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22. Oktober 2018
75 + 35
Kassel + Bonn

Die HNA ist voll davon, seit Wochen Erinnerungen an die Zerstörung Kassels mit tausenden Toten am 22. 10. 1943. Das ist 75 Jahre her, einige Menschen leben noch, die sich erinnern, die geprägt worden sind für ihr Leben. Was mich daran stört? Sich (frühe) Lebens-Prägungen bewusst zu machen, ist überaus sinnvoll, sind sie es doch, auf denen wir unsere Weltanschauung aufbauen, die uns in unseren Handlungen leiten. Wenn wir uns diese nicht bewusst machen, steuern sie uns auch – nur sind wir ihnen dann ausgeliefert. Das gilt für Individuen, das gilt für Institutionen, das gilt für Gesellschaften bzw. Nationen. Soweit so sinnvoll. Aber in diesen Erinnerungen ging es meist eben nicht um diesen erweiterten Blick, sondern meist wurde nur das Grauen noch einmal geschildert, die Verluste noch einmal beweint. Das ist für eine Zeitung aber nicht ausreichend. Sie hat die Aufgabe, tiefer zu gehen, zu befragen, zu kommentieren, Konsequenzen aufzuzeigen, individuelle, institutionelle, gesellschaftliche bzw. nationale. Auch muss sie zeigen, warum so etwas wie 1943 passiert ist und wie man so etwas heute verhindern kann.
Und dann war am 22. 10. noch ein weiterer Jahrestag, der der HNA keine Zeile wert war: Vor 35 Jahren, am 22. 10. 1983, gab es in Bonn eine Großdemonstration für Abrüstung, eine Antikriegsdemonstration mit zehntausenden Menschen. Hätte man diese beiden Jahrestage (75 + 35) nicht wunderbar journalistisch aufbereitet verbinden können?


15. Oktober 2018
Leseüberforderung
Was tun mit all den Stapeln und Ausrissen?

Das ist wahrscheinlich nicht nur mein Problem: Auf der Eckbank stapeln sich ungelesene oder undurchgesehene Zeitschriften, in der Ecke des Schreibtischs stapeln sich ungelesene Ausrisse aus den irgendwann zwischen den Jahren durchgesehenen Zeitschriften. Die ich lesen, studieren gar, aufheben und auch in Kursen oder Veröffentlichungen verarbeiten will. Etwa 30 Ausrisse, ganzseitige wohlgemerkt, hatte ich mit im Wangerland und brachte sie alle (ungelesen) wieder mit nach Hause (es hat einfach nicht geregnet in den drei Wochen an der Nordsee). Jetzt wird also die Altpapiertonne abgeholt (montags alle vier Wochen, immer ein Grund, um aufzuräumen, wir haben übrigens zwei Altpapiertonnen!), und ich nehme den Urlaubsstapel in die Hand, schaue ihn durch, werfe fünf Blatt weg – toll! Die restlichen 25 (zu denen ja noch die wahrscheinlich weiteren 15 der noch undurchgesehenen Zeitschriften auf der Eckbank kommen) lege ich auf den Stuhl, auf den ich immer alles lege, was mit ins Büro wandern soll. Und ich weiß, das Problem ist nicht gelöst. Wobei – ein Problem? Doch, ja. Offensichtlich überfordern mich meine vielfältigen Interessen, meine Lese- und Verarbeitungsansprüche. Aber ich kann doch nicht die Artikel zur Frage nach gegenderter Sprache wegwerfen! Ich kann ja noch nicht mal den Text wegwerfen, in dem es um Konzepte des Schreibenlernens geht (weil er vielleicht für Martina von Interesse sein könnte, die sich gerade fragt, ob ihr Kind denn Schreiben lernt, wenn er sich erst mal nur auf sein Gehör verlassen soll). Und den Artikel, in dem es um Kreatives Schreiben mit Flüchtlingen geht, kann ich auf gar keinen Fall wegwerfen (den bekommt Nadja, aber vielleicht will ich das ja auch noch tun, wenn ich in Rente bin, Alphabetisierung oder so ...). Ja, und die Analyse der aktuellen öffentlichen Sprachgebärden dieser Marie Schmidt (oder war es Antonia Baum?), die mir in der Gendersprachdebatte so aus dem Herzen geschrieben hat (DIE ZEIT, 30. 5. 2018: „Unser Deutsch ist ungerecht und ungenau. Deshalb müssen wir anders sprechen und schreiben als bisher“) – vielleicht kann ich den Text ja als Gastbeitrag hier demnächst posten (nachdem ich ihn gelesen habe, natürlich).
Wenn das alles nicht nur mein Problem ist: Wie lösen Andere das Dilemma, das sich zunächst wie ein zeitliches anfühlt, aber wahrscheinlich auch eins ist, das aus einer Nicht-Fokussierung entsteht – oder aus was? Meine Buchhändlerin erzählte mir neulich, dass sie sonntags abends alle Feuilletons der Woche, die sie bis dahin nicht gelesen habe, wegwerfe – uih uih, wie mutig, nein, das könnte ich nicht!
Jetzt mal vorerst nehme ich ein bisschen Druck von meinen Schultern, auf denen Stapel von Ausrissen liegen (und Papier ist echt schwer), indem ich mit einem kreativen Schreibverfahren an die Artikel herangehe, mal sehen, ob ich danach wieder etwas in der Altpapiertonne entsorgen kann ... Bleibt jetzt ja also nur die Frage zu beantworten: Welchen Artikel beantworte ich zuerst?
Und dann lese ich, dass jeden Tag in Deutschland 200 neue Bücher erscheinen, OH NEIN.


1. Oktober 2018
Wir sind mehr!
Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda

(Eine Art Reportage mit persönlichem Fokus)

17. September. 16.20 Uhr, der Opernplatz ist mit roten Metallständern abgesperrt, die Kioske, Kaufhof und C&A haben geschlossen. 16.30 Uhr, die Straßenbahnen fahren nicht mehr durch die Obere Königsstraße. Bewaffnete Polizei steht auf dem Dach des Café Alex, die Café-Terrasse draußen ist geschlossen. Eine Bühne wird auf dem Opernplatz aufgebaut.
Warum bin ich hier? Ich habe mich nach etwa 15 Jahren zum ersten Mal wieder aufgemacht, um auf der Straße zu zeigen, gegen und für was ich stehe. Ich kann nicht sagen, dass ich Angst habe, dass uns ein zweites Drittes Reich droht. Aber ich kann sagen, dass die AfD- und Pegida-Propaganda und vor allem die vielen, die nicht verstehen, was sie da unterstützen, oder die ihr Gehirn und ihr Herz ausgeschaltet haben, weil sie selbst nicht wissen, wofür sie eigentlich leben (wollen), mir Angst machen. Und ich kann auch sagen, dass mich die Medien unheimlich aufregen. Warum wird über den Tod eines Deutschen, der mutmaßlich von zwei Migranten erstochen wurde, so berichtet, dass daraus solch eine Eskalation wie in Chemnitz entstehen kann? Seiten um Seiten, u. a. auch in der HNA. Warum wird aber über den Tod eines 19-jährigen Deutsch-Marokkaners durch einen 17-jährigen Deutschen nur eine kurze Notiz an einem einzigen Tag veröffentlicht (HNA, 17. 9. 2018)? Es liegt nahe zu glauben, dass die Nordhessische Monopol-Tageszeitung die Einteilung von Menschen in erster und zweiter und dritter Klasse unterstützt.
Ich bin hingefahren an diesem Spätsommermontag, weil ich so wütend bin über die Dreistigkeit, die Lügen, den Hass, die ,Volks’-Verdummung. Weil ich mich so ohnmächtig fühle, weil das vielleicht anders wird, wenn ich sehe, dass auf der einen (meiner) Seite mehr sind als auf der anderen. Weil ich wissen will, wer im Ernstfall ...
„Wir sind mehr!“ Das Motto der aktuellen Bewegung gegen Hass, Hetze und völkischen Rassismus ist gut. Aufgerufen zum Protest gegen die Landtagswahlkampfveranstaltung der AfD hat ein breites Bündnis gegen Rechts aus DGB, Antifa, AStA, Bündnis 90/Die Grünen usw. Uli Schneider von der VVN (1) spricht, es ist laut, ich verstehe nicht alles. Aber was ich verstehe, ist gut: „Faschismus ist keine Meinung!“, sagt er. Später werden wir rufen: „Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda!“ Und ich denke an das, was ich vor Jahrzehnten begriffen habe: Toleranz hat zwei Seiten, die zweite ist gefährlich: Die repressive Toleranz (2) erlaubt unter dem Mantel der vermeintlichen Großherzigkeit und Weltbürgerlichkeit Menschen eine Meinung, eine Position, die Verbreitung von Lügen und Ideologien, die, denkt man sie zuende oder handelt gar danach, Menschen massiv schaden. Es kann keine Toleranz gegenüber völkisch-nationalistischer Propaganda geben!
17.30 Uhr, ein paar Deutschlandfahnen werden geschwenkt, 90 AfD-AnhängerInnen haben sich eingefunden. Wir auf der anderen Seite der Absperrung sind 2.500 – wir sind mehr, zum Glück! Warum haben sich die breitbeinig positionierten und martialisch sich gebenden Polizisten mit bewegungslosen Gesichten und zähnefletschenden Hunden uns zugedreht? Von wem geht die Gefahr aus.
„AfD zu wählen, weil man mit der aktuellen Politik nicht einverstanden ist, ist wie Wasser aus dem Klo zu trinken, wenn einem das Bier in der Kneipe nicht schmeckt.“ Ich muss lachen, als ich dieses Transparent lese. Und dann höre ich: „Hoch – die – antinationale Solidarität!“ Das ist das Highlight des Nachmittags! Ich rufe mit. Solch ein zutreffender Spruch, der den altbekannten kreativ weiterentwickelt hat. Es war immer schwer, früher auch, die Demo-Sprüche aus vollem Herzen mitzurufen – heute geht das, ich freue mich! Und am Ende singen alle diesseits der Absperrungen mit den Ärzten „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe“ (3). Ob Dechant Harald Fischer bei seinen Gesprächen jenseits der Absperrungen etwas hat ausrichten können, wenigstens in Sachen Liebe oder Herzensgüte?

  1. Repressive Toleranz ist der Titel eines Essays des deutschen Soziologen und Philosophen Herbert Marcuse. Diese Abhandlung ist Teil der 1965 erschienenen Kritik der reinen Toleranz.
  2. VVN-BdA e.V. ist die Abkürzung für: Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten.
  3. Schrei nach Liebe ist ein Lied der Berliner Punkrock-Band Die Ärzte, das sich gegen Neonazis richtet und erstmals 1993 als erste Single der Band nach der Wiedervereinigung veröffentlicht wurde.


17. September 2018
Prüfkriterium für Sexismus
Gastbeitrag von Susanne Hüfken

In der Schreibwerkstatt am 13. 9. ließen wir uns von Anfangssätzen utopischer (und dystopischer) Romane inspirieren. Susanne Hüfken wählte den ersten Satz aus einem über 40 Jahre alten Buch, das immer noch die Augen öffnen kann und Spaß macht beim (Wieder)Lesen: Die Töchter Egalias. Leider ist es wohl nur noch antiquarisch zu finden. Aber sicher haben viele Wibschen es noch in ihren Regalen zu stehen. Ich freue mich, dass Sanne mir ihren Text für meinen Blog zur Verfügung stellt. Er schlägt einen Bogen über diese 40 Jahre, er schafft es aber auch aufzuzeigen, dass es erhellend, öffnend und hilfreich sein kann, dieses Buch noch einmal zu lesen, will per sich jedweder Ungerechtigkeit zumindest verbal in den Weg stellen.

Die Töchter Egalias
„Schließlich sind es noch immer die Männer, die die Kinder bekommen“, sagte Direktorin Bram und blickte über den Rand der Egalsunder Zeitung zurechtweisend auf ihren Sohn. Petronius heulte und schrie. „Ich will Seefrau werden! Warum dürfen Männer nicht Seefrau werden? Nur wegen diesem verdammten PH, der angeblich auch am Tauchanzug sein muss – und nicht bissfest genug ist?!“
So ähnlich beginnt der Roman Die Töchter Egalias. Mit einem Kniff macht die Autorin Gerd Brantenberg die Un-Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern deutlich: Sie tauscht einfach die Geschlechterrollen. Das heißt, eigentlich beschreibt sie eine ganz normale Familie in einer ganz normalen Gesellschaft in sowas wie Norwegen in den 1970er Jahren. Der kleine Unterschied hat es in sich: Frauen und Männer tauschen die Rollen.
Durch diesen Trick werden viele Ungerechtigkeiten, Ungleichheiten deutlich und sehr viele Absurditäten in unseren gesellschaftlichen Konventionen.
„Schließlich sind es immer noch die Männer, die die Kinder bekommen.“ Denn mit der Schwangerschaft und der als großes, schönes, lustvolles Ereignis ganz öffentlich zelebrierten Geburt haben die Frauen genug zur Reproduktion beigetragen. Jetzt sind die Männer dran, das schwache Geschlecht. Schwach nicht im körperlichen Sinn, sondern im geistigen.
Als logische Folge können Männer nicht Seefrauen werden. Das sagt doch schon das Wort: Männliche Seefrau – wie bescheuert klingt das denn? Und, Petronius, du weißt: Ein Seefrauentauchanzug hat keinen PH – keinen Pimmelhalter – und ohne einen PH geht kein anständiges Herrlein aus dem Haus.
Ich habe diesen Roman gelesen, als ich 15 Jahre alt war. Und mir gingen Seifensieder auf – nicht dass ich einen BH gehabt hätte oder auch nur gewollt (den hatten meine Mütter ein paar Jahre vorher verbrannt). Aber der Rest …
Seither hatte ich ein Prüfkriterium für Sexismus. Wenn mir etwas komisch vorkommt – im Hinblick auf Gerechtigkeit zwischen Frauen und Männern –, drehe ich die Rollen um. Ist es immer noch Ordnung, wenn eine Frau sich sooo verhalten würde? Wie wird ein Mann angesehen, wenn er das sooo machen würde?
Das fing bei den verdammten Pfiffen an, wenn ich über die Straße ging, und hörte bei der Sprache längst nicht auf. Ich bat um die Flaschenöffnerin und heftete Wichtiges in meine Ordnerin.
Jetzt – nach 30 Jahren – werden Frauenrechte wieder infrage gestellt. Der Streit tobt beim Thema Abtreibung und ums Stillen im Landtag.
Wahrscheinlich ist es wieder Zeit, den Roman zu lesen, sich Fantasie machen zu lassen im Umkehren von Rollen – nicht nur bei Frauen und Männern und Sprache. Auch die Verhältnisse zwischen Menschen mit verschiedenen Hautfarben, Religionen, zwischen Kindern und Eltern könnten so auf Gerechtigkeit überprüft werden.
Gerd Brantenberg: Die Töchter Egalias. Roman. Verlag Frauenoffensive 1987 (Original 1977, Pax Forlag (Norwegen))

Susanne Hüfken wurde 1967 geboren und ist Pfarrerin in der Nähe von Kassel. Feministische Themen oder Sichtweisen auf die Welt begleiten sie seit ihrer Schulzeit. Seit 20 Jahren lebt Susanne Hüfken in einer Gemeinschaft mit 60 anderen Erwachsenen und 20 Kindern, in der sie nach dem Bedürfnisprinzip leben: Alle geben, was sie können, und nehmen, was sie brauchen. Die Gemeinschaft versucht, ökologisch und geschlechtergerecht zu leben und alle wesentlichen Entscheidungen gemeinsam zu treffen.


3. September 2018
Ein neues Gedicht
für die ASH-Südfassade

Die Debatte um das Gomringer-Gedicht scheint immer noch nicht ohne Häme, Sticheleien oder zumindest Untertöne auszukommen. So lese ich jedenfalls das, was Perlentaucher zur nun kurz bevorstehenden Neugestaltung veröffentlicht.
Auf der Website der Alice Salomon Hochschule selbst klingt es anders und auch visionärer.
Auf jeden Fall wird bald folgendes Gedicht der Alice Salomon Poetikpreisträgerin 2018 – Barbara Köhler – dort zu lesen sein, das sich inhaltlich und sprachgestalterisch mit dem Gomringer-Gedicht auseinandersetzt.

SIE BEWUNDERN SIE
BEZWEIFELN SIE ENTSCHEIDEN:
SIE WIRD ODER WERDEN GROSS
ODER KLEIN GESCHRIEBEN SO
STEHEN SIE VOR IHNEN
IN IHRER SPRACHE
WÜNSCHEN SIE IHNEN
BON DIA GOOD LUCK


25. Juni 2018
Solidarität statt Heimat
Oder: Farbe bekennen, wenigstens mit einer Unterschrift

Manchmal muss ich etwas Anderes posten bzw. sagen – mit Sprache und Text hat es immer zu tun, aber nicht immer mit Kreativem Schreiben. Was ich heute sagen will: Solidarität statt Heimat. Es ist unerträglich, die Hetzereien allerorten, von türkischen und bayrischen Nationalisten über Fußballtrainer und -fans bis zu LeserbriefschreiberInnen und NachbarInnen! Was ist eigentlich euer Problem? Seid ihr nicht so satt und reich und sicher und multiprivilegiert, wie man in dieser Welt nur satt und reich und sicher und multiprivilegiert sein kann?!
Ich unterzeichne nicht oft Verlautbarungen im Netz oder auf der Straße, aber gestern musste es sein. Ich habe den Text Solidarität statt Heimat (powered by kritnet, medico international & ISM) unterzeichnet, als 8838.! Falls das Bedürfnis besteht, das auch zu tun, ein winziges Zeichen zu setzen, hier ist der Link.


14. Mai 2018
Die Fassaden-Geschichte
und mein persönlicher Schmerz

Selten habe ich in meinem Leben eine so schmerzhafte Woche erlebt wie die vom 28. 1. bis 5. 2. 2018 (gemeint ist die Woche, in der die Hetze gegen die Alice Salomon Hochschule aufgrund der Gedichtentfernungsentscheidung losging und in der ich um eine Positionierung rang, die hier unter dem 5. 2. (Einmischungen) zu lesen ist). Ja, es gab in meinem Leben natürlich Schmerz aufgrund von Beziehungsdramen, Ängsten um die Kinder, des Todes naher Menschen, einer Krebsdiagnose ... Auf dieser Ebene aber lag (bzw. liegt) der Schmerz nicht, der mich so hart traf.
Es ist ein Schmerz, der durch ein Erkennen entsteht, ein plötzliches Erkennen: dass etwas ganz anders ist als angenommen. Mit einer Wucht, die ich selten erlebte habe, traf mich die Erkenntnis, dass all das feministische Engagement (meines und das vieler Anderer) möglicherweise nichts bewirkt hat, dass mein Vertrauen in die Veränderung eine Illusion war, vor allem aber, dass meine Position, meine feministische Identität nichts gilt.
In meiner Kindheit trug ich Lederhosen, kurze im Sommer, die Kniebundvariante im Winter, kein Kampf darum mit Mama und Papa. Zu Karneval (und auch in manchem Sommer) war ich der Indianerhäuptling der Krusestraße, unangefochten auch von den Nachbarsjungen. Und ganz klar in meinem Innern das Konzept (damals selbstredend nicht so definiert): Ich will nicht kein Mädchen sein, ich will auch ein Junge sein. Später dann die (Mehrfach-)Beziehungsversuche mit Männern und Frauen – da entstand parallel zur Praxis auch ein theoretisches Gebäude, maßgeblich beeinflusst von Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht: Das Konzept der Zweigeschlechtlichkeit mit der diesem innewohnenden Hierarchie ist abzulehnen. Konsequenzen daraus sind die Kämpfe um Gleichberechtigung, um Gleichwertigkeit, schließlich auch immer um die Auflösung der Geschlechterdualität/-polarität; Niederschlag fanden sie in jeder privat geführten Debatte, in der Mitherausgabe der Wuppertaler Frauenzeitung, in Positionierungen im Kommune-Kontext, in der Gründung von Frauen-Schreibwerkstätten ...
Seit etwas mehr als einem Jahrzehnt unterrichte ich nun an der Alice Salomon Hochschule, positioniere mich eindeutig in Inhalten und Sprache; so akzeptiere ich z. B. nicht die Verwendung des generischen Maskulinums, weil Texte dann angeblich leichter zu lesen sind (sind sie übrigens u. a. deshalb nicht, weil vor allem frau beim Lesen mit Aggressionen zu kämpfen hat).
Und nun soll all das, wofür ich brenne, was ich als richtig und wichtig für mich und die Welt meine erkannt zu haben, wofür ich im privaten und im öffentlichen Raum streite, seit ich denken kann, einfach etwas Überzogenes karriereverhinderter Emanzen sein (oder was es an unsäglichen Titulierungen noch so gab/gibt)?
Es hat mich an die Wand geschleudert, es schleudert mich mit fast jeder neuen Verlautbarung in den Medien wieder an die Wand: Ich gelte nicht. Meine Erkenntnis gilt nicht, ist nichts wert, ist überflüssig, hochgezogen, ewig gestrig, in den 68ern stecken geblieben; ich werde psychologisiert, abgewertet, ins Abseits gestellt; ich habe als die, die ich bin, geworden bin, als die ich auf die Welt schaue, als die ich lebe, liebe, unterrichte ... keine Existenzberechtigung – jedenfalls versuchen die Verlautbarungen in den Medien mir diese abzusprechen. Das ist schlimm. Das ist schlimmer, als es die Krebsdiagnose war!
Ich bin 57 Jahre alt, meine erste Erinnerung an eine geschlechtsspezifische Positionierung ist eine im Kindergarten, als ich drei Jahre alt war. 54 Jahre Ringen um Positionen, innere und äußere, 54 Jahre Denken, Fühlen, Wollen, Debatte, Diskurs, Erkenntnisse, Weiterdenken ... und dann: „Was soll der Quatsch?“, „Habt ihr nichts Wichtigeres zu tun?“, „Unersättlich, diese Frauen!“
Wohin mit diesem Schmerz? Und wie komme ich aus dem Entsetzen und der ihm folgenden Resignation wieder heraus? Ich kann es einfach nicht glauben, dass das, was diese (meist) männlichen Schreiberlinge sich erlauben, erlaubt sein soll, dass das (sprachlich und inhaltlich) gelten soll, dass das das Morgen bestimmen soll!


19. Februar 2018
#MeToo
Eine notwendige Debatte

#MeToo ist in aller Munde – iih, ein bisschen eklig, diese Vorstellung. Okay, noch mal: Zu #MeToo äußern sich alle. Und wie bei der Gomringer-Gedicht-Sache verwechseln viele das Eigene, das Private, das selbst Erfahrene und auch Visionen mit dem, was gesellschaftlich notwendig an dieser Debatte ist. Es ist schön, dass viele Frauen noch nie genötigt wurden, es ist schön, dass viele Frauen noch nie sexuell missbraucht wurden – aber diese Tatsache erübrigt nicht eine Debatte über gesellschaftliche Machtverhältnisse, die es ermöglichen, dass so etwas geschieht und nicht geahndet wird! Oder wie Heike Makatsch es in einem Interview zur Debatte sagte: „[...] es geht um Machtmissbrauch. Und darum, die Augen darauf zu richten, dass Frauen gleichberechtigt sein müssen, gleich wichtig, gleich bezahlt, gleich angesehen. Dass ökonomische Strukturen verändert werden müssen, in denen mit abhängigen Menschen unmenschlich umgegangen werden kann. [...]“ (Süddeutsche Zeitung 15. 2. 2018, S. 8).
Zur #MeToo-Debatte empfehle ich den Blog-Beitrag meiner Kollegin Hanne Landeck zu lesen, in dem es um Machtverhältnisse im öffentlich-rechtlichen Rundfunk geht und wie patriarchalisch sie sind: #MeToo – Aus dem Nähkästchen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks/ (abrufbar hier).
Nicht empfehle ich, die Kolumnen des Harald Martenstein im ZEIT-MAGAZIN zu lesen (einfach zu oft sind sie undifferenziert und verschleiern das hinter der Satire stehende Interesse). Er versäumt wie die meisten vom Stammtisch bis in die Vorstandsetagen, zwischen individuellen Verhältnissen sowie institutionellen und gesellschaftlichen (Macht-)Strukturen zu unterschieden. Wenn er dem Schauspieler Matt Damon Mut attestiert, etwas Unbequemes zu sagen, das in der #MeToo-Debatte nicht PC erscheint, ihn bedauert und verteidigt – und was wird da mutig genannt? Damon soll gesagt haben, dass es ein Unterschied sei, ob man „jemandem einen Klaps auf den Hintern gibt oder eine Vergewaltigung begeht“ (ZEIT-MAGAZIN Nr. 7, 8. 2. 2018, S. 16). Äh, ja klar, aber ... Erstens kann ich an dieser Äußerung nichts mutig finden. Zweitens ist das Klima, in dem jemand (welches Geschlecht dieser Jemand wohl hat und in welcher Machtposition dieser Jemand wohl zu dem anderen Jemand steht?!) einem anderen Jemand (dito) einen Klaps auf den Hintern geben kann, ohne dass die Berechtigung infrage gestellt wird, genau das Klima, in dem die Grenzen hin zu massiveren Übergriffen (denn das ist ein Klaps auf den Hintern auch, außer er wurde vorher unter gleichwertigen PartnerInnen vereinbart) sich legitimiert verschieben. Herr Martenstein hat an dieser Stelle nicht weit oder tief genug gedacht und fördert so leider das eben beschriebene Klima – auch wenn er wahrscheinlich etwas Anderes bezweckt hat.
Was ich sagen will: Es geht nicht um ein Denk- oder Sprechverbot, nicht um Zweifel an Auswüchsen von Debatten, sondern darum, dass es gut ist, wenn ein Matt Damon für diese seine Äußerung nicht nur gestreichelt wird – denn sie IST UNSÄGLICH!


5. Februar 2018
Das Gomringer-Gedicht und mein Unbehagen
Oder: Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar (Ingeborg Bachmann)

Warum fiel es mir so schwer mich zu positionieren, wo sich in Windeseile alle Welt privat und in den Medien positionierte? Wovor hatte ich Angst? Ich habe doch sofort den AStA-Brief befürwortet, ich habe einen Offenen Brief ans PEN-Zentrum mit unterzeichnet, also habe ich doch eine Meinung, oder? Was lässt mich erschreckt zusammenfahren, wenn Menschen, mit denen ich mich verbunden fühle, die Gedicht-Entfernungs-Sache mit Bücherverbrennungen in Verbindung bringen, was, wenn sie die Erotik im öffentlichen, ach so aufgeklärten, frauenfreundlichen westeuropäischen Raum auf der Strecke bleiben sehen, was, wenn sie die Freiheit der Kunst (was auch immer das nun sein soll oder warum Altlinke nun plötzlich solch einen liberalistischen Begriff benutzen) an Gebäuden und überhaupt gefährdet sehen? Was hält mich davon ab, sofort zu sagen, natürlich ist das Gedicht sexistisch, aber ja, es fixiert überkommene Frauenbilder? Frauen schenkt man Blumen, Männer schenkt man Whiskey – und wenn ich Whiskey will ... Alleen/Blumen/Männer/eine Bewunderin – ähhh ...

Worum es hier geht:
Das Gedicht (deutsche Übersetzung)
Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Der Akademische Senat der Alice Salomon Hochschule, an der ich seit 2007 Schreibgruppenpädagogik und Schreibgruppendynamik am Masterstudiengang Biografisches und Kreatives Schreiben unterrichte, hat Ende Januar beschlossen, das Gedicht von Eugen Gomringer, das seit einigen Jahren die Südfassade der Hochschule dominiert, zu übermalen. Zum langen demokratischen Prozess in der Hochschule empfehle ich, den Blog-Eintrag meiner (in den Prozess involvierten) Kollegin Nadja Damm (avenidas ahoi!) zu lesen (abrufbar hier).

Worum es nicht geht:
Es geht hier nicht und mir sowieso nicht um Eugen Gomringer, den ich als einen der Väter/Mütter der Konkreten Poesie überaus wertschätze, der den Poetikpreis der Alice Salomon Hochschule unbedingt verdient hat und dessen Gedichte (insbesondere das von ihm als Form erfundene Konstellationsgedicht) ich seit Jahren in meinen Schreibwerkstätten als wunderbare Formen vorschlage zu nutzen. Allerdings: Noch nie habe ich dieses Konstellationsgedicht benutzt, um das es hier geht – schon vor ca. einem Jahrzehnt, als ich es als Schreibpädagogin kennen und für meine Arbeit wertschätzen lernte, benutzte ich dieses mit der Alleen-Blumen-Frauen-Bewunderer-Konstellation nicht als Beispiel, sondern eigene. (Und dass Eugen Gomringer jetzt allerorten als armer alter Mann bedauert und ehrengerettet wird, weil er es nicht verdient habe, als Sexist dargestellt zu werden, ist albern – denn darum geht es wirklich überhaupt nicht in der Debatte! Und es ist doppelmoralisch, denn viele der selbst ernannten RetterInnen der Kultur oder des Poeten halten von der Konkreten Poesie genauso viel wie Rosamunde Pilcher-Fans von Arno Schmidt.)

Worum es geht, aber hier nicht:
Es geht um Demokratie-Prozesse. Dazu empfehle ich, die Kolumne von Stefanie Lohaus (Die Blumen von gestern) in der ZEIT-online zu lesen (abrufbar hier).
Tagelang habe ich mit mir gerungen, versucht mich zu drücken, mich vor mir selbst mit meinem (tatsächlich gerade) anstrengenden Leben zu entschuldigen, mich zu beruhigen mit dem Argument, ich müsse ja nicht zu allem, was irgendwie nach feministischer Positionierung ,schreit’, Stellung beziehen. Das Ringen, die Versuche zu entkommen – Fehlschläge. Und dann fand ich auch noch ein Zitat: „Flüstern Frauen nur bei verschlossenen Türen von Freiheit?“, schrieb die 1818 geborene Frauenrechtlerin Louise Otto-Peters irgendwann Mitte des 19. Jahrhunderts, also vor 150 Jahren. Alos ...

Hier bin ich:
Und sei es nur – wie ich immer voller Inbrunst verkünde, wenn mir FreundInnen von Scham ob des eigenen ohnmächtigen Schweigens in unsäglichen Situationen in der Straßenbahn, im Fitness-Studio, in der Schule oder in anderen (halb-)öffentlichen Räumen –, um eine ANDERE Position DANEBEN zu stellen, um nicht nichts zu sagen, um den Raum für das ganze bereits in der Welt Stehende kleiner zu machen, einfach weil das, was ich dazu zu sagen habe, auch Raum beansprucht.
Hier bin ich und ich beziehe Position. Ich beziehe eine Position aus zwei Perspektiven. Aus den beiden Perspektiven, die ich autobiografisch immer eingenommen habe und professionell auch einnehmen kann und will. Was auch bedeutet: Es wird kein Rundumschlag. (So bleibt z. B. die Frage nach dem Unterschied zwischen grammatischem und semantischem Geschlecht vorerst ausgespart.) Auch versuche ich, ohne diese gewaltige (gewalttätige) Sprache voller Machtanspruch auszukommen.
Die erste Perspektive ist die des Gender Mainstreaming und der feministischen Wissenschaftskritik; die zweite ist die der Sprache als mit der gesellschaftlichen Entwicklung dialektisch verbundenes Phänomen, als von Menschen, Weltbildern und Machtverhältnissen geformte und als Kraft, die wiederum diese mitzuformen vermag. Meine Position verbindet beide Perspektiven.

Gender Mainstreaming:
Wenn Frauen in einem Atemzug mit Alleen, Blumen und einem Bewunderer genannt werden, dann wird unterschieden zwischen Mann bzw. Frau als Subjekt bzw. Objekt, dann wird ein traditionelles Geschlechterbild manifestiert, dann werden Assoziationen wie Hinterherpfeifen, Anzüglichkeiten, Anmache, Übergriffe von Männern im öffentlichen und halböffentlichen (Arbeitsplatz) Raum angetriggert. Das ist eine Perspektive als davon betroffene Frau, die ich einnehme. Aus dieser Position heraus kritisiere ich das Gedicht als sprachliche Setzung, das Denken und Handeln beeinflusst. Natürlich kann man nicht sagen, dass, weil das Gedicht an der Wand steht, es am U-Bahnhof Hellersdorf besonders viele sexistische Übergriffe gibt – aber weil es sie dort immer wieder gibt, kann man die Interpretation des Gedichts als Manifestation eines bestimmten (sexistischen) Blicks auch nicht einfach als Emanzen-Spinnerei abtun.
Das Gedicht bedient auf der inhaltlichen Ebene objektiv eben tatsächlich ein Muster: das der sich als dual, aber asymmetrisch und als alles andere als gleichberechtigt oder gleichwertig gegenüberstehende und mit mannigfaltigen stereotypen Zuschreibungen bedachten Geschlechter Mann und Frau. Die Zwangs-Heterosexualität gehört ebenfalls zu diesem mächtigen Konstrukt. Ich kritisiere das Gedicht aus einer feministischen Perspektive heraus, die nicht jammert, sondern die fordert, dass in jedem Diskurs die Differenz zwischen den Lebenswelten von Frauen und Männern, die sich aus der machtvollen patriarchalen Strukturiertheit aller Gesellschaften weltweit seit jeher gebildet haben und eine grundsätzlich unterschiedliche Weltwahrnehmung zur Folge haben, mit gedacht wird. Geschlecht als die Wahrnehmungen, das Denken und Handeln wesentlich bestimmende Kategorie kann nicht, soll ernst zu nehmende Kritik betrieben werden, ignoriert werden. Genauso wenig wie die Tatsache, dass es einen Unterschied macht, ob ich als weiße Akademikerin auf die Welt (ob in Form eines Gedichts oder in Form eines deutschen Panzers) schaue oder als männlicher Kurde in Nordsyrien.
Angenommen, es ist müßig, über das biologische Geschlecht zu streiten (wobei die Forderungen nach Toiletten für Menschen, die sich nicht zuordnen können, weil sie inter- oder transsexuell oder queer sind, das infrage stellen), müßig ist es nicht, über Gender zu sprechen: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“, schrieb vor über 70 Jahren Simone de Beauvoir in ihrem Buch Das andere Geschlecht und meinte damit das, was heute als Gender bezeichnet wird: die Geschlechtrollen als sozial konstruierte und kulturell überformte. Ein Buchtitel aus dem Jahr 1977 zeigt, wie die Beauvoir’sche Erkenntnis sich im Zuge der erstarkenden Frauenbewegung u. a. in der Sozialpädagogik durchsetzt: Ursula Scheu veröffentlichte Wir werden nicht als Mädchen geboren, wir werden dazu gemacht. Zur frühkindlichen Erziehung in unserer Gesellschaft.
Gender Mainstreaming in Wissenschaft und Forschung sowie in gesellschaftlichen Debatten meint, die Tatsache immer mit einbeziehen zu müssen, dass das, was wir als weiblich oder männlich bezeichnen, dass wie wir als Frauen und Männer (oder als was auch immer) leben, nicht geschlechtsneutral sein kann. Den Blick dafür zu schärfen, die Differenz in den Blick hineinzunehmen, sich der eigenen Blickprägungen vorurteilsbewusst zu nähern und immer aus dem Wissen um diesen nicht neutralen Blick die Verhältnisse zu kritisieren, die Kategorie Gender also immer mitzudenken und damit „alles Vertraute auf seine unausgesprochenen Ausschlüsse hin zu prüfen“ (Gesine Kleinschmit und Elisabeth Lockhart in Lockhart et al. 2000: 54) – das ist unumgänglich! Und wenn wir uns dieser geschlechts- oder gendersensiblen Betrachtungs- und Herangehensweise aussetzen, dann ist darin eben auch die Möglichkeit enthalten, die Konstruktionen, die Frauen wie Männer und alle anderen auch festschreiben und einengen, zu dekonstruieren.

Sprache als Konstrukteurin:
„Wer die öffentlichen Zustände ändern will, muss zuerst bei der Sprache anfangen“, sagte der chinesische Philosoph Konfuzius vor 2.500 Jahren (zit. nach Frauen- und Gleichstellungsbüro 2012: o. S.). Sprache verändert sich, Gesellschaft verändert sich, in jeder Gesellschaft hat die sprachliche Selbstbezeichnung auch mit Identität zu tun. Mit Sprache, mit Begriffen sagen wir etwas darüber, wie wir die Welt begreifen und verstehen, und wir sagen mit den Begrifflichkeiten etwas über uns als Begreifende und Einordnende. Deshalb kann Sprache nicht geschlechtsneutral sein. Sprache in Gedichten kann nicht geschlechtsneutral sein. Und wenn Neutralität gar nicht das Ziel ist, also umgekehrt gedacht wird: Sprache ist immer auch davon geprägt, wie die Kategorie Gender sich in ihr niedergeschlagen hat oder wie sie sich im Akt des die Sprache Benutzenden niederschlägt.
Sprache ist also auch immer etwas, das historische Gegebenheiten abbildet. Das Gedicht ist Anfang der 1950er Jahre entstanden, da durften Frauen noch kein eigenes Konto eröffnen und nicht ohne die Erlaubnis ihres Ehemannes arbeiten – vor diesem Hintergrund kann man es auch interpretieren, aber wenn eine Hochschule im 21. Jahrhundert mit einem Gedicht öffentlich auftritt, dann sind andere Interpretationsebenen zusätzlich zu berücksichtigen.
Eine Hochschule als akadenische und wesentlich durch Sprache sich zeigende und konstituierende Institution kann vor der Tatsache, dass Sprache Spiegel und Visitenkarte ist, nicht die Augen verschließen. Spannend in diesem Zusammenhang sind die Entscheidungen der Universitäten Leipzig und Potsdam (seit 2013) sowie der Humboldt-Universität Berlin (seit 2014), in ihren amtlichen Verlautbarungen das generische Femininum zu benutzen (vgl. Pusch 2015). Erwähnenswert ist auch die Liste bei facebook, die rund 60 Bezeichnungen zur Selbstdarstellung im Kontext Gender anbietet (abrufbar hier).
Und wenn eine Hochschule als öffentliche Institution, in der junge Menschen (vor allem zu SozialpädagogInnen) ausgebildet werden, sich nicht scheut, eine Position einzunehmen, die der Tatsache Rechnung trägt, dass Sprache ein geprägtes System ist, das wiederum Gesellschaft prägt, und sich selbstkritisch zu einer eigenen öffentlichen Verlautbarung an exponierter Stelle der eigenen Institution verhält, dann zolle zumindest ich ihr Respekt. Das Auf-sie-Einprügeln hat sie an diesem Punkt ganz und gar nicht verdient.
(Ganz am Rande bemerkt: Genderkompetenz gilt als Schlüsselqualifikation, die Hochschullehrende sich aneignen und weitervermitteln sollen, seit der Bologna-Reform des Hochschulwesens seit Anfang des 21. Jahrhunderts.)

Das Schlimmste ist für mich:
Selbst wenn Menschen eine andere als eine explizit feministische Position haben, ist es überaus schmerzhaft (und zeigt die Notwendigkeit der feministischen Perspektive und die Notwendigkeit des Daneben-Stellens allerorten), dass die Positionen, die auch nur andeutungsweise die weltweite Situation von Frauen als Gender, als „das andere Geschlecht“, über das sich der Mann, immer noch in jeder Hinsicht erhebt, mit Begriffen wie „hochgezogen“, „übertrieben“, „aus der Luft gegriffen“, „political correctness“, „dogmatische Gesinnungen“ oder gar „Terror“ einfach weggebügelt werden. Man(n) und frau muss sie nicht teilen – aber ihnen auf diese Weise(n) die Existenzberechtigung abzusprechen, ist perfide und unzumutbar und traurig und frustrierend und immer wieder konsequent anzuprangern! Der Wunsch nach Räumen, in denen anders – und das bedeutet keineswegs ausschließlich kuschelnd und konfliktscheu – miteinander kommuniziert wird (Frauenräumen?), ist stärker denn je!

Das Wichtigste für mich:
Vielleicht habe ich gezögert, mich zu positionieren, weil ich länger brauche. Länger als die, die immer schon wissen, wie alles läuft und was alles zu bedeuten hat. Vielleicht aber habe ich auch so lange gezögert, weil ich erst einmal verstehen, wiedererkennen musste, was das Wichtigste ist: nicht, dass wir alle dieselbe Position haben, nicht, dass alle immer (m)einer Meinung sind, nicht, dass es nicht wichtig ist, dass Kunst provoziert oder aufrüttelt oder die Welt infrage stellt – nein, das Wichtigste ist, dass ich Positionen nur gelten lassen kann, wenn die dahinter stehenden Interessen und der eigene (Erfahrungs-, Denk- und Wissenschafts-) Standort transparent gemacht werden. Meinen Standort habe ich transparent gemacht. Mein Interesse: Ich werde nicht aufhören, für eine Welt mich einzusetzen, in der Frauen nicht mehr diskriminiert und unterdrückt werden, weil sie zum ,anderen’ Geschlecht gehören, und in der Menschen nicht mehr auf eine seit Jahrtausenden festgeschriebene Zwangszweigeschlechtlichkeit reduziert werden und in der für alle eine möglichst umfassende Freiheit von und Freiheit für gegeben ist. Und dafür hat es sich ganz und gar nicht ausgegendert –weder auf der individuellen Ebene in meinem privaten Umfeld, noch auf der institutionellen Ebene in ,meiner’ Hochschule, noch auf der gesamtgesellschaftlich-kulturellen Ebene (vgl. hierzu Horst 2017)!

Zum Schluss noch eine Idee:
Eine Idee, erwachsen in meinen Träumen in den letzten Tagen, in denen das ganze Getöse mit in mein Bett kam (ich konnte mich nicht erwehren): Wie wäre es mit einer offenen Schreibwerkstatt, in der Konstellationsgedichte gedichtet werden, Antworten auf das Gomringer-Gedicht, die dann alle auf die Pflastersteine vor der Alice Salomon Hochschule gesprüht werden. Der Studiengang, zu dem ich als Dozentin gehöre (Biografisches und Kreatives Schreiben), könnte dafür die Schirmherrschaft und Verantwortung übernehmen.

Quellen und Weiterlesen:
Beauvoir, Simone de (1980, Original: 1949): Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Reinbek: Rowohlt
Frauen- und Gleichstellungsbüro der Leuphana Universität Lüneburg (2012): Leitfaden: Gendergerechte Sprache an der Leuphana. Abrufbar hier.
Horst, Claire (2017): Alle Geschichten (er)zählen – Aktivierendes und kreatives Schreiben gegen Diskriminierung. Opladen/Berlin/Toronto: Verlag Barbara Budrich
Lockhart, Elisabeth / Nazarkiewicz, Kirsten / Sieger, Elke (Hg.) (2000): Feministische Wissenschaftskritik. Die Methode ist die Gretchenfrage. Frankfurt/Main: Mitteilungen des Zentrums für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse Johann Wolfgang Goethe-Universität
Meininger, André / Baumann, Antje (2017): Die Teufelin steckt im Detail. Zur Debatte um Sprache und Gender. Berlin: Kulturverlag Kadmos
Pusch, Luise (2015): Liebe PCs! Wie denn nun? Generisches Femininum, Binnen-I, Unterstrich oder Genderstern? In: EMMA Nr. 1 (318) Januar/Februar 2015: 74–75
Scheu, Ursula (1977): Wir werden nicht als Mädchen geboren, wir werden dazu gemacht. Zur frühkindlichen Erziehung in unserer Gesellschaft. Frankfurt/Main: Fischer


18. Dezember 2017
Ich werde die Zunge wetzen
Ein automatischer Text zur Lage

Am letzten Abend meines Jahreskurses Kreatives Schreiben letzten Dienstag floss (nach dem Impuls „Zufällt, was reif ist“ von Christa Schyboll) ein automatischer Text aus mir heraus. Er eignet sich als Facette (m)eines Jahresrückblicks.
„[...] Es herrscht Bitternis. Und in der Ödnis wachsen neue Rosen, die niemand besingt, weil niemand vorbeikommt. Nur die Kamele, die aber nicht singen, sie haben das Singen verlernt wie die Menschen, die als politische Gefangene in Erdogans und anderen Knästen ... Und anderntags gibt es Grünkohl, als wäre nichts geschehen. Durch den Briefschlitz ins Herz des Schreckens blicken und allenfalls ein Stück Käse dabei zerkauen. Maoam für vorbeiflitzende Kinder. Das Leben der Anderen findet in der Unterwelt statt. Statthaft ist das nicht. Unbedingt singen wir das Lied von der Erde, um nicht zu verzweifeln vom Plastikmüll in den Biotonnen. Es ist doch ein Bild des Jammers und der Ignoranz. Ein Akt der Dummheit, das Volk zeigt sich, die Masken wurden heruntergerissen. Dabei geht es nur um irrationale Ängste, dass es bald keine Würstchen mit Kartoffelsalat mehr am Heiligabend gibt, sondern Souvlaki oder Döner oder Pekingente, am schlimmsten sind die Veganisten für den Mitläufer, da schwillst nämlich nicht nur den Lobbyisten der Kamm. Am Skattisch, da tobt der gerechte Zorn. Und all die Zacken, die schon aus den Kronen gebrochen sind, reißen sich die Ausländer unter den Nagel, dass aber die die Schwulen, na ja, auch unter Hitler war nicht alles nur ... Die Anderen, die Fluten, die Sintfluten, die gerechten Strafen, die Mauern und Abgründe. Und ich stehe am Rand und taumele. All diese selbstgerechte Dummheit und Gartenzaunmentalität. Ich werde die Zunge wetzen und das Menschen vernichtende Toleranzgebot zerfetzen. In Sachen ,Deutschland zuerst’ ist nicht mit mir zu rechnen.“


27. November 2017
Kollegialer Austausch
Nachlese einer kleinen Tagung

Acht Kolleginnen, acht Facetten des Schreibdidaktischen. Zwei arbeiten im therapeutischen Bereich, drei in der Erwachsenenbildung (und zusätzlich als Journalistin oder als Hochschullehrerin), eine in einer Gesamtschule, eine in der AutorInnenförderung und eine an einem hochschulischen Schreibzentrum. Eingeladen zu dieser vierten Tagung des Netzwerks Kreatives Schreiben Nordhessen/Südniedersachsen hatte ich KollegInnen aus allen Domänen des Kreativen Schreibens. Und dieses Mal ist insbesondere das Konzept „aus allen Domänen“ wunderbar aufgegangen – sodass meine Enttäuschung über die recht geringe Beteiligung sich schnell verflüchtigte. Ein reicher Tag wurde mir geschenkt.
In der Vorstellungsrunde verrieten wir uns alle neben unseren aktuellen Themen und Fragen unsere derzeitige Lieblings-Übung. Hier sind einige Lieblings-Übungen, die sich tatsächlich für viele Schreibgruppenphasen in allen Domänen eignen oder für die eigene Arbeit modifiziert werden können:

  • Listentexte schreiben, auch serielle Texte oder solche, die nur aus Fragen bestehen
  • Lostöpfe füllen (z. B. mit Name, Ort, Begebenheit)
  • Innere Monologe schreiben
  • Fokussiertes Freewriting
  • Anagramme aus dem eigenen Namen bilden vertexten
  • Inspiration durch Gedichte in unbekannten Sprachen
  • 13 Arten, eine Amsel zu betrachten (oder was auch immer, siehe Blogeintrag vom 24. Juli 2017)

In zwei Kleingruppenphasen bearbeiteten wir anschließend vier Themen:

  1. Gibt es eine Zauberformel für TeilnehmerInnen-Akquise?
  2. Wie kommt ihr an Übungen/Methoden für eure Schreibgruppen?
  3. Welche Übungen eignen sich für die Probleme des Anfangens (von akademisch-wissenschaftlichen Texten)?
  4. Wie lässt sich ein Konzept entwerfen für die Implementierung des Kreativen Schreibens an der Schule – jenseits der Nische AG?

Ein wunderbarer Austauschtag! Auch für mich. Denn was ich am meisten vermisse in meiner Arbeit als Schreibpädagogin, ist der kollegiale fachliche Austausch!

Die nächste Tagung ist bereits terminiert. Sie wird am 19. November 2018 stattfinden, wieder in Kaufungen. Das Netzwerk bietet außer der Möglichkeit zum kollegialen Austausch dreimal im Jahr ein offenes Schreibcafé zu wechselnden Themen an; das nächste leitet Kollegin Maria Knissel am 25. Januar 2018 (19 Uhr, Café am Bebelplatz, Kassel) zum Thema Anfänge.


20. November 2017
Warum es läuft und warum nicht
Coaching-Erlebnisse 1

Eine Hausarbeit ist zu schreiben. Als letzter Teil ist gefordert, die eigene Rolle als pädagogische Fachkraft in einem heilpädagogischen Arbeitsfeld zu skizzieren. Mein Coachee macht sich eine halbe Stunde lang handschriftlich Stichpunkte, setzt sich an den Computer und schreibt in einer Stunde diesen Teil ,runter’. Ich lese die Seite und sage nur: Wow!
Später frage ich mich: Warum hat das so reibungslos, so stockungslos, so ohne genervtes oder verzeifeltes Stöhnen und Stift-Zerkauen, wahlweise Kopfkratzen und prokrastinierende Gartenarbeit geklappt? Ich gebe diese Frage an den Coachee weiter.
Er sagt: mehreres: 1. Wenn ich meine Position beschreiben soll und keine Fremdpositionen einarbeiten muss, dann kann ich das. 2. Wenn ich etwas schreibe, worüber ich mir schon oft Gedanken gemacht habe und was ich schon in der Praxis selbst erfahren habe, dann kann ich das strukturieren und formulieren. 3. Wenn mich etwas interessiert, dann bin ich sogar instrinsich motivierter, was das Schreiben betrifft.
Ich denke: Genau, er weiß es doch. Und: So ist es doch. Und: Ist es denn nicht genau das, was sozialpädagogische praxisrelevante Wissenschaft will – dass man etwas so lange durchdenkt und durchlebt, dass man Theorie und Praxis vermittelt, um schließlich eine eigene Position zu entwickeln, die es einer/m auch erlaubt, das eigene Handeln reflektierend immer wieder zu überprüfen, die Position also im Zusammenklang von Denken und Handeln im Resonanzraum des Arbeitsfeldes weiterzuentwickeln?

Zum Weiterdenken empfehle ich die Lektüre des folgenden Aufsatzes:
Girgensohn, Katrin (2008): Schreiben als spreche man nicht selbst. Über die Schwierigkeiten von Studierenden, sich in Bezug zu ihren Schreibaufgaben zu setzen. In: Rothe, M. / Schröder, H. (Hg.), Stil, Stilbruch, Tabu. Stilerfahrung nach der Rhetorik; eine Bilanz (Vol. Semiotik der Kultur). Berlin/Münster: LitVerlag: 195–211


10. Juli 2017
Wider den Genderhass
Argumente gegen rechtspopulistische und antifeministische Positionen

In der Kasseler Frauenzeitschrift K(r)ampfader (II. Quartal 2017) las ich einen Text, der mich erschreckte und begeisterte und überzeugte und den ich deshalb in die Netzwelt stellen möchte. Der Text der Soziologiestudentin Rebekka Blum heißt „Angst um die Vormacht­stellung. Antifeminismus und Genderhass sind ein Bindeglied zum Rechtspopulismus“.
Der Text ist zuerst erschienen in iz3w Nr. 359, März/April 2017 (www.iz3w.org/zeitschrift/ ausgaben/359_rechtspopulismus), heraus­gegeben vom informationszentrum dritte welt in Freiburg. (Die iz3w erscheint seit 1970 und ist eine der ältesten unabhängigen ent­wick­lungspolitischen Zeitschriften in Deutschland.)
Gestern schrieb Susanna Naumann, eine meiner Studentinnen an der Uni Kassel: „Alle Menschen sollten Feministinnen und Fe­mi­nisten sein.“ Und genau darum geht es. Und vielleicht könnte ja eine Aktion sinnvoll sein, bei der Frauen und Männer schreiben, warum sie FeministInnen sind oder den Feminismus für mindestens genauso nötig halten wir vor 40 Jahren.


3. Juli 2017
Das ß jetzt auch in groß!
Alte Fragen und neue Freude

Och, nun, was soll man sich über so etwas groß (GROSS geht ja jetzt nicht mehr) aufregen oder was soll man sich darüber auslassen? Also nur ein paar Wörterchen. Zum Aufregen (wie es viele der Menschen, die ich am vergangenen Wochenende traf, taten) finde ich an der neuen Erfindung nichts.
Dass das ß nicht abgeschafft worden ist, fand ich gut, damals bei der letzten Rechtschreibreform. Dass es das ß nicht als Großbuchstaben gab, hat mich schon als Kind irritiert, musste ich doch dann Straße falsch schreiben, schrieb ich es in Großbuchstaben. Irritierend, dass die Erwachsenen offensichtlich da etwas übersehen hatten. Wer konnte dafür verantwortlich gemacht werden? Die befragten Lehrkräfte schüttelten die Köpfe, zuckten mit den Schultern. Als ich dann selbst erwachsen war, hatte ich mich daran gewöhnt. Die Regeln kannte ich, ich wendete sie automatisch an, also: freier Platz im Gehirn für andere Fragen.
Und dann vollkommen unerwartet, mitten im Jahr 2017 (am 29. 6.), in meinem 57. Lebensjahr, knapp 50 Jahre nach meinen Irritationen, haben sich irgendwelche Erwachsenen plötzlich besonnen und diesen merkwürdigerweise vollkommen deutschen (und österreichischen) Gegenstand, das ß, auch als Großbuchstaben erfunden. Das nahm ich dann auch zum Anlass, mal in die Historie zu schauen – und siehe da, schon 1879 gab es in der Fachzeitschrift Journal für Buchdruckerkunst zum ersten Mal den Vorschlag, auch ein großes ß einzuführen; und 1925 wurde die Notwendigkeit, diesen Buchstaben zu kreieren, im Duden genannt. Gedauert hat es dann noch einmal 92 Jahre bis zur Einführung (vgl. wikipedia.org/wiki/Großes_ß).
Überzeugend ist das grafische Ergebnis keinesfalls, aber da kann man ja noch was machen, eine Schriftenentwicklerin vielleicht, die sich als Grundschülerin die gleichen Fragen stellte wie ich. Aber dass es das ß jetzt als Großbuchstaben gibt, ist meines Erachtens eine großartige Sache. Ich freue mich, kein Wort mehr falsch schreiben zu müssen. Wie der neue Buchstabe in meinen Computer kommt, muss ich noch herausfinden ...


26. Juni 2017
Wie Schreiben passiert
Juli Zeh: Grimm-Gastprofessorin 2017

„Sie versteht es, politisches Engagement mit literarischer Finesse zu verbinden.“ Stefan Greif, der Professor für Literaturwissenschaft sagte das am 20. Juni über Juli Zeh in seiner kurzen Einführung zur Vorlesung der Schriftstellerin, die in diesem Jahr die Grimm-Gastprofessur des Instituts für Germanistik an der Universität Kassel inne hatte. Sie schreibe gar keine politischen Romane und stehe immer noch ratlos und glücklich vor dem, was Literatur ausmacht, sagte wenig später Juli Zeh. Der Abend versprach spannend zu werden. Und das wurde er für rund 400 Zuhörende im großen Hörsaal an der Moritzstraße.
Spannend, witzig und geistreich schlug Juli Zeh den Bogen ihres literarischen Schaffens von ihrem ersten Roman, den sie mit zehn schrieb und unter den Dielenbrettern unter ihrem Kinderzimmerfußboden versteckte, bis zu ihrem 2016 erschienenen Roman Unterleuten (Luchterhand 2016) der das Universum eines brandenburgischen Dorfes mit all seinen Individualuniversen einzufangen versucht. Sie erzählte anderthalb Stunden lang über ihr Schreiben und über das, was sie eigentlich immer vorrangig zu tun hatte, während sie ihre Romane schrieb: das erste und das zweite juristische Staatsexamen bestehen, Kinder gebären und versorgen usw. Schreiben, Literatur sei nichts, was sie mache, schon gar nicht unter (Auftrags-)Druck; es passiere, und es gelinge, „wenn man sich gerade nicht anstrengt“ (Nachtschichten allerdings lassen sich dann nicht verhindern).
Juli Zeh sprach mir aus der Schreibpädagogin-Seele. Wenn meine SchreibschülerInnen etwas unbedingt wollen, dann kommt meist eher etwas Verkrampftes, etwas Gewolltes eben, heraus; wenn sie sich aber erlauben, einfach zu schreiben, etwas geschehen zu lassen, dann entstehen oft ganz besondere Stücke – das zeigend, was bewegt, wo echte Fragen sind, was so vielleicht auch noch nie jemand geschrieben hat.
Eine Poetik wolle und könne sie nicht bieten („Poetik ist das, was Autoren erfinden, wenn sie zu Poetikvorlesungen eingeladen werden“), sie tue das, was alle Menschen tun, was also menschlich zu nennen ist: Wir aktivieren die erzählerische Instanz in uns und bilden Narrationen, um die uns überwältigende und überfordernde Überfülle in ein Ordnungssystem zu bringen. Also: „Wir sind alle Ich-Erzähler.“ Und das sind wir auch, wenn wir nicht in der 1. Person singular erzählen. Das sind wir, wenn wir die Weltendinge, die uns in Unruhe verstzen, die uns Rästel aufgeben und drängende Fragen aufwerfen, erzählend versuchen zu fassen. Juli Zeh versuchte das in bisher sechs veröffentlichten Romanen sowie Theaterstücken und Kurzgeschichten.
Mich hat besonders ihr zweiter Roman Spieltrieb (Schöffling & Co. 2004) gefesselt, den ich tatsächlich als überaus politisch empfinde, greift er doch gesellschaftliche Phänomene auf, die sich in den 13 Jahren seit Erscheinen des Romans massiv intensiviert haben: Manipulation, Missbrauch, Lügen, Mobbing, Kälte und massive moralische Unsicherheit an Schulen. Und einen politischen Anspruch scheint Juli Zeh doch auch zu haben, denn in ihrem Abschluss-Statement kritisierte sie überaus scharf diejenigen, die einfache Lösungen wieder salonfähig machen, und pädierte für die Multiperspektivität als Metapher: Davon auszugehen, dass die Gesellschaft aus sieben Milliarden Einzelperspektiven bestehe, hindere das Individuum daran, aus seiner Ich-Perspektive heraus ein Recht auf Macht abzuleiten – und zu hassen. Wie auch sonst sollte man leben unter Leuten?


17. April 2017
Ostereier?
Drei Statt-Oster-Eier-Zitate

  1. „Mit sich beginnen, aber nicht bei sich enden, bei sich anfangen, aber sich nicht selbst zum Ziel haben.“ (Martin Buber)
  2. „Die Freiheit, etwas anders zu glauben, etwas anders auszusehen, etwas anders zu lieben, die Trauer, aus einer bedrohten oder versehrten Gegend zu stammen, den Schmerz der bitteren Gewalterfahrung eines bestimmten Wirs – und die Sehnsucht, schreibend eben all diese Zugehörigkeiten zu überschreiten, die Codes und Kreise in Frage zu stellen und zu öffnen, die Perspektiven zu vervielfältigen und immer wieder ein universales Wir zu verteidigen.“ (Carolin Emcke, aus der Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandles 2016)
  3. „Niemand hungert, weil wir zu viel essen. Sondern weil wir zu wenig denken.“ (anonym)


30. Januar 2017
Hinschauen ...
... und nicht schweigen

„Ihr tragt keine Schuld für das, was passiert ist, aber ihr macht euch schuldig, wenn es euch nicht interessiert.“ Esther Bejaranos Satz passt auf so vieles, was in der Welt passiert. Da muss man gar nur nicht Trump, die AfD oder Diktaturen in den Blick nehmen. Auch in ein armes Land zu reisen und in einem 5-Sterne-Hotel zu logieren und die Augen vor den 500 Meter weiter liegenden Slums zu verschließen, heißt in diesem Sinne, sich schuldig zu machen.
Esther Bejarano (geb. Loewy, * 15. 12. 1924 in Saarlouis) ist Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz. Dort spielte sie im Mädchenorchester. Heute engagiert sie sich gegen rechtsradikale Gewalt und Propaganda.


2. Januar 2017
Freibrief, Entlastung und Verantwortung
Quo vadis?

„Wissenschaft ist der augenblicklich geltende Irrtum.“ Das schrieb der philosophische Anthropologe und Soziologe Arnold Gehlen (1904–1976), der auch Gegenspieler von Adorno war, was hier aber jetzt nicht von Belang sein soll. Das Zitierte ist von Belang. Für mich. Ich kann es als Freibrief verstehen, alles zu glauben, mich nicht entscheiden zu können oder zu müssen. Ich kann es auch als Entlastung verstehen, nicht glauben zu müssen, alles jetzt und sofort und für alle Ewigkeit erkennen zu müssen (was mir während des Schreibens meines Fachbuchs Schreiben wir! dann und wann arge Schwierigkeiten bereitete), gar niemals alles erkennen zu können. Ich kann es schließlich auch als Aufruf zur Verantwortung verstehen, immer noch einmal und immer wieder noch einmal hinzuschauen, die von mir konstruierte Wirklichkeit mit einzubeziehen, den unvermeidbaren Irrtum, die unvermeidbare Vorläufigkeit oder gar die unumgängliche Beschränktheit aller Erkenntnisse mir zu vergegenwärtigen. Um daraus eine freundlich-kritische Hermeneutik abzuleiten. Um aber daraus auch den Mut abzuleiten, Fragen zu stellen und zu sagen: „So will ich leben, so will ich nicht leben. Das toleriere ich, das toleriere ich nicht.“
Wissenschaft ist nach meinem Verständnis gegenwärtiges Hinschauen, ist eingebettet in historische und Herrschaftsverhältnisse, ist Ideologiekritik, ist Übernehmen von Verantwortung, ist immer subjektiv an mich als Forschende und Denkende und Handelnde gebunden. Und wenn ich immer einkalkuliere, dass meine Erkenntnisse auch Irrtümer sein können, wird es zwar nicht leichter, aber menschlicher, das Denken und Handeln, das Forschen, das Leben. In diesem Sinne: Ein gutes Jahr 2017.


7. November 2016
Carolin Emcke und Durs Grünbein
im Literarischen Zentrum in Göttingen

Das wird keine Nachbesprechung der Veranstaltung Gegen den Hass am 4. 11., kein Bericht, keine Kritik, keine Einordnung, in was auch immer. Das wird eine persönliche Nach-Lese. Ich habe aufgelesen, Früchte, die aus den beiden wuchsen, die mir vor die Füße rollten, die ich auf-lesen und mit nach Hause nehmen durfte.
Zu Pegida/AfD und den Montagsdemonstrationen in Dresden und anderswo sagte Carolin Emcke: „Nicht alles, was sich bewegt, ist gerecht. [...] Nicht jede soziale Bewegung ist emanzipatorisch.“ Wie wahr! – Zum autobiografischen Schreiben sagte sie: Sich schreibend zu erinnern, sei ein erster Akt von Befreiung, weil man so möglicherweise erst einmal des Beeinträchtigenden habhaft werden könne. Wie wahr! – Auf die Frage, was denn helfe, sagte sie: Ästhetische Antworten auf die Verlockung des Stammtischniveaus, den So der Entfremdung seien zum einen die Zartheit der Wahrnehmung, zum anderen die Verlangsamung des Wahrnehmens und des Urteils; man müsse wahrnehmen, an welchen Stellen man sich auch anders entscheiden kann. Wie wahr! – Die Erkenntnis, die ich vor allem mitnehme, ist die: Manchmal ist es schon genug (oder es wäre genug, wenn mehr es sich trauen würden), einfach nur zu fragen, ob im Privaten, in der Schreibwerkstatt, in der Straßenbahn, beim Sport, im Café und anderswo: Ist das wirklich so? Wer sagt das? Woher kommt dieses Wort?
An dieser Stelle möchte ich auch empfehlen, die Dankesrede zu lesen, die Carolin Emcke anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deustchen Buchhandels am 23. 10. 2016 in der Frankfurter Paulskirche gehalten hat
Von Durs Grünbein will ich hier poetologische Sätze zitieren: „In der Poesie ist das Wort im Traumzustand. [...] Gedichteschreiben ist die Möglichkeit, Abstand zu sich selbst zu bekommen, es geht gerade nicht, wie immer behauptet wird, um das Ich. [...] Etwas in mir schreibt ein Gedicht, ich bin es und ich bin es nicht.“ Genau!


26. September 2016
Mein Buch in der Welt
Was ich beim nächsten Mal anders machen würde

Mein Buch – Schreiben wir! Eine Schreibgruppenpädagogik (ISBN 978-3-8340-1652-2) – ist fertig und stößt auf Interesse. Es gab schon einige positive Rückmeldungen. Ich freue mich, es in die Welt tragen zu können. Noch mehr freue ich mich, wenn es Menschen erfasst, berührt, beflügelt, die Schreibgruppen leiten.
Ich muss aber mal ein wenig stöhnend reflektieren über den Schreibprozess ... Wenn ich noch einmal anfinge, sollte ich Folgendes vermeiden:
1. Ich sollte als Grundlagentext nicht einen nehmen, den ich für einen ganz anderen Zusammenhang geschrieben habe. Noch bis zum Ende war ich damit beschäftigt, die (sprachlichen) Ebenen zu durchdenken, zu verändern, mich zu ärgern, dass ich mal nur darstelle, mal meine Tipps verbrate und mal diskutiere, ohne dass es klar ist, an welcher Stelle ich was warum tue. Am Ende bin ich zufrieden, aber es wäre viel Zeit einzusparen gewesen, hätte ich diesen Grundlagentext als gedankliches Gerüst genommen, eine Gliederung für mein Buch erstellt und alles neu formuliert – zumal ich deutlich weniger Zeichen zur Verfügung hatte.
2. Ich sollte viel früher andere Menschen einbeziehen, sollte TestleserInnen bitten, einen kritischen Blick auf mein Manuskript zu werfen. Die Kritik meiner fünf TestleserInnen konnte ich verstehen und wertschätzen, zum großen Teil hat sie sich sogar mit meinen eigenen Zweifeln oder Fragen gedeckt. Aber ich bin der irrigen Meinung aufgesessen, ich könne erst etwas herausgeben, wenn es so gut wie fertig ist (als Schreibprozessbegleiterin sollte ich es eigentlich besser wissen). So ist durch das späte Einbeziehen ist dann die Endüberarbeitung noch einmal extrem aufwändig geworden.


18. Juli 2016
Brauche ich das ...
... oder kann das weg?

Zum aktuellen Pokémon Go-Hype könnte ich viel sagen, ich sage aber nur mit Sokrates:
„Was es nicht alles gibt, was ich nicht brauche.“ (Was das Pendant zum Online-Monsterspiel im antiken Griechenland war, ist mir leider nicht bekannt.)


23. Mai 2016
Behindert oder behindernd
Ein Kommentar

Zweimal im Jahr erscheint die Zeitschrift Facetten, die auf 20 Seiten über Neuigkeiten, Erfolge und ganz Alltägliches aus der Sozialgruppe Kassel e.V. bzw. aus ihren fünf Zweckbetrieben informiert (und die ich als Redakteurin mitbetreue). In der Nummer 30, die am 19. 5. erschienen ist, ist ein Text über den Begriff der Behinderung veröffentlicht, den ich im Folgenden dokumentieren möchte:

Dieser Text behindert!
Der Begriff der Behinderung heute und morgen

Nach § 2 Abs. 1 Satz 1 des SGB IX und § 3 des Behinderten-Gleichstellungsgesetzes des Bundes (BGG) sind Menschen behindert, „wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist“. Ergibt eine fachliche, oft medizinische Einschätzung als Ergebnis, dass ein Mensch im Sinne dieser Definition behindert ist, so ist er im Sinne des SGB IX leistungsberechtigt und darf z. B. in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung eine Rehabilitationsmaßnahme in Anspruch nehmen.
Maßgeblich für die Anerkennung einer Behinderung ist bis heute eine medizinische Diagnose oder ein Sachverständigen-Gutachten. Dabei stützt sich die medizinische Diagnose auf die sogenannte internationale Klassifikation einer Dysfunktion bzw. Funktionsstörung (engl. ICD).
Mit der Einführung des Bundesteilhabegesetzes und der damit verbundenen Umsetzung der UN-BRK wird auch eine neue Definition von Behinderung eingeführt. Diese neue Erklärung stützt sich auf die internationale Klassifikation einer Funktion (engl. ICF). Grundlage ist dabei nicht mehr das Vorliegen einer medizinischen Einschränkung, vielmehr entsteht die Behinderung durch Faktoren in der Umwelt. Diese Faktoren behindern die Gesundheit funktional, daher auch die Bezeichnung „Funktionale Gesundheit“. Wird ein Mensch von einem dieser Faktoren behindert, so entsteht eine Teilhabebeschränkung. Ist diese Teilhabebeschränkung erheblich, so hat dieser Mensch das Recht auf eine individuelle Leistung, die diese Teilhabebeschränkung aufhebt.
Haben Sie den Text verstanden? Kennen Sie alle hier genannten Begriffe? Nein? dann behindert Sie dieser Text! Sie benötigen Hilfe, Sie brauchen eine Übersetzung. Genau darin besteht der Unterschied! Nicht das Vorliegen einer nachweislichen Lernbehinderung, sondern der viel zu kompliziert verfasste Text ist die Ursache für die Behinderung. Eine Lösung ist, den Text in sogenannter Leichter Sprache zu verfassen, oder jemand erklärt Ihnen alles ganz einfach.

Versuchen Sie doch einmal, diesen Text in Leichter Sprache zu verfassen, und senden Sie uns ihre Vorschläge. Die beste ,Übersetzung’ wird in der nächsten Ausgabe abgedruckt. Ihre Zuschriften senden Sie an die Redaktion.
Mike Alband-Nau (Einrichtungsleitung der Kasseler Werkstatt für Menschen mit Behinderung)

SGB IX: 9. Buch des Sozialgesetzbuches: Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen
ICD: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems
ICF: International Classification of Functioning, Disability and Health
UN-BRK: Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen


9. Mai 2016
Kürzestgeschichten
Passendes Genre für die Postmoderne?

Möglicherweise ist es etwas idealistisch oder naiv zu denken, was Jan Röhmert in der FAZ zu den Kürzestgeschichten von Klaus Johannes Thies formulierte: „Wie gut, dass es diese Prosa über gar nichts weiter gibt – sie enthält alles, was zählt.“ Möglicherweise sehnen wir uns nach den allerkürzesten Geschichten, die genau eine Sache in den Blick nehmen, um sich in der Komplexität der Welt auszurichten auf eben jenes Detail, das die Kürzestgeschichte, wie mit einem Spot angestrahlt, scharf hervorhebt. Möglicherweise ist es auch das, dass der Mensch in der Postmoderne (wie kurioserweise unsere Zeit bezeichnet wird – man fragt sich doch, was denn wohl danach noch kommen soll) weder Zeit noch Muße hat, sich auf Epen, auf Tausendseitenromane, auf komplexe Weltengeschichten einzulassen (obwohl es für das Gegenteil auch Beweise gibt, wie etwa Harry Potter) und die schnelle Unterhaltung, die schnelle Perspektiveneinstellung, die schnelle Welterklärung sucht.
Möglicherweise aber bleibt den heutigen GeschichtenschreiberInnen gar nichts Anderes, als zu versuchen, Ausschnitte des Universums zu betrachten, möglichst genau zu betrachten, zu fassen, auf den Punkt zu bringen in ihrer verwirrenden Vielschichtigkeit und kaleidoskopartigen Zerbrechlichkeit, weil mehr erfassen zu wollen vermessen wäre.
Auf jeden Fall aber vermögen Kürzestgeschichten, sind sie denn so gestaltet, dass sie nicht holzschnittartig zu simplifizieren suchen, tatsächlich alles – wie ein Tausendseitenroman.
Ich möchte hier ein paar dieser modernen Kürzestgeschichten, die mich faszinieren, zitieren. Die kürzeste mir bekannte ist allerdings schon vergleichsweise alt, die stammt aus der Feder von Ernest Hemingway: For sale. Baby shoes. Never worn.

Franz Hohler: Begegnung (aus: 111 einseitige Geschichten, Luchterhand 1981)
Da ging einmal ein Mann ins Büro und traf unterwegs einen anderen, der soeben ein französisches Weißbrot gekauft hatte und sich auf dem Heimweg befand.
Das ist eigentlich alles.

Ana Maria Matute: Das Mädchen, das nirgendwo mehr war (aus: Spanische Kürzestgeschichten, dtv 1994)
Drinnen im Schrank roch es nach Kampher, nach gepressten Blumen – Asche in Scheibchen. Nach weißer kalter Winterwäsche. Drinnen im Schrank hütete eine Schachtel kleine rote Mädchen Schuhe mit Troddeln. Daneben lag in Seidenpapier und Naphthalin die große Puppe mit den dicken harten Wangen, die man nicht küssen konnte. In den runden starren Augen aus blauem Glas spiegelten sich die Lampe, die Zimmerdecke, der Schachteldeckel, und früher auch die Kronen der Parkbäume. Die Puppe, die kleinen Schuhe gehörten dem Mädchen. Aber in diesem Zimmer war es nicht zu sehen. Es blickte auch nicht aus dem Spiegel über der Kommode. Auch nicht aus dem gelben verrunzelten Gesicht, das sich die Zunge anschaute und Lockenwickler ins Haar drehte. Das Mädchen in diesem Zimmer war nicht gestorben, aber es war nirgendwo mehr.

Lydia Davis: Kontingenz (versus Notwendigkeit) 2: Im Urlaub (aus: Kanns nicht und wills nicht. Stories, Literaturverlag Droschl 2014)
Er könnte mein Mann sein.
Aber er ist nicht mein Mann.
Er ist ihr Mann.
Und so macht er ein Foto von ihr (und nicht von mir) in ihrer geblümten Strandgarderobe vor der alten Festung.

Camille Esses: Erdnussbutter (aus: Überraschungen. Die besten Sekundenstorys, Insel Verlag 2015)
Er war dagegen allergisch. Sie tat so, als wüsste sie es nicht.

Klaus Johannes Thies: Mit Stehlampe (1) (aus: Unsichtbare Übungen. 123 Phantasien, edition AZUR 2015)
Die Stehlampe ist noch an, brennt noch ein bisschen nach. Die neuen Frühjahrserscheinungen werden von HERKUNFT und HEIMAT erzählen und von meinem Vater, der sagt: „Ich will noch mal ans Meer – ein letztes Mal das Meer sehen.“ Das wäre ein schöner Satz für meinen Vater gewesen. Hatte die ersten zwei Worte auch schon formuliert, kam nur nicht dazu, sie auszusprechen. Spielte mit den Knöpfen und fühlte sich gleich viel besser, weil alles andere kannte er bereits. Konnte alle Fragen beantworten, blätterte die Bilder durch. Und es war schön, einfach vor der Stehlampe stehenzubleiben.
Zwei Reclam-Hefte sind (zusätzlich zum Bändchen Überraschungen) ein Fundus für Kürzestgeschichten: 9569 und 15064.


4. April 2016
Yogisches Schreiben
Ein Versuch, Praxis zu fassen

Den Begriff Yogisches Schreiben gibt es in der Literatur nicht. Aus meiner Erfahrung im Schreiben und – deutlich geringer – im Yoga, aber vor allem aus dem Zusammendenken dem Nacheinander-Praktizieren der beiden Formen des Seins habe ich folgendes Verständnis entwickelt:

Yogisches Schreiben ist (oder kann sein)
  • achtsames Schreiben, das (die Sinne) für das Innen und das Außen öffnet
  • das Schreiben in Formen (zur Stabilisierung und Grenzerfahrung)
  • erinnerndes Schreiben (um unterscheiden zu können zwischen Damals und Jetzt)
  • reflektierendes Schreiben (z. B. zu einer Lebensfrage)
  • entlastendes Schreiben (,Blödelerlaubnis’)
  • Abschreiben (z. B. eines philosophischen Textes)
  • Rezitation (fremder Texte, aber auch das In-den-Raum-Stellen der eigenen Stimme, der eigenen Texte)

Yogisches Schreiben fördert die vom Yoga-Lehrer Jon Kabat-Zinn (Zur Besinnung kommen, Arbor Verlag 2005) aufgeführten inneren Einstellungen aus der Achtsamkeitspraxis: Nicht-Beurteilung, Geduld, Anfänger-Haltung (Beginner’s Mind), Vertrauen, Vernachlässigung einer Zielorientierung oder ,Projektmentalität’, Akzeptanz, Loslassen-Können.
In meine Unterrichtspraxis als Schreibpädagogin fließen diese Formen des von mir so benannten Yogischen Schreibens seit je ein. Schön ist es, nach und nach immer mehr Implizites, das ,automatisch’ aus mir und im Kontakt mit Anderen entstanden ist, mir bewusst, also explizit zu machen und gezielter einsetzen zu können.


13. Oktober 2015
Verantwortlich?
Literatur in Krisenzeiten

Viele meiner Bekannten engagieren sich mehr oder zum ersten Mal in ihrem Leben für ihnen nicht bekannte Menschen, im Haus meiner Schwester und meines Schwagers lebt seit einigen Wochen ein junger Mann aus Syrien, eine Freundin mit Job und vier Kindern schläft schlecht, weil sie so ein schlechtes Gewissen hat, dass sie niemanden aufnimmt ... So viele Menschen sind gekommen, die Hilfe brauchen, die ja nicht aus Lust und Laune weggehen aus Syrien, aus Afghanistan, aus Eritrea, aus dem Sudan ... Die aktuelle gesellschaftliche Situation, die täglichen Gespräche, Gedanken, Handlungen, Nachrichten sind geprägt vom Weggehen und Nicht-Ankommen, vom Zurücklassen und von Perspektivlosigkeiten – und so viele drehen sich nicht weg, um ihr bequemes Leben weiterzuleben (was ja tatsächlich immer noch locker geht).
Wirkt sich diese Gesamtsituation auch auf das Schreiben, auf die Literatur, den Literaturbetrieb aus?
Dass sich Politisches oder Öffentliches sowie Privates oder Nicht-Öffentliches dialektisch durchdringen, dass das Private politisch ist und das Politische das Private prägt – eine spätestens seit der Nach-68er-Frauenbewegung nicht mehr zu leugnende Wahrheit. Wenn dann der Literaturnobelpreis an eine Journalistin geht (die Weißrussin, Weltenbürgerin und literarische Chronistin Swetlana Alexijewitsch) und diverse politisch engagierte Bücher auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis geraten, dann kann man vermuten, wie es DIE ZEIT tut (Beilage zur Frankfurter Buchmesse No. 41, Oktober 2015), dass die aktuelle gesellschaftliche Situation Literatur Produzierende und Literatur Kritisierende und schließlich in Folge Lesende stark beeinflusst. Sogar dahingehend, dass von Literatur plötzlich Engagement, Positionierung, Aufklärung, Utopien verlangt werden. Von den Produzierenden, von den Kritisierenden, von den Lesenden.
In der oben erwähnten Beilage kann man u. a. ein spannendes Gespräch lesen zwischen dem Moderator Ijoma Mangold sowie drei AutorInnen von Werken von eben jener Longlist: Jenny Erpenbeck (gehen, ging, gegangen), Ulrich Peltzer (Das bessere Leben) und Ilija Trojanow (Macht und Widerstand). Ich möchte von allen dreien Passagen zitieren, die mich besonders berührt haben und die zeigen, was Schreiben in Zeiten sein kann, die eine Gesellschaft massiv herausfordern:
Jenny Erpenbeck: „Für mich ist es nicht so, dass ich sage: ,Ich möchte ein politisches Buch schreiben’ oder ,Ich möchte ein historisches Buch schreiben’. Ich habe eigentlich immer beim Mikrokosmos angefangen und bin beim Makrokosmos angekommen, ohne dass ich mich dafür entschieden hätte. Ich finde, es ist vollkommen müßig, was von außen von Schriftstellern ,verlangt’ wird! Das ist eine Sekundärdiskussion. Man schreibt über die Dinge, die einen beschäftigen, die einem widerfahren. Manche Autoren neigen mehr dazu, im Privaten das Politische zu sehen, andere sind politischen Bewegungen mehr ausgesetzt, wieder andere ziehen sich ganz ins Private zurück.“
Ilija Trojanow: „Mal angenommen, die Leser gehen aus dem Roman heraus mit der Vorstellung, alle Grenzen zu öffnen, dann ist ja nichts Schlechtes daran. Denn das ist ja eine der Urfunktionen von Literatur, Gegenentwürfe zu präsentieren. Eine Realität zu imaginieren, die sich unterscheidet von der vermeintlichen Evidenz der herrschenden Verhältnisse. Die Frage ist nur, ob die Erzähltechniken, die reflexiven Ebenen und die zwingend erzählten Biografien die Leser überzeugen von diesem Entwurf. [...] Das sind große Fragen, die wir stellen müssen in Zeiten, in denen die Selbstoptimierung geradezu die einzige Fasson der Weltrettung geworden ist.“
Ulrich Peltzer: „Genau, geht es nur um Selbstoptimierung, haben wir den Mut verloren, für andere zu sprechen? [...] Das Direktorium der Welt, das sich in Hinterzimmern trifft, das gibt es nicht. Aber es gibt Profiteure, und es gibt Leute, die Verantwortung tragen, und es gibt Leute, die gut leben, und solche, die weniger gut leben. Und es gibt Gründe dafür.“


21. September 2015
Schreibstrategien
Wie schreibe ich?

Einfach losschreiben oder erst einen Plan machen – das eine ist nicht besser, klüger, zielführender als das andere. Es ist erstens eine Schreibertypfrage, welche Strategie ich wähle, zweitens eine Frage der Schreibaufgabe, die vielleicht eher zu der einen als zu der anderen Strategie auffordert, und drittens eine Sache der Wirksamkeitserfahrung.
Verschiedene Schreibforscher haben unterschiedliche Kategorien zur Erfassung von Schreibertypen bzw. Schreibstrategien aufgestellt. Sylvie Molitor-Lübbert differenzierte 1985 zwischen drei Herangehensweisen: Top-down-Schreiber, Bottom-up-Schreiber und Misch-Typ. Top-down-Schreibende entwickeln zunächst eine Gliederung und produzieren anhand dieser ihren Text, bei Bottom-up-Schreibenden entsteht die Textstruktur erst während des Schreibens.
Der Linguist Hanspeter Ortner entwickelte im Jahr 2000 aus 6.000 Aussagen von versierten Schreibenden über ihr Vorgehen beim Schreiben längerer Texte ein sehr differenziertes Schreibstrategienmodell, das er ausführt in Schreiben und Denken (Tübingen 2000). Strategie ist für Ortner ein vom Individuum erworbenes „Ablauf- und Organisationsschema“, Schreibstrategien sind „erprobte und bewährte Verfahren der Bewältigung spezifischer Schreibanlässe und potentieller Schreibschwierigkeiten in spezifischen Schreibsituationen“ (S. 351). Er geht davon aus, dass Strategien von den Schreibenden gewählt werden. Die Wahl der Strategie ist abhängig von der Schreibaufgabe, aber auch davon, welche Strategie der Schreiber bisher als erfolgreich erlebt hat. Ortner unterscheidet zehn Schreibstrategien, die Schreibende als Schemata anwenden, um Aufgaben zu bewältigen; sie sind anlassbezogen, erfolgsabhängig und ersetzbar; außerdem werden sie auch kombiniert angewendet:

  1. Nicht-zerlegendes Schreiben: Geschrieben wird vom Typ des Aus-dem-Bauch-heraus-, des Flow-Schreibenden in einem Zug, im Stil des écriture automatique (d. i. der ,reine’ Bottom-up-Typ).
  2. Einen Text zu einer Idee schreiben: Diese Strategie wird vom Typ des Einzigtext-, des Einen-Text-zu-einer-Idee-Schreibenden engewendet.
  3. Schreiben von Textversionen zu einer Idee: Der Typ des Mehrversionenschreibenden, des Versionenneuschreibenden schreibt mehrere Texte zu einer Idee, fügt am Ende Fragmente aus mehreren Versionen zusammen oder wirft alle bis auf eine weg.
  4. Herstellen von Texten über die redaktionelle Arbeit an Vorfassungen: Der Typ des Text-aus-den-Korrekturen-Entwickelnden unterzieht seinen Text mehreren Revisionsschritten, evtl. auch mit Feedback von außen.
  5. Planendes Schreiben: Der Typ des Planers macht vor dem Schreiben einen Plan oder eine Gliederung (Makrostruktur), die er dann schrittweise ausformuliert (d. i. der ,reine’ To-down-Typ).
  6. Einfälle außerhalb eines Textes weiterentwickeln: Beim Typ des Niederschreibenden könnte man sagen, dass er etwas erst nicht-schreibend gären lässt, er arbeitet konzeptuell extralingual und schreibt erst dann den Text nieder.
  7. Schrittweises Vorgehen, der Produktionslogik folgend: Der Typ des Schritt-für-Schritt-Schreibenden sammelt Material, konzipiert, gliedert, formuliert und revidiert Schritt für Schritt und Abschnitt für Abschnitt; diese Strategie wird häufig beim Schreiben wissenschaftlicher Texte angewendet.
  8. Synkretistisch-schrittweises Schreiben: Der Typ des Synkretisten vermischt und/oder verschmilzt einzelne unabhängig voneinander entstehende Textteile, er arbeitet mit zu etwas Neuem verschmelzenden Fragmenten.
  9. Moderat produktzerlegend: Der Typ des Textteilschreibers schreibt Teile des Endprodukts in beliebiger Reihenfolge, vielleicht sogar erst den Schluss.
  10. Schreiben nach dem Puzzle-Prinzip – extrem produktzerlegend: Der Typ des Produktzusammensetzenden arbeitet mit zunächst undefinierten Einzeltexten, die nach und nach zusammengebaut und dabei angepasst werden; diese Strategie wird häufig bei Texten verwendet, die komplexe Denkleistungen verlangen, bei denen am Anfang nicht klar ist, was am Ende herauskommen wird/soll.

6. Juli 2015
Flow – ein Wort-Portrait ...
... und vielleicht eine Liebeserklärung

Vielleicht ist es auch eine Schreibanregung (aus einer solchen ist der folgende Text jedenfalls entstanden). Aber zunächst einmal ist es ein Text, den ich zeigen will und mit dem ich eines meiner Lehr- (und Seins-)Credos zeigen will: Neben PRÄSENZ und FORSCHEN ist FLOW das dritte Prinzip, dem mein Sein als Schreibpädagogin verpflichtet ist. So zeige ich also mein Portrait des FLOW (vom 4. März 2015):

Nein, stöhnen Sie nicht. Oder stöhnen Sie zuerst und dann hören Sie. Ja, es ist ein fremdsprachiges Wesen. Ein englisches, das in Übersee, in den USA, zu voller Blüte kam. Und zudem ist es ein universelles Wesen: FLOW. Wie so viele wesentliche Wesen kommt der Flow schlicht daher, macht kein großes Gewese, und trotzdem nimmt er sofort für sich ein. Als ich ihm das erste Mal begegnete, hatte ich noch nie von ihm gehört, ich kannte seinen Namen nicht, wusste nichts von Aussehen und Charakter – aber ich wurde sofort erfasst von ihm, der sich lautlos angeschlichen und mich in seinen Bann gezogen hatte. Er erfasst mich, zog mich mit sich und ließ mich in unbekannte Höhen fliegen, in noch unbekanntere Tiefen fallen, ich wurde geflutet.
Da ist es, zuerst das F. Fff – wie ein Windhauch sieht er vorn aus, der Flow, wie ein Windhauch hört er sich an, kommt er zuerst daher, manchmal auch als Böe, öfter als Mistral oder als Passat, selten als Tornado oder als Hurrikan. Schon mit dem Fff betört der Flow, reißt fort, wenn nicht ins Glück, so doch ins Selbstvergessene. Und wer will das nicht.
Nun, damit es nicht sofort so beängstigend ist, kommt nach dem F, nach dem Mitreißenden, ein sanftes Lll. Sanft wie la-le-lu, aber auch hier der Sog, den viele schon erlebt haben, als sie als Kinder endlose Reihen von lllllllll auf Schiefertafel oder ins Schulheft setzten. Eingelullt werden, dabei aber wach und klar bleiben, das ist der Yoga-Anteil des Flow.
Und dann folgt das O. Das ein OW ist, ein Laut, ein Wesensteil aus zwei Komponenten. Zuerst das O, der Urlaut des Erstaunens, wir öffnen den Mund, kreisförmig, alles strömt hinein, alles strömt hinaus, die Grenze zwischen Innen und Außen verschwimmt, wir hören auf zu suchen, öffnen uns dem Finden, die Angst vor dem Zufälligen, dem Kontrollverlust schwindet, wir überlassen uns dem O. Und werden getragen von der zweiten Komponente, dem W. Das W, eine Doppelschale oder zwei hängende Brüste – und kann nichts passieren.
Ja, der Flow ist ein universelles Wesen, dem zu begegnen das Leben verändert, ohne Möglichkeit, in den – ich wage zu sagen – tumben Zustand davor zurückzufallen. Und ein solches universelles Wesen braucht einen universellen Namen: englisch, kurz, einfach, unverwechselbar, sich selbst definierend durch Aussehen, Klang und Wirkweise: Flow.
Und weil der Flow ein universelles Wesen ist, ist er auch eine Art Chamäleon, das sich jeder Person so zeigt, wie diese Person es braucht. Jetzt stöhnen Sie nicht mehr, ich höre Sie atmen. Gut.


15. Juni 2015
Paul Maar
Brüder-Grimm-Professor 2015

Normalerweise weiß ich nicht, warum man irgendwelche Leute, deren Bücher man gut findet, unbedingt sehen, hören, anfassen muss; auch das Bitten um Autogramme finde ich irgendwie seltsam. Aber Paul Maar wollte ich hören. Ja, auch wegen des Sams. Aber vor allem, weil der Besuch der Veranstaltungen mit dem Brüder-Grimm-Professor (des Fachbereichs Germanistik an der Uni Kassel) mir ein lieb gewonnenes und bereicherndes Ritual im Frühsommer geworden ist.
So hörte ich also die poetologische Vorlesung Maar und die Märchen des 24. Brüder-Grimm-Professor. Und war ein bisschen enttäuscht. Poetologie bzw. Poetik als „Wissenschaft von Wesen, Gattungen und Formen der Dichtung“ (Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur) gab es leider nur in geringen Dosen. Las Maar doch von den 60 Minuten, die ihm rund 200 Menschen im Gießhaus lauschten, ca. 45 Minuten aus seinen Werken. Die ich zwar fast alle nicht kannte, aber dazu, sie kennen zu lernen, war ich ja nicht gekommen ...
Seit ich denken bzw. (mich) reflektieren kann, sauge ich das auf, was mich anspricht, was mich zittern, staunen macht. Da kann der Lehrer oder der Unterricht noch so mittelmäßig bis empörend sein – ich finde etwas, das mich weiter- oder anderswohin bringt, das mich beflügelt, begeistert. Und das schaffte auch Paul Maar, da, wo er seine Poetologie skizzierte, deren Wollen man auch als kreativen Umgang mit dem Genre Märchen und Märchenmotiven zusammenfassen könnte. Maar fügt z. B. oft in reale Umgebungen fantastische Wesen ein, die dann einem Menschen aus einer Notlage helfen (so hilft etwa das Sams Herrn Taschenbier, mutiger und selbstbewusster zu werden), er schreibt keine Fantasy-, sondern fantastische Geschichten, da er kein Paralleluniversum entwirft, sondern in der realen Welt bleibt. Maar erzählt auch gern bekannte Geschichten neu, z. B. adaptiert er in Der weiße Wolf das Dschungelbuch und die Ödipussage. Vor allem arbeitet er mit mehreren Blickwinkeln, Berichterstattern, also Wahrheiten, so hat er schon in seinem ersten Kinderbuch Der tätowierte Hund zwei Perspektiven gestaltet (jenseits dessen, dass die Geschichte Anspielungen auf Grimms Hänsel und Gretel enthält).
Ich werde also mal Der tätowierte Hund und Der weiße Wolf lesen. Und versuchen herauszufinden, warum mein Lieblingsmärchen Wilhelm Hauffs Das kalte Herz ist (Paul Maar erklärte, warum seines das vom Eisenhans ist). Umsonst im Gießhaus gewesen? Nein!


1. Juni 2015
OuLiPo II
Warum banale Wortspiele alles andere als banal sind

Während der Segeberger Jahrestagung in Fuldatal hat am 6. März Friedrich Block einen Vortrag gehalten: Kreative Sprachkrisen – Zur Praxis des poetischen Kalküls. Doller Titel. Klasse Vortrag. Spannende Debatte. Warum soll man sich mit dem computergenerierten ,Quatsch’ befassen, was ist der Sinn von mathematisch/mechanistisch anmutenden, banalen Sprachexperimenten? Was also kann uns das, was die Gruppe OuLiPo in den 1960ern angestoßen hat, für die Schreib- und Lehrpraxis bringen? (Das waren jedenfalls meine Fragen.)
Jemand aus dem Publikum (Norbert Kruse?) stellte die Frage, ob wir denn nicht alle fremdgesteuert oder manipuliert seien, ob es nicht illusionär sei anzunehmen, dass wir Sprache in befreiender Form verwenden könnten. Daran knüpfte die Frage an, wie wir uns also einer Sprache bemächtigen können, die das Individuelle zu zeigen vermag, Manipulationen enttarnt, Entfremdung aufhebt, Grenzüberschreitungen ermöglicht. Wie wir uns einer Sprache bemächtigen können, die ein gestaltetes und gestaltendes Sein in der Welt sowie eine offene Gesellschaft ermöglicht.
Am Ende des Vortrags schrieb ich folgende Begriffe auf: DIE ERSCHÜTTERUNG – DIE ERWEITERUNG – DIE ENTGRENZUNG. Ist es nicht genau das, was oulipistische Schreib-Experimente vermögen? Die Automatismen erschüttern, Möglichkeiten jenseits von Zuschreibungen, jenseits des Immer-Schon ausloten, (Sprach-)Muster infrage stellen, Räume erkunden und aufzeigen. Das oulipistische Schreib-Experiment als Selbst­(er)findungs­akt. So jedenfalls führe ich in meinen Schreibwerkstätten Übungen ein, in denen Tabus oder Contraintes eine Rolle spielen.
Meine diesbezüglichen Lieblingsübungen sind: 1. Nur einsilbige Wörter sind erlaubt. 2. Kein Satz darf mehr als vier Wörter haben. 3. Der Text muss ohne Verben (wahlweise Nomen) auskommen (s. auch Blog-Eintrag vom 6. 4. 2015: OuLiPo I; s. auch Blog-Einträge vom 7. 7. 2014: Schlangengedicht nach Meret Oppenheim, und vom 28. 7. 2014: Einsilbig schreiben, und vom 19. 5. 2015: Zwei-Sätze-Texte).
Empfohlen sei hier noch, erst einmal selbst das Schreiben mit Tabus oder Contraintes auszuprobieren, denn nur, wenn ich als Schreibpädagogin vom Effekt überzeugt bin, kann ich das oulipistische Schreiben so vermitteln, dass es nicht als Joch, als einengend und bar jeden Spaßfaktors empfunden wird.


8. Mai 2015
Die Freiheit im Denken trainieren
Heimspiel für Jamal Tuschick

Am 18 Februar war’s – die Mittwochsabendsschreibwerkstattgruppe und ich ließen die Schreibwerkstatt ausfallen, um Jamal Tuschicks Heimspiel zu sehen, vor allem natürlich zu hören. In der Offenen Schule Waldau (OSW) war er zu Gast beim HR2-Gespräch Heimspiel (Moderator Martin Maria Schwarz). Tuschick (Jg. 1961) ist in Waldau aufgewachsen, er bezeichnet sich (erwartungsgemäß) nicht als Heimatdichter à la Hermann Löns, sondern als „Regionalist“, will aber die Kategorie der Heimatliteratur revitalisieren. Das tut er auf eine ganz spezielle Art. Bereits als jugendlicher Schüler der OSW hat er sich „auf unmittelbare Art den Dingen genähert“ und beschlossen, „die Dinge absichtlich schön zu finden“, um „Idyllenmalerei aus Mutwillen“ zu betreiben. Er sagt mit oder nach André Gide: „Wir sind da universal, wo wir persönlich sind.“ Und postuliert, Walter Benjamin folgend, dass die kritische Reflexion über Heimat zu einer Heimatliteratur gehört, die nicht nur den nostalgisch-rückwärtsgewandten Blick auf das Gute meint. Heimatliteratur sei historisch auch immer eine Antwort auf Großstadtliteratur gewesen, konstatiert Tuschick. Er, der heute in Berlin lebt (nach vielen Jahren in Frankfurt/Main), ist nicht im Provinziell-Verklärenden stecken geblieben, orientierte sich an James Joyce, Wilhelm Genazino und Peter Kurzeck und hat textlich einen ganz spezifischen Mix aus sprachgewaltigem Bewusstseinsstrom, historischen Tatsachen, persönlich Beobachtetem und reflektiert Erzählerischem zu bieten. Sein Schlusssatz: „Die Freiheit im Denken muss man eben auch trainieren.“


4. Mai 2015
(M)eine ideale Schreibgruppenleitung
Da ist etwas Größeres, was Bedeutung hat

Am Präsenzwochenende Schreibgruppenpädagogik und Schreibgruppendynamik (Masterstudiengang Biografisches und Kreatives Schreiben an der Alice Salomon Hochschule Berlin), das ich jedes Jahr im April abhalte, geht es an einem Tag schwerpunktmäßig um Leitungsfragen. In Interviews loten die Studierenden aus, welche Art Schreibgruppenleitung sie sein wollen. Aus den zu den Interviews entstehenden Texten ragen immer wieder überaus bedeutsame Facetten heraus. In diesem April war ich erstaunt, erfasst, berührt, beglückt von dem, was Rebecca Grießler schrieb. Das Große, für das ich als Schreibgruppenleitung stehe, was mitschwingt, wenn ich lehre, das die Gruppe erfasst, wenn ich verstehe, es sichtbar zu machen ... Freundlicherweise hat Rebecca Grießler mir ihren Text zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Hier ist er:

„Die Frage nach dem Konzept hat sie sich vorher noch nie gestellt. Was nicht heißt, dass sie vorher keine Gruppen geleitet hat – im Gegenteil. Als junge Berufseinsteigerin war sie mit wöchentlich vier, fünf Gruppen von verhaltensauffälligen Jugendlichen konfrontiert, und Fragen hat sie sich dabei eine Menge gestellt – die wenigsten aber tatsächlich nach dem theoretischen Konzept. Auch die Rolle der jeweiligen Teilnehmer war eher im Hintergrund angesichts der eigentlichen zentralen Fragen, die sich ihr aufdrängten, die lauteten: Welche Methodiken der Musiktherapie kann ich bei derart gemischten Gruppen überhaupt verwenden? Wie schaffe ich es, alle Gruppenmitglieder zu integrieren und einen gemeinsamen musikalischen Nenner zu finden? Wie überlebe ich das Ganze?!
Derart konfrontiert mit der Realität blieb also die Frage des ,idealen’ Gruppenleiters erst mal peripher. Die stellt sie sich eigentlich erst heute. Und dabei bleibt das Schreib vor dem Gruppenleiter erst einmal unbeachtet, denn Gruppenleiter ist Gruppenleiter, egal ob Schreib, Musik oder sonstige kreative Ausdrucksgruppen. Das Wort ideal bleibt dabei ein wenig auf der Strecke. Ideal – das gibt es in der Theorie. Was die Praxis sie bisher gelehrt hat, ist einzig und allein die Unmöglichkeit, ein stetiges, nicht dynamisches Konzept eines idealen Gruppenleiters durchzuziehen.
Manche Gruppen brauchen starke Struktur. Manche Gruppen können und müssen sich erst mal selbst überlassen werden. Was von der Leitung zu erwarten ist, ist die Flexibilität, in jedem Moment genau das zu bieten, was gebraucht wird, und die einzelnen Teilnehmer im Blick zu haben mit ihren Bedürfnissen und dennoch das Ganze auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Die Gruppenleitung in ihrer Funktion als Therapeut, Pädagoge oder Manager braucht vor allem eins: Persönlichkeit als Bindeglied zwischen den verschiedenen Stunden, Methoden, Situationen. Ein guter Gruppenleiter sollte leben, was er lehrt. Eine gute Gruppe lebt von dessen Fähigkeit, sich selbst-bewusst darzustellen und hundert Prozent Präsenz zu zeigen. Präsenz kann dabei sowohl im Vordergrund als auch im Hintergrund wirken, muss aber vorhanden sein. Und dann gibt es noch einen letzten und wichtigsten Faktor: Ein Gruppenleiter kann eigentlich nur dann gut sein, wenn er weiß, dass er eigentlich auch nur ein Kanal ist.
Selber hat sie sich mehr als einmal als Vermittlerin gesehen von etwas, das um Unmengen größer ist, als das, was von begeisterten Teilnehmern fälschlicherweise ihr zugesprochen wurde. In wirklich guten Gruppenstunden spürt sie es. Und wenn sie es benennen müsste, dann würde sie vermutlich sagen, dass es das Leben ist, dass sich in diesem Moment zeigt. Aus einer idealen Stunde gehen die Teilnehmer hervor und haben das Leben in all seinen Facetten gespürt. Der Erfahrungswert des Erlebten steht dabei im Vordergrund. Spaß, Freude, Humor, aber auch Trauer und Wut waren evtl. vorhanden und können wertgeschätzt werden. Wenn Teilnehmer mit dieser Einsicht nach Hause gehen, dann hat sie ihren Job als Gruppenleiterin gut gemacht.“ (Rebecca Grießler, 11. 4. 2015)


13. April 2015
Duda dududa
Eine Anregung aus der Konkreten Poesie

Nehmen Sie das Gedicht von Gerhard Rühm als Anregung für einen Text. Ob der Text ein Gedicht wird, eine Geschichte oder auch ein Experiment mit Buchstaben oder Lauten – Sie sind frei in der Form und selbstverständlich auch im Inhalt.

uuuuuuuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuduuuuuuuu
uuuuuuuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuuuuuuu
(aus: Gerhard Rühm: gesammelte gedichte und visuelle texte, Reinbek bei Hamburg 1970)


6. April 2015
Warum Schreibexperimente? Teil 1
Was wir mit den Surrealisten OuLiPo & Co. anfangen können (sollten)

Schon als Kinder spielten wir es auf Kindergeburtstagen oder beim Zusammentreffen mit den Cousins und Cousinen bei den Großeltern, wir nannten es „Onkel Otto sitzt plätschernd in der Badewanne“; mit den drogenabhängigen Jugendlichen, die ich auf dem Weg zum Hauptschulabschluss begleitete, spielte ich es immer, wenn sie vorher aktiv gearbeitet hatten: das Reihumschreibspiel mit oder ohne Umknicken, lieber aber mit – dann gibt es mehr zu lachen.
André Breton, einer der bedeutendsten Vertreter des Surrealismus, beschriebe es als eine Arbeitsmethode, die das kreative Potenzial einer Gruppe wunderbar zur Entfaltung bringen kann: „Die köstliche Leiche wurde, wenn wir uns recht erinnern – und wenn wir so sagen dürfen –, um 1925 in dem alten, jetzt zerstörten Haus Nr. 54 der Rue du Chateau geboren. Der absolute Nonkonformismus und eine völlige Respektlosigkeit waren dort üblich, und es herrschte immer die glänzendste Stimmung. Das Leben war zum Vergnügen da und nichts sonst ... Wenn die Unterhaltung an Schärfe zu verlieren begann – es ging um Tagesereignisse, um Vorschläge, wie das Leben auf witzige und skandalöse Weise in Aufruhr zu bringen wäre –, war es üblich, zu Spielen überzugehen. Anfangs waren es Schreibspiele, so ausgedacht, dass die Elemente des Gesprächs sich in möglichst paradoxer Weise gegenübertraten und dass die menschliche Mitteilung, die dadurch von vornherein abwegig geworden war, den auf­nehmenden Verstand zu einem Maximum an abenteuerlicher Verwirrung auffordern musste. Von dem Augenblick an empfand keiner mehr ein abschätziges Vorurteil gegenüber den Spielen unserer Kindheit, für die wir die gleiche, obschon fühlbar gesteigerte Leidenschaft wie seinerzeit wiederfanden. Deshalb fiel es uns, als wir Rechenschaft ablegen sollten, worin unsere Begegnungen oft so aufregend waren, gar nicht schwer, einhellig festzustellen, dass die Methode der köstlichen Leiche sich nicht wesentlich von jener kindlichen, der kleinen Zettel, unterscheidet ... Was uns tatsächlich an diesen Produktionen begeisterte, war die Gewissheit, dass sie, komme wie es wolle, unmöglich von einem einzigen Gehirn hervorgerufen worden sein können und dass ihnen in einem viel stärkeren Maße die Fähigkeit des Abweichens eigen ist, auf die in der Dichtung nie genug Wert gelegt werden kann. Mit der köstlichen Leiche verfügt man endlich über ein unfehlbares Mittel, den kritischen Geist auszuschalten und dafür der metaphorischen Begabung des Geistes völlige Freiheit zu verschaffen.“
(André Breton, zit. nach Lutz von Werder, Claus Mischon, Barbara Schulte-Steinicke: Kreative Literaturgeschichte, Milow 1992, S. 270)


23. März 2015
Bullshitwörter
Gibt es ärgerliche Wörter?

„Bullshitwörter“ nennt mein Kollege Claus Mischon sie. Als da wären „Achtsamkeit“, „wertschätzen“ oder „runterbrechen“. Sie sind so trendy, all diese Wörter. Wenn du sie sagst, bist du in, wenn du stattdessen „freundlich“, Respekt“ oder „übertragen“ sagst, bist du out. DU gibst dich als Randerscheinung zu erkennen, die Majoritäts­verliebten und deren (die Sprache) dominierende Gurus wenden sich ab. Das sind nun meines Kollegen Claus ärgerlichste Wörter, „schlussendlich“ nicht zu vergessen. Aber welche Wörter sind für mich ärgerlich?
Ist ,ärgerlich’ eine Kategorie, die ich fassen, eine Schublade, die ich füllen könnte? Warum sollte ich etwa „Lügenpresse“ (das Unwort des Jahres 2014) in diese Schublade stecken? Sollte es nicht vielmehr wie andere Wörter auch, etwa „totaler Krieg“, als Bezeichnung für ein Phänomenen, das in einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext steht, verwendet werden?
Sind Fotze, Tussi oder Emanze ärgerliche Wörter? Sie entlarven die Haltung der Benutzer. Die Benutzer sind eindeutig ein Ärgernis, aber die Wörter? Sind Hintern, Popo oder Gesäß weniger ärgerliche Wörter als Arsch? Kommt es nicht auch hier auf den Zusammenhang an, auf den soziokulturellen Kontext, in dem ein Mensch sich des einen Ausdrucks bedient und sich mit einem der anderen Ausdrücke lächerlich machen oder ins Abseits stellen würde? (Was ich natürlich auch bewusst tun kann, wenn mir das Benutzen des einen und das Vermeiden des anderen Begriffs wichtig ist oder wenn ich zeigen will, wo ich mich positioniere und wo nicht.)
Gibt es also möglicherweise gar keine ärgerlichen Wörter? Sind wir dann aber nicht erst recht aufgefordert, Kontext und Ziel zu ergründen, um das je passende Wort zu finden?


9. März 2015
Experte oder Sparringspartner?
Wer bin ich, wenn ich Gruppen leite?

Sieben mögliche Leitungsrollen differenziert Jochem Kießling-Sonntag in seinem Handbuch Trainings- und Seminarpraxis (Berlin 2003, S. 134 ff.). Um eine direkte oder indirekte Auseinandersetzung damit, wer ich sein will, wenn ich Gruppen, welcher Art auch immer, leiten will, kommt keine vorbei, warum nicht mit Kießling-Sonntag?

  1. der Experte (für ein Fachgebiet; Gefahr: Einschüchterung, Passivität der Teil­nehmen­den)
  2. der Lehrer (Könner und Vorbild; Gefahr: auf alles eine Antwort, hemmt selbst­verantwortliches Lernen)
  3. der Lernpartner (vertraut auf Kraft der agierenden Gruppe; Gefahr: es allen recht machen wollen, Leitung aus der Hand geben)
  4. der Coach (Unterstützer und Förderer persönlicher Entwicklungen; Gefahr: Vernach­lässigung des Gruppenprozesses)
  5. der Sparringspartner (konfrontiert, ist ehrlich, holt die Welt in die Gruppe; Gefahr: Rollenverliebtheit verhindert Finden realitäts­tauglicher Lösungen)
  6. der Moderator (Helfer für Prozesse, hält sich mit eigenen Positionen zurück; Gefahr: zu wenig Fach- und/oder Steuerungs­kompetenz)
  7. der Begleiter (hört zu, hilft, beschleunigt nicht; Gefahr: Gruppenziele bleiben auf der Strecke)


26. Februar 2015
Wer bin ich?
Lehrerin oder Texthebamme?

Als ich am letzten Mittwoch im Wartezimmer meiner Zahnärztin saß, las ich im Stern (Nr. 7, 5. 2. 2005) von Günther Seidler, Traumatologe, Arzt und Analytiker: Er forscht zum Erfolg bzw. Misserfolg von Psychotherapien und ihren Ursachen und äußert neben Erstaunen oder Entsetzen über die Überheblichkeit und Selbstherrlichkeit seiner KollegInnen folgenden Satz: „Wir sind nur die Bergführer, haben Kompass und Wetterkarte, aber den Weg auf den Berg machen wir gemeinsam.“ (S. 49)
Diese Haltung gefällt mir. Sie entlässt mich aus der Gluckenrolle und nimmt mein Gegenüber in die Verantwortung für das eigene Sein. Wenn ich mich nicht als Lehrerin, sondern als Texthebamme bezeichne, spiegelt sich darin eine ähnliche Haltung: Ich stelle mich mit meinem Wissen über Textsorten und Schreibprozesse Menschen zur Verfügung, die schreiben wollen oder müssen, ich helfe beim Gebären, aber schwanger gehen mit ihren Projekten müssen die Schreibenden selbst, und auch für die Ausformulierung sind sie selbst verantwortlich.


12. Januar 2015
Paris – Hauptstadt der Welt
Der Tag danach
Ich bin
Ich bin Kirsten
Ich bin ich
Ich bin Atheistin
Ich bin weiß
Ich bin gelb
Ich bin schwarz
Ich bin
Ich bin nicht wie
Ich bin wie
Ich bin sie
Ich bin du
Ich bin rot
Ich bin Frau
Ich bin trans
Ich bin
Ich bin nichts
Ich bin
Ich bin nicht Bin Laden
Ich bin Härte
Ich bin Verzeihen
Ich bin klar
Ich bin traurig
Ich bin Aktion
Ich bin gelähmt
Ich bin Traum
Ich bin
Ich bin so Ich bin laut
Ich bin ohne Scham
Ich bin alt
Ich bin Schreibende
Ich bin deutlich
Ich bin sehend
Ich bin
Ich bin Herz
Ich bin Europa
Ich bin Judith
Ich bin nicht Papst
Ich bin
Ich bin Versöhnung
Ich bin dabei
Ich bin anders
Ich bin
Ich bin bunt
Ich bin verwandt
Ich bin unerwandt
Ich bin unerwartet
Ich bin lahm
Ich bin links
Ich bin still
Ich bin beschämt
Ich bin
Ich bin Staunen
Ich bin dort
Ich bin hier
Ich bin
Ich bin in Gedanken
Ich bin nie so
Ich bin nicht Hass
Ich bin Unikum
Ich bin universell
Ich bin unterwegs
Ich bin klein
Ich bin Stecknadel
Ich bin Mensch
Ich bin ein Stern
Ich bin ein Wir
Ich bin alle
Ich bin
Ich bin nicht Karl
Je suis Charlie

Geschrieben zum Semesterzwischentreffen der Montagsmorgensschreibwerkstatt, das heute bei Nicole Ohm-Hansen in Kaufungen stattfand. Nicole hatte die Schreibaufgabe gestellt: Der Tag danach. Ich schrieb heute direkt nach den Morgenseiten diesen seriellen Text, um ihn dann zwischen Croissants, Brie und Café au Lait vorzulesen.


23. Dezember 2014
Geschlechterfragen
Binnen-I, Sternchen oder Ignoranz

Ich mag Harald Martensteins Kolumnen. Ich mag sie auch, wenn er damit etwas in mir trifft, sodass ich schlucken muss. Aber seine Kolumne im ZeitMagazin vom 4. Dezember 2014 mag ich nicht. Sie zeugt von Ignoranz gegenüber einer Tatsache, der er sich sicherlich ansonsten nicht verschließt. Gegenüber der Tatsache nämlich, dass Sprache und Sprachstrukturen unser Denken, unsere Ich- und Weltwahrnehmung prägen. Selbst bei männlichen CSU-Politikern hat es sich durchgesetzt, die Menschen (mit denen man es sich natürlich auch nicht verscherzen will, wer weiß, welche emanzipierten Frauen vielleicht doch überlegen, einen CSU-Mann zu wählen) mit „liebe Wählerinnen und Wähler“ anzusprechen. In der Annahme, dass Harald Martenstein nicht erzkonservativ und insgeheim Anhänger der These ist, dass Männer in die Öffentlichkeit und Frauen aus dieser heraus gehören, erstaunt es um so mehr, dass zwar ein Horst Seehofer sich die Nennung zweier Geschlechter angewöhnt hat, dass aber ein Martenstein sich kolumnistisch darüber mokieren muss, dass es 1. zwei oder 2. sogar mehr Geschlechter gibt und dass diese 3. auch in der Schriftsprache vorkommen sollten.
Sicherlich kann man sich über manche Versuche, die Geschlechter in der (deutschen) Sprache sichtbar werden zu lassen, lustig machen – Martenstein nennt das Beispiel einer Professorin, die sich Professx betiteln lassen will –, aber ernst nehmen kann ich eine Kolumne, die den Anspruch hat, gesellschaftliche Seltsamkeiten aufzudecken, nur, wenn dann nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird, in diesem Fall: der Versuch an sich, Frauen sprachlich sichtbar zu machen, verunglimpft wird.
Haben doch 2013 die Universitäten Leipzig und Potsdam beschlossen, in ihren offiziellen Verlautbarungen das generische Femininum einzuführen, d. h. dass einfach die Wörter Professor in und Studentin verwendet werden, denn die männliche Form – Professor bzw. Student – ist ja darin enthalten. Seit einigen Jahren versucht die Trans-Queer-Szene, in der sich Menschen treffen, die Schwierigkeiten haben, sich in der klassischen Zweigeschlechtlichkeit zu verorten. Sie wählen den sogenannten Genderstern, also z. B. für sich transsexuell definierende Personen Trans*.
In ihrem unaufgeregten und lesenswerten Aufsatz Liebe PCs! in der EMMA (Januar/Februar 2015, S. 74–75) diskutiert Luise Pusch die unterschiedlichen Varianten, die Geschlechter in der Schriftsprache sichtbar zu machen. Die seit Jahrzehnten die (feministische) Sprachwissenschaft mit ihren Thesen und Forschungen bereichernde Linguistin plädiert für die konsequente Einführung des generischen Femininums (am besten mit einem Stern als i-Punkt), da sich in diesem Frauen, Männer und alle anderen Geschlechter wiederfinden könnten. Ich stimme zu.


27. November 2014
E-Mail-Vernetzung
Fluch und Segen

Im Telefonat einig mit Guido Rademacher: Die Vernetztheiten – auch wenn man kein Handy hat und nicht bei Facebook & Co. unterwegs ist – sind ein Fluch. Gerade heute Morgen habe ich erst einmal 90 Minuten E-Mails bearbeitet, bevor ich anfangen konnte, mich meinen Projekten zu widmen. Einfach alles wegklicken – das geht ja nicht. Das hat man dann von der schnellen und einfachen Kommunikation (es ist ja nicht so, dass ich keine Massenmails verschicken würde, auf die dann 30 Leute freundlicherweise auch reagieren, von denen ich dann wieder auf 15 reagieren muss usw.). Und dann, als ich mich gerade den studentischen Arbeiten widmen wollte, bekam ich eine Mail von Heike Lange, die mich berührte und meinen E-Mail-Frust sofort vergessen ließ: „... weil ich bei Dir zwei große Stärken sehe. Ich finde Du kannst Schreibübungen gut verständlich zusammen fassen, schriftlich erklären, nicht so lapidar, wie andere! Ebenso haben mir, aber immer deine ,Werke’ und Texte von Dir gefallen. Sie sind für mich deine zarte, sinnliche Seite ...“
Ich sollte vielleicht wieder die Regel einführen, dass ich nur morgens eine Stunde und noch mal mittags eine Stunde das E-Mail-Programm eingeschaltet habe ... Und die Notwendigkeit mancher Massenmail und mancher Mitgliedschaft in Verteilern noch mal überdenken ...


24. November 2014
Erfolgreiche Tagung zum Kreativen Schreiben
Perspektiven für die Region Nordhessen

Anlass für die 1. nordhessische Tagung zum Kreativen Schreiben war mein Wunsch nach Austausch und Vernetzung mit Kolleginnen und Kollegen in der Region einerseits, anderer­seits mein Wunsch, das Kreative Schreiben sichtbarer zu machen, es stärker öffentlich, in Institutionen und in den Köpfen, zu verankern. Es kamen 15 schreibpädagogisch arbeitende Menschen und sechs weitere, die sich für das Kreative Schreiben ,einfach so’ interessieren, am 18. November 2014 nach Kaufungen.
Prof. Dr. Norbert Kruse (Grundschuldidaktik Universität Kassel) und ich hielten kurze Vorträge, zur Frage der Bewertbarkeit von kreativ geschriebenen Texten bzw. zur Geschichte der Schreibgruppen in Deutschland. Hauptsächlich aber tauschten sich die Tagungs­teilnehmenden nach der Methode World Café in wechselnden Kleingruppen zu folgenden Fragen aus:

  1. Kann ich das, eine Schreibwerkstatt leiten, und was brauche ich dafür?
  2. Wie motiviere ich Menschen, mein Angebot zu wählen? Wie akquiriere ich Teilnehmende?
  3. Mit welchen Methoden öffne ich zum Schreiben, und mit welchen begegne ich Schreibblockaden?
  4. Schreibe ich als Kursleitung mit? Wie sehen meine Textkritikverfahren aus?
    Wie gehe ich mit Wünschen aus der Gruppe um?
  5. Welche ,Nische’ besetze ich mit welchem Profil bzw. Curriculum – muss ich mir eine ,Nische’ suchen?
  6. Schreibe ich als Selbstausdruck, Selbstvergewisserung oder um Literarisches in die Welt zu setzen?

Einige wunderbar konkrete Perspektiven wurden entwickelt. Ab 2015 wird viermal im Jahr ein öffentliches Schreibcafé stattfinden, das jeweils von einer Schreibpädagogin, einem Schreibcoach etc. geleitet wird; es gibt schreibunerfahrenen Menschen die Möglichkeit, einfach mal einen Abend eine Facette des Kreativen Schreibens zu beschnuppern. Außerdem ist mittelfristig eine Ringvorlesung an der Universität Kassel geplant. Und ein Stammtisch schreibpädagogisch arbeitender Menschen wird eröffnet. Zum ersten Stammtisch lädt Kirsten Alers ein, am 22. Januar 2015 um 20 Uhr ins Eberts (Friedrich-Ebert-Straße, nähe Bebelplatz).


16. November 2014
Re-Traumatisierung
Nicht immer ist Schreiben befreiend

„Erlebtes aufzuschreiben, lässt es erst einmal neu aufflammen, aber dann erlischt es endgültig und wird zum ruhenden Teil der eigenen Lebenschronik.“ Das sagt Hape Kerkeling in einem Interview im STERN vom 2. Oktober 2014, als er gefragt wird, ob ihn das Schreiben seines autobiografischen Romans nicht in den Schmerz zurückkatapultiert habe. Und das ist natürlich wunderbar, wenn das Schreiben solch eine Wirkung hat: Ich schreibe den Schmerz und er erlischt. Ganz so einfach ist das leider nicht immer.
Schreiben befreit, Schreiben schafft Distanz, Schreiben erlaubt es, das Unnennbare, das Grauen zu versprachlichen und damit handhabbar zu machen. Schreiben ist ein jederzeit verfügbares Instrument, das ein hohes Maß an Selbstwirksamkeitserfahrung ermöglicht. Ja, das stimmt. Schreiben ist mittlerweile als Coping-, als Bewältigungstechnik von PsychologInnen, PsychotherapeutInnen und MedizinerInnen als Möglichkeit der Therapie und/oder Selbsttherapie auf der Palette von wohltuend bis lebensrettend anerkannt (leider aber nicht von den deutschen Krankenkassen). Sogar positive Auswirkungen auf das Immunsystem sind bereits nachgewiesen.
Aber um in diesen von Kerkeling postulierten kathartischen Schreibprozess eintauchen zu können, bedarf es einer gewissen psychischen Stabilität. In einer akuten psychischen Krise kann Schreiben, wenn es unkontrolliert außerhalb eines wie auch immer gearteten therapeutischen Settings praktiziert wird, auch die Krise verschärfen, gar eine Re-Traumatisierung auslösen. Auch das kann natürlich gewollt und sinnvoll sein.

(Wissenschaftliche) Literatur zum heilsamen und therapeutischen Schreiben:

  • Silke Heimes: Warum Schreiben hilft. Die Wirksamkeitsnachweise zur Poesietherapie, Göttingen 2012
  • Hilarion Petzold, Ilse Orth (Hg.): Poesie und Therapie. Über die Heilkraft der Sprache: Poesietherapie, Bibliotherapie, Literarische Werkstätten, Bielefeld 2009
  • Annette Rex: Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn. Über das Nutzen des Schreibens als Instrument der Bewältigung von Traumata und Krisen, Münster 2009
  • Silke Heimes, Petra Rechenberg-Winter, Renate Haussmann: Praxisfelder des kreativen und therapeutischen Schreibens, Göttingen 2013


3. November 2014
Interview in der Berliner Morgenpost
Schreiben heißt, sich selbst besser zu verstehen

Am 25. 10. 2014 erschien in der Beilage Leben der Berliner Morgenpost ein Interview mit mir: „Schreiben heißt, sich selbst besser zu verstehen“. Die übergeordnete Frage war, ob und wie Schreiben heilsam sein kann. Ein kurzer Auszug:

„Was heißt das: heilsames Schreiben?
Beim heilsamen Schreiben richtet sich – anders als in der Schulmedizin – der Blick nicht auf die Krankheit, sondern auf die Gesundheit, also die Ressourcen, die helfen, eine Krise zu bewältigen. Natürlich wirkt das heilsame Schreiben anders als ein Antibiotikum, das ja auch nur Symptome unterdrückt. Schreiben sollte regelmäßig betrieben werden, so wie Yoga. Dann entfalten sich Selbstheilungskräfte.“

Das ganze Interview kann man hier lesen.


20. Oktober 2014
HNA-Ärger
Was tun mit der Monopol-Tageszeitung in Nordhessen?

Doch, ja, hier will ich mich noch einmal und immer wieder und noch einmal über die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine (HNA), die einzige Tageszeitung in der Region, in der ich lebe, aufregen: Sie hat es wieder geschafft, vier kapitale Fehler im Bericht über die Verleihung des 5. Nordhessischen Autorenpreises am 16. Oktober im Regierungspräsidium Kassel zu produzieren.
1. Fehler: Der Name der 3. Preisträgerin ist falsch geschrieben. 2. Fehler: Der Wohnort des 1. Preisträgers ist falsch geschrieben. 3. Fehler: Als Einladender wird nicht der Verein Nordhessischer Autorenpreis e.V. genannt, sondern der Regierungspräsident, der aber ,nur’ Hausherr war. 4. Fehler: Der Text beginnt mit einem Satz über Schreibwerkstätten – der Nordhessische Autorenpreis hat mit Schreibwerkstätten so viel zu tun wie jeder andere Literaturwettbewerb auch, denn natürlich haben manche der Teilnehmenden mal eine Schreibwerkstatt besucht, aber mit diesem ersten Satz wird dem Preis ein Image verliehen, das er so schnell nicht wieder los wird. Wir hatten, weil im Bericht über die Preisverleihung des 4. Autorenpreises 2012 ebenfalls massive Fehler vorgekommen waren, alle Namen und Daten an die Kulturredaktion geschickt sowie der Journalistin die Biografien der PreisträgerInnen und meine Rede gegeben – sie hätte alles richtig machen können!
Es scheint als auf die Berichterstattung in eben dieser Tageszeitung angewiesene Aktive in Nordhessen nur die Haltung zu bleiben: Resignieren und froh sein, dass man überhaupt Öffentlichkeit bekommt – im Interesse der MacherInnen der Zeitung kann das nicht liegen, es ändert sich aber auch nichts.
Alles Wichtige und Richtige findet man auf der Website des Vereins Nordhessischer Autorenpreis e.V.


13. Oktober 2014
Schreiben fängt woanders an
Der erweiterte Schreib- (und Lese-) Begriff

Das Betreuen von Masterarbeiten (eine meiner Aufgaben als Dozentin für Schreibgruppenpädagogik und -dynamik an der Alice Salomon Hochschule Berlin) ist nicht immer nur die reine Freude, aber das Lesen der irgendwann auf meinem Schreibtisch landenden fertigen Arbeiten ist immer die reine Freunde – weil sich mir so viele Dinge aus dem Kontext Kreatives Schreiben in immer wieder neuen Zusammenhängen zeigen und weil ich hin und wieder auch etwas erfahre, das mir so als explizit Positioniertes neu ist.
So erging es mir gerade mit der Arbeit von Sandra Berster: Kreatives Schreiben als inklusives Bildungsangebot. Darin las ich über den erweiterten Lese- und den erweiterten Schreibbegriff. Den erweiterten Lesebegriff entwickelten C. Hublow und E. Wohlgehagen bereits 1978, auf Werner Günthner geht der erweiterte Schreibbegriff zurück, beide sind zu finden in: Lesen und Schreiben lernen bei geistiger Behinderung. Grundlagen und Übungsvorschläge zum erweiterten Lese- und Schreibbegriff, Dortmund 2013.
Lesen wird nicht begrenzt auf das Erlesen und Deuten von Buchstaben, Wörtern, Sätzen und Texten. Der erweiterte Lesebegriff fasst neben dem Erfassen von schriftlichen Texten das ,Erlesen’ von Situationen, Personen und Gegenständen, von Bildern und Piktogrammen, von Signal- und Ganzwörtern als Lesen auf.
Schreiben im erweiterten Sinne meint nicht ausschließlich das Erstellen von Texten auf Grundlage von wörtergestützten Sätzen, sondern auch bildhafte Darstellungen von Situationen, Personen, Gegenständen und Emotionen, das Abzeichnen grafischer Zeichen, das Konstruieren sinnhafter Sätze durch eine Abfolge bildhafter Elemente, das Produzieren von Wörtern mit Hilfsmitteln wie Stempeln. Man könnte auch noch das lustvolle, absichtslose und das Schrift imitierende Kritzeln, das Kinder auf dem Weg zum Schriftspracherwerb praktizieren, dazurechnen.
Und wenn man dann ein bisschen querdenkt ... Nutzen nicht auch einerseits die konkreten PoetInnen und andererseits Institutionen und nicht zuletzt die Neuen Medien den erweiterten Lese- wie Schreibbegriff? Es im Kontext Inklusion bewusst zu tun, ist von einem anderen Interesse geleitet, aber die Ansätze aufzugreifen, ist dann wiederum klug und inklusionsfördernd.


30. September 2014
Die neuen Segeberger Briefe
Ein Muss für SchreibpädagogInnen

Den Segeberger Kreis nenne ich – wenn mich jemand fragt, weil der Name so wenig selbsterklärend ist – gern „eine Art Berufsverband für Schreibpädagoginnen und -didaktiker“. Für mich hat der seit 1982 bestehende Kreis trotz komplett fehlender Gremien- und Lobbyarbeit seit 2002 diese Funktion.
Jedes Jahr im Frühjahr treffen sich Mitglieder und sonstige am Kreativen Schreiben Interessierte an wechselnden Orten in der Republik, um ein Thema schreibkreativ und reflektierend auszuloten. Unser Thema im April 2014 in der Evangelischen Akademie in Meißen hieß Schreiben 21 – Was ist zeitgemäß?.
Die Segeberger Briefe sind eine Zeitschrift für Kreatives Schreiben, die der Segeberger Kreis herausgibt. Das Herbstheft bereitet jeweils die letzte Tagung nach. So heißt das gestern aus der Druckerei gekommene Heft zeitgemäßes schreiben anno zweitausendvierzehn. Es beinhaltet komplette Schreibsettings aus sechs Kleingruppen, Beispieltexte aus der schreibkreativen Gruppenarbeit, Rezensionen, Seminarangebote und den Nachdruck einer Poetikvorlesung des Autors und Alice-Salomon-Poetik-Preisträgers Franz Hohler.

Segeberger Briefe – Zeitschrift für Kreatives Schreiben
ISSN 2193-4495
Nr. 89, September 2014, 180 Seiten, 22 Euro
Bestellung über Kirsten Alers


15. September 2014
Kreatives Schreiben in Nordhessen
Fachtagung in Kaufungen

Eingeladen sind Lehrende und Veranstalter aus den Universitäten, der Erwachsenenbildung und freie Anbieter im Arbeitsfeld des Schreiben-Lehrens in der Region Nordhessen. Einem Überblick über die jüngere Entstehungsgeschichte des Kreativen Schreibens in Deutschland (Referentin Kirsten Alers) sollen Kleingruppenworkshops und Debatten folgen. Das Programm sieht eine Vorstellung der Schreibgruppenpädagogik ebenso vor wie die Vorstellung der Best Practice von Teilnehmenden.
Prof. Dr. Norbert Kruse, Deutschdidaktiker an der Universität Kassel, lädt nach seinem Vortrag „Kreatives Schreiben und Bewertung von Texten – ein Widerspruch?“ zur Diskussion ein.
Ausführlich kann über die Konzeptionsunterschiede in den Angeboten diskutiert werden, etwa zum Umgang mit Textkritik, zur Frage des Mitschreibens durch die Leitung oder der Problematik von Öffentlichkeit und Veröffentlichung. Außerdem kann ein Austausch darüber stattfinden, wie sich die Lehrenden für ihre Aufgabe qualifizieren, was Schreibgruppenleitungen mitbringen sollten. Nicht zuletzt kann erörtert werden, wie Kooperationen in der Region entwickelt und weitergeführt werden können.
Um 20 Uhr liest der Autor Thommie Bayer aus Die kurzen und die langen Jahre. Er berichtet zudem aus des Dichters Werkstatt.

Termin: Dienstag, 18. 11. 2014, 14-22 Uhr
Ort: Kaufungen, Tagungshaus, Kirchweg 3
Kosten. 25 Euro (inkl. Lesung)
Anmeldung: vhs Region Kassel (Kursnummer N 2116), Tel. (05 61) 10 03 16 81
Anmeldeschluss 6. 10. 2014


25. Juni 2014
Ich bin drin!
Berliner Anthologie erscheint heute

„Schreiben? Schreiben! Oder: Woher kommt die Lust am Schreiben?“ – so der Titel meines Essays in der Berliner Anthologie, die heute erscheint.
Das ist ja nun nicht meine erste Veröffentlichung zum Thema Schreiben, aber vielleicht die beste, auf jeden Fall die persönlichste. Ich fühle mich geehrt und bedanke mich (auch an dieser Stelle) bei Herausgeber Andreas Dalberg für seine ermutigend-kritische Begleitung und für die Einladung, zur Präsentation am 10. Juli mein Essay zu lesen.

Klappentext:
Hier wird das lyrische Ich verloren und wiedergefunden, der Weg in das Innere des Schreibens vermessen und der Fabulierlust auf den biographischen Grund gegangen: In den abwechslungsreichen Essays der ersten Berliner Anthologie, die mal feuilletonistisch oder literarisch, wissenschaftlich oder philosophisch sind, berichten die Autorinnen und Autoren von ihren gedanklichen Spaziergängen durch die Schreiblandschaften. Sie suchen Antworten auf Fragen, die sich im Lauf jeder Schreibbiographie stellen: Ist Schreiben nur das Zuhause für professionelle Dichter? Ist die Neurose der Protagonistin auch die eigene? Wie lässt sich der Punk-Spirit im Schreiben (wieder)entdecken? So unterschiedlich die Annäherungen, so verschieden die Perspektiven. Denn Schreiben mag vieles sein, eines aber sicher nicht: auf einen simplen Begriff zu bringen. Die Berliner Anthologie spiegelt diesen Facettenreichtum heutiger Schreibräume und spricht daher ebenso von Wortfiguren und Schreibwerkstätten wie von Schriftstellerei.

Andreas Dalberg (Hg.): Berliner Anthologie. Essays rund um das Schreiben, Roos & Reiter, Berlin 2014, ISBN 9783944283043, 172 Seiten, Paperback, 12,80 €

Buchpräsentation: Donnerstag, 10. Juli 2014, 20 Uhr im ,Naumann 3’ (Naumannstraße 3, Berlin-Schöneberg, S-Bahnhof Julius-Leber-Brücke), Eintritt frei


22. Juni 2014
Abänderung
Voltaire und das Schreiben

Über Literatur und Aufklärung lässt sich nicht reden, ohne auch über Voltaire zu reden. Die Aufklärung aber soll hier nicht Thema sein, sondern Voltaires viel zitierter, auf Postkarten und in Schreibratgebern zu findender Satz. „Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.“
Ich folge dieser Aussage nicht, sondern sage: Jede Art zu schreiben ist erlaubt, auch die langweilige.

Welches Schreibprodukt – denn um dieses geht es Herrn Voltaire und all seinen den Satz zitierenden Fans wohl – langweilt, ist auf Seiten der Lesenden zunächst einmal eine Frage des Geschmacks, des persönlichen Hintergrunds und des Interesses am Gegenstand. Wer also sollte allgemeingültig entscheiden, welcher Text langweilt und welcher nicht?
Auf Seiten der Schreibenden gelten die gleichen Fragen – und (mindestens) zwei weitere kommen hinzu: 1. Was passiert, wenn ich mir verbiete, langweilig zu schreiben? Die Antwort: Ich laufe Gefahr, mich zu blockieren. 2. Warum soll ich nicht langweilig schreiben dürfen? Die Antwort: Ich darf schreiben, wie ich es für richtig halte, denn die Kategorie Langeweile hat für den Akt des Schreibens keine Relevanz.
Und oh, wie entlastend kann es sein, langweilig zu schreiben, einfach zu schreiben, so schön langweilig – und plötzlich macht es klick und ich bin im Flow. Vielleicht schreibe ich immer noch langweilig, aber das ist in diesem Zustand wirklich vollkommen irrelevant.


17. Juni 2014
Wenn Studieren glücklich macht
Bettina Völter beim 2. Alumni-Treffen

„Der Studiengang hier ist möglicherweise der einzige an dieser Hochschule, der glücklich macht.“ Nicht immer, nicht jeden Tag, aber grundsätzlich kann man Bettina Völter, Mitglied des Rektorats der Alice Salomon Hochschule, nur zustimmen. Der Studiengang, der ihrer Meinung nach glücklich macht, ist ,meiner’: der Masterstudiengang Biografisches und Kreatives Schreiben. Vor fast zehn Jahren ist er entstanden, zum 13. Juni hatte die Studiengangsleitung, Prof. Dr. Ingrid Kollak, zum 2. Alumni-Treffen eingeladen, zu dem sich aus sieben der acht bisherigen Jahrgänge ehemalige und noch Studierende einfanden. Außerdem folgten mehrere DozentInnen sowie zwei der GründerInnen, Lutz von Werder und Barbara Schulte-Steinicke, der Einladung. Und noch mehr Feines hatte Bettina Völter gefunden: Bemerkenswert an diesem Studiengang sei, dass man die Möglichkeit habe, Studium und eigene Erfahrungen ganz eng miteinander zu verknüpfen, und im Schreiben selbst zu erleben, wie „ungeborene Ideen gehoben“ werden könnten. Zudem sei der Studiengang nicht etwa ein Anachronismus, sondern ein „Gegengewicht“ zu dem, wie das Schreiben sich medial und in seiner Funktion verändert habe. Ich bin – als Dozentin für Schreibgruppenpädagogik und -dynamik – gern Teil dieses Gegengewichts.
Weitere Informationen: Alice Salomon Hochschule Berlin.


9. Juni 2014
Das Böse in der Literatur
Ilija Trojanow zu Besuch in Kassel

Jedes Jahr vergibt die Universität Kassel an einen zeitgenössischen Schriftsteller die Brüder-Grimm-Professur. 2014 war Ilija Trojanow eingeladen, eine Vorlesung und ein Seminar zu halten sowie aus seinem Werk zu lesen. „Das Böse in der Literatur“ – der Titel des Seminars hatte mich nicht besonders gereizt, um so erstaunlicher, wie der frühe Abend des 3. Juni in mir nachhallt.
Trojanows These: In der zeitgenössischen Literatur werde nicht die zentrale Frage gestellt, wie der Mensch ins Böse abgleitet. Wie es möglich ist, dass Menschen (wie in den totalitären Gesellschaftsordnungen des 20. Jahrhunderts massenhaft geschehen) FreundInnen, NachbarInnen, KollegInnen und Familienmitglieder sowie vom Staat als nicht geduldet definierte Personen denunzieren. Ob es heute nicht auch möglich ist. Ob ich nicht auch ... Das Abgleiten in den Sog des sogenannten Bösen werde in der Literatur nicht dargestellt. Es werde totalitären Regimes oder AusnahmetäterInnen in die Schuhe geschoben – die Möglichkeit des individuell und kollektiv sich entwickelnden Bösen (wie es sich in den Romanen des 19. Jahrhunderts, etwa bei Dostojewski oder Dickens manifestiere) sei (literarisch) abgeschafft.
Einen die These widerlegenden Einwurf aus dem Publikum ließ Trojanow gelten: Landgericht von Ursula Krechel (Deutscher Buchpreis 2012).
Er selbst versuche in seinem Schreiben die Fragen zu umkreisen, auf die die Moderne keine Antwort habe – wozu sonst lohne es sich, die eigene Lebenszeit zu geben?! Als eine mögliche Lösung für eine zeitgemäße literarisch-ästhetische Gestaltung des Bösen – der systemischen Zwänge und der individuellen Bereitschaft, sich diesen zu beugen – sieht er im polyphonen, collagierenden Arbeiten. Er mischt Dokumente mit Literarisierungen mit dem Ziel, dem Leser den Boden unter den Füßen wegzuziehen, weil dieser nicht mehr klar erkennen kann, was Gut und was Böse ist, um dann herausgefordert zu sein, eine Lösung für sich zu finden: Wie will ich handeln, was will ich tun und was nicht?
Ja, wozu auch sonst schreibe ich? Ja, wozu auch sonst lese ich?
Drei Leseanregungen möchte ich geben:
1. Agota Kristof: Das große Heft (sich während des 2. Weltkriegs physisch und psychisch abhärtende Jungen dokumentieren ihre Handlungen emotionslos-dokumentarisch in einem Heft), Hamburg 1987
2. Ursula Hegi: Die Andere (wie sich während der Nazi-Zeit das Denunziantentum in eine kleine Stadt im Rheinland einschleicht, erzählt aus Sicht einer kleinwüchsigen Frau), Reinbek 1998
3. Juli Zeh: Spieltrieb (wie Jugendliche unter sozialem Druck und in Parallelwelten, in denen scheinbar keine Tabus herrschen, in kalte und gleichsam verzweifelte Inhumanität abgleiten), Frankfurt/M. 2004


14. Mai 2014
Himmelsstürmerinnen-Lesung
Frauenfrühstück in Röhrenfurth

Es war still im Saal, kaum geatmet haben die 50 Frauen, so schien es uns beim Lesen. Das ist ein Geschenk, wenn Zuhörende mitgehen, mitlachen, mitseufzen ... Die Frauenschreibwerkstatt war eingeladen, am 10. Mai zum einmal im Jahr stattfindenden Frauenfrühstück in der evangelischen Kirchengemeinde Röhrenfurth (Melsungen) einen kulturellen Beitrag zu leisten.
Besonders berührt waren die Zuhörerinnen von den Texten, die sich in fiktionaler Form mit der 900-jährigen Geschichte des nahe gelegenen Klosters Breitenau (Guxhagen) auseinandersetzten – wissen doch alle in der Region, dass das Kloster auch KZ war, auch Mädchenerziehungsheim mit Schwarzer Pädagogik, auch psychiatrische Anstalt.
Gedenkstätte Breitenau | Regiowiki HNA

Gelesen haben KIrsten Alers, Monika Ehrhardt-Müller, Gabi Willius und Dorte Schätzle aus der Mittwochs­abends­schreib­werkstatt.


28. April 2014
Schreiben ist …

… forschen … lachen … festhalten … ausprobieren … brüllen … sagen … eindringen … ausatmen … lernen … jubeln … streiten … aufdecken … weinen … therapieren … weis­sagen … mitteilen … verstehen … erzählen … kritisieren … erfinden … vertreiben … gestalten … über­blenden … ausdrücken … verbinden … fliegen … feiern … fantasieren … überleben …