittes Geschlecht abgebildet werden kann. Denn hier, an den Fragen der Geschlechtsidentität, scheint eine Grenze des Menschlichen zu verlaufen.
Ein Feminismus, der dies nicht in seine Überlegungen mit einbezieht, der nicht danach fragt, wie gesellschaftliches Dasein – und damit auch die Norm der Geschlechtsidentität – produziert wird, bleibt blind auch für die Bedingungen seiner eigenen Produktion, für die Vorrausetzungen, auf denen sein Sprechen sich gründet. Einem feministischen Journalismus, wie etwa Alice Schwarzer ihn vertritt, müssen diese Bedingungen des Sprechens nicht in jedem Satz präsent sein; der Ort des Wirkens ist ein anderer als der der Genderphilosophie, wie sie etwa von Judith Butler vertreten wird. Der Zeitpunkt des Sprechens bleibt verschieden.
Wenn Ort und Zeit des Sprechens nicht miteinander geteilt werden, bedeutet dies jedoch nicht, dass man in seinem Anliegen unversöhnbar voneinander abgespalten bleibt. Man findet an dem Punkt wieder zusammen, an dem jene Bedingungen zutage treten, die das Sprechen reglementieren, die die Norm als Norm verteidigen wollen, die als ‚abweichend‛, ‚unnormal‛, ‚krank‛ und ‚gestört‛ all jene Stimmen und Zeugnisse zu diskreditieren und aus der Ordnung zu verbannen versuchen, die nicht männlich, nicht weiß, nicht heterosexuell, nicht eindeutig männlich oder weiblich sind. Vom Standpunkt der Norm aus betrachtet, sind diese Stimmen ‚queer‘ – lange bevor ‚Queerness‛ dieses Stigma in eine Kraft des Sprechens zu wenden versucht.
Genau an diesem Punkt sollte der Feminismus sich fragen, wo er die Front eröffnen will – bevor er genau jene Stimmen zum Verstummen zu bringen versucht, die im Augenblick der Gefahr mit ihm durch das, was sie bezeugen, solidarisch sind.

(Endnotes)

  1. Interview mit Kristina Schröder, Focus-Online am 27. 8. 2017, http://www.n-tv.de/politik/Den-Kohl-Starschnitt-gab-es-nie-article19993643.html, zuletzt aufgerufen am 18. 9. 2017.
  2. Vojin Saša Vukadinović: Gender Studies. Die Sargnägel des Feminismus, in: EMMA, Juli/August 2017, S. 66–69.
  3. Ebd., Hannah Wettig: Beissreflexe. Gewalt als Antwort auf Kritik, ebd., S. 64.
  4. Ebd., Vojin Saša Vukadinović: Gender Studies, ebd., S. 69.
  5. Judith Butler/Sabine Hark: Die Verleumdung, in: DIE ZEIT, vom 2. 8. 2017, http://www.zeit.de/2017/32/gender-studies-feminismus-emma-beissreflex, zuletzt aufgerufen am 18. 9. 2017.
  6. Alice Schwarzer: Der Rufmord, in: DIE ZEIT, vom 9. August 2017, http://www.zeit.de/2017/33/gender-studies-judith-butler-emma-rassismus, zuletzt aufgerufen am 18. 9. 2017.
  7. Ebd.
  8. Alice Schwarzer: Eine Antwort auf Butler, in: EMMA. September/Oktober 2017, S. 6–7.
  9. Michel Foucault: Über Hermaphrodismus. Der Fall Barbin. Joseph Vogl und Wolfgang Schäfer(Hrsg.). Übersetzt von Annette Wunschel, Frankfurt/Main: Suhrkamp 1998.
  10. Vgl. Judith Butler: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Aus dem Amerikanischen von Karin Wördemann, Frankfurt: Suhrkamp 1991, S. 29.
  11. Judith Butler: ebd:, S. 49.
  12. http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=pm&Datum=2016&Sort=3&nr=75539&linked=bes&Blank=1&file=dokument.pdf, zuletzt aufgerufen am 18. 9. 2017. Eine Stellungnahme vom LSVD dazu findet sich hier: http://www.lsvd.de/newsletters/newsletter-2016/lsvd-kritisiert-entscheidung-des-bundesgerichtshofs-zum-personenstandsrecht.html, zuletzt aufgerufen am 18. 9. 2017.

7. Mai 2018
Einen Sprengsatz legen
Ingrid Strobl 1989

Als ich gestern in meinem Regal nach einem Buch suchte, ich weiß nicht mehr, ob von George Sand oder von Marlene Streeruwitz, das war dann auch nicht mehr so wichtig, stieß ich auf auf Ingrid Strobl: Frausein allein ist kein Programm heißt das kleine Bändchen (1989 erschienen bei Kore in Freiburg/Br.), voll mit Bleistiftmarkierungen von vor fast 30 Jahren, ich las es Anfang der 1990er Jahre, damals war ich Redakteurin der Wuppertaler Frauenzeitung Meta M. und in die damals in der Wuppertaler FrauenLesbenSzene heftig geführte Auseinandersetzung zwischen feministischen und genderphilosophen Positionen involviert (dazu nächste Woche mehr). Damals las ich Ingrid Strobl.
Gefunden habe ich gestern das, was ich vergessen hatte, dass ich es jemals gelesen hatte, und also wiederfinden konnte, in dem Essay „Gibt es eine weibliche Literatur?“, den sie 1985 verfasste: „Wir müssen eine Tradition weiblicher, was heißt: von Frauen geschriebener, Literatur nicht erst mühsam nach dem Lehrbuch schaffen. Wir haben sie bereits! Und wir müssen nicht von den heutigen und zukünftigen Schriftstellerinnen eine feministische Literatur einfordern, denn auch die gibt es bereits. Allerdings nicht als Tendenzliteratur, sondern als eine Literatur, die Utopie in sich birgt. Die die nicht eingelösten Sehnsüchte thematisiert, und deren Spannung sich aus den nie gelösten Widersprüchen entlädt. Eine Literatur, die die Grenzen, die Frauen gesteckt sind, kennt, die sie aber nicht erträgt und so einen Sprengsatz legt, der auch bei uns, den Leserinnen und Kritikerinnen, die Sehnsucht weckt, unsere Grenzen zu sprengen“ (S. 119).
Ingrid Strobl (geboren 1952) ist österreichische Journalistin und Autorin, arbeitete u. a. 1979 bis 1986 bei der EMMA. Sie arbeitete zu Rhetorik im Dritten Reich, jüdischen Frauen und feministischen Fragen. Seit 2009 ist sie auch Kollegin in Sachen Kreatives Schreiben (https://de.wikipedia.org/wiki/Ingrid_Strobl).


9. April 2018
50 Jahre danach
Ulrike Meinhof zum Anschlag auf Rudi Dutschke Ostern 1968

In der Zeitschrift konkret (Hg. Damals Klaus Rainer Röhl) erschien in der Nr. 5/1968 der im Folgenden dokumentierte Text von Ulrike Meinhof, in dem es um die Macht der Medien geht. Ich möchte ihn zum Lesen und Reflektieren empfehlen, zum Einen, weil das Attentat in diesen Tagen genau 50 Jahre her ist, zum Anderen, weil die aktuellen Medienberichte dazu fast alle dasselbe tun, wie es Ulrike Meinhof analysiert hat: verschleiern, Heuchlern nach dem Mund reden, Aktion und Reaktion verwechseln.
Auch kann dieser Text Anlass sein, sich (autobiografisch schreibend) zu erinnern – an das eigene Leben 1968, an die Auswirkungen der Protestbewegungen auf die Gesellschaft, in der man selbst lebte und sich entwickelte.

Vom Protest zum Widerstand
»Protest ist, wenn ich sage, das und das paßt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß das, was mir nicht paßt, nicht länger geschieht. Protest ist, wenn ich sage, ich mache nicht mehr mit. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß alle andern auch nicht mehr mitmachen.« So ähnlich – nicht wörtlich – konnte man es von einem Schwarzen der Black-Power-Bewegung auf der Vietnamkonferenz im Februar in Berlin hören.
Die Studenten proben keinen Aufstand, sie üben Widerstand. Steine sind geflogen, die Fensterscheiben vom Springerhochhaus in Berlin sind zu Bruch gegangen, Autos haben gebrannt, Wasserwerfer sind besetzt worden, eine BILD-Redaktion ist demoliert worden, Reifen sind zerstochen worden, der Verkehr ist stillgelegt worden, Bauwagen wurden umgeworfen, Polizeiketten durchbrochen - Gewalt, physische Gewalt wurde angewendet. Die Auslieferung der Springerpresse konnte trotzdem nicht verhindert werden, die Ordnung im Straßenverkehr war immer nur für Stunden unterbrochen. Die Fensterscheiben wird die Versicherung bezahlen. An Stelle der ausgebrannten Lastautos werden neue ausfahren, der Wasserwerferbestand der Polizei wurde nicht verkleinert, an Gummiknüppeln wird es auch in Zukunft nicht fehlen. Also wird das, was passiert ist, sich wiederholen können: Die Springerpresse wird weiter hetzen können, und Klaus Schütz wird auch in Zukunft dazu auffordern können, »diesen Typen ins Gesicht zu sehen« und die Schlußfolgerung nahelegen, ihnen reinzuschlagen – was am 21. Februar bereits geschehen ist –‚ schließlich zu schießen.
Die Grenze zwischen verbalem Protest und physischem Widerstand ist bei den Protesten gegen den Anschlag auf Rudi Dutschke in den Osterfeiertagen erstmalig massenhaft, von vielen, nicht nur einzelnen, über Tage hin, nicht nur einmalig, vielerorts, nicht nur in Berlin, tatsächlich, nicht nur symbolisch - überschritten worden. Nach dem 2. Juni wurden Springerzeitungen nur verbrannt, jetzt wurde die Blockierung ihrer Auslieferung versucht. Am 2. Juni flogen nur Tomaten und Eier, jetzt flogen Steine. Im Februar wurde nur ein mehr amüsanter und lustiger Film über die Verfertigung von Molotowcocktails gezeigt, jetzt hat es tatsächlich gebrannt. Die Grenze zwischen Protest und Widerstand wurde überschritten, dennoch nicht effektiv, dennoch wird sich das, was passiert ist, wiederholen können; Machtverhältnisse sind nicht verändert worden. Widerstand wurde geübt. Machtpositionen wurden nicht besetzt. War das alles deshalb sinnlose, ausufernde, terroristische, unpolitische, ohnmächtige Gewalt?
Stellen wir fest: Diejenigen, die von politischen Machtpositionen aus Steinwürfe und Brandstiftung hier verurteilen, nicht aber die Hetze des Hauses Springer, nicht die Bomben auf Vietnam, nicht Terror in Persien, nicht Folter in Südafrika, diejenigen, die die Enteignung Springers tatsächlich betreiben könnten, stattdessen Große Koalition machen, die in den Massenmedien die Wahrheit über BILD und BZ verbreiten könnten, stattdessen Halbwahrheiten über die Studenten verbreiten, deren Engagement für Gewaltlosigkeit ist heuchlerisch, sie messen mit zweierlei Maß, sie wollen genau das, was wir, die wir in diesen Tagen - mit und ohne Steinen in unseren Taschen - auf die Straße gingen, nicht wollen: Politik als Schicksal, entmündigte Massen, eine ohnmächtige, nichts und niemanden störende Opposition, demokratische Sandkastenspiele, wenn es ernst wird den Notstand. - Johnson, der Martin Luther King zum Nationalhelden erklärt, Kiesinger, der den Mordversuch an Dutschke telegrafisch bedauert - sie sind die Repräsentanten der Gewalt, gegen die King wie Dutschke angetreten sind, der Gewalt des Systems, das Springer hervorgebracht hat und den Vietnam-Krieg, ihnen fehlt beides: Die politische und die moralische Legitimation, gegen den Widerstandswillen der Studenten Einspruch zu erheben.
Stellen wir fest: Es ist dokumentiert worden, daß hier nicht einfach einer über den Haufen geschossen werden kann, daß der Protest der Intellektuellen gegen die Massenverblödung durch das Haus Springer ernst gemeint ist, daß er nicht für den lieben Gott bestimmt ist und nicht für später, um einmal sagen zu können, man sei schon immer dagegen gewesen, es ist dokumentiert worden, daß Sitte & Anstand Fesseln sind, die durchbrochen werden können, wenn auf den so Gefesselten eingedroschen und geschossen wird. Es ist dokumentiert worden, daß es in diesem Land noch Leute gibt, die Terror und Gewalt nicht nur verurteilen und heimlich dagegen sind und auch mal was riskieren und den Mund nicht halten können und sich nicht bange machen lassen, sondern daß es Leute gibt, die bereit und fähig sind, Widerstand zu leisten, so daß begriffen werden kann, daß es so nicht weiter geht. Es ist gezeigt worden, daß Mordhetze und Mord die öffentliche Ruhe und Ordnung stören, daß es eine Offentlichkeit gibt, die sich das nicht bieten läßt. Daß ein Menschenleben eine andere Qualität ist als Fensterscheiben, Springer-LKWs und Demonstranten-Autös, die bei der Auslieferungsblockade vor dem Springerhochhaus in Berlin von der Polizei in Akten blanker Willkür umgeworfen und beschädigt wurden. Daß es eine Offentlichkeit gibt, die entschlossen ist, das Unerträgliche nicht nur unerträglich zu nennen, sondern dagegen einzuschreiten, Springer und seine Helfershelfer zu entwaffnen.
Nun, nachdem gezeigt worden ist, daß andere Mittel als nur Demonstrationen, Springer-Hearing, Protestveranstaltungen zur Verfügung stehen, andere als die, die versagt haben, weil sie den Anschlag auf Rudi Dutschke nicht verhindern konnten, nun, da die Fesseln von Sitte & Anstand gesprengt worden sind, kann und muß neu und von vorne über Gewalt und Gegengewalt diskutiert werden. Gegengewalt, wie sie in diesen Ostertagen praktiziert worden ist, ist nicht geeignet, Sympathien zu wecken, nicht, erschrockene Liberale auf die Seite der Außerparlamentarischen Opposition zu ziehen. Gegengewalt läuft Gefahr, zu Gewalt zu werden, wo die Brutalität der Polizei das Gesetz des Handelns bestimmt, wo ohnmächtige Wut überlegene Rationalität ablöst, wo der paramilitärische Einsatz der Polizei mit paramilitärischen Mitteln beantwortet wird. Das Establishment aber, die »Herren an der Spitze« - um mit Rudi zu reden -‚ in den Parteien, Regierungen und Verbänden haben zu begreifen, daß es nur ein Mittel gibt, »Ruhe & Ordnung« dauerhaft herzustellen: Die Enteignung Springers. Der Spaß hat aufgehört. »Protest ist, wenn ich sage, das und das paßt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß das, was mir nicht paßt, nicht länger geschieht.«


12. März 2018
Schreiben muss sein –
das ist die Übung

„Aber Schreiben muss sein, das ist die Übung. [...] Schreiben bis zum Schmerz und hindurch.“
Ich war auf Sylt, eine Woche Meer schreiben, mit zwölf Teilnehmenden, einer davon war Friedrich Wiest. Wenn in einer Vorleserunde mich Sätze berühren, notiere ich sie. Friedrichs Satz hat mich berührt, erfasst, ich habe genickt und mir gewünscht, es wäre so, immer, bei mir, bei meinen SchreibschülerInnen. Noch einmal: „Aber Schreiben muss sein, das ist die Übung. [...] Schreiben bis zum Schmerz und hindurch.“ Wie wahr, wie schön, wie – ach ...


25. Dezember 2017
Zum Jahresausklang
Etwas, das stimmt

Es ist Weihnachten, die Probleme oder Konflikte verflüchtigen sich erfahrungsgemäß nicht gerade, wenn viele Menschen mit dem Vorsatz, endlich friedlich und freundlich und fröhlich drei Tage besisammen zu sein, aufeinander treffen. Da hilft vielleicht der Benjamin Franklin zugeschriebene Satz: „Jedes Problem ist eine verkleidete Gelegenheit.“
Und für mich passt er zudem zum bald zuende gehenden Jahr ganz hervorragend!


13. November 2017
Über das Lernen
in bedeutungsvollen Zusammenhängen

„Most learning ist not the result of instruction. It is rather the result of unhempered participation in a meaningful setting.” (Ivan Illich) Ivan Illich wurde 1926 in Wien geboren, war später als US-Bürger Rektor einer Hochschule in Puerto Rico, um schließlich als Priester in Lateinamerika für ein demokratisches Eziehungssystem zu streiten. Eins seiner ersten auf Deutsch erschienenen Bücher heißt Entschulung der Gesellschaft. Zudem setzte er sich mit dem Ausbeutungsinstrument Entwicklungshilfe auseinander. Illichs Name steht für die Befreiungstheologie und für die Pädagogik der Unterdrückten.


2. Oktober 2017
Leben …
Um davon zu erzählen

„Das Leben ist nicht das, was man gelebt hat, sondern das, woran man sich erinnert und wie man sich daran erinnert – um davon zu erzählen“, lautet das Motto der Memoiren des Gabriel García Márquez. Erhält nicht so das Erinnern, das Erzählen, das Schreiben insbesondere den Stellenwert des Konstrukteurs des Lebens? Erinnern wir uns, erzählen wir, schreiben wir also! (Und nicht vergessen: zwischendurch immer mal wieder LEBEN!)


11. September 2017
Das Mindeste?
Oft schon das Ausreichende!

„Wenn du dich in Situationen der Ungerechtigkeit neutral verhältst, hast du dich auf die Seite des Unterdrückers gestellt.“ (Desmond Tutu, anglikanischer Geistlicher und Menschenrechtler aus Südafrika)
Dazu empfehle ich auch die Lektüre des Intros Eine Antwort auf Butler in der EMMA 5/2017 (September/Oktober), in dem Alice Schwarzer sich positioniert – gegen die Versuche falsch verstandener, nur den Machtverhältnissen in die Hände spielender Toleranz gegenüber frauenverachtenden kulturellen Traditionen.


5. Juni 2017
Welche Hautfarbe hat Kreativität?
Ein Denkanstoß zu Pfingsten

Im Schaukasten am Zaun der Kommune Niederkaufungen, der derzeit Flucht und Rassismus fokussiert, fand ich Folgendes:
„62 Personen besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, also 3,6 Milliarden Menschen. [...]
Welche Hautfarbe hat Kreativität? [...]
Welche Augenfarbe hat Freundlichkeit?“


15. Mai 2017
30 Jahre alt
... und so wahr wie damals

Als man in Deutschland noch die Schreibbewegung belächelte oder gar lächerlich machte, schrieb Umberto Eco:„Der Mensch ist ein Wesen, das dazu neigt, sich interesselos auszudrücken, ohne ein praktisches Ziel, aus reinem Vergnügen am Ausdruck - durch Singen, durch Tanzen, durch Bilder, durch Worte und somit auch durch geschriebene Texte. Fast alle singen aus Freude am Singen, sei’s einsam unter der Brause oder gemeinsam auf einem Fest, aber die Mehrheit denkt nicht daran, zur Scala zu gehen. Viele zeichnen und malen und zeigen womöglich im Freundeskreis Karikaturen, Skizzen und Aquarelle, aber sie streben nicht in die Uffizien. Sehr viele spielen ein Instrument, tun sich zu Gruppen zusammen und geben kleine Konzerte, aber sie trachten nicht nach einem Auftritt in der Carnegie Hall. Und bringen sich nicht um, wenn sie’s nicht schaffen. Mithin sollte auch das Schreiben von Gedichten, Geschichten, Tagebuchseiten und Briefen etwas sein, was alle tun, so wie man Fahrrad fährt, ohne dabei an den Giro d’Italia zu denken“ (DIE ZEIT, 13. 2. 1987).
Ist das nicht schön?! Warum schreiben? Warum nicht schreiben? Warum nicht schreiben?


1. Mai 2017
Eine Einladung
3 Wörter, 10 Sätze

„Willkommen zu einer neuen Runde Wörter, liebe Befallene vom 10-Satz-Wahn, liebe abc.etüden-Fans und alle, die sich immer noch überlegen, ob sie es vielleicht werden könnten, und hallo ihr da draußen, die ihr noch nie was davon gehört habt und nur zufällig hier gelandet seid.“ So beginnt der Aufruf, bei dem ich gestern gelandet bin, weil eine ehemalig nach Franken verzogene Schreibschülerin mich ,aufforderte’, doch mal ... Also, da gibt es eine Seite im Netz, auf der jede Woche drei Wörter veröffentlicht werden, die alle, die dort landen, wie ich gestern, dazu aufrufen, aus diesen, mit diesen drei Wörtern einen 10-Sätze-Text zu machen. Was für eine Idee! Die Wörter für diese erste Mai-Woche: Paradeiser, Schlawiner, Kinkerlitzchen (gespendet von Jule Pfeiffer-Spiekermann. Also dann – auf geht’s. Und wenn’s diese Woche nicht geht, hier ist der Link, nächste Woche gibt es bestimmt wieder drei inspirierende Wörter (oder auch ohne inspirierende, denn Wörter sind das doch für Schreibende immer: inspirierend!).
Schreibeinladung


19. Dezember 2016
Feiert schön –
– meistens gibt es etwas, was sich zu feiern lohnt!

„Die meisten Leute feiern Weihnachten, weil die meisten Leute Weihnachten feiern.“
(Kurt Tucholsky, 9. 1. 1890 bis 21. 12. 1935)


12. Dezember 2016
Literatur oder kann das weg?
Ein ganzer Roman in Fragen

Eine Entdeckung. Eine Einladung. Eine Herausforderung. Eine Belustigung. Ein Ärgernis. Ein Versuch. Ein Experiment. Eine Lebensaufgabe. Keine Bett- oder Strand-Lektüre!
„Sind Ihre Gefühle rein? Sind Ihre Nerven anpassungsfähig? Wie stehen Sie zur Kartoffel? Sollte es immer noch Konstantinopel heißen? Macht ein Pferd ohne Namen nervöser oder weniger nervös als ein Pferd mit Namen? Riechen Kinder Ihrer Ansicht nach gut? Wenn Sie jetzt welchen hätten, würden Sie Hundekuchen essen? Könnten Sie sich hinlegen und auf dem Bürgersteig ein Päuschen machen? Haben Sie Vater und Mutter geliebt, und finden Sie das Buch der Psalmen ganz toll? Wenn Sie in jeder Kategorie auf den letzten Platz absteigen, macht Ihnen das genug zu schaffen, dass Sie sich wieder ochkämpfen? Klingelt es je bei Ihnen an der Tür? Haben Sie Sand im Kropf? Könnte Mendelejew Sie korrekt in einem Quadratseines periodischen Systems der Elemente unterbringen, oder würden Sie sich auf die ganze Tabelle verteilen? Wie viele Liegestütz schaffen Sie?“
Das ist der erste Absatz des Buch von Padgett Powell: Roman in Fragen. Die Übersetzung von Harry Rowohlt ist in 2. Auflage 2012 im Berlin Verlag erschienen.
Auch wenn es keine Bett- oder Strand-Lektüre ist – anregend und spaßig ist die Lektüre trotzdem, auch wenn ich nicht glaube, dass irgendjemand dieses Buch komplett liest (verkraftet). Als Schreibanregung kann es allemal diesen. Etwa als Vorlage zur Selbstbefragung am Ende eines Jahres oder an einem Scheideweg.


24. Oktober 2016
Zum freien, assoziativen Schreiben
Basiserkenntnisse aus 1993

Ich habe etwas 23 Jahre Altes (wieder)gefunden, das mich bestärkt: das freie, assoziative Schreiben in meiner Arbeit in Schreibgruppen, gleich welcher Art, als zentrale Arbeitsweise zu sehen. Einer der ersten und bis heute führenden DidaktikerInnen des Kreativen Schreibens, Kaspar H. Spinner, schrieb 1993 in der Zeitschrift Praxis Deutsch:
„Durch die Integration des Verdrängten in das bewußte Selbst kann das Phantasieren eine heilende Wirkung haben. Die freie Assoziation, mit der die tiefenpsychologische Therapie arbeitet, wird in verschiedenen Formen auch im kreativen Schreiben eingesetzt, damit seelische Gehalte, die dem realitätsorientierten Alltagsbewußtsein entzogen sind, darstellbar werden. Nach Freud tritt das Verdrängte allerdings nicht direkt in Erscheinung, die Zensur durch das realitäts­orientierte Ich bewirkt Verdichtungen, Verschiebungen und Symbolisierungen. Dies ist, gerade im Hinblick auf das kreative Schreiben, nicht als Verfälschung der inneren Gehalte, sondern als Chance zu sehen: Durch Verdichtung, Verschiebung und Symbolisierung entsteht die literarische Ausdrucksform, die einen Lustgewinn (auch dies ein Begriff Freuds) vermittelt und die oft überhaupt erst ermöglicht, daß wir uns dem Verdrängten stellen. Der (m. E. wichtige) Unterschied zwischen Psychoanalyse als Therapie und kreativem Schreiben kann gerade darin gesehen werden, daß bei letzterem die manifeste Struktur mit ihren Verdichtungen, Verschiebungen und Symbolisierungen das angestrebte Ziel ist. In ihr sind die verdrängten Inhalte enthalten und zugleich geschützt, so daß sie nicht Krisen heraufbeschwören, die nur noch der Therapeut auffangen kann“ (Kaspar H. Spinner: Kreatives Schreiben. Basisartikel. In: Praxis Deutsch, Heft 119).


17. Oktober 2016
Essenzen
Sätze nach dem Freewriting

In den letzten Stunden in der Donners­tags­gruppe meiner Frauenschreib­werk­statt haben wir uns am Freewriting ohne Thema bzw. Fokussierung versucht. Wir lasen uns diese Texte nicht vor, sondern schrieben jede einen Satz nach der zehnminütigen Session: einen schönen, einen zum Weiterdenken, einen Essenzsatz ... Diese Sätze lasen wir uns vor und waren ganz entzückt, jede vom eigenen Schreiben und dem einen gefundenen Satz wie auch von den Sätzen der anderen, weil sie etwas sagten über die jeweilige Schreiberin, ohne dass wir wussten, was denn eigentlich vorher geschrieben worden war, wohin das Freewriting, das Schleuesen-Öffnen diejenige geführt hatte. Einige haben mir ihre Sätze zur Dokumentation zur Verfügung gestellt.
Martina Vaupel: „Ich suche die Katzen, versinke im Morast aus Pferdeäpfeln, umarme Menschen die über Brücken gehen und bekomme meine Stiefel aus dem Sumpf der drängenden Eile nicht heraus.“
Rosemarie Gögler: „Wenn ich es recht bedenke, vergeht kein Tag, an welchem mir nicht mindestens einmal ein Spruch aus der Kindheit, genauer: eine wegweisende Bemerkung meiner Mutter oder meines Vaters oder aber eine damals vielleicht gar nicht beachtete oder gar nicht geschätzte Verhaltensweise von Vater oder Mutter begegnen.“
Gisela Hohmann: „Ich bewege, du bewegst, wir bewegen; alles ist in Bewegung.“
Charlotte Vortmann: „Es gibt Gedanken, die nützlich sind, wie früher ein Pferd auf dem Acker seine Arbeit verrichtete, und Gedanken, die eher der Art des Reitpferdes ähneln, das nur für das Hobby der Reichen gezüchtet wurde.“
Ute Baumgärtl: „Jetzt sitze ich hier im Kreis der schreibenden Frauen, darf zu Papier bringen was ich will, was mir einfällt, und es kommen mir keine genialen Gedanken, aber gut, schreib’ ich halt einfach, was mir so durch den Kopf schwirrt.“


27. Juni 2016
Was ich sagen will, könnte ...
... nicht das sein, was ich sagen wollte

„Wenn die Sprache nicht stimmt, dann ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist. So kommen keine guten Werke zustande. Also dulde man keine Willkür in den Worten“(Konfuzius, 551–479 v. u. Z.). Übersetzt auf das Kreative Schreiben heißt das, was der antike Philosoph gesagt hat, für mich: Je mehr Möglichkeiten des sprachlichen Ausdrucks ich mir schreibhandelnd aneigne, desto mehr Varianten stehen mir zur Verfügung, um meine Inhalte sprachlich zu gestalten, um einen poetischen Selbstausdruck zu finden, der tatsächlich das Gefühlte und/oder Gedachte wiederspiegelt.


25. April 2016
Die Schublade ...
... auf und zu – oder?

„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen die Dinge, wie wir sind“, sagte Ken Keyes. Der US-amerikanische Bewusstseinsforscher formulierte damit auf einfache Weise die erschrecken machende Erkenntnis des Konstruktivismus. Und warum steht das jetzt hier, im Schreibblog? Der Satz könnte Schreibanregung sein, er könnte auch Aufforderung zur Konstruktion einer möglichen besseren Welt sein, die es nur geben kann, wenn sie antizipiert wird von Utopie-KonstrukteurInnen.


21. März 2016
Ins neue Sonnenjahr
mit einer erstaunlichen Erkenntnis?

„Niemand kann dir, ohne deine Zustimmung, das Gefühl geben, minderwertig zu sein.“ (Eleanor Roosevelt)


7. März 2016
Üben, schreiben, üben, schreiben
und vertrauen

„Wir sind so ungeübte Schreiber, weil wir so viel Zeit damit verschwenden, mitten im Satz anzuhalten und uns über das Geschriebene Gedanken zu machen.“ (Peter Elbow) Peter Elbow ist derjenige Schreiblehrer, der in den USA Anfang der 1970er Jahre als einer der Ersten das zunächst einmal unsortierte, einfach den Stift in Bewegung haltende Schreiben als hilfreiche Methode für alle Arten von Schreibaufgaben oder -vorhaben beschrieben hat. Freewriting heißt es seitdem. Und es hilft. Und es befreit.


22. Februar 2016
gewesen: auf Sylt
erhofft: rüm Hart, klaar Kiming

Eine Woche Kreatives Schreiben im Jugendseeheim des Landkreises Kassel – was für ein Geschenk, dort arbeiten zu dürfen! Am ersten Tag gingen wir erst einmal raus, mit allen Sinnen eintauchen in den Sylter Februar, Meer, Watt, Sand, Dünen, Heide, Wind, Salz, Sonne – aufsaugen, einatmen, ausatmen ... Am zweiten Tag tauchten wir in Texte ein, in Literarisches, geschrieben von anderen Menschen, die sich ebenfalls schreibend der Insel, dem Meer genähert hatten. Hier ein Ausschnitt aus Wiedergänger von Jochen Missfeldt, in dem ein historischer Sylter Spruch eindringlich an das Heute angedockt wird:
„[...] Spätestens in solchen Wetterlagen, in der trockenen Kälte der verzauberten Insel, stelle ich mir die Frage, wie ich ein besserer Mensch werden kann. ,Atme einfach locker durch die Hose und mach weiter wie bisher’, so lautet eine Empfehlung aus dem Vorrat des Zeitgeistes. Ich lehne das ab und sage Klaar Kiming – Klarer Horizont, obwohl ich vom Friesischen keine Ahnung habe. Wäre das Friesische populärer, würde es besser unter die Leute gebracht werden, dann hätte ich vielleicht mehr Ahnung. Klaar Kiming, so könnte ein Schiff heißen, das hier zwischen den Inseln kreuzt; eines mit dem friesischen Namen Rüm Hart – Weites Herz – kreuzt hier nämlich schon. Zusammen ergeben die beiden ein schönes Motto zur Verbesserung der Menschheit. [...]“ (aus: Jochen Missfeldt: Wiedergänger. Eine andere Geschichte von Sylt, Edition Eichthal, Eckernförde 2015)


15. Februar 2016
Auf einer Insel
Eine Woche Sylt

Zum 10. Mal fahre ich nach Sylt. Eine Woche Meer schreiben, 13 Teilnehmende, wie immer. Wir schreiben, wie immer. Und doch immer anders. In der Vorbereitung fand ich ein Gedicht wieder. Das mich wieder berührt hat.

Auf einer Insel
Rose Ausländer (1901–1988)

Mit Purpurflügeln
streift der Sommer
mein Herz

Ich liege auf einer Insel
die keinen Namen hat
in einem namenlosen Meer

Fische besuchen mich
und sprechen Gedichte
Ich bemühe mich
sie zu erlernen

Ein Delfin bringt mir
Grüße von Freunden
Sie laden mich ein
allein ich
kann nicht schwimmen

(Quelle: Das Geschlecht der Engel, Piper1992)


11. Januar 2016
Selbst-Wertschätzung
Noch ein guter Vorsatz

Noch ist das Jahr jung, jung genug für noch einen guten Vorsatz. Schreiben Sie sich in eine selbst-wertschätzende Grundhaltung, mit der Sie dann auf den Weg machen durch das Jahr 2016. Vielleicht hilft der folgende Satz als Impuls: „Niemand kann dir, ohne deine Zustimmung, das Gefühl geben, minderwertig zu sein.“ (Eleanor Roosevelt)


4. Januar 2016
Das Schreibjahr beginnt
Gute Vorsätze gehören dazu ...

„Schreiben ist wichtiger als Surfen im Internet, E-Mailen, Twittern, Facebook. Kappe die Verbindungen!“ (Yiyun Li)


28. Dezember 2015
Das Schreibjahr endet
Auf ein neues!

„Das Schreiben befriedigt im Ich schreibe, nicht im Ich habe geschrieben.“
Frank Cioffi spricht mir aus dem Schreibherzen.


23. November 2015
Hanns-Josef Ortheil
zu Textfeedback in Schreibgruppen

Feedback in einer Schreibgruppe kann so verstanden werden, wie es der Leiter des Studiengangs Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, an dem u. a. zukünftige Schriftstelle­rInnen ausgebildet werden, Hanns-Josef Ortheil, sagt, nämlich als: „[...] ein Inszenierungsmodell, bei dem der Lehrer zur immanenten Textreflexion anleitet, dem Schüler aber überlässt, für welche Varianten der aus dieser Reflexion hergeleiteten poetologischen Wege er sich entscheidet“ (Ortheil in: Haslinger, Josef, Treichel, Hans-Ulrich (Hg.): Schreiben lernen – Schreiben lehren, Frankfurt/Main 2006, S. 28).


26. Oktober 2015
Was Literatur ...
... kann und soll

Meinen Blog-Eintrag vom 13.10. 2015 zur Verantwortung von Literatur möchte ich ergänzen. Harald Martenstein schreibt im ZeitMagazin vom 15. 10. 2015 Über engagierte Literatur: „Ich könnte eine engagierte Geschichte über ein Flüchtlingsmädchen schreiben, das gibt es ja tausendfach und ist auch gut geschrieben. Nicht dass ich so was nie gelesen hätte. Das lesen die ohne Überzeugten, das ist wie politisches Kabarett anno 1970, nur in rührend. Die NPD-Ortsgruppe wird, wie so oft, auch dieser Lesung fernbleiben. Was Literatur im besten Fall erreichen kann, wenn sie den unbedingt etwas erreichen soll: Sie kann das Denkvermögen stärken. Und je länger du nachdenkst, desto weniger Gewissheiten hast du, desto misstrauischer wirst du in Bezug auf dich selbst. Und eine Welt, in der alle an ihren Gewissheiten zweifeln, wäre tatsächlich eine bessere Welt.“ Wenn denn diese Zweifel sich auch in Veränderung von Handeln neiderschlagen.


28. September 2015
Kreativität als Zwang
Kreativität braucht ein Feld

Wer hat ihn nicht, den Anspruch an sich selbst, kreativ zu sein? Und wer hat neben aller Lust am kreativen Sein nicht auch schon einmal das Gefühl gehabt, sich vom Zwang überfordert zu sehen: Ich muss kreativ sein, sonst bin ich nicht tauglich, nicht im Beruf, nicht als Elternteil, nicht in der Freizeit. Und wenn ich es nicht bin – Andere sind ja permanent kreativ, Hilfe!
Da ist es sehrt hilfreich zu erfahren, dass Kreativität nicht eine individuelle Leistung oder Nicht-kreativ-Sein kein individuelles Versagen ist. „Kreativität ist weniger in der isolierten Leistung eines herausragendes Individuums zu verorten, sie entsteht vielmehr in Feldern, die in sehr spezifischer Weise aufgebaut sind“, sagt Olaf-Axel Burow, Professor für Allgemeine Pädagogik an der Uni Kassel, auf Seite 18 in seinem Buch Team-Flow: Gemeinsam wachsen im Kreativen Feld (Beltz Verlag, Weinheim/Basel 2015). Empfehlenswert. Weil es entlastet. Weil es Kreativität anders denkt. Und weil es aufzeigt, wie diese Felder aussehen.


19. August 2015
Noch ein Sommergedicht
Eindrückliche Verdichtung

Mein Vorstandskollege im Segeberger Kreis Karl Günter Rammoser hat 2014 während der schreibkreativen Jahrestagung des Vereins die Verantwortlichkeit und Hilflosigkeit angesichts der verunglückten Flüchtlinge auf dem Mittelmeer auf sehr eindrückliche Weise gefasst. 2015 hat es seine Aktualität nicht verloren.

lampedusa
lampe sie sa
lampe er sa
lampe es sa
lampe wir sa
lampe ihr sa
lampe sie sa
lampe ich sa
nicht hin


27. Juli 2015
Ganz und gar Mensch sein
Susan Sontag über Bücher

Beim Aufräumen und Schreibtisch-Sortieren fand ich einen alten Zeitungsausriss vom 14. 12. 2014. Das Zitat in diesem (von der großartigen, leider bereits verstorbenen US-amerikanischen Essayistin Susan Sontag) stimmt vielleicht sowieso, passt aber besonders gut zum Sommer, wenn alle endlich dazu kommen, die Bücher zu lesen, die sich seit dem letzten Sommer gestapelt haben:
„Wenn Bücher verschwinden, wird die Geschichte verschwinden, und die Menschen werden ebenfalls verschwinden. Manche Leute halten Lesen bloß für eine Art Flucht: eine Flucht aus der ,wirklichen’ Welt des Alltags in eine imaginäre Welt, die Welt der Bücher. Bücher sind viel mehr. Sie sind eine Art und Weise, ganz und gar Mensch zu sein.“
Und das ist ja ein Ziel, das unser Streben immer begleitet: ganz und gar Mensch zu sein.


26. Mai 2015
Der Schrankkoffer
Beginn einer autobiografischen Reise

Nuala O’Faolain, eine irische Journalistin und Schriftstellerin, berichtet in ihrem autobiografischen Roman Sein wie das Leben (Claassen 2004)über die Entstehung der Einleitung für einen Sammelband mit eigenen Kolumnen. Hier der so von ihr selbst beschriebene Start: „In einem der Zimmer im Obergeschoss des Hauses stand im obersten Regal ein Schrankkoffer, den ich bei jedem Umzug behalten hatte, obwohl der Schlüssel schon vor dreißig Jahren verschwunden war. Jetzt schubste ich ihn mit solchem Schwung vom Regal, dass er aufsprang, setzte mich, vom Duft verstaubter Papiere umgeben, auf den Boden und las die Briefe aus dem Koffer so begierig, als führten sie mich zu einem Schatz. [...]
Hätte es den Schrankkoffer nicht gegeben oder wären andere Dinge darin gewesen, dann wäre meine Geschichte vielleicht eine andere geworden. Autobiographien sind, denke ich, genauso einseitig und vorläufig wie alle anderen Erzählungen auch. Trotzdem bemühte ich mich, als ich das Projekt anging, von Herzen und nach Kräften um die Wahrheit. Warum denn auch nicht?“ (S. 27)
Man muss mit etwas beginnen. Es ist nicht wichtig, was es ist. Es wird eine Erzählung des eigenen Lebens. Und würde man mit etwas Anderem beginnen müsste man die Fäden anders, zu einem anderen Muster zusammenknüpfen – es gibt nicht die eine Geschichte, die wie das Leben ist, das gelebt wurde. Manchmal hält man diese Erkenntnis schlecht aus – denn wer ist man den dann? Und manchmal ist es wie ein Geschenk, die eigene Lebensgeschichte noch einmal neu, ganz anders, mit ganz anderem Vorzeichen, einer ganz anderen Färbung erzählen zu dürfen.


27. April 2015
Die richtigen Wörter finden
Was Kreuzworträtsel mit dem Schreiben zu tun haben

Irgendwann entdeckte ich Erri de Luca. Der Himmel im Süden nahm mich mit, in den Süden, in ein meinem Wesen so fremdes Sein, bis ich weinte, und dann war das Büchlein schon ausgelesen ... Jetzt entdeckte ich wieder, in einer Bahnhofsbuchhandlung, ein Buch von de Luca: Fische schließen nie die Augen. Das Buch ist ebenso eine Entdeckung wie das erste, wenn es sich auch ein wenig mehr sperrt, mich nicht so hineinsaugt. Darin aber dieser Fund: „Heute denke ich, dass Rätselraten eine gute Schule für das Schreiben ist, es erzieht zum präzisen Umgang mit dem Wort, da jedes einzelne der geforderten Definition entsprechen muss. Es schließt verwandte Wörter aus, und wer Geschichten schreibt, bildet einen Großteil seines Vokabulars durch das Ausschließen von Wörtern. Das Rätselraten hat mir die spielerische Begabung geschenkt, die die Worte brauchen. Was ich damals für ein einsames Laster hielt, war in Wirklichkeit die Montagewerkstatt der Sprache“ (S. 25).


16. Februar 2015
Beenden tut gut
ein-sil-big 2014 erschienen

Ein guter Entschluss, mal ein (Schreib-)Jahr auch mit einem Produkt abzuschließen. Schreiben ist mir ja grundsätzlich erst einmal eine Lust! 2014 habe ich das Essay Schreiben? Schreiben!> veröffentlicht, das sich mit der Frage beschäftigt, woher die Lust am Schreiben kommt. Es ist in der Berliner Anthologie – Essays rund ums Schreiben (herausgegeben von Andreas Dalberg) erschienen. 2014 habe ich auch etwas ganz Anderes gemacht, als ein Essay zu schreiben. Fast bin ich geneigt zu sagen: etwas Gegensätzliches. Während es beim Essay quasi keine Regeln gibt, an die es sich zu halten gilt, weder für Wörter oder Sätze noch für Inhalte oder Strukturierung, habe ich mir für mein zweites Jahresprojekt eine überaus strenge Regel auferlegt: Ich habe eine große Anzahl Texte geschrieben, in denen ausschließlich Wörter vorkommen, die aus nur einer Silbe bestehen. (Zum Thema Einsilbig-Schreiben siehe auch Blog-Eintrag vom 28. Juli 2014.) Mit diesem Projekt habe ich mich und mein Haupt-Jahresthema begleitet. Jetzt habe ich es abgeschlossen, das Jahr und das einsilbig-Projekt – und habe ein Heftchen daraus gemacht: ein-sil-big 2014 kann sogar erworben werden, direkt bei mir für 5 Euro (plus Versand).
Und auch das Heftchen Wortschatz 2011 kann noch zum gleichen Preis erworben werden.

             


6. Februar 2015
Der erste Schritt zum Schreiben
Sean Connery in Forrester

„Überlegen kommt später. Den ersten Entwurf schreibst du mit dem Herzen. Anschließend nimmst du den Kopf und schreibst alles neu. Der erste Schritt zum Schreiben ist Schreiben. Allein der Fluss des Tippens bringt dich voran.“ Das sagt ein alter, schreibblockierter und deshalb frustrierter Schriftsteller zu einem jungen Mann, dessen Talent zum Schreiben er schließlich fördert – in einem Film: Forrester (auf Deutsch: Gefunden). Sean Connery spielt den Alten.
Diese Sätze könnte ich in jeder meiner Schreibwerkstattstunden von mir geben. Und meine Erfahrung ist: Die besten Erstfragmente, die besten Entwürfe, die besten Ideen, die eigentlich-eigenen Themen, die eigentlich-eigenen Ausdrucksformen entstehen genau so.


5. Januar 2015
Sich selbst überraschen
Frei nach Gerhard Richter

Einer der Wettbewerbsteilnehmer am Nordhessischen Autorenpreis, Jan Ivo Krosing, schickte mir ein Zitat von Gerhard Richter aus der TV-Dokumentation Gerhard Richter malt, das ich hier einfach so wiedergebe, ohne es überprüft zu haben: „Wenn ich weiß, was ich malen will, kann ich es auch gleich bleiben lassen.“ Das ist ganz einfach aufs Schreiben zu übertragen. Jedenfalls verfahre ich meistens so. Oder es passiert mir einfach: Ich überrasche mich selbst mit Inhalten und Formen meiner Texte, die in den Schreibwerkstätten entstehen.


27. November 2014
E-Mail-Vernetzung
Fluch und Segen

Im Telefonat einig mit Guido Rademacher: Die Vernetztheiten – auch wenn man kein Handy hat und nicht bei Facebook & Co. unterwegs ist – sind ein Fluch. Gerade heute Morgen habe ich erst einmal 90 Minuten E-Mails bearbeitet, bevor ich anfangen konnte, mich meinen Projekten zu widmen. Einfach alles wegklicken – das geht ja nicht. Das hat man dann von der schnellen und einfachen Kommunikation (es ist ja nicht so, dass ich keine Massenmails verschicken würde, auf die dann 30 Leute freundlicherweise auch reagieren, von denen ich dann wieder auf 15 reagieren muss usw.). Und dann, als ich mich gerade den studentischen Arbeiten widmen wollte, bekam ich eine Mail von Heike Lange, die mich berührte und meinen E-Mail-Frust sofort vergessen ließ: „... weil ich bei Dir zwei große Stärken sehe. Ich finde Du kannst Schreibübungen gut verständlich zusammen fassen, schriftlich erklären, nicht so lapidar, wie andere! Ebenso haben mir, aber immer deine ,Werke’ und Texte von Dir gefallen. Sie sind für mich deine zarte, sinnliche Seite ...“
Ich sollte vielleicht wieder die Regel einführen, dass ich nur morgens eine Stunde und noch mal mittags eine Stunde das E-Mail-Programm eingeschaltet habe ... Und die Notwendigkeit mancher Massenmail und mancher Mitgliedschaft in Verteilern noch mal überdenken ...


10. November 2014
Nicht nur Sibylle Berg
Frettchenhaft in der Dichterwerkstatt

„Wie sieht Ihre ,Dichterwerkstatt’ in Zürich aus?“, fragte die WAZ-Autorin Elisabeth Höving die Schriftstellerin Sibylle Berg (WAZ, 28. Oktober 2014). Sibylle Berg antwortete: „Ich arbeite ab halb sieben am Morgen, bis sieben abends. Immer an verschiedenen Projekten parallel. Der Schlüssel, um vom Schreiben leben zu können, ist frettchenhaftes Arbeiten.“
Meine Schwester Imke schickte mir die Zeitungsseite. Sie meinte wohl, dass auch ich ... Ja, sie hat recht. Nun arbeite ich zwar nicht in einer Dichterwerkstatt, sondern in einer Werkstatt für Kreatives Schreiben, aber immer an mehreren Projekten gleichzeitig und frettchenhaft – ja, so gestaltet sich, so gestalte ich mein Leben auch. Auch, um davon leben zu können. Und auch, weil das künstlerisch-pädagogisch-freiberufliche Dasein das so mit sich bringt. Und auch, weil es mir leider nicht vergönnt ist, sieben Leben parallel zu leben.
Manchmal hätte ich gern ein Jahr für nur ein Projekt. Aber meistens ergeben sich wunderbarerweise unerwartete Synergieeffekte. Und überhaupt: Ich möchte mit nie­mandem tauschen!


8. September 2014
Ein Gedicht übers Schreiben
Oder: Sollte man es nicht lieber lassen?

Niemals hätte ich dieser Dichterin dieses Gedicht zugetraut. Schon allein, weil es keine Reime hat. Habe ich nicht auch Die Judenbuche (inkl. der rezeptiven Besprechung im Deutschunterricht der Mittelstufe) in guter Erinnerung? Nun, ich werde mir wohl doch noch einmal Anderes von ihr anschauen ...

Unbeschreiblich
Dreitausend Schreiber auf Teppichen saßen
Und rührten den Bart mit der Feder;
Sie schrieben, schrieben so manchen Tag,
Dass grau geworden die Bärte,
Dass trüb geworden die Augen längst
Und längst erkrummet die Finger;
Wer aber, was sie geschrieben, liest
Und liest das, was sie geschrieben,
Der spricht: Ist es ein Schatten wohl?
Oder ist es der Schatten des Schattens?
(Annette von Droste-Hülshoff, 1797–1848)


25. August 2014
Die Rechte des Lesers
Ein (abermaliger) Fund

Bei der Vorbereitung der Schreibwerkstätten (Beginn des Herbstsemesters: 15. September) bin ich auf ein Buch gestoßen, das seit Langem in meinem Regal steht: Daniel Pennac: Wie ein Roman (Köln 1994/2006). Pennac schreibt überaus unterhaltsam und tiefsinnig über Leseunlust und Bildungsdruck. Ich schlug das Buch also wieder einmal auf und fand (überraschenderweise erinnerte ich mich daran nicht) im Inhaltsverzeichnis (als Kapitel­überschriften) die „unantastbaren Rechte des Lesers“:

  1. Das Recht, nicht zu lesen
  2. Das Recht, Seiten zu überspringen
  3. Das Recht, ein Buch nicht zuende zu lesen
  4. Das Recht, noch einmal zu lesen
  5. Das Recht irgendwas zu lesen
  6. Das Recht auf Bovarysmus (die buchstäblich übertragbare Krankheit, den Roman als Leben zu sehen)
  7. Das Recht, überall zu lesen
  8. Das Recht herumzuschmökern
  9. Das Recht, laut zu lesen
  10. Das Recht zu schweigen

Und die Rechte von Schreibenden?
Auf ein Buch schreibend zu reagieren, einen neuen Schluss (oder Anfang) zu erfinden, sich von einem Satz zu einem eigenen Roman inspirieren zu lassen, eine Rezension und einen Tagebucheintrag zu schreiben, dem Autoreinen Brief zu schreiben, aus dem Roman ein Gedicht zu machen, etwas ganz Anderes zu schreiben ...


19. Juli 2014
Zur Nachahmung empfohlen
Wasserfragen

Für das Foto-Text-Projekt „Blickwinkel Wasser“ (Vernissage mit Lesung am 17. 7. 2014 um 19 Uhr im Café Buch-Oase in Kassel, die Ausstellung bis zum 7. 9. 2014 zu sehen) hat Margareta Driesen sich anregen lassen von Pablo Nerudas Fragen (s. 14. Juli 2014) und monatelange Fragen an das Wasser gestellt. Mir ist nicht bekannt, ob es geantwortet hat, aber mit dem Fragenprojekt hat sie sich selbst beflügelt. Man könnte sich inspirieren lassen und beispielsweise Fragen an den Himmel (oder die Hölle ...) stellen. Hier sind die ersten zehn (es sind über 120) von Margareta Driesens Fragen.

Kann sich Wasser wundern? – Warum verbirgt sich der größte Teil des Wassers, das uns umgibt? – Was ist dem Meer näher, der Himmel oder das Land? – Wir spiegeln uns im Wasser – worin spiegelt sich das Wasser? – Vermisst das Meer die Muscheln, die ich mit mir nahm, oder vermissen die Muscheln das Meer? – Weiß das Wasser, das verdunstet, wohin es ,geht’? – Ist ein Tropfen allein einsam? – Stiehlt das Wasser seine Farben vom Himmel? – Wollen alle Sandkörner gern an den Strand? – Bemerkt das Meer etwas von meiner Ehrfurcht und Liebe zu ihm?


16. Juni 2014
Museumsinsel-Fundstück
Am Kupfergraben abgeschrieben

Auf Betonbegrenzungsblöcke gepinselt von PalmArtPress, Zitate, halb verdeckt von den Bücherflohmarktbeschickern. Am Kupfergraben (Berlin, gegenüber der Museumsinsel), nicht gezählt, wie viele, zwei abgeschrieben:

„Wenn es mir schlecht geht, gehe ich nicht in die Apotheke, sondern zu meinem Buchhändler.“ (Philippe Dijan)

„Wer zur Quelle gehen kann, gehe nicht zum Wassertopf.“ (Leonardo da Vinci)


4. Juni 2014
Lieblingszitate einsenden
von Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner

Ich musste nicht lange suchen ... Es geht um Folgendes (ich zitiere einen Auszug aus einer Pressemitteilung von Dr. Friedrich Block, Kurator der Brückner-Kühner-Stiftung):
Vor 30 Jahren wurde die Stiftung Brückner-Kühner vom Kasseler Schriftstellerpaar Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner ins Leben gerufen. Die Stiftung vergibt seither jährlich gemeinsam mit der Stadt Kassel den „Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor“. Zudem wirkt sie als Literaturzentrum vom Wohnhaus der beiden Schriftsteller aus, das auch als Museum zugänglich ist. Aus Anlass des Jubiläums ruft die Stiftung ihre Freunde dazu auf, sich an einem literarischen Projekt zu beteiligen: Senden Sie uns für Sie bedeutsame Zitate aus dem Werk von Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner. Die kurzen Zitate sollten möglichst nur einen Satz oder ein bis zwei Verse umfassen. Dann jedenfalls besteht die Möglichkeit, dass sie für eine Präsentation in der Kasseler Innenstadt ausgewählt werden: Ende September werden die Zitate auf den Kandelaber-Flächen in Kassels Fußgängerzone, der Oberen Königsstraße, zu sehen und zu lesen sein. Unter den Einsendungen ermitteln wir per Los fünf Personen, die zu einem exklusiven Literaturabend mit Lesung, Wein und Imbiss ins Dichterhaus eingeladen werden, ausgerichtet vom Freundeskreis Brückner-Kühner.
Einsendungen (mit Quellenangabe) bis 15. Juni 2014 per E-Mail, Brief oder Fax an: Stiftung Brückner-Kühner, Hans-Böckler-Straße 5, 34121 Kassel, Fax: (05 61) 2 88 80 45, E-Mail: block@brueckner-kuehner.de.

Meine Lieblingszitate:
Christine Brückner: Wenn du geredet hättest, Desdemona. Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1983
Darin fasziniert mich besonders die „Rede gegen die Wände der Stammheimer Zelle“, die Christine Brückner Gudrun Ensslin in den Mund gelegt hat, daraus folgende Zitate: 1. „Illusionshaft ist Mord!“ (S. 110); 2. „Anders kriegt ihr mich nicht“ (S. 110); 3. „Ich will nicht in eurem Strom schwimmen, ich will nicht gegen den Strom schwimmen, ich bin eine Sperrmauer im Strom der Zeit!“ (S. 114)

Otto Heinrich Kühner: Pummerer und andere skurrile Verse, R. Piper & Co. Verlag, München 1968
Darin faszinieren mich besonders die Verse, die sich mit Sprache befassen, daraus folgendes Gedicht (S. 18):

Orthographie

In einem Brief an den Obersten v. Schratt in G.
Schrieb Pummerer das Wort Miene ohne ,e’
Und hatte den Fehler erst erkannt,
Als er den Brief schon abgesandt.
In G. gab es dann auch – er las davon –
Am Tage darauf eine Detonation.

Ein kleines ,e’, dachte er, ein Buchstabe bloß,
Und die Folgen dann gleich so grenzenlos!
Seither glaubt Pummerer irgendwie
An die Wichtigkeit der Orthographie.


1. Juni 2014
Wiedergefunden
Zwei Lieblingsliebesgedichte

Das erste muss laut gelesen werden – es ist so voller Klang! Und das zweite: so einfach – einfach genießen!

Ein alter Tibetteppich
(Else Lasker-Schüler)

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

wie ich dich nenne
wenn ich an dich denke
und du nicht da bist

(Friederike Mayröcker

meine Walderdbeere
meine Zuckerechse
meine Trosttüte
mein Seidenspinner
mein Sorgenschreck
meine Aurelia
meine Schotterblume
mein Schlummerkind
meine Morgenhand
mein Vielvergesser
mein Fensterkreuz
mein Mondverstecker
mein Silberstab
mein Abendschein
mein Sonnenfaden
mein Rüsselhase
mein Hirschenkopf
meine Hasenpfote
mein Treppenfrosch
mein Lichterkranz
mein Frühlingsdieb
mein Zittergaul
meine Silberschnecke
mein Tintenfasz
mein Besenfuchs
mein Bäumefäller
mein Sturmausreiszer
mein Bärenheger
mein Zähnezeiger
mein Pferdeohr
mein Praterbaum
mein Ringelhorn
meine Affentasche
meine Winterwende
meine Artischocke
meine Mitternacht
mein Rückwärtszähler

(da capo!)


17. Mai 2014
Frei nach Laotse
Fund auf Sylt

„Jeder Anlauf beginnt mit einem Rückschritt und jeder Weg mit einem ersten Schritt.“
(gefunden an der Wand eines Tagungsraumes im Hamburger Jugenderholungsheim Puan Klent auf Sylt/OT Rantum)


13. Mai 2014
Nordhessischer Autorenpreis
Neues Vorstandsmitglied gewählt

Kennen Sie diese wunderbar auf nostalgisch kolorierte Karte mit dem Spruch „Ein Leben ohne Kuchen ist möglich, aber nicht sinnvoll“? Ich übersetze wie folgt: Ein Leben ohne Schreiben ist möglich, aber nicht sinnvoll. Wenn ich nicht gerade das Kreative Schreiben unterrichte, bin ich auf der Suche nach Möglichkeiten, wie ich Menschen zum Schreiben motivieren kann.
Also habe ich 2004 Jahren gemeinsam mit meinen Kolleginnen Henrike Taupitz und Carmen Weidemann den Nordhessischen Autorenpreis erfunden – um literarisches Leben, Gegenwartliteratur und AutorInnen in Nordhessen zu fördern. Im Moment läuft der fünfte Durchgang. Man findet dazu mehr auf der Website des Vereins Nordhessischer Autorenpreis e.V.

Pressemitteilung
Jana Ißleib (33) ist auf der Jahreshauptversammlung des Vereins Nordhessischer Autorenpreis e.V. am 12. Mai 2014 als neues drittes Vorstandsmitglied gewählt worden. Sie ist erfahren in Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und im Organisieren von Kulturveranstaltungen und wird in den kommenden Monaten die seit fast zehn Jahren aktiven Vorständlerinnen Kirsten Alers (53) und Carmen Weidemann (48) bei der Durchführung des 5. Nordhessischen Autorenpreises unterstützen.
Gunther Neumann hat den Vorstand nach drei Jahren Engagement aus persönlichen Gründen verlassen, er bleibt dem Verein als unterstützendes Mitglied treu.
Zum 5. Autorenpreis können bis zum 17. Juli 2014 (Einsendeschluss) lyrische, erzählerische und experimentelle Arbeiten zum Thema „Himmel, Hölle, Heimatkunde“ eingereicht werden. Die unveröffentlichten Texte müssen in siebenfacher Ausfertigung eingehen bei: Henrike Taupitz, Uhlenhorststraße 14, 34132 Kassel


4. Mai 2014
Josef Haslinger zum distanzierten Lesen
Fundstück in der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen

Anlässlich des Literarischen Frühlings in Waldeck-Frankenberg, bei dem Josef Haslinger als Lesender zu Gast war, interviewte Bettina Fraschke den Leipziger Professor für literarische Ästhetik (Deutsches Literaturinstitut Leipzig) für die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine (15. März 2014). Ich zitiere einen kleinen Auszug:

Bettina Fraschke: Was können Schreibschüler bei Ihnen lernen?
Josef Haslinger: Sie sollen herausfinden, was sie eigentlich wollen. Wir können sie mit Aufgaben stimulieren. Wir geben ihnen ein Echo. Der erste Schritt der Professionalisierung eines Autors ist, dass er den Text so liest, als wäre er von einem anderen geschrieben. Man lernt das Werkzeug Sprache besser handzuhaben. Sprache ist aber nicht nur ein Werkzeug. Ein Autor lebt auch in ihr, denn darin sind die eigenen Erinnerungen deponiert. Josef Haslinger spricht über die Arbeit mit Studierenden, die sich als AutorInnen auf dem Literaturmarkt positionieren wollen. In meinen Schreibwerkstätten versuche ich tatsächlich aber Ähnliches – auch wenn nie der Anspruch besteht, AutorInnen auszubilden. Denn erst durch die distanzierte Wahrnehmung des eigenen Textes kann jedwedes Feedback gewünscht, verstanden und produktiv reflektiert werden.