Schreib-Blog

16. Oktober 2017
for action, in action, on action
Schreiben als Reflexive Praxis 3

Schreiben kann ich auch nutzen, um meine Handlungen zu reflektieren. Schreiben als Reflexive Praxis (oder besser ausgedrückt: als reflektierende Praxis) hat eine lange Tradition, vor allem im pädagogischen oder sozialarbeiterischen Berufsfeld, in dem es notwendiger ist als in manch anderem Berufsfeld, sich und die eigenen Handlungen selbstkritisch zu betrachten. Für alle, die pädagogisch oder sozialarbeiterisch tätig sind (und natürlich auch für alle ansonsten an kritischer Selbstreflexion Interessierte) stelle ich hier das Konzept des US-amerikanischen Philosoph und Professor der Stadtplanung am Massachusetts Institute of Technology Donald Schön. In seiner Handlungstheorie wendet sich Schön (1930–1997), auf den der Begriff reflective practice zurückgeht, mit dem Positivismusvorwurf gegen die Dominanz technischer Rationalität (John Deweys ,Schüler’). Er unterscheidet in seinem 1983 erschienenen Werk The Reflective Practitioner: How professionals think in action, in dem er auf das Problemlöseverhalten hochqualifizierter Berufsgruppen fokussiert, drei Handlungsmodi bzw. Phasen Reflexiver Praxis (vgl. Roters 118f.):

  1. reflexion-for-action: Das ist die Reflexion im Davor, in der Planungsphase.
  2. reflexion-in-action: Das ist das spontane oder bewusste Einnehmen einer ,Vogelperspektive’ in der konkreten Praxis, um möglicherweise diese sofort zu modifizieren.
  3. reflexion-on-action: Das ist ein Innehalten im Danach; hier werden drei fragen gestellt: Was hat funktioniert? Was nicht und warum nicht? Welche Konsequenzen können für das nächste Mal gezogen werden? Mit diesen Fragen geht man dann zurück zu Phase 1.

Dieses auf den Gesamtprozess bewusster (pädagogischer) Handlung ausgerichtete Konzept Reflexiver Praxis geht u. a. davon aus, dass die handelnde Person bereit ist, Unsicherheiten in der Praxis auszuhalten, erst einmal bei Irritationen zu einem Problemverständnis (framing) zu kommen, ohne sofort nach den einfachen oder nahe liegenden Lösungen zu greifen. Gerade die Reflexionsfähigkeit im Raum des routinelosen unbekannten Settings macht nach Schön Professionalität aus.
Im Prozess des problem (re)framing wird das implizite Wissen reflektiert, damit ist gemeint, einen kritischen Dialog mit eigenen Vorannahmen, mit der eigenen Praxis und deren theoretischen Begründungen zu führen. Er schlägt für die von ihm besonders fokussierten reflektierenden Praktiker einen Dreischritt vor:

  1. Beobachtung unserer Erfahrung,
  2. Verbindung dieser mit unseren Gefühlen,
  3. In-Bezug-Setzen zu unseren Theorien (vgl. Studer/Jannuzzo 2015: 125).

Ziel der Reflexiven Praxis ist für Schön: „Learning how one reflects-in-action and reflects-on-action by the framing and reframing indeterminate situations“ (MacKinnon/Erickson 1988, zit. nach Roters 2012: 121). Nicht die eine Lösung zu finden, ist das Ziel, sondern das Problem aus verschiedenen Perspektiven betrachten zu können.

Vielleicht ist es ja ein lohnendes Experiment, dich auf diesen schreibenden Reflexionsprozess einzulassen.

Literatur
Honegger, Monique / Ammann, Daniel / Hermann, Thomas (2015): Schreiben und Reflektieren. Denkspuren zwischen Lernweg und Leerlauf. Bern: hep verlag Roters, Bianca (2012): Professionalisierung durch Reflexion in der Lehrerbildung. Eine empirische Studie an einer deutschen und einer US-amerikanischen Universität. Münster u. a.: Waxmann Studer, Patrick / Jannuzzo, Diego (2015): Reflexive Praktiken in technischen Studiengängen. Das Lernjournal. In: Honegger/Ammann/Hermann: 124–136


9. Oktober 2017
95 Anschläge
oder Bekenntnisse oder Positionen ...

Inspiriert von dem Essay-Sammelband 95 Anschläge. Thesen für die Zukunft möchte ich anregen (als Ergänzung zum Blog-Eintrag vom 25. 9. 2017), eigene Thesen zu verfassen, eine oder 17 oder 95, länger ausfomulierte oder Ein-Satz-Thesen. Ein paar der Überschriften aus diesem Band könnten schon erste Schreibanregungen sein:

  • Deutschland ist Entwicklungsland
  • Schluss mit dem Selbstbetrug – Deutschland ist ein rassistisches Land
  • Wer nach Wahrheit sucht, muss mit echten Menschen streiten
  • Wir brauchen Zweifel, um offen zu bleiben
  • Auf allen Hochzeiten tanzen – und dabei auch noch Spaß haben

Und zu lesen lohnt sich das Buch auch, nicht zuletzt auch weil so kluge Menschen wie Thea Dorn, Judith Hermann, Hartmut Rosa, Edgar Selge, Ilija Trojanow oder Juli Zeh unter den 95 AutorInnen sind.

Friederike von Bünau, Hauke Hückstädt (Hg.) (2017): 95 Anschläge. Thesen für die Zukunft. Frankfurt/Main: S. Fischer


2. Oktober 2017
Leben …
Um davon zu erzählen

„Das Leben ist nicht das, was man gelebt hat, sondern das, woran man sich erinnert und wie man sich daran erinnert – um davon zu erzählen“, lautet das Motto der Memoiren des Gabriel García Márquez. Erhält nicht so das Erinnern, das Erzählen, das Schreiben insbesondere den Stellenwert des Konstrukteurs des Lebens? Erinnern wir uns, erzählen wir, schreiben wir also! (Und nicht vergessen: zwischendurch immer mal wieder LEBEN!)


25. September 2017
95 Thesen
zur Lage der Nation

Der Ausgang der Bundestagswahl 2017 fordert dazu auf, sich mit der Zukunft zu befassen. Wohin gehen wir, wie wollen wir leben, was kann ich tun? Jedenfalls sind diese Fragen in mir wieder einmal aus dem Hintergrund in den Vordergrund geploppt. Und da ich Schreiblehrerin bin, suche ich dann auch sofort nach Schreibanregungen, sich schreibend Positionierungen und Visionen anzunähern, ist wahrscheinlich nicht die schlechteste Idee ... Und so empfehle ich, die Luthersche Idee zu nehmen und 95 Thesen zur Lage der Nation zu verfassen (oder zur Lage der Welt oder zu welcher lage auch immer). Am 31. Oktober gibt es ja die Gelegenheit, sie an eine geeignete Tür zu nageln. Und vielleicht hat die eine oder andere These durchschlagende Wirkung, wer weiß das schon ...


18. September 2017
Nomen- und Verbenfunde
Inspiration aus Eigenem

Nimm einen Text, den du, ohne lange zu suchen oder zu überlegen, und am besten auch, ohne ihn zu lesen, aus einem Stapel oder einem Ordner ziehen solltest. Schreib daraus das 1., das 3. und das 5. Nomen von vorn sowie das letzte, das drittletzte und das fünftletzte Verb heraus. Aus diesen sechs Wörtern entsteht als Grundmaterial, als Impulsmasse ein neuer Text.
Später kannst du die beiden Texte vergleichen. Gibt es verwandte Ideen, tauchen ähnliche (deine) Themen in beiden Texten auf?
Diese Übung geht auf die Gruppe OuLiPo zurück, sie ist eine ihrer Contraintes.


11. September 2017
Das Mindeste?
Oft schon das Ausreichende!

„Wenn du dich in Situationen der Ungerechtigkeit neutral verhältst, hast du dich auf die Seite des Unterdrückers gestellt.“ (Desmond Tutu, anglikanischer Geistlicher und Menschenrechtler aus Südafrika)
Dazu empfehle ich auch die Lektüre des Intros Eine Antwort auf Butler in der EMMA 5/2017 (September/Oktober), in dem Alice Schwarzer sich positioniert – gegen die Versuche falsch verstandener, nur den Machtverhältnissen in die Hände spielender Toleranz gegenüber frauenverachtenden kulturellen Traditionen.


4. September 2017
Erst lesen. Dann schreiben
Aufforderungen zum Lernen

Kann man das Schreiben lernen? Jahrhunderte lang war man im Speziellen in Deutschland davon überzeugt, dass man zwar das Musizieren, Malen oder Tanzen lehren und also üben und lernen kann, nicht aber das literarische Schreiben – dazu musste man schon als Genie geboren sein. Seit rund 30 Jahren nun zweifelt man auch in Deutschland nicht mehr an, dass Schreiben lehr- und lernbar ist, man fragt sich allerdings, wie das geschehen soll. Im Kontext der (wissenschaftlichen) Debatte, die im Zuge der Gründung des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig 1995 und des Studiengangs Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim sowie der Implementierungen der ersten Schreib(beratungs)zentren an deutschen Hochschulen/Universitäten intensiv geführt wurde, setzten sich auch AutorInnen und Lehrende damit auseinander, wie sie das Schreiben gelernt haben. 22 geben dementsprechende essayistische Selbstauskünfte über ihre literarischen Vorbilder und wie sie was von ihnen gelernt haben in dem Sammelband Erst lesen. Dann schreiben. Lernen von Vorbildern heiße, so der Schriftsteller Burkhard Spinnen: „ganz wesentlich geht es um Aneignung und Metamorphose“ (S. 259). Robert Gernhardt, Hanns-Josef Ortheil, Daniel Kehlmann und Antje Rávic Strubel. Das Buch ist ein wunderbares Plädoyer dafür, sich mit der Gemachtheit von Literatur auseinanderzusetzen, nicht um ,große’ zu kopieren, sondern um die Palette des eigenen poetischen Ausdrucks zu erweitern.

Porombka, Stefan / Kutzmutz, Olaf (2007): Erst lesen. Dann schreiben. 22 Autoren und ihre Lehrmeister. München: Luchterhand. (U. a. geben Selbstauskunft Robert Gernhardt, Hanns-Josef Ortheil, Daniel Kehlmann und Antje Rávic Strubel.)


28. August 2017
Zum Gebrauchswert klassischer Lyrik
Goethe zum 268. Geburtstag

Mühsam schien mir das Interpretieren von Gedichten, in Deutsch mittelschwierig, in Englisch kam ich nie über ein ,ausreichend’ hinaus. Ich kann nicht sagen – und das ist erstaunlich in Anbetracht des Quasi-Scheiterns –, dass ich Gedichtinterpretationsaufgaben nicht mochte, ehr das Gegenteil ist der Fall: Mich über Reim und Rhythmus, Metaphern und Motive dem zu nähern, was in den Tiefen eines Gedichts steckt, was es beim ersten Lesen geschickt verbirgt, was vielleicht noch nicht einmal der Autor, die Autorin mit Absicht verborgen hat, empfand ich als faszinierend und lohnend. Niemals leider haben wir, die wir zum Interpretieren aufgefordert waren, aufgefordert, Gedichte zu schreiben, das Erkannte also in einem eigenen Produktionsprozess auszuprobieren, um so noch besser die Gemachtheit von Literatur verstehen zu können. Und dann hätten wir als erstes ja einmal ein Gedicht nachahmen, Reim und Rhythmus übernehmen, Metaphern und Motive neu wählen können. Haben wir nicht. Haben aber immer schon Menschen – mit Lern- oder Lehrabsicht oder einfach aus Spaß oder als Fingerübung. Ein überaus beliebtes Gedicht für das eine oder das andere scheint Wanderers Nachtlied von Johann Wolfgang Goethe zu sein, der heute, am 28. August 2017 268 würde, lebte er noch (wie es sein Gedicht tut).

Hier also erst einmal das Original:
Ein gleiches.
Über allen Gipfeln
Ist Ruh’,
in den Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest Du auch.

Nach Einführung der Tabaksteuer veröffentlichte die Magdeburger Zeitung 1894 folgende Umdichtung:
Ueber allen Wipfeln ist Ruh.
In allen Gipfeln spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Blätter rauschen im Walde,
Warte nur, balde
Rauchst du sie auch!

1917, also vor 100 Jahren genau, veröffentlichte Karl Kraus in seiner Fackel eine Umdichtung, die er im Frankfurter Generalanzeiger gefunden hatte:
Frei nach Goethe!
Ein englischer Kapitän an den Kollegen.

Unter allen Wassern ist – ,U’
Von Englands Flotte spürest du
Kaum einen Rauch ...
Mein Schiff versank, dass es knallte,
Warte nur, balde
R-U-hst du auch!

1964 griff Johannes Hubert ebenfalls nach Goethes Gedicht, um ein gesellschaftlich aktuelles Thema zu verarbeiten:
wanderers nachtlied
über alle gipfeln
ist unruh
in allen wipfeln
spürest du
atomkernrauch.
die kobolde lärmen im walde.
warte nur, balde
kobaldest du auch.

Adaptionen oder als solche interpretierte gibt es weitere auch in der zeitgenössischen Lyrik, u. a. in der Konkreten Poesie (Friedrich Achleitner, Eugen Gomringer, Ernst Jandl). Und jetzt? Selber machen! (Und es geht auch mit anderen Gedichten!)

Quelle: Segebrecht, Wulf (1978): J. W. Goethe. ,Über allen Gipfeln ist Ruh’. Texte, Materialien, Kommentar. München/Wien: Carl Hanser


21. August 2017
Urlaubslektüre
Entdeckungen

Im Urlaub lese ich auch mal Bücher, die ich nicht für die Arbeit brauche, genauer gesagt: Ich erlaube mir, Bücher zu lesen, deren direkte Verwendbarkeit für die Arbeit nicht schon auf dem Klappentext ersichtlich ist – und so entdecke ich dann doch Spannendes (das erstaunlicherweise oft auch noch verwendbar ist). Hier also die Liste meiner mit Genuss gelesenen Bücher (nicht ganz bzw. überhaupt nicht zufällig, dass fast alle aus der Feder von Autorinnen stammen):

  • Kristine Bilkau (2017): Die Glücklichen, btb. Wie ein junges Paar mit Kind und akademisch-künstlerischen Berufen versucht, nicht an den Zumutungen der Postmoderne zu scheitern.
  • Lena Gorelik (2015): Null bis Unendlich, Rowohlt. Es geht um Sprache, Liebe und Weltsichten von Nils und Sanela aus Jugoslawien.
  • Ayelet Gundar-Goshen (2015): Löwen wecken, Kein und Aber Verlag. Ein Roman aus Israel, in dem die Hauptfigur um sein Selbstbild ringt; nebenbei geht es um Flüchtlinge aus Eritrea.
  • Susann Pásztor (2017): Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster, Kiepenheuer & Witsch. Eine anrührende und zur Selbstreflexion des eigenen Gutmenschenanteils geeignete Geschichte über eine Sterbebegleitung.
  • Yasmina Reza (2017): Babylon, Hanser. Es geht um bürgerliche Doppelmoral und das Scheitern an Idealen.
  • Fred Vargas (2002): Bei Einbruch der Nacht, Aufbau Taschenbuchverlag. Ein spannender Krimi (und auch ein Roadmovie), der in Südfrankreich spielt und in dem die Charaktere wunderbar gezeichnet sind; nebenbei geht es ums Thema Wolfseinwanderung.


31. Juli 2017
Listentexte helfen
... um zu umkreisen und zu vertiefen

Das – ich nenne den Text – Gedicht von Eike von Savigny eignet sich, ahmt man die Form nach, wunderbar, um spielerisch sich vorzutasten, um etwas zu umkreisen, um in die Tiefe zu kommen. Man kann sich auch von der speziellen Art des Seriellen, wie von Savigny es benutzt, lösen, eigene Anfangsworte wählen und einfach frei assoziieren. Es geht einerseits um Spiel und Lust, andererseits fördert das serielle Arbeiten manchmal Erstaunliches zutage.

Katalog
Eike von Savigny (geb. 1941)

A    Es gibt vollkommene Zahlen
B    Es gibt Zahlen
A    Es gibt natürliche, ganze, rationale Zahlen und so weiter
B    Es gibt natürliche Zahlen
A    Es gibt Sachen zum Totlachen
B    Es gibt Sachen
A    Es gibt in Deutschland Sagen, in den USA nicht
B    Es gibt in Deutschland Sagen
A    Es gibt Sagen über Barbarossa
B    Es gibt Sagen, Märchen, Legenden, Erzählungen und so weiter
A    Es gibt Sagen
B    Es gibt Gerüchte, nach denen er in die Affäre verwickelt ist
A    Es gibt Gerüchte
B    Es gibt in der Regierung einige gefestigte Charaktere
A    Es gibt Charaktere
B    Es gibt einen Punkt, über den man nicht hinausgehen darf
A    Es gibt einen Punkt, an dem wir uns treffen könnten
B    Es gibt einen Punkt
A    Es gibt dunkle Punkte in seiner Vergangenheit
B    Es gibt dunkle Punkte
A    Es gibt Punkte, in denen ich mit mir reden lasse
B    Es gibt Punkte
A    Es gibt nicht nur Berge, sondern auch Täler
B    Es gibt Berge
A    Es gibt Möglichkeiten für eine Einigung
B    Es gibt Möglichkeiten
A    Es gibt Millionen Arbeitslose
B    Es gibt Arbeitslose
A    Es gibt Ausnahmen von dieser Regel
B    Es gibt Ausnahmen
A    Es gibt herrliche Farben im Herbst
B    Es gibt Farben
A    Es gibt von dem Anzug die Größen 94 und 98
A    Es gibt für Anzüge die schlanken Größen 90, 94, 98 und so weiter
B    Es gibt Größen
A    Es gibt sehr hübsche Gegenstände in dieser Kollektion
B    Es gibt Gegenstände

      Es gibt nichts als Ärger mit den Russen
      Es gibt noch Charakter in der Politik
      Es gibt da gewisse Gerüchte
      Es gibt immerhin noch Tiger
      Es gibt in Afrika Tiger
      Es gibt zum Beispiel Tiger, Löwen und Panther
      Es gibt für ihn nur die Callas
      Es gibt für Rentner verbilligte Karten

(Quelle: Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen. In hundertvierundsechzig Spielarten vorgestellt von Andreas Thalmayr. Nördlingen: Greno, 1985. – Dieses Werk ist übrigens eine wunderbare und inspirierende Fundgrube!)


24. Juli 2017
100 Arten ...
... die Documenta zu betrachten (Teil 1)

Unter der Blog-Rubrik Schreibanregungen findet man am 13. März 2017 ein Gedicht von Wallace Stevens: Dreizehn Arten, eine Amsel zu betrachten. Seit ich es kennen gelernt habe, ist es einer meiner Lieblingsschreibimpulse. Und so habe ich ihn auch verwendet, um einen Blick oder 13 Blicke oder 100 Blicke auf die Documenta zu werfen. Die ersten können jetzt hier gelesen werden:

24 Arten, die Documenta 14 zu betrachten
I. Noch nichts gefunden, an dem ich etwas verlernen könnte.
II. Weil es Ithaka gibt und ich es erst ganz am Ende erreichen werde, muss mir Ithaka nichts mehr sein, weil alles alles davor nur passiert ist, weil ich auf dem Weg nach Ithaka war, und das war es ja dann, was Ithaka mir war.
III. Der Zwang zur Norwegisierung, dem die Sami ausgesetzt sind, führt zu Vorhängen und Halsschmuck aus Rentierschädeln in alter dunkler Posthalle.
IV. Wer hat Schloss aus Glas je auf welchen Index gesetzt, sodass es das Recht hat, eingeschweißt den Sommer auf dem Friedrichsplatz zu verbringen (wobei ich dieses Buch unbedingt zu lesen empfehle).
V. Wenn Elefanten kämpfen, leidet der Frosch und Fluxus aufersteht im und am Küchengraben und die Gänse schnattern was auch immer, nur Ben Patterson ist schon tot.
VI. Wenn man nichts verstehen will, versteht man auch nichts.
VII. Indigo kommt aus grünen Pflanzen, die das Blau als ihr Geheimnis bewahren.
VIII. Und alle wissen, wo sie nach Lösungen zu suchen haben, nur die nicht, die mitten im Problem sitzen.
IX. Ich sehe das, was in meine Kategorien passt, und trete einen Schritt zurück, als ich Kassel lese statt Minsk oder Incirlik.
X. Warum muss ich Kaffee aus Pappbechern und für 3,80 Euro trinken?
XI. Die Suche, immer die Suche nach der Ästhetik des Widerstands (auch Jahrzehnte nach der Lektüre von Peter Weiss), nach dem, wie sich Kunst zur Gesellschaft stellt und lustvolle und farbenfrohe Antikategorien entwirft; fündig geworden in der Gottschalkhalle.
XII. Zu viel Dokumentarisches, sagte Friedrich. Zu wenig Farbe, sagte Marie-Luise. Die Kunst liegt unter dem Hauptbahnhof, schrieb Barbara.
XIII. In meinem Garten blüht roter Mohn – und ich weiß nicht, ob es der ist, den ich von Karla bekam, oder der, der zehn Jahre gebraucht hat, um von Kassel nach Kaufungen zu wehen.
XIV. In Resonanz zu gehen, kann zu Verhaftungen führen, wenn es um das echte Leben jenseits der Kunst geht, in dem nämlich Krauss-Maffay-Wegmann Kriegsgerät im Namen der Bundesregierung für Saudi-Arabien herstellt.
XV. 82 Übersetzungen von Goya-Gemälden und ein Trojanisches Pferd, das an Johanni verbrannt wurde, also entkommt doch niemand der Verdammnis – erst angetan, dann in Distanz, jetzt im Zweifel, ob dieser Künstler schon einmal etwas von Hexenverbrennungen oder sich gerade darauf ...
XVI. Die Annahme einer Multiperspektivität und das In-Erwägung-Ziehen, dass ich nicht Recht habe, ermöglicht das Staunen.
XVII. Die Essbare Stadt ist auch dabei und die Werkstatt und Jana.
XVIII. Barbara kommt. Marion kommt. Christine kommt.
XIX. Mich interessiert nicht, was die KünstlerInnen mir sagen wollen – ich bin eine Amöbe.
XX. Die Gazekugel – hineingeschmuggelt und nicht entfernt (so wie der Sandwichdemonstrant).
XXI. Wenn die Banane in der Pyramide etwas erzählen könnte, würde sie dann von Flüchtlingen erzählen, die als Blinde Passagiere auf ihr nach Europa kamen?
XXII. Auf einmal ist alles bedeutsam.
XXIII. Sind wir nicht alle Documenta? Sei Documenta! Leg dich im Fridericianum auf das Lichtmosaik – ähm, nein, so hatte ich das nicht gemeint, tiefer, anders eben, grundsätzlicher, wesentlicher natürlich. Ich scheitere.
XXIV. Und weißer Rauch steigt auf: Habemus ... – oder alles Schall und Rauch?


16. Juli 2017
Zeiten schreiben
Schreiben in den und über die Zeiten

Vor einigen Wochen durfte ich einmal mehr von der schreibmethodischen Kreativität meiner Kasseler Kollegin und Freundin Carmen Weidemann profitieren. Ich skizziere hier also ihre Schreibanregung in drei Schritten:
Schritt 1 – Gegenwart: Schreib einen Text, der in der Gegenwart spielt und in dem ausschließlich die grammatische Gegenwart, also das Präsens erlaubt ist.
Schritt 2 – Vergangenheit: Nimm einen zentralen Satz aus deinem eben geschriebenen Text (in der Schreibwerkstatt haben wir die Sätze verlost, sodass jedeR einen ,fremden’ Impuls hatte) und benutz ihn als Impuls für einen Text, in dem zurückgeblickt wird und alle Vergangenheitszeiten erlaubt sind, Perfekt, Imperfekt/Präteritum und Plusquamperfekt.
Schritt 3 – Zukunft: Wähl ein Wort aus dem letzten Text (in der Schreibwerkstatt haben wir die Wörter verlost) und benutz es als Impuls für einen Text, der vorausschaut und in dem Futur I und II verwendet werden dürfen.
Die anderen grammatischen Zeiten sind jeweils tabu. Es kann spannend sein, alle drei Texte zum gleichen Thema zu schreiben oder sich bewusst mit einer autobiografischen Frage zu befassen.


10. Juli 2017
Wider den Genderhass
Argumente gegen rechtspopulistische und antifeministische Positionen

In der Kasseler Frauenzeitschrift K(r)ampfader (II. Quartal 2017) las ich einen Text, der mich erschreckte und begeisterte und überzeugte und den ich deshalb in die Netzwelt stellen möchte. Der Text der Soziologiestudentin Rebekka Blum heißt „Angst um die Vormachtstellung. Antifeminismus und Genderhass sind ein Bindeglied zum Rechtspopulismus“.
Der Text ist zuerst erschienen in iz3w Nr. 359, März/April 2017 (www.iz3w.org/zeitschrift/ ausgaben/359_rechtspopulismus), herausgegeben vom informationszentrum dritte welt in Freiburg. (Die iz3w erscheint seit 1970 und ist eine der ältesten unabhängigen ent­wick­lungspolitischen Zeitschriften in Deutschland.)
Gestern schrieb Susanna Naumann, eine meiner Studentinnen an der Uni Kassel: „Alle Menschen sollten Feministinnen und Fe­mi­nisten sein.“ Und genau darum geht es. Und vielleicht könnte ja eine Aktion sinnvoll sein, bei der Frauen und Männer schreiben, warum sie FeministInnen sind oder den Feminismus für mindestens genauso nötig halten wir vor 40 Jahren.


3. Juli 2017
Das ß jetzt auch in groß!
Alte Fragen und neue Freude

Och, nun, was soll man sich über so etwas groß (GROSS geht ja jetzt nicht mehr) aufregen oder was soll man sich darüber auslassen? Also nur ein paar Wörterchen. Zum Aufregen (wie es viele der Menschen, die ich am vergangenen Wochenende traf, taten) finde ich an der neuen Erfindung nichts.
Dass das ß nicht abgeschafft worden ist, fand ich gut, damals bei der letzten Rechtschreibreform. Dass es das ß nicht als Großbuchstaben gab, hat mich schon als Kind irritiert, musste ich doch dann Straße falsch schreiben, schrieb ich es in Großbuchstaben. Irritierend, dass die Erwachsenen offensichtlich da etwas übersehen hatten. Wer konnte dafür verantwortlich gemacht werden? Die befragten Lehrkräfte schüttelten die Köpfe, zuckten mit den Schultern. Als ich dann selbst erwachsen war, hatte ich mich daran gewöhnt. Die Regeln kannte ich, ich wendete sie automatisch an, also: freier Platz im Gehirn für andere Fragen.
Und dann vollkommen unerwartet, mitten im Jahr 2017 (am 29. 6.), in meinem 57. Lebensjahr, knapp 50 Jahre nach meinen Irritationen, haben sich irgendwelche Erwachsenen plötzlich besonnen und diesen merkwürdigerweise vollkommen deutschen (und österreichischen) Gegenstand, das ß, auch als Großbuchstaben erfunden. Das nahm ich dann auch zum Anlass, mal in die Historie zu schauen – und siehe da, schon 1879 gab es in der Fachzeitschrift Journal für Buchdruckerkunst zum ersten Mal den Vorschlag, auch ein großes ß einzuführen; und 1925 wurde die Notwendigkeit, diesen Buchstaben zu kreieren, im Duden genannt. Gedauert hat es dann noch einmal 92 Jahre bis zur Einführung (vgl. wikipedia.org/wiki/Großes_ß).
Überzeugend ist das grafische Ergebnis keinesfalls, aber da kann man ja noch was machen, eine Schriftenentwicklerin vielleicht, die sich als Grundschülerin die gleichen Fragen stellte wie ich. Aber dass es das ß jetzt als Großbuchstaben gibt, ist meines Erachtens eine großartige Sache. Ich freue mich, kein Wort mehr falsch schreiben zu müssen. Wie der neue Buchstabe in meinen Computer kommt, muss ich noch herausfinden ...


26. Juni 2017
Wie Schreiben passiert
Juli Zeh: Grimm-Gastprofessorin 2017

„Sie versteht es, politisches Engagement mit literarischer Finesse zu verbinden.“ Stefan Greif, der Professor für Literaturwissenschaft sagte das am 20. Juni über Juli Zeh in seiner kurzen Einführung zur Vorlesung der Schriftstellerin, die in diesem Jahr die Grimm-Gastprofessur des Instituts für Germanistik an der Universität Kassel inne hatte. Sie schreibe gar keine politischen Romane und stehe immer noch ratlos und glücklich vor dem, was Literatur ausmacht, sagte wenig später Juli Zeh. Der Abend versprach spannend zu werden. Und das wurde er für rund 400 Zuhörende im großen Hörsaal an der Moritzstraße.
Spannend, witzig und geistreich schlug Juli Zeh den Bogen ihres literarischen Schaffens von ihrem ersten Roman, den sie mit zehn schrieb und unter den Dielenbrettern unter ihrem Kinderzimmerfußboden versteckte, bis zu ihrem 2016 erschienenen Roman Unterleuten (Luchterhand 2016) der das Universum eines brandenburgischen Dorfes mit all seinen Individualuniversen einzufangen versucht. Sie erzählte anderthalb Stunden lang über ihr Schreiben und über das, was sie eigentlich immer vorrangig zu tun hatte, während sie ihre Romane schrieb: das erste und das zweite juristische Staatsexamen bestehen, Kinder gebären und versorgen usw. Schreiben, Literatur sei nichts, was sie mache, schon gar nicht unter (Auftrags-)Druck; es passiere, und es gelinge, „wenn man sich gerade nicht anstrengt“ (Nachtschichten allerdings lassen sich dann nicht verhindern).
Juli Zeh sprach mir aus der Schreibpädagogin-Seele. Wenn meine SchreibschülerInnen etwas unbedingt wollen, dann kommt meist eher etwas Verkrampftes, etwas Gewolltes eben, heraus; wenn sie sich aber erlauben, einfach zu schreiben, etwas geschehen zu lassen, dann entstehen oft ganz besondere Stücke – das zeigend, was bewegt, wo echte Fragen sind, was so vielleicht auch noch nie jemand geschrieben hat.
Eine Poetik wolle und könne sie nicht bieten („Poetik ist das, was Autoren erfinden, wenn sie zu Poetikvorlesungen eingeladen werden“), sie tue das, was alle Menschen tun, was also menschlich zu nennen ist: Wir aktivieren die erzählerische Instanz in uns und bilden Narrationen, um die uns überwältigende und überfordernde Überfülle in ein Ordnungssystem zu bringen. Also: „Wir sind alle Ich-Erzähler.“ Und das sind wir auch, wenn wir nicht in der 1. Person singular erzählen. Das sind wir, wenn wir die Weltendinge, die uns in Unruhe verstzen, die uns Rästel aufgeben und drängende Fragen aufwerfen, erzählend versuchen zu fassen. Juli Zeh versuchte das in bisher sechs veröffentlichten Romanen sowie Theaterstücken und Kurzgeschichten.
Mich hat besonders ihr zweiter Roman Spieltrieb (Schöffling & Co. 2004) gefesselt, den ich tatsächlich als überaus politisch empfinde, greift er doch gesellschaftliche Phänomene auf, die sich in den 13 Jahren seit Erscheinen des Romans massiv intensiviert haben: Manipulation, Missbrauch, Lügen, Mobbing, Kälte und massive moralische Unsicherheit an Schulen. Und einen politischen Anspruch scheint Juli Zeh doch auch zu haben, denn in ihrem Abschluss-Statement kritisierte sie überaus scharf diejenigen, die einfache Lösungen wieder salonfähig machen, und pädierte für die Multiperspektivität als Metapher: Davon auszugehen, dass die Gesellschaft aus sieben Milliarden Einzelperspektiven bestehe, hindere das Individuum daran, aus seiner Ich-Perspektive heraus ein Recht auf Macht abzuleiten – und zu hassen. Wie auch sonst sollte man leben unter Leuten?


19. Juni 2017
Sieben Stichworte von mir
im ersten Wörterbuch des Kreativen Schreibens

Das erste deutsche Wörterbuch des Kreativen Schreibens enthält 285 Stichworte von Abecedarius bis Zwei-Minuten-Text. Ergänzt werden die theoretischen Ausführungen durch viele Übungen und Literaturverweise. Das Wörterbuch stellt neben den deutschen und europäischen Ansätzen des Kreativen Schreibens auch die Entwicklung und Praxis des Kreativen Schreibens in den USA, in China und Lateinamerika dar; auch gibt es Kurzportraits von SchreibforscherInnen aus aller Welt. Durch seine Vielfalt ist das Wörterbuch hilfreich für die Stimulierung kreativer Prozesse – egal ob in Schule, Hochschule oder Betrieb. Der Einzelschreibende und auch Schreibgruppen können mit diesem Wörterbuch Themen und Methoden finden und Einstiege zur Bearbeitung ihrer Schreibstörungen entdecken. Das Werk zeigt das Universum dessen, was Kreatives Schreiben im digitalen Zeitalter ist, wozu es sich (in Deutschland) in viereinhalb Jahrzehnten entwickelt hat. So kann man es auf vielfältige Weise als Begleiter benutzen.
Beiträge zu den Stichwörtern geliefert haben neben Lutz von Werder als Initiator und Herausgeber 24 im Bereich des Kreativen Schreibens hochqualifizierte AutorInnen, darunter auch ich. Ich habe Beiträge geschrieben zu sieben Stichworten, die meinen wissenschaftlichen und Unterrichts-Schwerpunkten entsprechen: Didaktik allgemein (S. 145ff.), Didaktik des Kreativen Schreibens (S. 147ff.), Haiku (S. 232 ff.), Schreiben in Gruppen – die Geschichte (S. 575ff.), Schreibgruppen-Dynamik (S. 584ff.), Schreibgruppen-Pädagogik (S. 587ff.), Segeberger Kreis – Gesellschaft für Kreatives Schreiben e.V. (S. 646ff.).
Sicherlich kann man vieles auch anders beschreiben; und gerade dadurch, dass das Werk sehr von-Werder-lastig ist und viele der Menschen, die im Kreativen Schreiben z.B. in den Kontexten Schule und Hochschule sich einen Namen gemacht haben, nicht als AutorInnen dabei sind, sollte es mit überaus kritischem Blick gelesen werden – aber es ist in seiner Einzigartigkeit unbedingt zu würdigen und zu empfehlen.
Als Kostprobe kann man den Beitrag zum Haiku lesen: Haiku.

Lutz von Werder & Friends Das Wörterbuch des Kreativen Schreibens. Begriffe, Textsorten, Übungen, Schreibspiele, Schreibtheorien, Schreibtherapien, Schreibpädagogik
Schibri-Verlag, Berlin 2017, 840 Seiten, Broschur, 2 Bände (A–O, P–Z)
ISBN 978-3-86863-070-1 / 978-3-86863-180-7, 49,80 Euro


12. Juni 2017
Stufenweises Tiefergehen
Feedback gehört zum Schreibprozess 6

In der Vorbereitung zu meinem neuen Modul an der Alice Salomon Hochschule (zu Pädagogik und Reflexivem Schreiben) habe ich diverse neue spannende Feedbackmethoden gefunden, die teilweise andere Dimensionen berühren als die, die ich bisher kannte und in meinen Gruppen angewandt habe. Als erste stelle ich das Stufenmodell von Zimmermann/Rickert vor, mit dem man sich bewusst machen kann, welche Art des Reagierens auf Texte Anderer man bisher gewählt hat, mit dem man aber auch in kleinen Schritten tiefer gehen und so lernen kann, was hilfreiches Feedback ist.
Zimmermann/Rickert benutzen den Begriff der Transaktivität für das kooperative und interaktive schreibbasierte Kommunizieren und Lernen. „Durch transaktives Sprach- beziehungsweise Schreibhandeln selbst gelangen Schreiberinnen zu neuen Inhalten. Transaktive Sprachhandlungen sind Ausdruck jener Denkprozesse, mit deren Hilfe Schreibende weiterführende Ideen generieren“ (Zimmermann/Rickert 2015: 94). Sie haben ein Kategorienraster entwickelt, mit dem sich die Tiefe der Transaktivität und damit in Folge auch die Qualität des Lernens bestimmen lässt:

  • Auf Stufe 1 erfolgt keine Bezugnahme zum Geschriebenen.
  • Auf Stufe 2 wird das Geschriebene wiederholt.
  • Auf Stufe 3 wird dem Geschriebenen zugestimmt oder es abgelehnt, ohne eine Begründung zu geben.
  • Auf Stufe 4 wird Zustimmung oder Ablehnung begründet, aber diese Begründung nicht differenziert.
  • Auf Stufe 5 wird Zustimmung oder Ablehnung differenziert, aber nicht begründet.
  • Auf Stufe 6 wird Zustimmung oder Ablehnung begründet und differenziert.

Quelle: Zimmermann, Tobias / Rickert, Alex (2015): Austausch in Onlineforen. Wie Kategorien die Lernwirksamkeit von Diskussionen steigern. In: Honegger, Monique / Ammann, Daniel / Hermann, Thomas: Schreiben und Reflektieren. Denkspuren zwischen Lernweg und Leerlauf. Bern: hep verlag: 83–96 (hier: 87).


5. Juni 2017
Welche Hautfarbe hat Kreativität?
Ein Denkanstoß zu Pfingsten

Im Schaukasten am Zaun der Kommune Niederkaufungen, der derzeit Flucht und Rassismus fokussiert, fand ich Folgendes:
„62 Personen besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, also 3,6 Milliarden Menschen. [...]
Welche Hautfarbe hat Kreativität? [...]
Welche Augenfarbe hat Freundlichkeit?“


29. Mai 2017
Schreiben in der Gruppe
Reißverschluss-Texte

Suchen Sie sich eine Gruppe oder nutzen sie die nächste Feier mit FreundInnen und schreiben Sie Texte, an denen die ganze Feierrunde beteiligt ist. Die Reißverschluss-Texte entstehen folgendermaßen:
JedeR schreibt einen ersten Satz auf ein eigenes DIN A4-Blatt, denkt sich den zweiten Satz, schreibt ihn aber nicht auf, sondern dann wieder den dritten Satz. Dann geben alle ihre Blätter nach rechts weiter. Die/Der Zweite schreibt den zweiten fehlenden Satz. Die Blätter werden wieder weitergegeben. Die/Der Dritte in der Runde denkt sich den vierten Satz und schreibt den fünften. Die/Der vierte Schreibende schreibt den vierten Satz. Außer ganz zu Anfang (da schreibt jedeR zwei Sätze) schreibt jedeR immer nur einen Satz.

Die Gruppenleitung kann die Satzabfolge unterstützend auf einem Blatt, das in der Mitte liegt, auflisten:

  1. SchreiberIn: 1. + 3. Satz
  2. SchreiberIn: 2. Satz
  3. SchreiberIn: 5. Satz
  4. SchreiberIn: 4. Satz
  5. SchreiberIn: 7. Satz
  6. SchreiberIn: 6. Satz ...

Als Erleichterung können alle immer ihre Sätze bzw. Zeilen nummerieren. Es hat sich auch bewährt, dass alle gleichzeitig weitergeben und die Gruppenleitung zu dem Zeitpunkt immer noch mal ansagt, was als nächstes zu tun ist: Lücke füllen oder Lücke lassen.
Sie sollten bei einer kleinen Gruppe (vier bis sechs Personen) die Blätter zwei Runden wandern lassen, sodass – wenn Sie vier Personen sind und jedeR das eigene Blatt zum zweiten Mal wieder vor sich hat – am Ende auf jedem Blatt neun Sätze stehen. Am Ende schreibt jedeR noch einen Schlusssatz.
Unbedingt muss man darauf aufmerksam machen, leserlich zu schreiben.


22. Mai 2017
6. Nordhessischer Autorenpreis
Einsendeschluss in einem Monat

AN DER GRENZE – was für ein Thema! Wahrscheinlich fällt es vielen schwer, sich zu entscheiden, von welcher Grenze denn nun zu schreiben sei. Von der Grenze des guten Geschmacks, von der Grenze zwischen Atlantik und Pazifik, von der Grenze im Kopf ... Und überschritten werden können ja auch alle Grenzen, an denen man steht. Und dann, was passiert hinter der Grenze?
Weitere Assoziationen und die Teilnahmebedingungen finden Sie hier.


15. Mai 2017
30 Jahre alt
... und so wahr wie damals

Als man in Deutschland noch die Schreibbewegung belächelte oder gar lächerlich machte, schrieb Umberto Eco:„Der Mensch ist ein Wesen, das dazu neigt, sich interesselos auszudrücken, ohne ein praktisches Ziel, aus reinem Vergnügen am Ausdruck - durch Singen, durch Tanzen, durch Bilder, durch Worte und somit auch durch geschriebene Texte. Fast alle singen aus Freude am Singen, sei’s einsam unter der Brause oder gemeinsam auf einem Fest, aber die Mehrheit denkt nicht daran, zur Scala zu gehen. Viele zeichnen und malen und zeigen womöglich im Freundeskreis Karikaturen, Skizzen und Aquarelle, aber sie streben nicht in die Uffizien. Sehr viele spielen ein Instrument, tun sich zu Gruppen zusammen und geben kleine Konzerte, aber sie trachten nicht nach einem Auftritt in der Carnegie Hall. Und bringen sich nicht um, wenn sie’s nicht schaffen. Mithin sollte auch das Schreiben von Gedichten, Geschichten, Tagebuchseiten und Briefen etwas sein, was alle tun, so wie man Fahrrad fährt, ohne dabei an den Giro d’Italia zu denken“ (DIE ZEIT, 13. 2. 1987).
Ist das nicht schön?! Warum schreiben? Warum nicht schreiben? Warum nicht schreiben?


8. Mai 2017
Wortweise Wege gehen
7. Kasseler Schreibcafé am 11. Mai

Das 7. Kasseler Schreibcafé steht ganz im Zeichen von Sprachkürze und Denkweite. Die Gedanken fließen in ein einziges Wort. Es steht am Anfang eines Wortweges. Durch Weglassen, Hinzufügen und Austauschen einzelner Buchstaben entsteht ein neues Wort. Hinter jedem Wort kann sich dann ein Wortraum öffnen. Das 7. Kasseler Schreibcafé wird veranstaltet vom Netzwerk Kreatives Schreiben Nordhessen/Südniedersachsen in Kooperation mit dem Café am Bebelplatz. Am 11.Mai kann man ab 19 Uhr unter der Leitung von Ellen Volkhardt ganz zwanglos in die Welt der Buchstaben eintauchen. Dabei werden Worte geschöpft, gefunden, verwandelt. Wer möchte, kann seinen so gehobenen Wortschatz in ein kleines Büchlein zusammenheften. Materialien dafür sind vorhanden.

Veranstalter   Netzwerk Kreatives Schreiben Nordhessen/Südniedersachsen,
in Kooperation mit dem Café am Bebelplatz
LeitungEllen Volkhardt
TerminDonnerstag, 11 Mai 2017
Zeit19 bis ca. 21.30 Uhr
OrtCafé am Bebelplatz, Friedrich-Ebert-Straße, Kassel, Tram 4 + 8
Eintritt5 Euro + 1 Getränk im Café


1. Mai 2017
Eine Einladung
3 Wörter, 10 Sätze

„Willkommen zu einer neuen Runde Wörter, liebe Befallene vom 10-Satz-Wahn, liebe abc.etüden-Fans und alle, die sich immer noch überlegen, ob sie es vielleicht werden könnten, und hallo ihr da draußen, die ihr noch nie was davon gehört habt und nur zufällig hier gelandet seid.“ So beginnt der Aufruf, bei dem ich gestern gelandet bin, weil eine ehemalig nach Franken verzogene Schreibschülerin mich ,aufforderte’, doch mal ... Also, da gibt es eine Seite im Netz, auf der jede Woche drei Wörter veröffentlicht werden, die alle, die dort landen, wie ich gestern, dazu aufrufen, aus diesen, mit diesen drei Wörtern einen 10-Sätze-Text zu machen. Was für eine Idee! Die Wörter für diese erste Mai-Woche: Paradeiser, Schlawiner, Kinkerlitzchen (gespendet von Jule Pfeiffer-Spiekermann. Also dann – auf geht’s. Und wenn’s diese Woche nicht geht, hier ist der Link, nächste Woche gibt es bestimmt wieder drei inspirierende Wörter (oder auch ohne inspirierende, denn Wörter sind das doch für Schreibende immer: inspirierend!).
Schreibeinladung


24. April 2017
Anders denken
Das Bewusstsein bestimmt das Sein

Was Ulla Hahn sich gedacht hat, als sie das Gedicht schrieb, weiß ich nicht. Was ich gedacht habe, als ich es zum ersten Mal las, weiß ich noch: Das kann man auch ganz anders sehen! Und dann habe ich es in meiner allerersten Frauenschreibwerkstatt verteilt mit der Aufforderung (die ich jetzt auch hier ausspreche): Schreib das Gedicht um in eine kraftvolle (wenn frau so will: positive) Variation!

Ich bin die Frau
Ich bin die Frau
die man wieder mal anrufen könnte
wenn das Fernsehen langweilt

Ich bin die Frau
die man wieder mal einladen könnte
wenn jemand abgesagt hat

Ich bin die Frau
die man lieber nicht einlädt
zur Hochzeit

Ich bin die Frau
die man lieber nicht fragt
nach einem Foto vom Kind

Ich bin die Frau
die keine Frau ist
fürs Leben


17. April 2017
Ostereier?
Drei Statt-Oster-Eier-Zitate

  1. „Mit sich beginnen, aber nicht bei sich enden, bei sich anfangen, aber sich nicht selbst zum Ziel haben.“ (Martin Buber)
  2. „Die Freiheit, etwas anders zu glauben, etwas anders auszusehen, etwas anders zu lieben, die Trauer, aus einer bedrohten oder versehrten Gegend zu stammen, den Schmerz der bitteren Gewalterfahrung eines bestimmten Wirs – und die Sehnsucht, schreibend eben all diese Zugehörigkeiten zu überschreiten, die Codes und Kreise in Frage zu stellen und zu öffnen, die Perspektiven zu vervielfältigen und immer wieder ein universales Wir zu verteidigen.“ (Carolin Emcke, aus der Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandles 2016)
  3. „Niemand hungert, weil wir zu viel essen. Sondern weil wir zu wenig denken.“ (anonym)


10. April 2017
Listentexte helfen …
… um ins (lustvolle) Schreiben zu kommen

Eine meiner neuen Schreibschülerinnen blieb nach zwei Terminen weg. Nach dem zweiten, an dem wir oulipotische Experimente gemacht hatten, schrieb sie mir, wie dumm und mickrig sie sich vorgekommen sei, wie gut die Anderen schreiben, dass ihre aus der Schule mitgebrachte Angst vor dem Schreiben, die sie eigentlich in der Schreibwerkstatt hatte abbauen wollen, sich nur noch gesteigert habe. Ob sie wiederkäme, wüsste sie noch nicht.
Ich war erschüttert.
Dann schrieb ich ihr eine ausführliche Mail zu meinem Verständnis von Schreibwerkstatt; am Ende der Mail gab ich ihr folgende Tipps: Listentexte sind eine gute Möglichkeit, ins Schreiben zu kommen; du kannst einfach mal ein paar Listentexte zu schreiben ausprobieren, jetzt in den Ferien, vielleicht machen sie dir Spaß. Ich gebe dir drei Anregungen: eine von Brecht (Vergnügungen), eine von Heißenbüttel (Heimweh); du kannst einfach mal die Form nachahmen, also eine Liste mit deinen Vergnügungen anfertigen, einen Text schreiben, bei dem jede Zeile gleich anfängt, vielleicht auch mit „Ich erinnere mich ...“. Eine dritte Anregung heißt, einen Text nur aus Fragen zu erstellen (siehe dazu: Blogeintrag vom 27. März 2017).

(Bertolt Brecht)
Vergnügungen

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein

(Helmut Heißenbüttel)
Heimweh

nach den Wolken über dem Garten in Papenburg
nach dem kleinen Jungen der ich gewesen bin
nach den schwarzen Torfschuppen im Moor
nach dem Geruch der Landstraßen als ich 17 war
nach dem Geruch der Kommissspinde als ich Soldat war
nach der Fahrt mit meiner Mutter in die Stadt Leer
nach den Frühlingsnachmittagen auf den Bahnhöfen der Kleinstädte
nach den Spaziergängen mit Lilo Ahlendorf in Dresden
nach dem Himmel eines Schneetags im November
nach dem Gesicht Jeanne d’Arcs in dem Film von Dreyer
nach den umgeschlagenen Kalenderblättern
nach dem Geschrei der Möwen
nach den schlaflosen Nächten
nach den Geräuschen der schlaflosen Nächte

nach den Geräuschen der schlaflosen Nächte


3. April 2017
Antworten …
... weil jemand gefragt hat

Am letzten 1. April schickte mir eine meiner SchreibschülerInnen (Viktoria Ahrend) eine Liste mit Fragen (die sie auch an andere Bekannte und FreundInnen versandte) und bat um Antworten. Sofort, spontan und lustvoll beantwortete ich sie. Ja, es ist eine Lust, auf solche Fragen zu antworten, erlauben sie doch, in spielerischer Weise ein kleines Portrait in Metaphern aus dem Moment heraus zu erstellen. Und laden sie doch ein zum Dialog darüber, was die Fragenstellerin aus dem liest, was geantwortet wurde.
Hier sind die Fragen:

Wenn ich eine Farbe sein könnte, welche wäre ich dann:
Wenn ich eine Land sein könnte, welches wäre ich dann:
Wenn ich ein Tier sein könnte, welches wäre ich dann:
Wenn ich mir ein Geschlecht aussuchen könnte, welches würde ich wählen:
Wenn ich ein Material sein könnte, welches wäre ich dann:
Wenn ich eine Pflanze sein könnte, welche wäre ich dann:
Wenn ich ein Kleidungsstück sein könnte, welche wäre ich dann:
Wenn ich eine Sportart sein könnte, welche wäre ich dann:
Wenn ich ein Beruf sein könnte, welcher wäre ich dann:
Wenn ich ein Wetterzustand sein könnte, welcher wäre ich dann:
Wenn ich ein Gefühl sein könnte, welches wäre ich dann:
Wenn ich eine Zahl sein könnte, welche wäre ich dann:
Wenn ich ein Instrument sein könnte, welches wäre ich dann:

Dieser Fragebogen hat berühmte Vorbilder: Max Frisch hat in seinen Tagebüchern Fragebögen entworfen, die dazu einladen zu antworten. In Magazinen großer Tages- und Wochenzeitungen (FAZ, DIE ZEIT) sind jahrelang jede Woche öffentlich bekannten Personen die gleichen Fragen gestellt worden, sodass man aus den Antworten ein Charakterbild herauslesen konnte.
In meinen Schreibwerkstätten setze ich Fragebögen, ähnlich dem meiner Schreibschülerin, ein, also solche, die ein Portrait in Metaphern zeichnen. Die ausgefüllten Fragebögen werden verlost und anonym vorgelesen – die Gruppe rät, wer sich hinter den Antworten verbirgt.


27. März 2017
Antworten – warum?
Der Sog von Fragen

Angestochen durch das Buch Roman in Fragen von Padgett Powell habe ich vor einigen Wochen angefangen, reine Fragentexte zu schreiben. Und bin nach dem Lesesog in einen regelrechten Schreibsog geraten. Echte Fragen, noch nie gestellte Fragen, sinnlose Fragen, banale Fragen philosophische Fragen, Fragen à la Pablo Neruda – diese Art des Schreibens ist eine (zumindest mich gerade) faszinierende Mischung aus Reflexion und (fast) Automatischem Schreiben. Hier eine meiner Texte aus diesem Monat als Kostprobe:

Fragen
Wird die Welt heil? Wer nur sehnt sich nach dem Paradies? Was hat Luther mit den Nationalsozialisten zu tun? Wer stöhnt da schon wieder? Warum habe ich keinen E-Bass? Wobei soll ich denn den Waschbär beobachten? Was bringt es, Handball im Fernsehen zu schauen? Welche Socken passen an Barbaras Füße? Kommen Engel bei Fehlverhalten in die Hölle? Was zagst du? Kann ich eine Fahrt auf der Hoppetosse buchen? Laufen Isländerpferde auch auf Island im Passgang? Was bedeutet Tölt? Warum steht das Wort immermehr nicht im Duden? Wohin soll der Wind denn übermorgen mal wehen? Kommen Botschafter mit Botschaften oder mit Spionageaufträgen? Gibt es Botschafter mut Botenstoffen? An welchen Stellschrauben könnte ich mal drehen? Welches Gefüge lechzt danach, aus den Angeln gehoben zu werden? Woher wissen Wildschweine, wo es sich gut suhlen lässt? Brauchen wir einen Erdogan? Welche Präsidenten müssen der Welt noch widerfahren, bis die Menschen merken, was sie tun? Wohin gehen die Träume, an die ich mich morgens nicht mehr erinnere? Bleiben wirklich alle Energien erhalten? Was bedeuten Pyramiden? Warum sieht das S wie eine Schlange aus? Woher weiß man, dass Granatäpfel genießbar sind? Enden alle Geschichten mit dem Tod? Würde ich ein Elixier trinken, das mich ewig leben lässt? Wann verziehe ich endlich? Was ist Treue? Warum schaut sie wie eine Mörderin? Zu welchen Handlungen sollen Schokolade und Massage mich bewegen? Warum zerren Menschen mit niedriger Energiefrequenz an denen mit hoher? Warum gelten Blutegel als heilsam? Wobei darf niemand jemand anders beobachten? Wie haben sich die Menschen gefühlt, als sie noch nicht „Ich“ sagen konnten? Wohin gehen die Gedanken, die ich beim Yoga ziehen lasse? Warum geben gewisse Zeitungen gewissen populistischen Strömungen eine tägliche Plattform? Wann fallen wilde Horden in die Vorgärten der Braven ein?

Padgett Powell: Roman in Fragen (übersetzt von Harry Rowohlt), Berlin Verlag 2012 (1. Auflage 2009)


20. März 2017
Treideln
Lesen!

Was für ein Buch! Ich lese eigentlich kein Buch zweimal (na ja, ein paar wissenschaftliche Aufsätze habe ich schon mehrmals gelesen – und mich gewundert, was ich alles überlesen hatte oder wie ich unter einer neuen Fragestellung etwas ganz Anderes herauslesen kann). Dieses Buch habe ich zwar vom Nachttisch zum Bücherregal getragen, ich werde es aber noch heute wieder zurück zum Nachttisch (möglicherweise auch zum Arbeitstisch) tragen. Denn es ist fantastisch. Massenhaft Sätze à la Max Frisch (Schreiben heißt: sich selber lesen). Und diese Sprache: so nah an der Autorin (nehme ich an) und mich trotzdem meinend (nehme ich an). Und das Fragmentarische (frühromantische Vorwegnahme des die Welt nicht anders fassen könnenden postmodernen Stils), das sich dann doch zu einem Ganzen fügt. Und natürlich das Treideln, das Mäandern, das Umwege-Gehen, das Schlingern, das Straucheln, das Treideln eben. Treideln, von Juli Zeh. Die ich bewundere, nicht für Schilf, eher für Spieltrieb. Und für Treideln.


13. März 2017
Dreizehn Arten ...
... eine Amsel zu betrachten

Diese Woche bin ich auf Sylt, mit einer Gruppe zum Schreiben. Dort werde ich auf jeden Fall die Teilnehmenden dazu ermuntern, zweite und dritte Blicke nach den ersten auf etwas zu werfen. Ich versuche, die Möglichkeit zu eröffnen, dass jedeR einen eigenen Fokus findet, spätestens am vierten Tag. Und bei diesem auch bleibt. Sich einlässt, tiefer geht. Und dazu kann vielleicht ein Gedicht den entscheidenden Impuls geben: Dreizehn Arten eine Amsel zu betrachten von Wallace Stevens.
Das Gedicht ist schon Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden, inspiriert aber bis heute viele SchriftstellerInnen, z. B. Bengt Emil Johnson. In seinem Gedichtband Elchzeit gibt es zwei die Amsel-Betrachtungen adaptierende Gedichte: 32 Arten Elstern zu betrachten und 20 Stationen am Olsjömoor. Günter Ohnemus hat gleich Siebenundsechszig Ansichten einer Frau daraus gemacht; dieses Buch kann man als Kürzestgeschichtensammlung, aber auch als 67 Blicke auf eine Frau und ihre Lebensäußerungen lesen.
Hier nun das Gedicht von Stevens, als Anregung, in einer Übersetzung von meinem Bruder Jens Alers:

Dreizehn Arten, eine Amsel zu betrachten
von Wallace Stevens

I
Zwischen zwanzig verschneiten Bergen,
war das einzige sich bewegende Ding
das Auge der Amsel.

II
Ich war drei Sinne,
wie ein Baum
in dem drei Amseln sitzen.

III
Die Amsel wirbelte in den Herbstwinden.
Sie war ein kleiner Teil der Pantomime.

IV
Ein Mann und eine Frau
sind eins.
Ein Mann und eine Frau und eine Amsel
sind eins.

V
Ich weiß nicht was ich bevorzuge,
die Schönheit des Tonfalls
oder die Schönheit der Anspielungen,
die pfeifende Amsel
oder nur danach.

VI
Eiszapfen füllen das lange Fenster
mit barbarischem Glas.
Der Schatten der Amsel
durchkreuzte es, vor und zurück.
Die Stimmung
hinterließ eine Spur im Schatten
einen unentzifferbaren Grund.

VII
Oh ihr dünnen Männer von Haddam,
warum stellt ihr euch goldene Vögel vor?
Seht ihr nicht wie die Amsel
um die Füße
der Frauen bei euch läuft.

VIII
Ich kenne die noblen Akzente
und die klaren, unausweichlichen Rhythmen;
aber ich weiß auch,
dass die Amsel an dem,
was ich weiß, beteiligt ist.

IX
Als die Amsel aus meinem Blickfeld flog
markierte sie den Rand
eines der vielen Kreise.

X
Im Anblick der Amseln,
im grünen Licht fliegend,
würden sogar die Hasen des Wohlklangs
laut aufschreien.

XI
Er ritt herüber nach Connecticut
in einer gläsernen Kutsche.
Eine Furcht hatte ihn einst durchbohrt,
insofern dass er
den Schatten des Gespanns
mit Amseln verwechselte.

XII
Der Fluss bewegt sich.
Die Amsel fliegt wohl.

XIII
Es war den ganzen Nachmittag lang Abend
Es schneite
und es sollte weiterhin schneien.
Die Amsel saß
in den Zweigen der Zeder.

Wallace Stevens: Thirteen Ways of Looking at a Blackbird, in: The Collected Poems of Wallace Stevens. Copyright 1954 by Wallace Stevens. Reprinted with the permission of Alfred A. Knopf, a division of Random House, Inc.


6. März 2017
Oulipotische Versuche
Ohne Verben und mit einem

Das vergangene Wochenende habe ich mit oulipotischen Versuchen verbracht. Mehr dazu nächste Woche! Heute empfehle ich:

  1. einen Text zu schreiben, der ganz ohne Verben auskommt (auch Partizipien sind nicht erlaubt); es ist dabei ratsam, sich erst einmal kein Thema zu setzen, sondern sich von einem Impuls irgendwohin tragen zu lassen, z. B. von: Sieben Wochen ohne.
  2. einen Text zu schreiben, der mit nur einem einzigen Verb auskommt (die Hilfsverben sein und haben, sofern sie zur Bildung der grammatischen Zeiten gebraucht werden, sind ebenfalls erlaubt); es ist hierbei ratsam, in einem ersten Versuch ein Verb zu wählen, das Spielraum lässt, z. B. spielen, gehen oder schreiben. Spannend ist, was während des Schreibens passiert und welches Räume diese Beschränkungen öffnen!


27. Februar 2017
Wie fühlt sich Depression an?
Einfühlungsversuch und Buchtipp

Auf Anregung meines Kollegen Roland Goldack versetzte ich mich letzten Donnerstag in der Schreibwerkstatt in eine Person, die an einer Krankheit leidet – ich wählte die Depression. Hier also mein Versuch, mich einzufühlen, mir vorzustellen, zu verstehen:

Diese Macht ist schwarz. Nicht wie die Nacht so samtig-schwarz, sondern wie ein schwarzes Loch. Es saugt alles an, ein Magnet, ein Monstermagnet mit einem schwarzen eisigen Schlund. In Licht-geschwindigkeit wird alles hineingesogen, alles Rot und alles Gelb und alles Blau, alles, was hell, alles alles. Nichts bleibt verschont. Das schwarze Loch ist die unerbittliche Materie, die alles alles gnadenlos anzieht, einsaugt und eliminiert. Alle Freuden, alles Helle, aber auch alle Leiden, alles Dunkle. Bis nichts mehr da ist, bis ich gar nichts mehr spüre, bis ich gar nichts mehr will – außer tot sein. Es ist die Leere, die das schwarze Loch übrig lässt. Alles verschwindet in seinem Schlund, nur die Leere nicht. Und die Leere, die füllt mich aus, in jeden Winkel dringt sie. Ich reiße die Augen auf, vor Entsetzen. Aber auch, um das kleine Fitzelchen nicht zu übersehen, das sich erfolgreich verstecken konnte, aber da ist nichts. Nur diese Leere. Nicht traurig macht sie mich, nicht bitter, nicht verzweifelt, nicht wütend, sogar die Angst verliert ihre Bedeutung. Nur entsetzt, das bin ich noch, entsetzt, weggesetzt, versetzt, verrückt. Verrückt bin ich. Denn es ist doch so: Das schwarze Loch, das ist in mir. Ich bin es selbst, die alles alles vernichtet, bis nichts mehr übrig ist und ich nur noch tot sein will. Wobei das Ich, das ist es nicht, dass das will. Denn auch das, was Ich oder Selbst oder Persona genannt werden könnte, auch das wird in den Schlund gesogen, unaufhaltsam, unerbittlich, gnadenlos. Da ist keine Hilfe. Und nichts bleibt. Außer der Leere. Da kann ich in die Tagesstätte gehen, Volleyball spielen, die Pferde füttern, Filme schauen, Musik hören, Geschichten schreiben, Freunde treffen, telefonieren – über, unter, neben, hinter allem ist immer dieses Schwarze, das alles vernichtet, kaum ist es geboren. Es duldet keine Götter neben sich, das schwarze Loch, dieses Monstrum, dieses, das in mir ist und doch um so vieles größer und stärker als alles, was ich bin. Ich bin das Plankton in den Barten des schwarzen Lochs. Und weiß nicht wie. Und wo ein Notausgang. Und warum das da ist und nicht aufhört und wie das Gegengift heißt, das die Gravitation aufhebt. Der Gegenzauber. Aus der Leere wird er nicht geboren werden. Ein Phönix wird immer aus dem Feuer geboren, niemals aus der eiskalten Leere, gegen die der Tod sich wie eine himmlische Verheißung ausnimmt. Alles implodiert und das Schwarze. Ich weiß nichts mehr. Es soll endlich aufhören. Es soll weggehen. Und aufhören.

Mehr als ein Versuch ist sicherlich das Buch von Thomas Melle Die Welt im Rücken (2016 bei Rowohlt, Berlin), in dem er in einer Mischung aus autobiografischen Erzählungen, schreibkreativen Annäherungsversuchen und Ausflügen in die Medizin sich mit seiner Krankheit auseinandersetzt. Das Buch kann gelesen werden als die Chronik einer manisch-depressiven Erkrankung, aber auch als ein literarisches Experiment, mittels der Sprache(n) die Vielschichtigkeit dieser bipolaren Erkrankung zu fassen.


20. Februar 2017
Web-Auftritt
Ein Blick über den Tellerrand

Mein Partner und Freund Uli Ahrend hat seinen Web-Auftritt aktualisiert bzw. vollkommen erneuert. Wenn man schreibt, ist das das Eine. Wenn man das zeigen will, reicht nicht das Abtippen auf der Schreibmaschine. Immer braucht es Menschen, die die die richtige Form für das Geschriebene finden, damit das Geschriebene in der Welt wirken kann, braucht es die Gestaltung. Das Layout. Das Design. Hier finden Sie das Portfolio der Satzmanufaktur .


13. Februar 2017
Arbeit an Sprache und Wahrnehmung
Möglichkeiten, auf ein Bild zu reagieren

Der Schreibdidaktiker Günter Lange hat (schon im letzten Jahrtausend!) acht Möglichkeiten aufgezeigt, wie man auf ein Bild regieren kann, jeweils eine andere Schreibhaltung einnehmend; Kollegin Katrin Bothe hat diese um zwei weitere Möglichkeiten ergänzt. Die Aufgabe heißt ganz einfach: Schreiben zu einem Bildimpuls. Zum Beispiel zu diesem:

foto: satzmanufaktur

Dann wählt man sich eine der folgenden Möglichkeiten:

  • Fensterblick
  • Filmblick
  • Spaziergang
  • Es war einmal
  • Gespräch
  • Spiegelbild
  • Traum
  • Meditation
  • Steckbrief
  • Beeindruckt

Und dann wählt man eine weitere und noch eine – immer geht es um dasselbe Bild. Und eigentlich geht es nicht um das Bild, sondern eben um das Erproben unterschiedlicher Schreibhaltungen.


6. Februar 2017
Was ich gemacht habe ...
... und was ich kann!

Von meiner Kollegin Marie-Luise Erner bekam ich folgende Übungssequenz geschenkt.

  • 1. Schritt: Mach eine Liste mit all den Dingen, die du heute schon gemacht hast, ganz konkret: Wecker ausstellen, Kaffee mahlen, mit dem Zeitungsboten schwätzen, küssen, stöhnen usw. (du kannst auch das Partizip verwenden: Wecker ausgestellt, Kaffee gemahlen ...; und du musst nicht chronologisch vorgehen); lass dir für diese Sammlung 15 Minuten Zeit.
  • 2. Schritt: Nimm jeden einzelnen Punkt in der Liste und füg ein „Ich kann“ vor jeden Punkt: Ich kann den Wecker ausstellen. Ich kann Kaffee mahlen. Ich kann mit dem Zeitungsboten schwätzen. Ich kann küssen. Ich kann stöhnen. Usw.
  • 3. Schritt: Du kannst die in Schritt 2 geschriebenen Sätze noch intensivieren, indem du jeweils ein „gut“ einfügst oder indem du die Sätze jeweils beginnst mit: „Ich freue mich, dass ich den Wecker ausstellen kann. Ich freue mich, dass ich Kaffee mahlen kann.“

Diese Übungssequenz stammt aus dem Kontext des heilsamen oder therapeutischen Schreibens, sie schult die Achtsamkeit und die Fokussierung auf Ressourcen.


30. Januar 2017
Hinschauen ...
... und nicht schweigen

„Ihr tragt keine Schuld für das, was passiert ist, aber ihr macht euch schuldig, wenn es euch nicht interessiert.“ Esther Bejaranos Satz passt auf so vieles, was in der Welt passiert. Da muss man gar nur nicht Trump, die AfD oder Diktaturen in den Blick nehmen. Auch in ein armes Land zu reisen und in einem 5-Sterne-Hotel zu logieren und die Augen vor den 500 Meter weiter liegenden Slums zu verschließen, heißt in diesem Sinne, sich schuldig zu machen.
Esther Bejarano (geb. Loewy, * 15. 12. 1924 in Saarlouis) ist Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz. Dort spielte sie im Mädchenorchester. Heute engagiert sie sich gegen rechtsradikale Gewalt und Propaganda.


23. Januar 2017
Literatur einbauen
Die Zwei-Spalten-Methode

Gestern coachte ich einen jungen Mann, der eine Erzieherausbildung macht und eine Hausarbeit zur Veränderung der Vaterrolle verfassen muss. Er hatte die Literatur, die er benutzen wollte, gelesen und dann in einem Rutsch den Hauptteil über den Vergleich zwischen der alten, passiven und der neuen, aktiven Vaterrolle heruntergeschrieben, zwei Seiten, alles schlüssig und gut formuliert. Aber wo waren die die Literatur, die Belege für das Dargelegte? „Ich weiß immer nicht, was ich mit der Literatur machen soll, wie ich sie in den Text kriege“, sagte er. „Kein Problem“, sagte ich. „Deine Arbeit bzw. deine verwendete Schreibstrategie ist die beste, die du wählen konntest.“ Er schaute mich etwas irritiert an. Doch so ist es.
1. Fragestellung entwicklen, 2. Literaturrecherche betreiben, 3. Texte lesen, 4. Thesen und Positionen aufstellen – das hatte er alles wunderbar gemacht. Und er hatte 5. den Rohtext in seinen eigenen Worten formuliert, alles war drin, was es braucht. Außer: die Literaturstellen als Belege. Also zerschnitten wir 6. seinen Rohtext in Sinnabschnitte; zu jedem Sinnabschnitt suchte er 7. einen passenden Beleg (oder zwei) und formulierte ihn 8. hinein – mit ein paar Textmustern, die ich ihm dazu noch zur Verfügung stellte, z. B.: „so wie es A. formuliert“ oder „B. sagt es sogar noch schärfer“ oder „hier schließe ich mich C. an“ usw.
Diese Strategie, die mein Coachee angewendet hat, hat Otto Kruse als Zwei-Spalten-Methode beschrieben. Vorrangig geht es bei dieser darum, in die linke Spalte auf einem Blatt den Rohtext herunterzuschreiben, im Vertrauen darauf, dass das, was vom Gelesenen im Kopf vorhanden ist, dafür ausreicht. Im zweiten Schritt trägt man in die rechte Spalte die Belege ein, als Verweise oder Originalzitate.
„Cool“, sagte er, erleichtert darüber, dass seine für ihn passende, sozusagen aus dem Bauch heraus gewählte Strategie nicht blöd ist und sogar mit einem einfachen Trick ergänzt zu einem wunderbaren Ergebnis führt. (Ein erfreulicher Nebeneffekt dieser Methode ist, dass sie auch gut geeignet ist, um die Plagiatgefahr zu bannen – denn beim Rohtexten lässt man ja nur das regieren, was vom Gelesenen im Kopf hängengeblieben ist bzw. sich dort zu einer eigenen Darstellung und Argumentation formiert hat.)


16. Januar 2017
An der Grenze
6. Nordhessischer Autorenpreis ausgeschrieben

Immer auch und immer noch bin ich involviert in den Nordhessischen Autorenpreis, bin Kassenwartin, vor allem aber Initiatorin des Literaturwettbewerbs und Herausgeberin und Verlegerin der daraus hervorgehenden Anthologien – es ist jedes Mal eine wunderbare Erfahrung, dass ein Impuls in die Welt geschickt wird und sich dann mehrere hundert Menschen hinsetzen und schreiben! So soll es auch dieses Mal wieder sein. Der Impuls, hier ist er: AN DER GRENZE.
Ein paar Zusatzideen und natürlich die Teilnahmebedingungen findet man hier.


9. Januar 2017
OuLiPo – auch 2017
Pantun aus Zitaten

Zwischen den Jahren haben wir gelesen (so hoffe ich), die Bücher, die wir geschenkt bekamen, liegen noch neben dem Sofa oder auf dem Nachttisch. Nach der Lektüre sind Bilder geblieben, vielleicht Satzfetzen. Manchmal streichen wir Sätze an (ich tue das jedenfalls) und wollen sie nicht vergessen, wollen nach ihnen vielleicht gar leben! Und dann verblassen sie, andere sind stärker, der Alltag überlagert das Erhabensein. Wenn wir aber etwas tun mit den Sätzen, die so wichtig waren, die heraustraten aus der Buchseite, die uns umwarben, anfassten, ergriffen, dann werden sie deutlicher, bekommen mehr Leucht- und Wirkkraft.
Suchen wir also acht (nicht zu lange oder halbe) Sätze aus den zuletzt gelesenen Büchern heraus, die und entgegengetreten sind. Fügen wir sie zu einem Pantun. Und die Sätze werden sich entfalten, Neues sichtbar machen, was wir ahnten oder auch nicht, wir machen sie zu unseren Sätzen, zu unseren Wahrheiten.
In einem Pantun werden acht Zeilen jeweils zweimal verwendet. Hier ein Beispiel aus 2016 (aus dem auch das Prinzip, in welcher weise sie wiederholt werden, hervorgeht):

Pantun
Nicht dass einer auf die Idee kommt
dass man schlendern kann, absichtslos
dass es auch ganz anders sein kann
staunende Augen an hellen Tagen

dass man schlendern kann, absichtslos
Fragen, Fragen, Grübelattacken
staunende Augen an hellen Tagen
Wann nur ist es anders geworden?

Fragen, Fragen, Grübelattacken
Wo nur sind Ruhe und Konzentration?
Wann nur ist es anders geworden?
Es ist nichts mehr wie früher

Wo nur sind Ruhe und Konzentration?
dass es auch ganz anders sein kann
Es ist nichts mehr wie früher
Nicht dass einer auf die Idee kommt


2. Januar 2017
Freibrief, Entlastung und Verantwortung
Quo vadis?

„Wissenschaft ist der augenblicklich geltende Irrtum.“ Das schrieb der philosophische Anthropologe und Soziologe Arnold Gehlen (1904–1976), der auch Gegenspieler von Adorno war, was hier aber jetzt nicht von Belang sein soll. Das Zitierte ist von Belang. Für mich. Ich kann es als Freibrief verstehen, alles zu glauben, mich nicht entscheiden zu können oder zu müssen. Ich kann es auch als Entlastung verstehen, nicht glauben zu müssen, alles jetzt und sofort und für alle Ewigkeit erkennen zu müssen (was mir während des Schreibens meines Fachbuchs Schreiben wir! dann und wann arge Schwierigkeiten bereitete), gar niemals alles erkennen zu können. Ich kann es schließlich auch als Aufruf zur Verantwortung verstehen, immer noch einmal und immer wieder noch einmal hinzuschauen, die von mir konstruierte Wirklichkeit mit einzubeziehen, den unvermeidbaren Irrtum, die unvermeidbare Vorläufigkeit oder gar die unumgängliche Beschränktheit aller Erkenntnisse mir zu vergegenwärtigen. Um daraus eine freundlich-kritische Hermeneutik abzuleiten. Um aber daraus auch den Mut abzuleiten, Fragen zu stellen und zu sagen: „So will ich leben, so will ich nicht leben. Das toleriere ich, das toleriere ich nicht.“
Wissenschaft ist nach meinem Verständnis gegenwärtiges Hinschauen, ist eingebettet in historische und Herrschaftsverhältnisse, ist Ideologiekritik, ist Übernehmen von Verantwortung, ist immer subjektiv an mich als Forschende und Denkende und Handelnde gebunden. Und wenn ich immer einkalkuliere, dass meine Erkenntnisse auch Irrtümer sein können, wird es zwar nicht leichter, aber menschlicher, das Denken und Handeln, das Forschen, das Leben. In diesem Sinne: Ein gutes Jahr 2017.


26. Dezember 2016
Schöne Anwesende
Im OuLiPo-Fieber

Für die nächste Jahrestagung des Segeberger Kreises, meines (schreibpädagogischen) Quasi-Berufsverbandes, schlage ich eine OuLiPo-Schreibgruppe zum Thema ZEITFORMEN vor. In Vorbereitung auf diesen Vorschlag, der als Text in den Segeberger Briefen 94 veröffentlicht werden wird, habe ich mich durch die Literatur zu OuLiPo gelesen – durch die, die ich lesen kann. Die, die auf Deutsch erschienen ist, ist wahrlich überschaubar. So gibt es etwa in der Bibliothek der Uni Kassel kein einziges Buch zu OuLiPo auf Deutsch. Aber bei Gundel Mattenklott bin ich fündig geworden. Sie veröffentlichte mehrere Aufsätze (in eben jenen Segeberger Briefen). Und vor allem fand ich dort feine Anregungen. So etwa diese, erfunden von George Perec: „Der schöne Anwesende“ („beau présent“).
EinE schöneR AnwesendeR ist ein Gedicht, das zu Ehren einer Person verfasst wird. Es handelt sich dabei um ein anagrammatisches Gedicht: Jeder Vers enthält nur die Buchstaben, aus denen der Name der/des schönen Anwesenden besteht. Schöne Anwesende eignen sich sowohl für Geburtstage oder Jubiläumsfeiern als auch für Gelegenheiten des Spotts oder der Kritik. Oder vielleicht kann man auch ZWEITAUSENDSIEBZEHN als schönen Anwesenden be-/ver-dichten.


19. Dezember 2016
Feiert schön –
– meistens gibt es etwas, was sich zu feiern lohnt!

„Die meisten Leute feiern Weihnachten, weil die meisten Leute Weihnachten feiern.“
(Kurt Tucholsky, 9. 1. 1890 bis 21. 12. 1935)


12. Dezember 2016
Literatur oder kann das weg?
Ein ganzer Roman in Fragen

Eine Entdeckung. Eine Einladung. Eine Herausforderung. Eine Belustigung. Ein Ärgernis. Ein Versuch. Ein Experiment. Eine Lebensaufgabe. Keine Bett- oder Strand-Lektüre!
„Sind Ihre Gefühle rein? Sind Ihre Nerven anpassungsfähig? Wie stehen Sie zur Kartoffel? Sollte es immer noch Konstantinopel heißen? Macht ein Pferd ohne Namen nervöser oder weniger nervös als ein Pferd mit Namen? Riechen Kinder Ihrer Ansicht nach gut? Wenn Sie jetzt welchen hätten, würden Sie Hundekuchen essen? Könnten Sie sich hinlegen und auf dem Bürgersteig ein Päuschen machen? Haben Sie Vater und Mutter geliebt, und finden Sie das Buch der Psalmen ganz toll? Wenn Sie in jeder Kategorie auf den letzten Platz absteigen, macht Ihnen das genug zu schaffen, dass Sie sich wieder ochkämpfen? Klingelt es je bei Ihnen an der Tür? Haben Sie Sand im Kropf? Könnte Mendelejew Sie korrekt in einem Quadratseines periodischen Systems der Elemente unterbringen, oder würden Sie sich auf die ganze Tabelle verteilen? Wie viele Liegestütz schaffen Sie?“
Das ist der erste Absatz des Buch von Padgett Powell: Roman in Fragen. Die Übersetzung von Harry Rowohlt ist in 2. Auflage 2012 im Berlin Verlag erschienen.
Auch wenn es keine Bett- oder Strand-Lektüre ist – anregend und spaßig ist die Lektüre trotzdem, auch wenn ich nicht glaube, dass irgendjemand dieses Buch komplett liest (verkraftet). Als Schreibanregung kann es allemal diesen. Etwa als Vorlage zur Selbstbefragung am Ende eines Jahres oder an einem Scheideweg.


5. Dezember 2016
Listen-Vita
Mein Leben 2016 in Listenform

Langsam neigt sich das Jahr dem Ende entgegen. Ich fahre am Donnerstag ins Kloster Germerode, um mit einer Gruppe von 13 Frauen schreibend einen persönlichen Jahresrückblick zu wagen. Eine der Anregungen stelle ich hier vor, die Listen-Vita.
Listen gibt es in der Literatur viele. Manche heißen dann Gedichte (z. B. Bertolt Brechts Vergnügungen), manche sind nummeriert (z. B. Zehn Gebote des Schreibens). Man könnte auch eine Listen-Vita schreiben (oder eben eine spezielle 2016-Liste machen), dazu ein paar Ideen:

  • Meine gelesenen Bücher 2016
  • Meine Krisen oder traurigsten Momente 2016
  • Das ist mir im letzten Jahr gelungen
  • Dahin ging mein Herzblut
  • Das waren meine Glücksmomente
  • Darüber habe ich 2016 gestaunt


28. November 2016
Fährtensucherinnen
Ein langer Weg zum Buch

Am 3. Dezember präsentiere ich mit einer Gruppe Autorinnen aus Bad Hersfeld ihr neues Buch: Fährtensucherinnen. Ein langer Prozess, in den ich zuerst als Schreiblehrerin, dann als Schreibprozessbegleiterin und schließlich als Verlegerin involviert war, materialisiert sich nun in dieser Anthologie.
Buchpräsentation Fährtensucherinnen
Samstag, 3. Dezember 2016, 15 Uhr
Dippelmühle, Dippelstraße 2, Bad Hersfeld

Sieben Autorinnen gewähren Einblicke in das Zeitpanorama des 20. Jahrhunderts. In biografischen Episoden zeigen sich die Fährtensucherinnen Irene Kreissl (geb. 1925), Helga Overweg (geb. 1937), Waltraud Viehmann (geb. 1943), Wernhild Bär (geb. 1944), Monika Beisheim (geb. 1947), Andrea Gunkler (geb. 1967) und Claudia Wagner-Kempf (geb. 1970).
Sieben Frauen aus drei Generationen – sie alle sind Mitglieder der Schreibwerkstatt Dippelmühle in Bad Hersfeld und erzählen von Bombennächten und Hungerjahren, vom Kind- und Muttersein, vom Leben am Fluss, vom Fröscheküssen und vom Überwinden der innerdeutschen Grenze.
Ging es im Schreibprozess zunächst um Biografiearbeit, das Nocheinmal-Hinschauen und Erinnern, so konnten in der poetischen Gestaltung rote Fäden sichtbar gemacht werden. Auch die Korrespondenz zwischen Zeitgeschichte und indi­viduellem Leben wurde deutlich.
Vom Persönlichen ausgehend sind Erzählungen entstanden, die Gesellschaftliches spiegeln. Sie gehen weit über das Private hinaus und ermöglichen es Lesenden, eigenes Biografisches zu befragen. Folgen kann man den Autorinnen zurück nach Fulda, auf die schwäbische Alb, nach Machtlos, an die Kleine Elster, an die Nordsee – in eine andere Zeit, an andere Orte, von wo aus sie losgingen, um die Heutigen zu werden: Frauen aus Bad Hersfeld und Umgebung.

Claudia Wagner-Kempf (Hg.): Fährtensucherinnen
ISBN 978-3-935663-30-4, 180 Seiten, Paperback, Dezember 2016, 12,80 Euro
Hier können Sie das Buch bestellen.


21. November 2016
Pourquoi pas?
Befragung des Konzepts der Zweigeschlechtlichkeit

Der Transgender Day of Remembrance findet jedes Jahr am 20. November statt; er ist den trans- und intersexuellen Menschen gewidmet, die Opfer von transphobem Hass wurden. Weil gestern der 20. November war und weil ich mich schon seit meiner Kindheit und seit Mitte der 1980er Jahre auch theoretisch (u. a. während eines Studienausflugs in die Ethnologie) mit dem Zwangs-Konzept der Zweigeschlechtlichkeit auseinandersetze, will ich hier heute einen Text veröffentlichen, den ich am 10. November geschrieben habe.
Er entstand nach einem Rundgang durch die Ethnologische Sammlung der Universität Göttingen, organisiert von der Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung während der Jahrestagung. Die Mitgehenden waren von Ella Grieshammer aufgefordert worden, sich von einem Objekt inspirieren zu lassen. Ich wählte als Impuls eine historische Uli-Figur aus Neu-Irland (eine Insel, die zu Papua-Neuguinea gehört). Uli-Figuren sind zweigeschlechtliche Figuren, die in Männerhäusern aufbewahrt wurden und bei Totenerinnerungsfeiern zum Einsatz kamen; die Doppelgeschlechtlichkeit wurde als Symbol für die Stärke und Macht der jeweiligen Vorfahren verstanden, die Androgynität symbolisierte aber auch die Harmonie der Weltordnung in der Vereinigung der Gegensätze.

Wäre es anders
Wäre es anders, gäbe es nicht diese Ordnung, sähen Andere nicht das in mir, was sie sehen müssen, was sie meinen, sehen zu müssen, wankten sie, stolperten sie, stockten sie, stotterten sie, zögerten sie, schauen sie ein zweites Mal hin, ließen sie sich irritieren, gäben sie sich nicht mit dem ersten Blick zufrieden, stellten sie Fragen, deren Antworten sie aus dem Konzept bringen könnten, sagten sie Oh, staunten sie ob des Ungeahnten, befragten sie ihre Konzepte von Ich und Welt, träumten sie von Utopos, sähen sie – ja, was sähen sie?
Eine Frau, die Hure, Hexe, Heilige, Amazone ist? Eine Frau, die trans*, inter*, queer ist? Zuschreibungen das. Auch das: wieder Zuschreibungen. Wieder wankten, stolperten, stockten, stotterten, zögerten sie, wieder schauten sie ein zweites Mal, träten drei Meter zurück, rückten auf Tuchfühlung heran, tasteten, röchen, schmeckten, hörten genau hin. Vielleicht, falls sie es noch aushielten, falls sie noch keine Angst bekommen hätten, falls sie noch nicht drohten, zu vergehen, sich aufzulösen, sich nicht mehr zu kennen, sich zu verlieren, zu hilflosen Neugeborenen zu werden.
Und falls also eines dieser hinschauenden Wesen übrig bliebe, nur eines, und falls es dann das Un-geheuerliche nicht verschwiege, um der drohenden Steinigung, der Einweisung in Psychiatrie oder Hochsicherheitstrakt zu entkommen, falls es sich also traute, dann würde es sagen: Es gibt Wesen, die sind Frau und Mann, also weder Frau noch Mann, also etwas Anderes, also ... Und da hörte es auf zu sprechen, das Wesen, das so mutig ein zweites, drittes, viertes Mal hingeschaut hat, denn es hätte kein Wort für das, was ich wäre, was sich zeigte, wäre es anders, gäbe es nicht diese Ordnung, diese festschreibende, zementierende, wertende, negierende Ordnung. Die tötet. Die mich tötet.


14. November 2016
Was ist ein Gottprotz?
Mit Elias Canetti in kreative Gefilde

Immer wieder sehr gern nehme ich einen Text aus Elias Canettis Werk Der Ohrenzeuge als Schreibimpuls. Zuerst Staunen, Zögern, Stöhnen gar, dann aber die Lust am Benutzen der Figuren, manchmal gar der Impuls zu eigenen, sprachlich ähnlich hergestellten.

Die Königskünderin
Der Namenlecker
Der Unterbreiter
Die Selbstschenkerin
Der Hinterbringer
Der Tränenwärmer
Der Blinde
Der Höherwechsler
Die Geruchschmale
Die Habundgut
Der Leichenschleicher
Der Ruhmprüfer
Der Schönheitsmolch
Die Mannsprächtige
Der Schadenfrische
Die Schuldige
Der Fehlredner
Die Tischtuchtolle
Der Wasserhehler
Der Wortfrühe
Die Silbenreine
Der Ohrenzeuge
Der Verlierer
Die Bitterwicklerin
Der Saus und Braus
Die Mondkusine
Der Heimbeißer
Der Vermachte
Der Tückenfänger
Die Schadhafte
Die Archäokratin
Die Pferdedunkle
Der Papiersäufer
Die Versuchte
Die Müde
Der Verschlepper
Der Demutsahne
Die Sultansüchtige
Die Verblümte
Der Gottprotz
Die Granitpflegerin
Der Größenforscher
Die Sternklare
Der Heroszupfer
Der Maestroso
Die Geworfene
Der Mannstolle
Der Leidverweser
Die Erfundene
Der Nimmermuss

Hier zwei Beispiele meiner TeilnehmerInnen aus dem Jahreskurs Kreatives Schreiben, die letzte Woche entstanden sind und die sie mir freundlicherweise zur Veröffentlichung überließen. Das Spielen und der aktuelle Bezug sind nicht zu übersehen.

(freie Verse)
Nimmermuss
den adoptiere ich
es gibt immer eine Wahl
im November sind alle unterwegs
aber ich muss ihnen nicht begegnen

(Elfchen)
Gottprotz
Donald Trump
Volle Fahrt voraus
Keine Notbremse in Sicht
Atemnot


7. November 2016
Carolin Emcke und Durs Grünbein
im Literarischen Zentrum in Göttingen

Das wird keine Nachbesprechung der Veranstaltung Gegen den Hass am 4. 11., kein Bericht, keine Kritik, keine Einordnung, in was auch immer. Das wird eine persönliche Nach-Lese. Ich habe aufgelesen, Früchte, die aus den beiden wuchsen, die mir vor die Füße rollten, die ich auf-lesen und mit nach Hause nehmen durfte.
Zu Pegida/AfD und den Montagsdemonstrationen in Dresden und anderswo sagte Carolin Emcke: „Nicht alles, was sich bewegt, ist gerecht. [...] Nicht jede soziale Bewegung ist emanzipatorisch.“ Wie wahr! – Zum autobiografischen Schreiben sagte sie: Sich schreibend zu erinnern, sei ein erster Akt von Befreiung, weil man so möglicherweise erst einmal des Beeinträchtigenden habhaft werden könne. Wie wahr! – Auf die Frage, was denn helfe, sagte sie: Ästhetische Antworten auf die Verlockung des Stammtischniveaus, den So der Entfremdung seien zum einen die Zartheit der Wahrnehmung, zum anderen die Verlangsamung des Wahrnehmens und des Urteils; man müsse wahrnehmen, an welchen Stellen man sich auch anders entscheiden kann. Wie wahr! – Die Erkenntnis, die ich vor allem mitnehme, ist die: Manchmal ist es schon genug (oder es wäre genug, wenn mehr es sich trauen würden), einfach nur zu fragen, ob im Privaten, in der Schreibwerkstatt, in der Straßenbahn, beim Sport, im Café und anderswo: Ist das wirklich so? Wer sagt das? Woher kommt dieses Wort?
An dieser Stelle möchte ich auch empfehlen, die Dankesrede zu lesen, die Carolin Emcke anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deustchen Buchhandels am 23. 10. 2016 in der Frankfurter Paulskirche gehalten hat
Von Durs Grünbein will ich hier poetologische Sätze zitieren: „In der Poesie ist das Wort im Traumzustand. [...] Gedichteschreiben ist die Möglichkeit, Abstand zu sich selbst zu bekommen, es geht gerade nicht, wie immer behauptet wird, um das Ich. [...] Etwas in mir schreibt ein Gedicht, ich bin es und ich bin es nicht.“ Genau!


31. Oktober 2016
Von Fisch und Wolf und Heimat und Zukunft
Ein Abend mit Nordhessischer Gegenwartsliteratur

Als Verlegerin gestalte ich einen Abend mit Texten, die in meinem Verlag Wortwechsel erschienen sind. Dem Publikum gewähren die Geschichten und Gedichte Einblicke in Wohnzimmer und Politik, in Herzen und Vergangenheiten und Zukunft. In allen Facetten von der Liebeserklärung bis zur schonungslosen Analyse bereiten die Texte Literaturfans und Neugierigen aller Art Vergnügen.
Wortwechsel steht für Literatur, die aus Nordhessen stammt oder sich mit der Region verbindet, die berührt, aufregt und anregt, die das reflektiert, was war, und das ahnen lässt, was möglich sein könnte, die mitgehen und Nein sagen und Ja sagen lässt. Wortwechsel hat sich auf die Fahnen geschrieben, Autorinnen und Autoren aus der Region zu fördern und ihre Texte zu zeigen, die Nordhessen in den Blick nehmen, ohne einfach nur rückwärts gewandt kritiklos-heimattümelnd zu sein.
Es erwartet Sie eine Stunde mit Literarischem, gelesen von mir. Als Highlight des Abends ist die Präsentation des modernen Märchenbuches FischWolfVogelEidechse geplant, das in diesem Jahr erschienen ist; die Autorin und Illustratorin Yara Semmler (27) ist in Melsungen und Kaufungen aufgewachsen und wird persönlich anwesend sein, um zu lesen und Fragen aus dem Publikum zu beantworten.
Donnerstag, 3. November 2016, 19.30 Uhr, Gemeindehaus der evangelischen Kirche, Melsungen-Röhrenfurth


24. Oktober 2016
Zum freien, assoziativen Schreiben
Basiserkenntnisse aus 1993

Ich habe etwas 23 Jahre Altes (wieder)gefunden, das mich bestärkt: das freie, assoziative Schreiben in meiner Arbeit in Schreibgruppen, gleich welcher Art, als zentrale Arbeitsweise zu sehen. Einer der ersten und bis heute führenden DidaktikerInnen des Kreativen Schreibens, Kaspar H. Spinner, schrieb 1993 in der Zeitschrift Praxis Deutsch:
„Durch die Integration des Verdrängten in das bewußte Selbst kann das Phantasieren eine heilende Wirkung haben. Die freie Assoziation, mit der die tiefenpsychologische Therapie arbeitet, wird in verschiedenen Formen auch im kreativen Schreiben eingesetzt, damit seelische Gehalte, die dem realitätsorientierten Alltagsbewußtsein entzogen sind, darstellbar werden. Nach Freud tritt das Verdrängte allerdings nicht direkt in Erscheinung, die Zensur durch das realitätsorientierte Ich bewirkt Verdichtungen, Verschiebungen und Symbolisierungen. Dies ist, gerade im Hinblick auf das kreative Schreiben, nicht als Verfälschung der inneren Gehalte, sondern als Chance zu sehen: Durch Verdichtung, Verschiebung und Symbolisierung entsteht die literarische Ausdrucksform, die einen Lustgewinn (auch dies ein Begriff Freuds) vermittelt und die oft überhaupt erst ermöglicht, daß wir uns dem Verdrängten stellen. Der (m. E. wichtige) Unterschied zwischen Psychoanalyse als Therapie und kreativem Schreiben kann gerade darin gesehen werden, daß bei letzterem die manifeste Struktur mit ihren Verdichtungen, Verschiebungen und Symbolisierungen das angestrebte Ziel ist. In ihr sind die verdrängten Inhalte enthalten und zugleich geschützt, so daß sie nicht Krisen heraufbeschwören, die nur noch der Therapeut auffangen kann“ (Kaspar H. Spinner: Kreatives Schreiben. Basisartikel. In: Praxis Deutsch, Heft 119).


17. Oktober 2016
Essenzen
Sätze nach dem Freewriting

In den letzten Stunden in der Donnerstagsgruppe meiner Frauenschreibwerkstatt haben wir uns am Freewriting ohne Thema bzw. Fokussierung versucht. Wir lasen uns diese Texte nicht vor, sondern schrieben jede einen Satz nach der zehnminütigen Session: einen schönen, einen zum Weiterdenken, einen Essenzsatz ... Diese Sätze lasen wir uns vor und waren ganz entzückt, jede vom eigenen Schreiben und dem einen gefundenen Satz wie auch von den Sätzen der anderen, weil sie etwas sagten über die jeweilige Schreiberin, ohne dass wir wussten, was denn eigentlich vorher geschrieben worden war, wohin das Freewriting, das Schleuesen-Öffnen diejenige geführt hatte. Einige haben mir ihre Sätze zur Dokumentation zur Verfügung gestellt.
Martina Vaupel: „Ich suche die Katzen, versinke im Morast aus Pferdeäpfeln, umarme Menschen die über Brücken gehen und bekomme meine Stiefel aus dem Sumpf der drängenden Eile nicht heraus.“
Rosemarie Gögler: „Wenn ich es recht bedenke, vergeht kein Tag, an welchem mir nicht mindestens einmal ein Spruch aus der Kindheit, genauer: eine wegweisende Bemerkung meiner Mutter oder meines Vaters oder aber eine damals vielleicht gar nicht beachtete oder gar nicht geschätzte Verhaltensweise von Vater oder Mutter begegnen.“
Gisela Hohmann: „Ich bewege, du bewegst, wir bewegen; alles ist in Bewegung.“
Charlotte Vortmann: „Es gibt Gedanken, die nützlich sind, wie früher ein Pferd auf dem Acker seine Arbeit verrichtete, und Gedanken, die eher der Art des Reitpferdes ähneln, das nur für das Hobby der Reichen gezüchtet wurde.“
Ute Baumgärtl: „Jetzt sitze ich hier im Kreis der schreibenden Frauen, darf zu Papier bringen was ich will, was mir einfällt, und es kommen mir keine genialen Gedanken, aber gut, schreib’ ich halt einfach, was mir so durch den Kopf schwirrt.“


10. Oktober 2016
Ein Gedicht?
Fragen 1

Das folgende Gedicht von Jürg Amann (Schweizer Schriftsteller, 1947–2013) kann als Anregung dienen. Die Form kopierend stellen Sie eigene Fragen, vielleicht zu einem Lebensthema, vielleicht auf ähnlich naive Weise wie Kaspar Hauser?

Kaspar Hausers Fragen
Warum heißt warum warum?
Warum ist die Welt bunt?
Warum ist das Gras grün?
Warum ist die Luft blau?
Warum ist das Wasser klar?
Warum ist die Wüste rot?
Warum ist die Weste weiß?
Warum ist das Geld schmutzig?
Wo ist die Sonne, wenn sie nicht scheint?
Wo ist der Wind, wenn er nicht bläst?
Wo ist die Nacht, wenn es Tag ist?
Wo ist die Frau, wenn sie ein Mann ist?
Wo ist der Tag in der Nacht?
Warum ist der Himmel ein Loch?
Warum brennt mich das Licht, obwohl es nicht da ist?
Warum scheint mir der Mond in den Kopf?
Warum kann ich die Flammen nicht pflücken?
Warum stinken die Blumen so sehr, dass mir schlecht wird?
Warum sind nicht alle Tiere ein Pferd?
Warum wiehert der Apfel nicht, wenn er vom Baum springt?
Warum isst die Katze nicht mit den Händen?
Wer hat die Kühe erfunden?
Wer hat die Blätter an die Bäume gehängt?
Warum beißt mich der Schnee in die Hand?
Warum friert der Winter im Winter nicht?
Warum habe ich auf dem Rücken kein Auge?
Worin besteht die Höhe der Berge?
Warum schlafe ich nicht, wenn die Natur schläft?
Was ist diese Schrecklichkeit der Wälder und Wiesen?
Warum bin ich hier und nicht dort?
Warum sagt Gott kein Wort?
Warum?


3. Oktober 2016
Das Serendipitätsprinzip
Versuch über Licht und Dunkelheit

Das Serendipitätsprinzip bezeichnet eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist. Hier mal ein Beispiel auf einem Foto, das meine Freundin Marion Koopmann irgendwo in Spanien machte und mir für schreibkreative Verwendungen überließ. Einfach nehmen und sich inspirieren, zu Assoziationen verleiten lassen. Oder nach Parallelerfahrungen im eigenen Leben suchen.


26. September 2016
Mein Buch in der Welt
Was ich beim nächsten Mal anders machen würde

Mein Buch – Schreiben wir! Eine Schreibgruppenpädagogik (ISBN 978-3-8340-1652-2) – ist fertig und stößt auf Interesse. Es gab schon einige positive Rückmeldungen. Ich freue mich, es in die Welt tragen zu können. Noch mehr freue ich mich, wenn es Menschen erfasst, berührt, beflügelt, die Schreibgruppen leiten.
Ich muss aber mal ein wenig stöhnend reflektieren über den Schreibprozess ... Wenn ich noch einmal anfinge, sollte ich Folgendes vermeiden:
1. Ich sollte als Grundlagentext nicht einen nehmen, den ich für einen ganz anderen Zusammenhang geschrieben habe. Noch bis zum Ende war ich damit beschäftigt, die (sprachlichen) Ebenen zu durchdenken, zu verändern, mich zu ärgern, dass ich mal nur darstelle, mal meine Tipps verbrate und mal diskutiere, ohne dass es klar ist, an welcher Stelle ich was warum tue. Am Ende bin ich zufrieden, aber es wäre viel Zeit einzusparen gewesen, hätte ich diesen Grundlagentext als gedankliches Gerüst genommen, eine Gliederung für mein Buch erstellt und alles neu formuliert – zumal ich deutlich weniger Zeichen zur Verfügung hatte.
2. Ich sollte viel früher andere Menschen einbeziehen, sollte TestleserInnen bitten, einen kritischen Blick auf mein Manuskript zu werfen. Die Kritik meiner fünf TestleserInnen konnte ich verstehen und wertschätzen, zum großen Teil hat sie sich sogar mit meinen eigenen Zweifeln oder Fragen gedeckt. Aber ich bin der irrigen Meinung aufgesessen, ich könne erst etwas herausgeben, wenn es so gut wie fertig ist (als Schreibprozessbegleiterin sollte ich es eigentlich besser wissen). So ist durch das späte Einbeziehen ist dann die Endüberarbeitung noch einmal extrem aufwändig geworden.


19. September 2016
Mein Buch!
Es ist geschafft und erschienen!

Es ist im Schneider Verlag Hohengehren erschienen (ISBN 978-3-8340-1652-2; 184 Seiten; 20 Abbildungen; 18 Euro) und natürlich in jeder Buchhandlung zu bestellen – aber auch bei mir direkt.

Der Klappentext:
Schreiben wir! Eine Schreibgruppenpädagogik
Menschen schreiben in Gruppen. Seit Jahrhunderten. Schaffen literarische Kulturen, tragen bei zur Demokratisierung des Schreibens. Und seit rund 50 Jahren verstärkt – mit unterschiedlichen Zwecken und Rahmungen und meist unter den Ideen des Kreativen Schreibens und der Literarischen Geselligkeit.
Diese Schreibgruppenpädagogik geht der Hauptfrage nach, was das Schreiben in Gruppen ist und welche ,Gewinne’ sich zeigen, wenn Menschen in Gruppen schreiben. Sie nimmt dabei speziell eine Domäne in den Blick: die des Kreativen Schreibens in Gruppen in der Jugend- und Erwachsenenbildung außerhalb der klassischen Bildungsinstitutionen Schule und Hochschule.
Sie leistet einen Beitrag zur Weiterentwicklung und Theorie einer kritischen Fachpädagogik, sie liefert an der Schnittstelle Theorie/Handwerkszeug wissenschaftliches Hintergrundwissen ebenso wie Ideen für die Lehrpraxis und ist damit eine Handreichung für Menschen, die Schreibgruppen leiten und/oder Schreibprozesse begleiten (wollen) und sich dabei als Ermöglichende und Forschende verstehen.
Die Schreibgruppenpädagogik wird in sieben Kapiteln dargestellt:

  • Geschichte des Schreibens in Gruppen
  • das System Gruppe: Gruppenpädagogik und Gruppendynamik
  • das System Schreiben: Schreibprozess, -strategien und -kompetenzen
  • das System Didaktik für (kreative) Schreibgruppen
  • Anleitung zur Entwicklung von Schreibgruppenkonzepten
  • zehn durchdachte und erprobte Schreibgruppenkonzepte
  • Übungen- und Notfallkoffer: für Anfang und Ende, Feedback, Schreibprobleme und Gruppenkrisen


12. September 2016
Lesetagebuch
Eine Schulmethode für (kreative) Schreibgruppen

Lesetagebuch heißt: Ich lese ein Buch und begleite den Leseprozess reflexiv und kreativ schreibend. In einer Schreibgruppe kann vereinbart werden, dass alle dasselbe Buch lesen oder jedeR ein selbst gewähltes.
Der Begriff Tagebuch ist etwas irreführend, sind doch Tagebücher eigentlich ,geheim’. Lesejournal wäre ein besserer Begriff, der sich aber nicht durchgesetzt hat. Vergleichen kann man Lesetagebücher durchaus mit den Künstlertagebüchern, die einige KünstlerInnen begleitend zu einem Projekt oder ihrem gesamten Schaffen geführt haben und die ja auch nicht geheim (geblieben) sind.
In den 1960er Jahren wurden Lesetagebücher für den Deutschunterricht entdeckt, zunächst als Medium zur Dokumentation privater Lektüre. In den 1970ern erweiterte sich das Konzept aufgrund der Erkenntnis, dass das Fernsehen einen immer größeren Einfluss gewann: Das Führen eines Lesetagebuchs sollte zur kritischen Reflexion und ästhetischen Sensibilisierung beitragen. In den 1980ern wurden Lesetagebücher in das Konzept des individualisierten, handlungs- bzw. produktionsorientierten Unterricht eingefügt; seit den 1990ern sind sie fester Bestandteil offenen Unterrichts bzw. der Freiarbeit (vgl. Hintz 2002: 62ff.).
Die Methode Lesetagebuch ist gegen rein passives oder konsumorientiertes Lesen gerichtet; mit ihr sollen Lernprozesse gesteuert und nachvollziehbar, individuelle Lese-, Verstehens- und Lern-Strategien gefördert werden. Das Lesetagebuch kann ein Baustein auch für ein (kreatives) Schreibgruppenkonzept sein, das „das Lesen als Interaktion von Leser und Text begreift und den Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten einer individuellen, selbsttätigen, identitätsbildenden, intensiven und aspektreichen Auseinandersetzung mit dem Gelesenen eröffnen sowie Leseerfahrungen im Sinne von Imaginationen, Identifikationen, Perspektiven­übernahmen und Fremdverstehen anbahnen will“ (Hintz 2002: 268).
Außerdem fördert das Führen von Lesetagebüchern selbstredend die Kommunikation über das Gelesene in der Gruppe.
Wie nun sieht ein Lesetagebuch aus? Zunächst einmal: Es ist eine Mappe, in die alles geheftet wird, was geschrieben, gezeichnet, gesammelt wurde. In den nun folgenden Anregungen werde ich schwerpunkt­mäßig Anregungen zum Schreiben geben.

Vor der Lektüre kann man sich schreibend mit dem Titel (Text und Bild), mit Vorerwartungen an den Inhalt, mit der/dem AutorIn, mit der historischen Entstehungszeit des Buches befassen. Auch kann man einfach zum Titel oder zwischen erstem und letztem Satz eine eigene Geschichte erfinden.

Während des Lesens gibt es mannigfaltige Möglichkeiten. Hier einfach eine Liste, die ich mit Hilfe von Schülerinnen aus meiner Schreibwerkstatt-AG an der Integrierten Gesamtschule Kaufungen (April 2008) und den Frauen aus meiner Donnerstagsschreibwerkstatt (Mai 2015) generiert habe:

  • Textstellen abschreiben, die berühren (auch ,schöne’ Gestaltung möglich)
  • Zitate herausschreiben, die (z. B. als Aphorismus) einmal verwendet werden können
  • eine der Textstellen als Impuls für einen freien Text (oder bestimmte Textsorte) verwenden
  • Personensteckbrief erstellen
  • Brief/Mail an die Hauptperson schreiben, ein Telefonat mit ihr führen
  • Interview mit einer Person/Figur führen
  • inneren Monolog einer Person schreiben
  • Tagebucheinträge einer Figur erfinden
  • Karikatur einer Person anfertigen
  • Dialog zwischen zwei Figuren erfinden
  • ein Kapitel in einen Bericht, ein Gedicht o. a. (alle Textsorten sind möglich, im Sinne von Queneaus Stilübungen) umschreiben
  • Gegentexte zu Kapiteln aus anderen Perspektiven
  • zu einer Figur und ihrem Verhältnis zu etwas Anderem (Person, Gegenstand) schreiben
  • zur Leidenschaft oder zum Geheimnis einer Figur (imaginierend) schreiben
  • Kommentar zum Verhalten, zur Sprache einer Figur geben
  • sich intensiv mit einer (zufällig aufgeschlagenen) Seite der Geschichte befassen
  • Akrostichon aus einem Schlüsselwort machen
  • die ersten drei Verben, die letzten drei Nomen, daraus eigenen Text machen (oder andere Experimente mit dem Wörtermaterial des Buches)
  • die/den AutorIn über das Verhältnis zu den Figuren sprechen lassen
  • die/den AutorIn über den eigenen Schreibprozess sprechen lassen
  • Kommentar zur eigenen Lesesituation verfassen
  • Reflexion zum eigenen Lektüreprozess vornehmen
  • einen Raum, einen Gegenstand o. ä. beschreiben
  • eine Bauanleitung für einen Gegenstand verfassen

Nach der Lektüre gibt es weitere Möglichkeiten:

  • Fragen an den Text aufschreiben
  • Antworten finden auf Fragen, die die Figuren oder die Geschichte stellen
  • Inhaltsangabe verfassen
  • die Geschichte auf 100 Wörter schrumpfen
  • Ich-Erzählung mit ähnlichem Inhalt schreiben
  • Rezension schreiben
  • Anpreisung oder Lese-Warnung verfassen
  • Brief an AutorIn schreiben
  • welche (universellen) Lebensfragen das Buch beantwortet
  • an was die LeserInnen sich reiben
  • worauf das Buch realen Einfluss haben kann
  • Text über das, was eine Figur die Leserin lehrte
  • Kreuzworträtsel zum Inhalt gestalten
  • neue Kapitel einfügen
  • neue Personen erfinden, die dem Ganzen eine andere Wendung geben könnten
  • Vorgeschichte des Entstehens der Geschichte erfinden
  • ein anderes Ende erfinden
  • eine Fortsetzung schreiben
  • das ganze Buch als Theaterstück oder Film aufbereiten
  • ,Familienaufstellung’ zu den Figuren im Buch
  • (alle) Kapitel illustrieren
  • das ganze Buch in einen Comic oder eine Bilderreihe umwandeln

Bertschi-Kaufmann, Andrea (2006): „Jetzt werde ich ein bisschen über das Buch schreiben“. Texte zum Nachklang von Lektüren als Unterstützung des literalen Lernens. In: Kruse, Otto / Berger, Katja / Ulmi, Marianne (Hg.): Prozessorientierte Schreibdidaktik. Schreibtraining für Schule, Studium und Beruf. Bern/Stuttgart/Wien: Haupt Hintz, Ingrid (2002): Das Lesetagebuch: intensiv lesen, produktiv schreiben, frei arbeiten. Baltmannsweiler: Schneider Waldmann, Günter (2000): Produktiver Umgang mit Literatur im Unterricht, 3. Auflage. Baltmannsweiler: Schneider


5. September 2016
Lesetagebuch
Wenn mir nichts mehr einfällt, ...

... gehe ich an meine Magnetwand und greife Wörter heraus. Irgendetwas wird es immer. Und irgendwie hat es immer mit mir jetzt und hier zu tun oder mit draußen oder mit dir. Die Kühlschrankpoesie gibt es in mehreren Ausführungen – die Wört kleben natürlich nur an den nicht verkleideten Kühlschränken. In meiner Werkstatt gibt es eine Magnetwand, falls einer/m Schreibwerkstattteilnehmer/in nicht mehr einfällt ... Ein Beispiel von mir von Mittwoch, als ich genug hatte vom Aufräumen und Semesterplanen.


29. August 2016
Drei Bücher
Gelesen in den Sommerferien

Den Wälzer, der mich nicht begeistert und von dem ich doch nicht lassen kann, weil ich natürlich wissen will, wie sie sich entscheiden, wie sie die auseinanderdriftenden Lebenslinien laufen, habe ich nicht mitgenommen: Bodo Kirchoffs Die Liebe in groben Zügen. Jetzt bin ich wieder zuhause und kaue mich zehnseitenweise wie vorher langsam gen Ende.
Mitgenommen und in atemlosen Lesemarathons verschlungen habe ich: Fegefeuer von Sofi Oksanen, Die Liebesgeschichtenerzählerin von Friedrich Christian Delius und Außer und spricht niemand über uns von Wilhelm Genazino. So verschieden sie sind, so sehr ähneln sie sich doch in vielerlei Hinsicht. Sprachlich sind sie überzeugend, inhaltlich fesselnd und universell sowieso (Oksanen schreibt von Verstrickungen im nach-sowjetischen Estland, Delius vom Versuch, die Entscheidungen des Vaters im ersten Weltkrieg und in Nazi-Deutschland zu verstehen, Genazino von einem, der im Berlin des 21. Jahrhunderts ein unangedocktes Leben versucht). Was sie für mich aber besonders macht und wo es dann auch die o. g. Verbindung gibt, ist die für mich so überraschend ähnliche Botschaft: Es gibt kein richtiges Leben (nicht nur nicht im falschen); es gibt nur ein mehr oder weniger mutig und ermächtigend gestaltetes in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation, in der man sich entscheidet, etwas zu tun oder etwas zu lassen – oder darüber nicht zum Handeln zu kommen, dass man sich nicht von den Schwingen der Frage heruntertraut, die da heißt: Wie geht das richtige Leben? Wenn man sich herunterstürzt und sich entscheidet, dann kann es sein, dass man sich für das Falsche entscheidet oder für etwas, das anachronistisch ist oder vollkommen einsam macht, die Gefahr besteht immer. Aber oben zu bleiben, ist auch keine Lösung. Es ist dieser Zusammenklang der drei, der mich wieder einmal hat spüren lassen, warum ich lese. Nicht zur Ablenkung, nicht zum Abtauchen, nicht zur Entspannung (na ja, auch) – sondern, weil ich immer noch versuche, das richtige Leben zu leben, von diesem Suchweg nicht lassen kann, obwohl er sich ,irgendwie’ nicht richtig anfühlt (und nicht gut) ... Ich werde das Gelesene ein bisschen sacken lassen ... Ach ja, im Rügener Windland gewandert und in der Ostsee geschwommen habe ich auch.


1. August 2016
Was bleibt vom Tag?
Schwärzen Sie!

Nehmen Sie eine Seite der heutigen Tageszeitung und lesen oder überfliegen Sie diese. Lassen Sie sich von Wörtern und Zusammenhängen, von Zufallsfunden, die Ihre Aufmerksamkeit erregen, fangen und schwärzen Sie den Rest der Seite. Es bleiben Wörter, Halbsätze, die sich zu einem neuen Text fügen (sollen).
Ich habe die Idee übernommen von Austin Kleon, der seine Werke Newspaper Blackout Poems nennt, übersetzt vielleicht:
Zeitungsausradierungsgedichte. Einerseits ist die Arbeitsweise eine kreative, die zu visuell-kommunikativen Produkten führt, andererseits spielt sie mit dem Akt der Zensur von Texten in Repressionszusammenhängen.
Kleon, Austin (2010): Newspaper Blackout, New York: HarperCollins, S. 69


25. Juli 2016
Das war der Tag
Schlagzeilen-Text

Nehmen Sie die heutige Tageszeitung und schneiden alle Schlagzeilen bzw. Überschriften aus (je nach Umfang der Zeitung kann man auch nur einen Teil, etwa das Feuilleton, nehmen). Aus diesen Schlagzeilen entsteht nun ein Text. Variante A: Es darf kein eigenes Wort hinzugefügt werden. Variante B: Sie mischen Schlagzeilen und eigene Zwischentexte.


18. Juli 2016
Brauche ich das ...
... oder kann das weg?

Zum aktuellen Pokémon Go-Hype könnte ich viel sagen, ich sage aber nur mit Sokrates:
„Was es nicht alles gibt, was ich nicht brauche.“ (Was das Pendant zum Online-Monsterspiel im antiken Griechenland war, ist mir leider nicht bekannt.)


11. Juli 2016
Feedback gehört zum Schreibprozess 5
Einführung in das redaktionelle Arbeiten (nach Melanie Heusel):

Bei einer Weiterbildung (Literacy Management und Schreibzentrumsarbeit) an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder lernte ich 2011 Melanie Heusel kennen. Sie entwarf dort – auch auf ihrem Hintergrund als Lektorin – während der Weiterbildung 2012 ein Konzept zur schrittweisen Überarbeitung eines Manuskript-Rohtextes zu zweit.

Die Texte, mit denen gearbeitet wird, sollten nicht länger als jeweils eine Normseite sein.

  1. Schritt: Die Teilnehmenden tauschen in Paaren ihre Texte.
  2. Schritt: Jede überarbeitet/redigiert den Text der jeweils Anderen nach eigenem Ermessen – aber auch vorsichtig, auf neuralgische Punkte, logische Brüche etc. hinweisend; eine Form könnte ein (wohlwollend fragender) Brief an die Autorin, den Autor sein.
  3. Schritt: Die Texte werden zurückgetauscht. Die PartnerInnen diskutieren über die Rückmeldungen.
  4. Schritt: Jede schreibt eine Neufassung des eigenen Textes auf ein neues Blatt.
  5. Schritt: Schritt 2 bis 4 wiederholen sich; dieses Mal werden (vorher abgesprochene oder vorgegebene Kriterien) angelegt.
  6. Schritt : Jede reflektiert schriftlich das eben Erlebte: Wie war es, den eigenen Text aus der Hand zu geben? Wie hat es sich angefühlt, in den fremden Text einzugreifen? Welche Art von Änderungen wurden zu meinem Text vorgeschlagen? Welche Art von Änderungen habe ich für den fremden Text vorgeschlagen? Wie war das Erstellen der Neufassung? Welche Änderungsvorschläge haben sich als nützlich erwiesen? Warum? Welche anderen Vorschläge/Eingriffe/Anweisungen wären noch hilfreich gewesen? Warum?
  7. Schritt: Jeweils zwei Paare tun sich zusammen und tauschen sich über die Ergebnisse aus.


4. Juli 2016
Feedback gehört zum Schreibprozess 4
Für die Sendung mit der Maus

Angelehnt an die Queneau’schen Stilübungen (siehe 20. 6. 2016) kann man einen eigenen oder auch einen fremden (Sach-)Text so umschreiben, dass er sich für die Sendung mit der Maus eignet. Wie geht das – Sachtexte schreiben für Kinder zwischen vier und acht? Im Selbstversuch lässt sich das einfach mal testen. Vielleicht gibt es ja das eine oder andere Kind in der Verwandtschaft oder Nachbarschaft, das sich als Testhörer zur Verfügung stellt.


27. Juni 2016
Was ich sagen will, könnte ...
... nicht das sein, was ich sagen wollte

„Wenn die Sprache nicht stimmt, dann ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist. So kommen keine guten Werke zustande. Also dulde man keine Willkür in den Worten“(Konfuzius, 551–479 v. u. Z.). Übersetzt auf das Kreative Schreiben heißt das, was der antike Philosoph gesagt hat, für mich: Je mehr Möglichkeiten des sprachlichen Ausdrucks ich mir schreibhandelnd aneigne, desto mehr Varianten stehen mir zur Verfügung, um meine Inhalte sprachlich zu gestalten, um einen poetischen Selbstausdruck zu finden, der tatsächlich das Gefühlte und/oder Gedachte wiederspiegelt.


20. Juni 2016
Feedback gehört zum Schreibprozess 3
Stilübungen am eigenen Text

Die Idee: Man wendet die Stilübungen von Raymond Queneau (1961) auf einen eigenen (kurzen) Text an und verfasst mindestens fünf Varianten. Beispiele für Queneau’sche Aufgaben: Text in Gedicht oder Bühnenstück verwandeln, rückwärts erzählen, Telegramm, Klappentext, für Kinder .../

In dem kleinen Bändchen von Queneau findet man rund 100 Selbstversuche des Autors, der Ursprungstext ist eine einfach erzählte kurze Szene in einem Bus, der je nach selbst gestellter Aufgabe entsprechend sprachlich und/oder stilistisch und oder vom Aufbau her verändert wird. Der Sinn ist zum Einen, dass ein solches Selbstexperiment Spaß macht, zum Anderen aber bringt es auch Erkenntnisse über das Gemachtsein von Texten – im Selbstversuch.


13. Juni 2016
Feedback gehört zum Schreibprozess 2
Feedbackmethoden nach Patricia Belanoff & Peter Elbow

Patricia Belanoff und Elbow stellen in A Community of Writers: A Workshop Course in Writing (McGraw Hill, 1989/1999) elf Feedbackmöglichkeiten vor (Zusammenfassung unter www.usi.edu/media/2962444/summary-of-ways-of-responding.pdf; abermals zusammen­fassenden Übersetzung: Kirsten Alers). Erdacht sind sie für den Kontext Peer Review im wissenschaftlichen Schreiben, lassen sich aber an alle anderen Kontexte anpassen.

Sharing: no response
Es geht um die Wirkung reiner Aufmerksamkeit: den eigenen Text laut vorlesen oder gleichzeitig mit jemand anders parallel leise lesen.

Pointing and center of gravitay
Pointing: Welche Wörter/Sätze/Passagen berühren, bleiben hängen? Center of gravity: Welche Facetten scheinen wichtig, erzeugen Resonanz oder könnten allgemeingültig sein?

Summary and sayback
Zusammenfassung in eigenen Worten.

What is almost said? What do you want to hear more about?
Diese Fragen stellt die/der AutorIn ans Publikum.

Reply
Die frei assoziierten Gedanken der ZuhörerInnen zum Gegenstand des Textes.

Voice
Welchen Eindruck macht der Ton des Textes: Ist er lebendig, human, langweilig, furchtsam, zuversichtlich, sarkastisch, verteidigend etc.? Und was zeigt der Ton von der Autorin?

Movies of die reader’s mind
Spontane und ehrliche Auskunft in Ich-Aussagen über das, was in einer/m beim Lesen/Hören vorgeht, direkt nach dem Lesen/Hören.

Metaphorical descriptions
Beschreibung des Textes in bildhaften Ausdrücken aus dem Bereich Kleidung, Wetter, Tiere, Farben, Formen etc.

Believing and douting
Zuerst alles glauben (auch wenn nicht): Glaub alles, was ich geschrieben habe, und mach es mich glauben; sei mein Freund und gib mir mehr Beweise, Argumente, Ideen, damit ich meinen Text intensivieren kann. Dann alles anzweifeln (auch wenn nicht): Nimm die Haltung eines Feindes an und such Argumente gegen meinen Text, mach glaubhaft, dass du mein Schreiben hasst.

Skeleton feedback and descriptive outline
Skeleton feedback: Leg meine Annahmen über Thema und Adressat sowie meine Argumentationen offen, den Hauptpunkt, die Unterpunkte, die unterstützende Beweisführung. Descriptive outline: Schreib says- und does-Sätze für den Gesamttetxt, dann abschnittsweise. (Ein says-Satz fasst die Meinung oder Botschaft zusammen, ein does-Satz beschreibt die Funktion.)

Criterion-based feedback
Den HörerInnen/LeserInnen Fragen zu spezifischen Aspekten meines Textes stellen, mit denen ich hadere, über die ich mich wundere; ergänzend fragen, was die HörerInnen/LeserInnen als wichtigste Kriterien ansehen, z. B. entlang der traditionellen Kriterien für Essays: Fokus der gestellten Aufgabe, Inhalte (Ideen, Argumentation, Quellen/Unterstützung, Originalität), Organisation des Textes, Klarheit der Sprache, Charakter des Tons.


6. Juni 2016
Feedback gehört zum Schreibprozess 1
,Segeberger Methode’

Im Prinzip ist das ,normale’ auf den Segeberger Jahrestagungen übliche Feedbackprozedere angelehnt an die Methode, die von den Tagungen der Gruppe 47 bekannt ist: Die Autorin, der Autor liest den eigenen Text vor – und schweigt dann, während im freien Gespräch, in harter Debatte der Text von den Zuhörenden besprochen wird. So verfahren wir in der Regel – manchmal aber denken wir uns etwas Komplexeres aus. Ein großer Unterschied (unter anderen) zwischen der Gruppe 47 und dem Segeberger Kreis ist allerdings, dass die Gruppe 47 sich im Prinzip nur zur Textrezeption traf, während auf den Tagungen des Segeberger Kreises gemeinsam geschrieben wird, um sich dann die Texte vorzulesen, die während dieser selbsterdachten und -gesteuerten Schreib­einheiten entstanden sind.
Auf der Jahrestagung des Segeberger Kreises 2007 in Wolfenbüttel war ich Mitglied der Klein-gruppe „Stil(l)arbeit“, deren Arbeitsprozess ich hier vorstellen möchte: Zunächst tauschten wir (zehn SchreibgruppenleiterInnen und/oder Auto­rInnen/Jour­nalistInnen) uns über die von den Ein-zelnen bevorzugt angewandten Feedback­methoden aus. Im Anschluss schrieb jedeR einen nicht zu langen Text zu einem der in der Gruppe vorgeschlagenen Themen Opferbrief, Glück/Pech, Wasser, Veränderung, Drei Nächte lang, Nachtgedanken oder Sport. Diese Texte wurden zweimal kopiert, das Original anonym an einer Pinnwand aufgehängt. Die beiden Kopien wurden verlost, sodass jedeR aus der Gruppe zwei fremde Texte hatte, die sie/er kommentieren/lek­torieren/kritisieren sollte, ohne dass die Methode vorgegeben war. Die kommentierten Kopien wurden neben das Original an die Pinnwand gehängt. JedeR nahm seinen Text und die beiden Fremdkommentare und begab sich an die Überarbeitung des eigenen Textes. Parallel zur Bearbeitung sollte eine Art reflektierendes Tagebuch geführt werden unter den Fragestellungen: Was arbeite ich warum ein, welche Vorschläge verwerfe ich? Welche Kritik freut mich, welche ärgert mich? Was haben die KommentatorInnen erkannt, wo war mein blinder Fleck? Was passiert mit meinem Text, was mit mir während der Überarbeitung?
Ich dokumentiere hier meine eigenen nach dem Überarbeiten gemachten reflektierenden Notizen: „Ich bekam zu meinem Text ,Koljas Sommernacht’ Kommentare von Karsten und Ekkehard. Karsten arbeitete mit rotem Stift im Text direkt, monierte einzelne Wörter/Zu­sammenhänge und machte auch Verbesserungsvorschläge. Ich konnte damit wunderbar arbeiten, habe einiges angenommen (so auch eine sehr konkrete Anmerkung von Ekkehard), anderes nicht – und mich gar nicht geärgert. Mir wurde bewusst, dass es schwer ist, einen Text, der in einen größeren Zusammenhang gehört (Romankapitel), sinnvoll zu kritisieren. Karsten fügte auch noch auf einer ,gelben Karte’ Fragen hinzu, die sich fast alle auf dieses Problem bezogen, bis auf die letzte (...): ,Der Text wirkt auf mich, als sei der Ich-Erzähler weiblich.’ Dieser Punkt brachte mich auf, ich vermutete Rollenklischeedenken bei meinen beiden (männlichen) Kommentatoren, sie unterstellten mir mangelnde Distanz zu meinen weiblichen Erfahrungen als Jugendliche. Zum Schluss (in der mündlichen Nachreflexionsrunde, KA) kam heraus, dass dieser Kolja in meiner Erzählung ein sehr intellektueller Junge mit der Gabe zu ironischer Selbstreflexion ist und dass ich meine Geschichte mal pubertierenden Jungen und Mädchen als TestleserInnen geben sollte. (...)“ (Segeberger Briefe No. 75, 2/2007, S. 27).
Im Anschluss an dieses einen ganzen Tag in Anspruch nehmende Prozedere entwickelten wir in der Kleingruppe Kriterien und Verfahren für Textarbeit, die Kriterien möchte ich hier ebenfalls dokumentieren:

Formales Äußere Form, Absätze ...
Grammatik, Rechtschreibung ...
SpracheStilfragen
Klischee vs. Originalität
Figurensprache
zeigen vs. benennen
beschreiben vs. erklären
Wiederholungen, Tautologien prüfen
TextganzesErzählperspektive
Anfang und Ende
Titel
Spuren legen
Erwartungen schüren und erfüllen vs. Erwartungen brechen
Entscheidung vs. Unentschiedenheit
Plausibilität, Glaubwürdigkeit
Konsistenz, Stimmigkeit
Umgang mit offenen Fragen
Das ,Eigene’     Ton des Textes
Funktion klären
Ziel klären(Segeberger Briefe No. 75, 2/2007, S. 28 f.).

Das Fazit der Gruppe in Wolfenbüttel: „Die kritische Auseinandersetzung mit dem Text ist Zuwendung für den Text“ (Segeberger Briefe No. 75, 2/2007, S. 29).


30. Mai 2016
Collage mal wieder
Mit Zitaten etwas Neues herstellen

Man nehme: vier Nachrichtensendungen oder drei Tierfilme oder alle Werbespots während eines Spielfilms. Man notiere: alles, was eine/n anspringt, Wörter, Begriffe, halbe Sätze, als Zitate, nicht kommentierend. Man schalte den Fernseher, das Radio aus. Man nehme die Zitat-Notizen und collagiere sie zu einem eigenen Text. Es sollten möglichst keine eigenen Sätze hinzugefügt werden. Allerdings darf man das Material grammatisch verändern.
Manchmal wird das Ganze absurdes oder lustiges Flickwerk, manchmal aber öffnet sich über dieses spezielle intertextuelle Arbeiten etwas ganz neues Kohärentes.


23. Mai 2016
Behindert oder behindernd
Ein Kommentar

Zweimal im Jahr erscheint die Zeitschrift Facetten, die auf 20 Seiten über Neuigkeiten, Erfolge und ganz Alltägliches aus der Sozialgruppe Kassel e.V. bzw. aus ihren fünf Zweckbetrieben informiert (und die ich als Redakteurin mitbetreue). In der Nummer 30, die am 19. 5. erschienen ist, ist ein Text über den Begriff der Behinderung veröffentlicht, den ich im Folgenden dokumentieren möchte:

Dieser Text behindert!
Der Begriff der Behinderung heute und morgen

Nach § 2 Abs. 1 Satz 1 des SGB IX und § 3 des Behinderten-Gleichstellungsgesetzes des Bundes (BGG) sind Menschen behindert, „wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist“. Ergibt eine fachliche, oft medizinische Einschätzung als Ergebnis, dass ein Mensch im Sinne dieser Definition behindert ist, so ist er im Sinne des SGB IX leistungsberechtigt und darf z. B. in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung eine Rehabilitationsmaßnahme in Anspruch nehmen.
Maßgeblich für die Anerkennung einer Behinderung ist bis heute eine medizinische Diagnose oder ein Sachverständigen-Gutachten. Dabei stützt sich die medizinische Diagnose auf die sogenannte internationale Klassifikation einer Dysfunktion bzw. Funktionsstörung (engl. ICD).
Mit der Einführung des Bundesteilhabegesetzes und der damit verbundenen Umsetzung der UN-BRK wird auch eine neue Definition von Behinderung eingeführt. Diese neue Erklärung stützt sich auf die internationale Klassifikation einer Funktion (engl. ICF). Grundlage ist dabei nicht mehr das Vorliegen einer medizinischen Einschränkung, vielmehr entsteht die Behinderung durch Faktoren in der Umwelt. Diese Faktoren behindern die Gesundheit funktional, daher auch die Bezeichnung „Funktionale Gesundheit“. Wird ein Mensch von einem dieser Faktoren behindert, so entsteht eine Teilhabebeschränkung. Ist diese Teilhabebeschränkung erheblich, so hat dieser Mensch das Recht auf eine individuelle Leistung, die diese Teilhabebeschränkung aufhebt.
Haben Sie den Text verstanden? Kennen Sie alle hier genannten Begriffe? Nein? dann behindert Sie dieser Text! Sie benötigen Hilfe, Sie brauchen eine Übersetzung. Genau darin besteht der Unterschied! Nicht das Vorliegen einer nachweislichen Lernbehinderung, sondern der viel zu kompliziert verfasste Text ist die Ursache für die Behinderung. Eine Lösung ist, den Text in sogenannter Leichter Sprache zu verfassen, oder jemand erklärt Ihnen alles ganz einfach.

Versuchen Sie doch einmal, diesen Text in Leichter Sprache zu verfassen, und senden Sie uns ihre Vorschläge. Die beste ,Übersetzung’ wird in der nächsten Ausgabe abgedruckt. Ihre Zuschriften senden Sie an die Redaktion.
Mike Alband-Nau (Einrichtungsleitung der Kasseler Werkstatt für Menschen mit Behinderung)

SGB IX: 9. Buch des Sozialgesetzbuches: Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen
ICD: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems
ICF: International Classification of Functioning, Disability and Health
UN-BRK: Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen


16. Mai 2016
konstELLAtionen
Erzählung zu neunt

Es ist Montag, neun Frauen sitzen, den Kopf geneigt, den Stift über das Papier laufen lassend, am großen Tisch in der Schreibwerkstatt. Jede schreibt einen Text, einen aus ihrem eigenen Innern heraus, jede über sich, über ihre Sicht auf die Welt, für sich. So ist das meistens. Im Herbst 2015 war es zeitweise anders. Die Montags­schreib­werkstatt schrieb eine Erzählung. Alle schrieben an einer Erzählung, schrieben eine Gruppenerzählung. Wie das geht? Ohne dass neun Stile sich ,beißen’?
Zuerst entwickelte jede eine Figur, fertigte einen umfangreichen Steckbrief. Nach der Lektüre der Steckbriefe standen uns neun Figuren lebhaft vor Augen. Aus diesen neun wählten wir eine Figur aus, die den meisten von uns am sympathischsten und am geeignetsten zum Ausgestalten einer Erzählung schien, diese wurde die Hauptfigur für unsere gemeinsame Erzählung: Ella.
Wir einigten uns außerdem darauf, dass die Erzählung in Kassel und in der Gegenwart (2015/2016) spielen sollte. Und dann schrieb eine das erste Kapitel, zuhause, das war im September.
Beim nächsten Schreibwerkstatttreffen las sie den Anfang vor. Wir diskutierten, ob wir uns ,die Szene’ so vorgestellt hatten, ob eine Problematik, ein Konflikt, eine Aufgabe für Ella angelegt war, ob uns etwas unlogisch, übertrieben, verzichtbar erschien. Und dann nahm eine Andere die Erzählung mit nach Hause, um das zweite Kapitel zu schreiben.
Beim nächsten Schreibwerkstatttreffen stellten wir wieder die gleichen Fragen an den Text, außerdem noch die Frage, ob ein Stilbruch feststellbar sei – denn am Ende sollte die Erzählung ja wie aus einem Guss wirken.
Bis zum Kursende im Mai waren neun Kapitel geschrieben – doch es fehlte der Schluss. Jede hatte eine andere Vorstellung davon, wie die Erzählung enden, wie Ellas Geschichte zu einem Ende geführt werden könnte. So einigten wir uns darauf, dass jede, die wollte, einen Schluss schreiben konnte. Also gibt es nun eine Erzählung über Ella, ihre Freundinnen Romy, Luise, Katja und Helga, Frau Schulz und Kalle und einige weitere Randfiguren.
Jetzt ist die Erzählung erschienen. Die Verfasserinnen wünschen, dass das Lesen Genuss bringt und dass die Erzählung ein Sich-Spiegeln ermöglicht.

Die Verfasserinnen (von links nach rechts): Kirsten Alers, Christa Grill, Emmi Poguntke, Christel Högemann-Lohse, Doris Goede, Sabine Wölm, Waltraud Schade, Nicole Ohm-Hansen, Petra Meder.

konstELLAtionen kann über Wortwechsel für 6 Euro (ggfs. plus Porto) bezogen werden.


9. Mai 2016
Kürzestgeschichten
Passendes Genre für die Postmoderne?

Möglicherweise ist es etwas idealistisch oder naiv zu denken, was Jan Röhmert in der FAZ zu den Kürzestgeschichten von Klaus Johannes Thies formulierte: „Wie gut, dass es diese Prosa über gar nichts weiter gibt – sie enthält alles, was zählt.“ Möglicherweise sehnen wir uns nach den allerkürzesten Geschichten, die genau eine Sache in den Blick nehmen, um sich in der Komplexität der Welt auszurichten auf eben jenes Detail, das die Kürzestgeschichte, wie mit einem Spot angestrahlt, scharf hervorhebt. Möglicherweise ist es auch das, dass der Mensch in der Postmoderne (wie kurioserweise unsere Zeit bezeichnet wird – man fragt sich doch, was denn wohl danach noch kommen soll) weder Zeit noch Muße hat, sich auf Epen, auf Tausendseitenromane, auf komplexe Weltengeschichten einzulassen (obwohl es für das Gegenteil auch Beweise gibt, wie etwa Harry Potter) und die schnelle Unterhaltung, die schnelle Perspektiveneinstellung, die schnelle Welterklärung sucht.
Möglicherweise aber bleibt den heutigen GeschichtenschreiberInnen gar nichts Anderes, als zu versuchen, Ausschnitte des Universums zu betrachten, möglichst genau zu betrachten, zu fassen, auf den Punkt zu bringen in ihrer verwirrenden Vielschichtigkeit und kaleidoskopartigen Zerbrechlichkeit, weil mehr erfassen zu wollen vermessen wäre.
Auf jeden Fall aber vermögen Kürzestgeschichten, sind sie denn so gestaltet, dass sie nicht holzschnittartig zu simplifizieren suchen, tatsächlich alles – wie ein Tausendseitenroman.
Ich möchte hier ein paar dieser modernen Kürzestgeschichten, die mich faszinieren, zitieren. Die kürzeste mir bekannte ist allerdings schon vergleichsweise alt, die stammt aus der Feder von Ernest Hemingway: For sale. Baby shoes. Never worn.

Franz Hohler: Begegnung (aus: 111 einseitige Geschichten, Luchterhand 1981)
Da ging einmal ein Mann ins Büro und traf unterwegs einen anderen, der soeben ein französisches Weißbrot gekauft hatte und sich auf dem Heimweg befand.
Das ist eigentlich alles.

Ana Maria Matute: Das Mädchen, das nirgendwo mehr war (aus: Spanische Kürzestgeschichten, dtv 1994)
Drinnen im Schrank roch es nach Kampher, nach gepressten Blumen – Asche in Scheibchen. Nach weißer kalter Winterwäsche. Drinnen im Schrank hütete eine Schachtel kleine rote Mädchen Schuhe mit Troddeln. Daneben lag in Seidenpapier und Naphthalin die große Puppe mit den dicken harten Wangen, die man nicht küssen konnte. In den runden starren Augen aus blauem Glas spiegelten sich die Lampe, die Zimmerdecke, der Schachteldeckel, und früher auch die Kronen der Parkbäume. Die Puppe, die kleinen Schuhe gehörten dem Mädchen. Aber in diesem Zimmer war es nicht zu sehen. Es blickte auch nicht aus dem Spiegel über der Kommode. Auch nicht aus dem gelben verrunzelten Gesicht, das sich die Zunge anschaute und Lockenwickler ins Haar drehte. Das Mädchen in diesem Zimmer war nicht gestorben, aber es war nirgendwo mehr.

Lydia Davis: Kontingenz (versus Notwendigkeit) 2: Im Urlaub (aus: Kanns nicht und wills nicht. Stories, Literaturverlag Droschl 2014)
Er könnte mein Mann sein.
Aber er ist nicht mein Mann.
Er ist ihr Mann.
Und so macht er ein Foto von ihr (und nicht von mir) in ihrer geblümten Strandgarderobe vor der alten Festung.

Camille Esses: Erdnussbutter (aus: Überraschungen. Die besten Sekundenstorys, Insel Verlag 2015)
Er war dagegen allergisch. Sie tat so, als wüsste sie es nicht.

Klaus Johannes Thies: Mit Stehlampe (1) (aus: Unsichtbare Übungen. 123 Phantasien, edition AZUR 2015)
Die Stehlampe ist noch an, brennt noch ein bisschen nach. Die neuen Frühjahrserscheinungen werden von HERKUNFT und HEIMAT erzählen und von meinem Vater, der sagt: „Ich will noch mal ans Meer – ein letztes Mal das Meer sehen.“ Das wäre ein schöner Satz für meinen Vater gewesen. Hatte die ersten zwei Worte auch schon formuliert, kam nur nicht dazu, sie auszusprechen. Spielte mit den Knöpfen und fühlte sich gleich viel besser, weil alles andere kannte er bereits. Konnte alle Fragen beantworten, blätterte die Bilder durch. Und es war schön, einfach vor der Stehlampe stehenzubleiben.
Zwei Reclam-Hefte sind (zusätzlich zum Bändchen Überraschungen) ein Fundus für Kürzestgeschichten: 9569 und 15064.


2. Mai 2016
Thema Dialoge
aus dem 4. Kasseler Schreibcafé

Am letzten Donnerstag veranstaltete das Netzwerk Kreatives Schreiben Nordhessen/­Südniedersachsen das 4. Kasseler Schreibcafé im Café am Bebelplatz. Hineinschnuppern ins Kreative Schreiben – das ist die Idee. Den Abend, der dieses Mal unter dem thematischen Schwerpunkt Dialogeschreiben stattfand, gestaltete meine Kasseler Kollegin Jacqueline Engelke, Journalistin und Schreibbegleiterin.
Es ist immer wieder überaus spannend, KollegInnen zu erleben, unter ihrer Leitung eine Schreibwerkstatt zu genießen. Ich reibe mich am Konzept, ich staune, zu welchen Texten bekannte Schreibübungen bei mir führen, wenn ich vorher nicht weiß, dass sie angeboten werden, und ich bekomme Geschenke: Schreibanregungen, die ich noch nicht kenne. Hier also will ich eine vorstellen, die mich besonders angesprochen hat: ein Akrostichon-Dialog.
Schreiben Sie die Buchstaben des Wortes DIALOG untereinander und füllen dann die sechs Zeilen mit einem Dialog von zwei Stimmen. Mein (etwas dadaistisch und etwas mundartlich anmutendes) Ergebnis:
Dä, ähh, nääää
Igittigittigitt
Alszus, widder un widder
Lieberhenne, nää
Ohje ohje ohje
Grad jetze, dä!


25. April 2016
Die Schublade ...
... auf und zu – oder?

„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen die Dinge, wie wir sind“, sagte Ken Keyes. Der US-amerikanische Bewusstseinsforscher formulierte damit auf einfache Weise die erschrecken machende Erkenntnis des Konstruktivismus. Und warum steht das jetzt hier, im Schreibblog? Der Satz könnte Schreibanregung sein, er könnte auch Aufforderung zur Konstruktion einer möglichen besseren Welt sein, die es nur geben kann, wenn sie antizipiert wird von Utopie-KonstrukteurInnen.


18. April 2016
FischWolfVogelEidechse
Ein Märchen – nicht nur für Kinder

Ich empfehle zu lesen:
Fisch, Wolf, Vogel und Eidechse begeben sich auf eine lange Reise, um das Schöne zu suchen – um unbewusst die Antwort nach dem Sinn des eigenen Seins zu finden. Eine Geschichte von Freiheit und Sehnsucht, von den kleinen Dingen, die zu Großem werden, und darüber, dass wir vergessen, über diese zu staunen. Eine Geschichte für kleine und große Menschen (ab 5), die sich erfreuen können an der fantasievollen märchenhaften Erzählweise und an den farbigen Aquarellen und Zeichnungen, die mehr sind als einfache Illustrationen des Erzählten.
Die Autorin und Illustratorin Yara Leonie Semmler (27) ist Diplom-Designerin (Kommunikations­design, Hochschule Darmstadt) und Mitinhaberin des Studios So in Leipzig. Sie hat das bekannte Märchen von den Bremer Stadtmusikanten adaptiert, aber keineswegs eine einfache Kopie angefertigt. Die vier Elemente Wasser, Erde, Luft und Feuer verkörpern sich in den Saibling, Timberwolf, Rotmilan und Mauereidechse ebenso, wie die Erzählung von den Tieren, die zu Gefährten werden, soziologische und ökologische Fragen berührt.
Ich habe das Buch sehr gern lektoriert und verlegt, nicht zuletzt, weil es das Ergebnis eines langen kreativen Prozesses ist, der von Versuch und Irrtum, von Mut und Kooperation zeugt.

Yara Leonie Semmler
FischWolfVogelEidechse
Verlag Wortwechsel
ISBN 978-3-935663-29-8
13,90 Euro


11. April 2016
Wer bin ich?
Anagramme machen

Vielleicht kennen Sie Unica Zürn (!916–1970), die große Meisterin der Anagramme. Hier eines ihrer überlieferten 123 Anagramm-Gedichte:

Tausend Zaubereien
Ei, zarte Sünden bau:
reizende Tauben aus
Zundertau. Eine Base
aus Reizdaunen bete
an. Zuende Staubeier
aus, in Zaubertee. Den
Zebus traue an deine
Busenzierde. Taue an
Eisabenden Azur. Tue
in den Zaubertausee
tausend Zaubereien.

Unica Zürn hat um 1960 in Paris, wo sie auch in Beziehung zu den Surrealisten rund um André Breton und Hans Arp stand, begonnen, Anagramme zu schreiben, nachdem sie zuvor schon als Grafikerin hatte von sich reden machen können (u. a. war sie mit Zeichnungen auf der Documenta II in Kassel vertreten).
Vielleicht wollen Sie selbst einmal Anagramme machen? Es gibt echte wie das oben dokumentierte Gedicht, bei denen in jeder Zeile exakt die gleichen Buchstaben und nur diese vorkommen wie in der Ausgangszeile. Und es gibt unechte Anagramme, bei denen man zuerst aus dem vorgegebenen Buchstabenmaterial so viele Wörter bildet, wie man finden kann, ohne auf die Anzahl der verwendeten Buchstaben zu achten.
Versuchen Sie einmal echte Anagramm-Zeilen zum Wort WIEDERHOLEN.
Versuchen Sie einmal ein unechtes Anagramm-Gedicht zur Frage: WER BIN ICH?


4. April 2016
Yogisches Schreiben
Ein Versuch, Praxis zu fassen

Den Begriff Yogisches Schreiben gibt es in der Literatur nicht. Aus meiner Erfahrung im Schreiben und – deutlich geringer – im Yoga, aber vor allem aus dem Zusammendenken dem Nacheinander-Praktizieren der beiden Formen des Seins habe ich folgendes Verständnis entwickelt:

Yogisches Schreiben ist (oder kann sein)
  • achtsames Schreiben, das (die Sinne) für das Innen und das Außen öffnet
  • das Schreiben in Formen (zur Stabilisierung und Grenzerfahrung)
  • erinnerndes Schreiben (um unterscheiden zu können zwischen Damals und Jetzt)
  • reflektierendes Schreiben (z. B. zu einer Lebensfrage)
  • entlastendes Schreiben (,Blödelerlaubnis’)
  • Abschreiben (z. B. eines philosophischen Textes)
  • Rezitation (fremder Texte, aber auch das In-den-Raum-Stellen der eigenen Stimme, der eigenen Texte)

Yogisches Schreiben fördert die vom Yoga-Lehrer Jon Kabat-Zinn (Zur Besinnung kommen, Arbor Verlag 2005) aufgeführten inneren Einstellungen aus der Achtsamkeitspraxis: Nicht-Beurteilung, Geduld, Anfänger-Haltung (Beginner’s Mind), Vertrauen, Vernachlässigung einer Zielorientierung oder ,Projektmentalität’, Akzeptanz, Loslassen-Können.
In meine Unterrichtspraxis als Schreibpädagogin fließen diese Formen des von mir so benannten Yogischen Schreibens seit je ein. Schön ist es, nach und nach immer mehr Implizites, das ,automatisch’ aus mir und im Kontakt mit Anderen entstanden ist, mir bewusst, also explizit zu machen und gezielter einsetzen zu können.


28. März 2016
Facetten des Lebens:
Stark, mutig und schön

Wenn Menschen eine Geburtstagskarte schreiben, muss sie unbedingt mit drauf, die Gesundheit … ohne die doch angeblich alles nichts ist. Doch was machen die Frauen, denen dieses Wünschen nicht geholfen hat? Sie fallen nicht nur aus der Gesundheit, sondern auch aus der Gesellschaft derer, die sie für das Wichtigste im Leben halten. Eine gute Art, damit umzugehen, ist zu schreiben. Aber nicht nur über Gesundheit und Krankheit, sondern auch über Liebe und Freundschaft, Arbeit und Hobbys, Feste und Reisen, Kindheit und Alter ...
Eine Lieblingsstelle, im Gedicht menschenskind von Karla Kundisch:
„kennen wir uns denn und wissen
wir denn was wir können und
wie wir anders gut und böse und
normal behindert krank gesund und anders sind und wären wenn?“

Stark, mutig und schön – die Dresdener Schreiblehrerin Angelika Weirauch hat für den Verein Lebendiger leben! eine außergewöhnliche Anthologie zusammengestellt. Dies ist kein depressives Buch, wie manche vielleicht denken würden! Es ist nachdenklich, realitätsnah, manchmal lustig, manchmal sehr ernst. Es zeigt viele Facetten des Lebens von Frauen zwischen 30 und 75, die entdeckt haben, dass ihnen das Schreiben hilft, auch die anstrengenden Zeiten des Lebens gut durchzustehen, und dass sie nicht allein sind dabei.

Angelika Weirauch (Hg.) für den Verein Lebendiger leben!: Stark, mutig und schön

Bestellungen über: lebendiger_leben@web.de oder Wortwechsel


21. März 2016
Ins neue Sonnenjahr
mit einer erstaunlichen Erkenntnis?

„Niemand kann dir, ohne deine Zustimmung, das Gefühl geben, minderwertig zu sein.“ (Eleanor Roosevelt)


14. März 2016
Umkreisen
Eine Sprache finden durch Wiederholungen

Auf der Suche nach Methoden, um eine Sprache oder zunächst Wörter für das zu finden, was mich umtreibt, was mich sprachlos macht, wofür ich aber so dringend eine Sprache oder zumindest Wörter finden will, habe ich verschiedene Methoden ausprobiert. Und will eine hier beschreiben und zur Nachahmung empfehlen.
Auf der Suche nach einer Sprache für etwas, was sprachlos macht, kommen Wörter zu Ihnen. Nehmen Sie eines davon und schreiben Sie Texte, immer ausgehend von diesem einen Wort. Wiederholen Sie das Wort, so oft es geht. Schreiben Sie wilde Wiederholungstexte, schreiben Sie Elfchen mit dem Wort als erstem, schreiben Sie mit sanfter, mit wilder Musik im Hintergrund, immer das eine Wort im Fokus habend, es wiederholend, es umkreisend, es schmeckend, riechend, sehend, hörend. Nehmen Sie das Wort mit in Ihre Morgenseiten, in Ihr Tagebuch. Und wiederholen Sie es. Dann wird es sich entfalten, es wird andere Wörter herbeirufen, es wird sich etwas in Ihnen öffnen, eine Sprache, vielleicht für die Frage, die Sie mit dem Wort verbunden haben.


7. März 2016
Üben, schreiben, üben, schreiben
und vertrauen

„Wir sind so ungeübte Schreiber, weil wir so viel Zeit damit verschwenden, mitten im Satz anzuhalten und uns über das Geschriebene Gedanken zu machen.“ (Peter Elbow) Peter Elbow ist derjenige Schreiblehrer, der in den USA Anfang der 1970er Jahre als einer der Ersten das zunächst einmal unsortierte, einfach den Stift in Bewegung haltende Schreiben als hilfreiche Methode für alle Arten von Schreibaufgaben oder -vorhaben beschrieben hat. Freewriting heißt es seitdem. Und es hilft. Und es befreit.


29. Februar 2016
Schichtungen
Versuch, ein Thema sprachlich zu fassen

Seit einiger Zeit versuche ich, die Gleichzeitigkeit meines Luxuslebens und des Lebens der Anderen (derer auf der Flucht, im Krieg, in Diktaturen usw. usf.) zu fassen. Bisher ist mir kein Text gelungen. Nur diese Arbeit, die entstand nach einer Woche Kreativem Schreiben Sylt, in der das Privilegiert-Sein noch deutlicher zum Vorschein trat als zuhause, zu der auch die Präsenz des Meeres beitrug: das mich zu philosophischen Traktaten auf Papier bringt und anderswo Menschen verschluckt und tot wieder ausspuckt (und da ist sie wieder, die Sprachlosigkeit, die mich dann auch noch manchmal textlich dazu führt, dass ich das Meer als böses Ungeheuer personifiziere ...).


22. Februar 2016
gewesen: auf Sylt
erhofft: rüm Hart, klaar Kiming

Eine Woche Kreatives Schreiben im Jugendseeheim des Landkreises Kassel – was für ein Geschenk, dort arbeiten zu dürfen! Am ersten Tag gingen wir erst einmal raus, mit allen Sinnen eintauchen in den Sylter Februar, Meer, Watt, Sand, Dünen, Heide, Wind, Salz, Sonne – aufsaugen, einatmen, ausatmen ... Am zweiten Tag tauchten wir in Texte ein, in Literarisches, geschrieben von anderen Menschen, die sich ebenfalls schreibend der Insel, dem Meer genähert hatten. Hier ein Ausschnitt aus Wiedergänger von Jochen Missfeldt, in dem ein historischer Sylter Spruch eindringlich an das Heute angedockt wird:
„[...] Spätestens in solchen Wetterlagen, in der trockenen Kälte der verzauberten Insel, stelle ich mir die Frage, wie ich ein besserer Mensch werden kann. ,Atme einfach locker durch die Hose und mach weiter wie bisher’, so lautet eine Empfehlung aus dem Vorrat des Zeitgeistes. Ich lehne das ab und sage Klaar Kiming – Klarer Horizont, obwohl ich vom Friesischen keine Ahnung habe. Wäre das Friesische populärer, würde es besser unter die Leute gebracht werden, dann hätte ich vielleicht mehr Ahnung. Klaar Kiming, so könnte ein Schiff heißen, das hier zwischen den Inseln kreuzt; eines mit dem friesischen Namen Rüm Hart – Weites Herz – kreuzt hier nämlich schon. Zusammen ergeben die beiden ein schönes Motto zur Verbesserung der Menschheit. [...]“ (aus: Jochen Missfeldt: Wiedergänger. Eine andere Geschichte von Sylt, Edition Eichthal, Eckernförde 2015)


15. Februar 2016
Auf einer Insel
Eine Woche Sylt

Zum 10. Mal fahre ich nach Sylt. Eine Woche Meer schreiben, 13 Teilnehmende, wie immer. Wir schreiben, wie immer. Und doch immer anders. In der Vorbereitung fand ich ein Gedicht wieder. Das mich wieder berührt hat.

Auf einer Insel
Rose Ausländer (1901–1988)

Mit Purpurflügeln
streift der Sommer
mein Herz

Ich liege auf einer Insel
die keinen Namen hat
in einem namenlosen Meer

Fische besuchen mich
und sprechen Gedichte
Ich bemühe mich
sie zu erlernen

Ein Delfin bringt mir
Grüße von Freunden
Sie laden mich ein
allein ich
kann nicht schwimmen

(Quelle: Das Geschlecht der Engel, Piper1992)


8. Februar 2016
100 Jahre Dada
Dada selber machen

Am 5. 2. 1916 wurde Dada gegründet und rasch zur europaweiten Bewegung gegen Denkschranken und für die Befreiung der Künste von Vorschriften und Grenzsetzungen. Neben der explizit antibürgerlichen und Antikriegs-Haltung ging es der Bewegung auch um die Rückbesinnung auf die Grundelemente der Sprache: Buchstaben, Laute, Zeichen­zusammen­fügungen. Einer der Gründer und Protagonisten war der Deutsche Hugo Ball (er stammte aus Pirmasens). Sein Gedicht Karawane von 1917 hat Weltruhm erlangt und kann zu eigenen Sprach-Experimenten anregen. Man könnte selbst Wörter einer Kunstsprache erfinden, man könnte auch – was Richard Huelsenbeck in seiner Gestaltung von Balls Gedicht ja tut – Schlagzeilen zu einem Gedicht collagieren.

aus: Raoul Hausmann: Am Anfang war DADA, Anabas Verlag, Gießen 1992 (1980)


1. Februar 2016
Auf dem Weg zum Projekt
SWOT-Analyse nach Gerd Bräuer

Schreiben, um sich zu entlasten, schreiben, um etwas zu verarbeiten, zu bewahren, um zu denken, um zu kommunizieren. Schreiben hat viele Funktionen. Eine ist die der Selbst­reflexion. Reflexive Praxis ist eine im Prinzip für alle Berufsfelder nützliche Tätigkeit – auch wenn man sonst nicht so gern zu Stift greift.
Vor ein paar Jahren lernte ich in einer Weiterbildung von Gerd Bräuer (Schreib­zentrum PH Freiburg) in ,geballter’ Form etwas über das Schreiben als reflexive Praxis – und wende die Methoden seither sehr eifrig an.

Eine Methode möchte ich hier vorstellen, die ganz einfach daher­kommt und nach meiner Erfahrung extrem wirkungsvoll ist: die SWOT-Analyse. Sie haben ein Projekt, das Sie realisieren möchten, ob es sich im ein Schreibprojekt handelt oder eines, das mit Text gar nichts zu tun hat. An dieses Projekt stellen Sie vier Fragen, entsprechend der SWOT-Analyse, deren Akronym für Strength, Weak­nesses, Opportunities und Threats steht:
S – Strength: Welche sind die Stärken des Projekts?
W – Weaknesses: Welche Schwächen und Grenzen hat mein Projekt?
O - Opportunities: Welche hilfreichen äußeren Umstände gibt es?
T - Threats: Welche gefährdenden äußeren Umstände vermute ich?

Sie machen einfach vier Listen. Und vielleicht bitten Sie auch andere Menschen, Ihr Projekt mit Hilfe der SWOT-Analyse zu betrachten.


25. Januar 2016
2. Kasseler Poets’ Day
Achtstündiger Lesemarathon im autorencafé

AutorInnen aus der Region Kassel treffen sich am 31. Januar zum 2. Kasseler Poets’ Day im autorencafé der Werkstatt Kassel. Während des achtstündigen Lesemarathons hat jede/r Lesende 15 Minuten zum Vortrag eigener Texte – veröffentlicht oder aus der Schublade. Kommen und Gehen ist Lesenden und interessierten Zuhörenden zwischen 12 und 20 Uhr jederzeit möglich.
Der ausrichtende Verein Nordhessischer Autorenpreis e.V. fördert mit dem Lesemarathon die literarischen Kapazitäten der Region, die Menschen hinter den Texten werden lebendig, die AutorInnen können untereinander und mit ihrem Publikum in Kontakt kommen.
Es lesen: Ria Ahrend, Ina Berninger, Manfred G. Burgheim, Petra Dippel, Marie-Luise Erner, Elisabeth Gessner, Roland Goldack, Jürgen Helm, Hans Horn, Andreas Knierim, Michael Knoth, Horst Paul Kuhley, Waltraut Martens, Jürgen Pasche, Brigitte Petri, Daniela Rieß, Isa Rühling, Rainald Siemon, Edith Speck, Helmut Wetzel, Anette Wicke, Ulrich Wicke, Erika Wiemer.
Für Fingerfood und Getränke sorgt der Vorstand des Autorenpreises (Carmen Weidemann, Jana Ißleib, Kirsten Alers). Der Eintritt ist frei.

31. Januar 2016, 12 bis 20 Uhr
autorencafé Werkstatt Kassel, Friedrich-Ebert-Straße 175


18. Januar 2016
Schreiben als reflexive Praxis
Listen zum Schreiben

Schreiben hat viele Funktionen. Eine Funktion ist die reflektierende, die klärende. Schreiben kann – auch wenn ich keine begeisterte Fabuliererin oder Essayistin bin, auch für mich nützlich sein, unabhängig davon, in welchem Bereich ich es als Reflexionsinstrument einsetze.

Machen Sie Listen:

  1. Was ich schreibe
  2. Was ich nicht schreibe
  3. Was ich gerne, mit Vergnügen, lustvoll schreibe.

Nach dem Listen-Schreiben könnte eine weiterführende Frage lauten: Was kann ich aus den Erfahrungen aus Liste 3 zum Beispiel in die Schreibstunden mit hineinnehmen, in denen ich mich quäle?


11. Januar 2016
Selbst-Wertschätzung
Noch ein guter Vorsatz

Noch ist das Jahr jung, jung genug für noch einen guten Vorsatz. Schreiben Sie sich in eine selbst-wertschätzende Grundhaltung, mit der Sie dann auf den Weg machen durch das Jahr 2016. Vielleicht hilft der folgende Satz als Impuls: „Niemand kann dir, ohne deine Zustimmung, das Gefühl geben, minderwertig zu sein.“ (Eleanor Roosevelt)


4. Januar 2016
Das Schreibjahr beginnt
Gute Vorsätze gehören dazu ...

„Schreiben ist wichtiger als Surfen im Internet, E-Mailen, Twittern, Facebook. Kappe die Verbindungen!“ (Yiyun Li)


28. Dezember 2015
Das Schreibjahr endet
Auf ein neues!

„Das Schreiben befriedigt im Ich schreibe, nicht im Ich habe geschrieben.“
Frank Cioffi spricht mir aus dem Schreibherzen.


21. Dezember 2015
Das Jahr war gelb
Und das nächste wird orange?

Schreib einen autobiografischen Text oder eine fiktive Geschichte: „Ein (z. B.) blaues (oder gelbes) Jahr geht zuende ...“ Wenn möglich, nenn die Farbe nicht (ständig), sondern versuch, eine blaue oder gelbe Stimmung zu erzeugen. Und vielleicht wagst du auch einen Ausblick auf die Farbe des nächsten Jahres ...
Variante: Schreib einen Text, der ausschließlich aus einsilbigen Wörtern besteht: „Das Jahr war gelb ...“


14. Dezember 2015
Jungs schreiben ...
... keine Gedichte, außer ...

Es heißt Der beste Hund der Welt, es ist vergriffen, es ist eine Art Goldschatz. Sharon Creech beginnt die Geschichte mit folgenden Wörtern auf der ersten Seite:
„JACK
Raum 105 – Miss Stretchberry
13. September
Ich will nicht.
Jungs schreiben
keine Gedichte.
Mädchen schon.“

Das Buch, das ich Lehrpersonen und Erziehungsberechtigten wärmstens ans Herz legen möchte, handelt von einem kleinen Jungen, der in der Schule – angeregt durch das Gedicht Die rote Schubkarre von William Carlos Williams – ein eigenes Gedicht schreiben soll. Handelt vom leeren Kopf und wie ein Hund dort hineingerät und einer Begegnung mit einem Dichtrer und einem Liebesgedicht an Sky, am Ende.


7. Dezember 2015
Pablo Neruda
Das Buch der Fragen

Der berühmteste chilenische Dichter des 20. Jahrhunderts, Pablo Neruda (1904–1973), hat sich auch damit befasst, wie Menschen, insbesondere kleine Menschen, in ihrem kreativ-fantastischen Potenzial gestärkt werden können. In seinem Buch der Fragen verweigert er sich der rationalen Sicht auf die Welt, integriert das Wundern der Kinder und die Erfahrung des Erwachsenen und führt die Lesenden in ein Jenseits von Begründungen und ermöglicht so plötzliche Intuition und lustvolle Imagination. Mit seinen Fragen hat er mit Kindern im Grundschulalter kreative Schreibstunden verbracht – Sie können das ebenfalls, indem Sie einfach intuitiv und lustvoll auf die folgenden (von mir aus ca. 300 ausgewählten und übersetzten) Fragen antworten:

  • Warten noch nicht vergossene Tränen in kleinen Seen?
  • Wenn die gelbe Farbe ausgeht, mit was werden wir unser Brot backen?
  • Wettet der Leopard auf den Krieg?
  • Wie viele Bienen gibt es an einem Tag?
  • Warum attackiert der Hai nicht die bronzenen Sirenen?
  • Warum schreien Wolken so viel, wenn die glücklicher und glücklicher wachsen?
  • Welcher gelbe Vogel füllt sein Nest mit Zitronen?
  • Warum lehrt man nicht die Hubschrauber, Honig aus Sonnenlicht zu gewinnen?
  • Wo lässt der Vollmond heute Nacht seinen Mehlsack?
  • Wo sind all die kuchensüßen Namen des vergangenen Jahres?

Wie man mit dem Buch der Fragen mit Kindern arbeiten und wie man Fragen und Antworten grafisch gestalten kann, hat Eva Maria Kohl in ihrem Buch zum freien und kreativen Schreiben mit Kinder SCHREIBSPIELRÄUME dokumentiert.


30. November 2015
Ulla Hahn
Zehn Gebote des Schreibens

  1. Fang an! Nur Mut!
  2. Mach weiter! Keine Angst!
  3. Bleib dran! (Ablenkung verboten) Konzentration!
  4. Wenn’s nicht recht weiter geht, tu so als ob.
  5. Weg mit der Schere im Kopf. Nur Mut!
  6. Schäm dich für nichts – auf dem Papier. Keine Angst!
  7. Jeden Einfall ernst nehmen, sofort notieren, egal wo und wann (Papier und Stift immer griffbereit) – Fleiß!
  8. Auch vorm Papierkorb (dinglich oder virtuell): Keine Angst! Kunst des Schreibens ist Kunst des Streichens.
  9. Und immer wieder: Lesen, lesen, lesen. (Am besten in einer anderen Sprache.)
  10. Was du schon weißt, davon musst du nicht schreiben. – Neugier!
  11. (Optional): Um Regen beten für die Saat. Demut!

Oder kurz und knapp: In der Oper Die Meistersinger von Nürnberg fragt Stolzing, der gerne Dichter werden möchte, den erfahrenen Hans Sachs: „Wie fang’ ich nach der Regel an?“ Hans Sachs: „Ihr stellt sie selbst und folgt ihr dann.“
Sich immer wieder selbst neue Regeln zu stellen (und zu brechen), sich immer wieder selbst zu überraschen: Das ist das erste und einzige Gebot.
(aus: Zehn Gebote des Schreibens, DVA, München 2011)

Das hier ist ein Buchtipp und eine Schreibanregung. Im auszugsweise zitierten Buch verraten 42 AutorInnen von Margaret Atwood bis Juli Zeh ihre zehn Gebote des Schreibens. Sehr anregend, sehr nach-denkenswert. Und wie lauten Ihre Gebote des Schreibens?


23. November 2015
Hanns-Josef Ortheil
zu Textfeedback in Schreibgruppen

Feedback in einer Schreibgruppe kann so verstanden werden, wie es der Leiter des Studiengangs Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, an dem u. a. zukünftige Schriftstelle­rInnen ausgebildet werden, Hanns-Josef Ortheil, sagt, nämlich als: „[...] ein Inszenierungsmodell, bei dem der Lehrer zur immanenten Textreflexion anleitet, dem Schüler aber überlässt, für welche Varianten der aus dieser Reflexion hergeleiteten poetologischen Wege er sich entscheidet“ (Ortheil in: Haslinger, Josef, Treichel, Hans-Ulrich (Hg.): Schreiben lernen – Schreiben lehren, Frankfurt/Main 2006, S. 28).


9. November 2015
Selfie ohne Kamera
Du heute, an einem Ort, mit ...

Bleib stehen oder sitzen, an einem Platz, der dich anspricht, mit dem du eine Verbindung spürst, an dem du dich einen Augenblick aufhältst, um ein Selfie zu machen (das ist der Begriff für ein Foto, das du mit einer Kamera von dir selbst machst, manchmal mit einer weiteren Person, einer privat bekannten oder einer öffentlichen). Hier geht es um ein Text-Selfie. Du kannst dich an folgenden Fragen beim Schreiben orientieren:
Wo bin ich, welcher Tag ist heute und wie spät ist es?
Was sieht man auf dem ,Foto’, was sieht man von mir, wie sehe ich aus, wie schaue ich?
Wie fühle ich mich? Sieht man das auf dem Foto?
Was ist noch zu sehen, neben mir, über mir, im Hintergrund?
Warum mache ich genau dieses Selfie und gerade an diesem Ort?


2. November 2015
Zettelwirtschaft
Fragment-Archiv mit Wörterbuch

Nehmen Sie eins der folgenden Wörter, die unter dem Buchstaben A im ersten deutschen Wörterbuch stehen, an dem die Brüder Grimm jahrzehntelang arbeiteten – um dann doch nur bis Froteufel zu kommen. Nehmen Sie den Begriff und schreiben Sie einen Zetteltext auf ein postkartengroßes Blatt, dann nehmen Sie den nächsten, dann wieder den nächsten. Beschreiben Sie die Zettel jeweils nur auf einer Seite.
Hier die Begriffe: abäugeln, abbamsen, abbacken, abbaden, abbalgen.
Genauso gut wie mit den alten Begriffen können Sie mit sprachlich aktuellen arbeiten, indem Sie einfach mit dem Finger in einen Duden stechen und ein Zettelfragment zum getroffenen Wort schreiben, dann das nächste, dann wieder das nächste. Sie können sich auf diese Weise auch ein Fragment-Archiv anlegen, um später vielleicht etwas daraus in einem längeren Text zu verarbeiten.


26. Oktober 2015
Was Literatur ...
... kann und soll

Meinen Blog-Eintrag vom 13.10. 2015 zur Verantwortung von Literatur möchte ich ergänzen. Harald Martenstein schreibt im ZeitMagazin vom 15. 10. 2015 Über engagierte Literatur: „Ich könnte eine engagierte Geschichte über ein Flüchtlingsmädchen schreiben, das gibt es ja tausendfach und ist auch gut geschrieben. Nicht dass ich so was nie gelesen hätte. Das lesen die ohne Überzeugten, das ist wie politisches Kabarett anno 1970, nur in rührend. Die NPD-Ortsgruppe wird, wie so oft, auch dieser Lesung fernbleiben. Was Literatur im besten Fall erreichen kann, wenn sie den unbedingt etwas erreichen soll: Sie kann das Denkvermögen stärken. Und je länger du nachdenkst, desto weniger Gewissheiten hast du, desto misstrauischer wirst du in Bezug auf dich selbst. Und eine Welt, in der alle an ihren Gewissheiten zweifeln, wäre tatsächlich eine bessere Welt.“ Wenn denn diese Zweifel sich auch in Veränderung von Handeln neiderschlagen.


19. Oktober 2015
Noch Plätze frei
Regionaltagung zum Kreativen Schreiben

Zusammen mit Norbert Kruse und Klaus-Peter Lorenz lade ich ein zur Regionaltagung Nordhessen/Südniedersachen: Lehrende und Veranstalter aus den Universitäten, der Erwachsenenbildung und freie Anbieter in den Domänen des Kreativen Schreibens. Sie findet am 17. November 2015 von 12 bis 18 Uhr in Kaufungen statt.

  • Schreibaufgaben und das Kreative Schreiben
    (Impulsvortrag von Prof. Dr. Norbert Kruse, Deutschdidaktiker an der Universität Kassel)
  • Textsteigerung durch Textberührungen – Feedback in der Schreibgruppenarbeit
    (Impulsvortrag von Kirsten Alers, Schreibpädagogin)
  • Themen für die Kleingruppenarbeit im World Café: regionale Kooperationen; Schreib­strategien und Schreibstörungen; Herausforderungen durch ,schwierige‘ Teilnehmende; Korres­pon­den­zen zwischen Gegenwartsliteratur, Lesen und Schreiben.
  • 19 Uhr Lesung und Werkstattgespräch mit Regina Scheer: Machandel
Anmeldungerbeten bis zum 29. Oktober 2015 unter
www.vhs-region-kassel.de / Tel. (05 61) 1003 1681 / Kursnummer P 2116
Kosten27 Euro (Nachlass aus sozialem Grund wird gewährt)
Verantwortlich   Dr. Klaus-Peter Lorenz, Tel. (05 61) 10 03-16 96

13. Oktober 2015
Verantwortlich?
Literatur in Krisenzeiten

Viele meiner Bekannten engagieren sich mehr oder zum ersten Mal in ihrem Leben für ihnen nicht bekannte Menschen, im Haus meiner Schwester und meines Schwagers lebt seit einigen Wochen ein junger Mann aus Syrien, eine Freundin mit Job und vier Kindern schläft schlecht, weil sie so ein schlechtes Gewissen hat, dass sie niemanden aufnimmt ... So viele Menschen sind gekommen, die Hilfe brauchen, die ja nicht aus Lust und Laune weggehen aus Syrien, aus Afghanistan, aus Eritrea, aus dem Sudan ... Die aktuelle gesellschaftliche Situation, die täglichen Gespräche, Gedanken, Handlungen, Nachrichten sind geprägt vom Weggehen und Nicht-Ankommen, vom Zurücklassen und von Perspektivlosigkeiten – und so viele drehen sich nicht weg, um ihr bequemes Leben weiterzuleben (was ja tatsächlich immer noch locker geht).
Wirkt sich diese Gesamtsituation auch auf das Schreiben, auf die Literatur, den Literaturbetrieb aus?
Dass sich Politisches oder Öffentliches sowie Privates oder Nicht-Öffentliches dialektisch durchdringen, dass das Private politisch ist und das Politische das Private prägt – eine spätestens seit der Nach-68er-Frauenbewegung nicht mehr zu leugnende Wahrheit. Wenn dann der Literaturnobelpreis an eine Journalistin geht (die Weißrussin, Weltenbürgerin und literarische Chronistin Swetlana Alexijewitsch) und diverse politisch engagierte Bücher auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis geraten, dann kann man vermuten, wie es DIE ZEIT tut (Beilage zur Frankfurter Buchmesse No. 41, Oktober 2015), dass die aktuelle gesellschaftliche Situation Literatur Produzierende und Literatur Kritisierende und schließlich in Folge Lesende stark beeinflusst. Sogar dahingehend, dass von Literatur plötzlich Engagement, Positionierung, Aufklärung, Utopien verlangt werden. Von den Produzierenden, von den Kritisierenden, von den Lesenden.
In der oben erwähnten Beilage kann man u. a. ein spannendes Gespräch lesen zwischen dem Moderator Ijoma Mangold sowie drei AutorInnen von Werken von eben jener Longlist: Jenny Erpenbeck (gehen, ging, gegangen), Ulrich Peltzer (Das bessere Leben) und Ilija Trojanow (Macht und Widerstand). Ich möchte von allen dreien Passagen zitieren, die mich besonders berührt haben und die zeigen, was Schreiben in Zeiten sein kann, die eine Gesellschaft massiv herausfordern:
Jenny Erpenbeck: „Für mich ist es nicht so, dass ich sage: ,Ich möchte ein politisches Buch schreiben’ oder ,Ich möchte ein historisches Buch schreiben’. Ich habe eigentlich immer beim Mikrokosmos angefangen und bin beim Makrokosmos angekommen, ohne dass ich mich dafür entschieden hätte. Ich finde, es ist vollkommen müßig, was von außen von Schriftstellern ,verlangt’ wird! Das ist eine Sekundärdiskussion. Man schreibt über die Dinge, die einen beschäftigen, die einem widerfahren. Manche Autoren neigen mehr dazu, im Privaten das Politische zu sehen, andere sind politischen Bewegungen mehr ausgesetzt, wieder andere ziehen sich ganz ins Private zurück.“
Ilija Trojanow: „Mal angenommen, die Leser gehen aus dem Roman heraus mit der Vorstellung, alle Grenzen zu öffnen, dann ist ja nichts Schlechtes daran. Denn das ist ja eine der Urfunktionen von Literatur, Gegenentwürfe zu präsentieren. Eine Realität zu imaginieren, die sich unterscheidet von der vermeintlichen Evidenz der herrschenden Verhältnisse. Die Frage ist nur, ob die Erzähltechniken, die reflexiven Ebenen und die zwingend erzählten Biografien die Leser überzeugen von diesem Entwurf. [...] Das sind große Fragen, die wir stellen müssen in Zeiten, in denen die Selbstoptimierung geradezu die einzige Fasson der Weltrettung geworden ist.“
Ulrich Peltzer: „Genau, geht es nur um Selbstoptimierung, haben wir den Mut verloren, für andere zu sprechen? [...] Das Direktorium der Welt, das sich in Hinterzimmern trifft, das gibt es nicht. Aber es gibt Profiteure, und es gibt Leute, die Verantwortung tragen, und es gibt Leute, die gut leben, und solche, die weniger gut leben. Und es gibt Gründe dafür.“


7. Oktober 2015
Woraus Geschichten gemacht werden
Die Masterplots nach Ronald B. Tobias

Vielleicht ist es zunächst irritierend, aber bei der Such nach weiteren bin zumindest ich nicht fündig geworden. Ronald B. Tobias hat in der Weltliteratur nur 20 Plots gesichtet, d. h. dass seiner Meinung nach jede Erzählung, jede Kurzgeschichte, jeder Roman, also jeglicher Prosatext einem der folgenden 20 Plots folgt.
Suche (quest); Abenteuer (adventure); Reif werden (maturation); Innere Wandlung (transformation); Äußere Wandlung (metamorphosis); Aufstieg (ascension) und Abstieg (descension); Das Extreme und Exzessive (wretched excess); Liebe (love); Verbotene Liebe (forbidden love); Rivalität (rivalry); Der Unterlegene (underdog
); Versuchung (temptation); Opfer (sacrifice); Rache (revenge); Verfolgung (pursuit); Flucht (escape); Rettung (rescue); Rätsel (the riddle); Entdeckung (discovery) (vgl. Fritz Gesing: Kreativ schreiben, S. 103 ff.).
Nun kann man also andersherum vorgehen und sich einen Plot aussuchen und eine Erzählung damit schreiben. Es empfiehlt sich, vorher vielleicht noch eine Prämisse aufzustellen. Ein Prämissen-Beispiel für den Plot „Suche“: Jede Suche endet damit, dass man am Ende aufhört zu suchen, ob man etwas gefunden hat oder nicht.


28. September 2015
Kreativität als Zwang
Kreativität braucht ein Feld

Wer hat ihn nicht, den Anspruch an sich selbst, kreativ zu sein? Und wer hat neben aller Lust am kreativen Sein nicht auch schon einmal das Gefühl gehabt, sich vom Zwang überfordert zu sehen: Ich muss kreativ sein, sonst bin ich nicht tauglich, nicht im Beruf, nicht als Elternteil, nicht in der Freizeit. Und wenn ich es nicht bin – Andere sind ja permanent kreativ, Hilfe!
Da ist es sehrt hilfreich zu erfahren, dass Kreativität nicht eine individuelle Leistung oder Nicht-kreativ-Sein kein individuelles Versagen ist. „Kreativität ist weniger in der isolierten Leistung eines herausragendes Individuums zu verorten, sie entsteht vielmehr in Feldern, die in sehr spezifischer Weise aufgebaut sind“, sagt Olaf-Axel Burow, Professor für Allgemeine Pädagogik an der Uni Kassel, auf Seite 18 in seinem Buch Team-Flow: Gemeinsam wachsen im Kreativen Feld (Beltz Verlag, Weinheim/Basel 2015). Empfehlenswert. Weil es entlastet. Weil es Kreativität anders denkt. Und weil es aufzeigt, wie diese Felder aussehen.


21. September 2015
Schreibstrategien
Wie schreibe ich?

Einfach losschreiben oder erst einen Plan machen – das eine ist nicht besser, klüger, zielführender als das andere. Es ist erstens eine Schreibertypfrage, welche Strategie ich wähle, zweitens eine Frage der Schreibaufgabe, die vielleicht eher zu der einen als zu der anderen Strategie auffordert, und drittens eine Sache der Wirksamkeitserfahrung.
Verschiedene Schreibforscher haben unterschiedliche Kategorien zur Erfassung von Schreibertypen bzw. Schreibstrategien aufgestellt. Sylvie Molitor-Lübbert differenzierte 1985 zwischen drei Herangehensweisen: Top-down-Schreiber, Bottom-up-Schreiber und Misch-Typ. Top-down-Schreibende entwickeln zunächst eine Gliederung und produzieren anhand dieser ihren Text, bei Bottom-up-Schreibenden entsteht die Textstruktur erst während des Schreibens.
Der Linguist Hanspeter Ortner entwickelte im Jahr 2000 aus 6.000 Aussagen von versierten Schreibenden über ihr Vorgehen beim Schreiben längerer Texte ein sehr differenziertes Schreibstrategienmodell, das er ausführt in Schreiben und Denken (Tübingen 2000). Strategie ist für Ortner ein vom Individuum erworbenes „Ablauf- und Organisationsschema“, Schreibstrategien sind „erprobte und bewährte Verfahren der Bewältigung spezifischer Schreibanlässe und potentieller Schreibschwierigkeiten in spezifischen Schreibsituationen“ (S. 351). Er geht davon aus, dass Strategien von den Schreibenden gewählt werden. Die Wahl der Strategie ist abhängig von der Schreibaufgabe, aber auch davon, welche Strategie der Schreiber bisher als erfolgreich erlebt hat. Ortner unterscheidet zehn Schreibstrategien, die Schreibende als Schemata anwenden, um Aufgaben zu bewältigen; sie sind anlassbezogen, erfolgsabhängig und ersetzbar; außerdem werden sie auch kombiniert angewendet:

  1. Nicht-zerlegendes Schreiben: Geschrieben wird vom Typ des Aus-dem-Bauch-heraus-, des Flow-Schreibenden in einem Zug, im Stil des écriture automatique (d. i. der ,reine’ Bottom-up-Typ).
  2. Einen Text zu einer Idee schreiben: Diese Strategie wird vom Typ des Einzigtext-, des Einen-Text-zu-einer-Idee-Schreibenden engewendet.
  3. Schreiben von Textversionen zu einer Idee: Der Typ des Mehrversionenschreibenden, des Versionenneuschreibenden schreibt mehrere Texte zu einer Idee, fügt am Ende Fragmente aus mehreren Versionen zusammen oder wirft alle bis auf eine weg.
  4. Herstellen von Texten über die redaktionelle Arbeit an Vorfassungen: Der Typ des Text-aus-den-Korrekturen-Entwickelnden unterzieht seinen Text mehreren Revisionsschritten, evtl. auch mit Feedback von außen.
  5. Planendes Schreiben: Der Typ des Planers macht vor dem Schreiben einen Plan oder eine Gliederung (Makrostruktur), die er dann schrittweise ausformuliert (d. i. der ,reine’ To-down-Typ).
  6. Einfälle außerhalb eines Textes weiterentwickeln: Beim Typ des Niederschreibenden könnte man sagen, dass er etwas erst nicht-schreibend gären lässt, er arbeitet konzeptuell extralingual und schreibt erst dann den Text nieder.
  7. Schrittweises Vorgehen, der Produktionslogik folgend: Der Typ des Schritt-für-Schritt-Schreibenden sammelt Material, konzipiert, gliedert, formuliert und revidiert Schritt für Schritt und Abschnitt für Abschnitt; diese Strategie wird häufig beim Schreiben wissenschaftlicher Texte angewendet.
  8. Synkretistisch-schrittweises Schreiben: Der Typ des Synkretisten vermischt und/oder verschmilzt einzelne unabhängig voneinander entstehende Textteile, er arbeitet mit zu etwas Neuem verschmelzenden Fragmenten.
  9. Moderat produktzerlegend: Der Typ des Textteilschreibers schreibt Teile des Endprodukts in beliebiger Reihenfolge, vielleicht sogar erst den Schluss.
  10. Schreiben nach dem Puzzle-Prinzip – extrem produktzerlegend: Der Typ des Produktzusammensetzenden arbeitet mit zunächst undefinierten Einzeltexten, die nach und nach zusammengebaut und dabei angepasst werden; diese Strategie wird häufig bei Texten verwendet, die komplexe Denkleistungen verlangen, bei denen am Anfang nicht klar ist, was am Ende herauskommen wird/soll.

13. September 2015
2. Kasseler Schreibcafé
Freude am Schreiben

Biografisches und kreatives Schreiben ... Wie geht das? Anhand unterschiedlicher Schreibübungen geht es unter Leitung von meiner Kasseler Kollegin Patricia Sheldon auf Spurensuche. Werden Sie zum Schatzsucher oder zur Schatzsucherin und kommen Sie ins Schreibcafé des Netzwerks Kreatives Schreiben Nordhessen/Südniedersachsen! Einen Abend können Sie hineinschnuppern in das, was kreatives und biografisches Schreiben sein kann. Es erwarten Sie kleine Schreibexperimente, der eigene Faden, der schreibend aufgegriffen sein will, und ein Kurzvortrag. Schreiberfahrung wird nicht vorausgesetzt! Im Zentrum des Schreibcafés steht das praktische Tun. Was Sie brauchen ist: Lust am Schreiben und die Bereitschaft in der Gruppe zu schreiben. Das Vorlesen der Texte ist freiwillig. Bitte, bringen Sie Papier und Stifte mit.

  • Termin: Donnerstag, 17. September 2015, 19 bis ca. 21.30 Uhr
    Ort: Café am Bebelplatz, Friedrich-Ebert-Straße, Kassel, Tram 4 + 8
    Eintritt: 5 Euro + 1 Getränk im Café

7. September 2015
Das Prinzip Hoffung
Eine Vision schreibend denken

Ernst Bloch soll hier nicht Impulsgeber sein, sondern der Künstler Joseph Beuys, der mehrfach Teilnehmer an der Documenta in Kassel war und hier mit Kunstwerken in Museen und mit dem öffentlichen Projekt Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung oder auch 7000 Eichen das Bild der Stadt nachhaltig verändert hat. Auch darin ist schon eine Vision zu sehen. Explizit hat er sich auch zur Zukunft geäußert, tatsächlich ähnlich wie Bloch oder Adorno. Folgender Satz von Beuys (dessen Quelle ich nicht ausfindig machen konnte) soll Anregung sein, inne zu halten und eine Vision schreibend zu denken: „Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.“


19. August 2015
Noch ein Sommergedicht
Eindrückliche Verdichtung

Mein Vorstandskollege im Segeberger Kreis Karl Günter Rammoser hat 2014 während der schreibkreativen Jahrestagung des Vereins die Verantwortlichkeit und Hilflosigkeit angesichts der verunglückten Flüchtlinge auf dem Mittelmeer auf sehr eindrückliche Weise gefasst. 2015 hat es seine Aktualität nicht verloren.

lampedusa
lampe sie sa
lampe er sa
lampe es sa
lampe wir sa
lampe ihr sa
lampe sie sa
lampe ich sa
nicht hin


10. August 2015
Ein Sommergedicht
Mit allen Sinnen schreiben

Es ist August, die Sonne scheint, viele von uns genießen das Draußen-, das In-der-Natur-Sein, da kann man schon mal die Krisen und deren Wahrnehmung auf abends verschieben – und ein Gedicht schreiben (in das sich dann vielleicht doch eine Krise einschleicht). Ein Gedicht mit allen Sinnen zu schreiben, das geht natürlich auch einfach so, hier aber soll eine sehr strukturierte Anleitung gegeben werden, die zu erstaunlichen Ergebnissen führen kann. Ich habe sie im Schreibzentrum der Viadrina (Europa-Universität) in Frankfurt-Oder 2012 kennen gelernt:

Schreiben Sie ein Gedicht, indem Sie erst einmal folgende Fragen beantworten (das ist noch nicht das Gedicht):
Worüber schreibe ich? = Überschrift
Wie sieht es aus?
Wie schmeckt es?
Wie hört es sich an?
Wonach riecht es?
Wie fühlt es sich an?
Dann fügen Sie die Antworten zu einem Gedicht mit Überschrift und fünf Zeilen (es muss sich nicht reimen, darf aber).


3. August 2015
Jetzt subskribieren!
Anthologie Himmel.Hölle.Heimatkunde.

Himmel + Hölle + Heimatkunde – die wesentlichen Themen des Menschseins. Die Texte in der 5. Anthologie mit nordhessischer Gegenwartsliteratur erzählen von Höllen, von düsteren oder Pseudo-Himmeln, von einem Trotzdem, vom Ringen um einen (inneren) Ort, der, wenn nicht Heimat, so zumindest ,mein’ genannt werden kann. Die Geschichten, Gedichte und experimentellen Texte zeigen Verortungsversuche im Dazwischen, berichten von Götterspeise und Satansbraten, von den Anderen, die uns Hölle sind, von Nachbarn und weiteren Zumutungen, erzählen von Liebe und anderen Umständen, von Wanderungen durch Hessisch Sibirien und von Versuchen, Sprache zu finden oder irgend etwas. Die Anthologie enthält Prosa, Lyrik und Experimentelles – 47 ausgewählte Texte aus dem 5. Literaturwettbewerb zum Nordhessischen Autorenpreis (2014), an dem sich 234 Schreibende beteiligten. Außergewöhnlich ist die Mischung von Genres und Generationen, von professionell Schreibenden und Laien. Nordhessische Gegenwartsliteratur berührt, regt auf und an, reflektiert und antizipiert, lässt mitgehen und Nein sagen und Ja sagen. Wie Nordhessen intim, Salto mortale, klartext und Planet Kassel, die Bände zu den ersten vier Nordhessischen Autorenpreisen, ist auch Himmel.Hölle.Heimatkunde. eine Art modernes Heimatbuch ohne Heimattümelei.


27. Juli 2015
Ganz und gar Mensch sein
Susan Sontag über Bücher

Beim Aufräumen und Schreibtisch-Sortieren fand ich einen alten Zeitungsausriss vom 14. 12. 2014. Das Zitat in diesem (von der großartigen, leider bereits verstorbenen US-amerikanischen Essayistin Susan Sontag) stimmt vielleicht sowieso, passt aber besonders gut zum Sommer, wenn alle endlich dazu kommen, die Bücher zu lesen, die sich seit dem letzten Sommer gestapelt haben:
„Wenn Bücher verschwinden, wird die Geschichte verschwinden, und die Menschen werden ebenfalls verschwinden. Manche Leute halten Lesen bloß für eine Art Flucht: eine Flucht aus der ,wirklichen’ Welt des Alltags in eine imaginäre Welt, die Welt der Bücher. Bücher sind viel mehr. Sie sind eine Art und Weise, ganz und gar Mensch zu sein.“
Und das ist ja ein Ziel, das unser Streben immer begleitet: ganz und gar Mensch zu sein.


20. Juli 2015
Ein Favorit
Unter dem Tuch

Wenn TeilnehmerInnen aus meinen Kurse gefragt werden, wie eine Schreibwerkstatt so abläuft, dann sagen sehr sehr viele: „Also, am Anfang, da liegt ein buntes Tuch auf dem Tisch, und unter dem Tuch ist etwas versteckt, und kuru vor dem Schreiben hebt die Kirsten das Tuch hoch, und – oh! Überraschung! Und alle schreiben los, und allen fällt was Anderes ein, auch wenn ja der Gegenstand derselbe ist. Das mit dem Tuch ist immer wieder das Beste!“
Lassen Sie sich von jemandem etwas unter einem Tuch verstecken, setzen Sie sich voller Erwartung hin, lüften das Tuch – und schreiben Sie los.


13. Juli 2015
Die Krise schreiben
In sieben Sätzen zur Integration

Während der letzten Segeberger Jahrestagung (März 2015 in Fuldatal) schrieben die Teilnehmenden in sechs Gruppen zum Thema Krise. U. a. diente eine Kurve aus dem Kontext Veränderungsmanagement als Schreibanregung.

In meiner Arbeitsgruppe (Krisen kurz gefasst) entwickelten wir dazu folgende einfache Schreibaufgabe: Schreib zu einer beliebigen (persönlichen) Krise (Partner hat Affäre, Kündi­gung, Insol­venz, Kind bleibt sitzen ...) einen Text mit sieben Sätzen, die sich an die sieben Schritten des o. g. Krisenverlaufs orientieren, also jeweils einen Satz zu Schreck, Verneinung, Einsicht, Annahme, Ausprobieren, Lernen und Integration.

Ein Beispiel aus der Tagungsgruppe:
Affäre mit der Kollegin
Schreck: Sie ist es, sie ist also die Andere.
Verneinung: Sie ist es nicht, es ist meine Eifersucht.
Einsicht: Sie ist es, die er meint.
Annahme: Er ist es, und ich lebe vielleicht doch.
Ausprobieren: Ich bin es, die weint, tobt, geht, bleibt.
Lernen: Ich bin es, die in den Spiegel schaut.
Integration: Ich bin es, ich also bin es.

Der Sieben-Zeilen-Text ist vielleicht fertig, kann aber auch als Gerüst, als Plot dienen, um die Geschichte auszuweiten.


6. Juli 2015
Flow – ein Wort-Portrait ...
... und vielleicht eine Liebeserklärung

Vielleicht ist es auch eine Schreibanregung (aus einer solchen ist der folgende Text jedenfalls entstanden). Aber zunächst einmal ist es ein Text, den ich zeigen will und mit dem ich eines meiner Lehr- (und Seins-)Credos zeigen will: Neben PRÄSENZ und FORSCHEN ist FLOW das dritte Prinzip, dem mein Sein als Schreibpädagogin verpflichtet ist. So zeige ich also mein Portrait des FLOW (vom 4. März 2015):

Nein, stöhnen Sie nicht. Oder stöhnen Sie zuerst und dann hören Sie. Ja, es ist ein fremdsprachiges Wesen. Ein englisches, das in Übersee, in den USA, zu voller Blüte kam. Und zudem ist es ein universelles Wesen: FLOW. Wie so viele wesentliche Wesen kommt der Flow schlicht daher, macht kein großes Gewese, und trotzdem nimmt er sofort für sich ein. Als ich ihm das erste Mal begegnete, hatte ich noch nie von ihm gehört, ich kannte seinen Namen nicht, wusste nichts von Aussehen und Charakter – aber ich wurde sofort erfasst von ihm, der sich lautlos angeschlichen und mich in seinen Bann gezogen hatte. Er erfasst mich, zog mich mit sich und ließ mich in unbekannte Höhen fliegen, in noch unbekanntere Tiefen fallen, ich wurde geflutet.
Da ist es, zuerst das F. Fff – wie ein Windhauch sieht er vorn aus, der Flow, wie ein Windhauch hört er sich an, kommt er zuerst daher, manchmal auch als Böe, öfter als Mistral oder als Passat, selten als Tornado oder als Hurrikan. Schon mit dem Fff betört der Flow, reißt fort, wenn nicht ins Glück, so doch ins Selbstvergessene. Und wer will das nicht.
Nun, damit es nicht sofort so beängstigend ist, kommt nach dem F, nach dem Mitreißenden, ein sanftes Lll. Sanft wie la-le-lu, aber auch hier der Sog, den viele schon erlebt haben, als sie als Kinder endlose Reihen von lllllllll auf Schiefertafel oder ins Schulheft setzten. Eingelullt werden, dabei aber wach und klar bleiben, das ist der Yoga-Anteil des Flow.
Und dann folgt das O. Das ein OW ist, ein Laut, ein Wesensteil aus zwei Komponenten. Zuerst das O, der Urlaut des Erstaunens, wir öffnen den Mund, kreisförmig, alles strömt hinein, alles strömt hinaus, die Grenze zwischen Innen und Außen verschwimmt, wir hören auf zu suchen, öffnen uns dem Finden, die Angst vor dem Zufälligen, dem Kontrollverlust schwindet, wir überlassen uns dem O. Und werden getragen von der zweiten Komponente, dem W. Das W, eine Doppelschale oder zwei hängende Brüste – und kann nichts passieren.
Ja, der Flow ist ein universelles Wesen, dem zu begegnen das Leben verändert, ohne Möglichkeit, in den – ich wage zu sagen – tumben Zustand davor zurückzufallen. Und ein solches universelles Wesen braucht einen universellen Namen: englisch, kurz, einfach, unverwechselbar, sich selbst definierend durch Aussehen, Klang und Wirkweise: Flow.
Und weil der Flow ein universelles Wesen ist, ist er auch eine Art Chamäleon, das sich jeder Person so zeigt, wie diese Person es braucht. Jetzt stöhnen Sie nicht mehr, ich höre Sie atmen. Gut.


29. Juni 2015
Nicht festkleben
Mehrversionenschreiben

Nicht nur im Kontext wissenschaftliches Schreiben, aus dem diese Anregung stammt, ist es ratsam, in Betracht zu ziehen, dass die aktuelle Fassung eines Textes möglicherweise nicht die einzig denkbare, nicht die ausgereifteste, nicht die endgültige ist. Um das herauszufinden, kann man einmal mit einem nicht allzu langen Text (ca. ein bis zwei Normseiten) ein Experiment machen: das Mehrversionenschreiben nach Peter Elbow.
Nehmen Sie sich vier Stunden Zeit. Schreiben Sie in den ersten 45 Minuten eine erste Fassung, anschließend fassen Sie in 15 Minuten das Geschriebene zusammen und reflektieren: Was ist entstanden, was zeigt sich, was ist gut? In der nächsten Stunde entsteht eine zweite Version mit wiederum 15 Minuten schriftlicher Reflexion. Das Prozedere wiederholt sich dann noch zweimal. Sie werden erstaunt sein über Ihre Erkenntnisse, Ihr Schreiben, Ihre Texte ... (nach Peter Elbow: Writing without Teachers, 1973/1998, gefunden bei Katrin Girgensohn: Neue Wege zur Schlüsselqualifikation Schreiben. Autonome Schreibgruppen an der Hochschule, Wiesbaden 2007).


22. Juni 2015
Von Ich und Welt
Schreiben nah am Leben

Jugendliche und junge Erwachsene (ab 16 Jahre) lädt das Literaturbüro Kassel ein, in einem Schreibworkshop über sich und die Welt zu reflektieren und über die Zumutungen des Lebens autobiografisch und fiktiv zu schreiben. Sie können sich am Erzählen und am Dichten versuchen und sich inspirieren lassen von dem, was Leben und Erfahrung zu bieten haben. Im Austausch in einer Gruppe Gleichgesinnter lässt sich so ein Zugang zur eigenen Schreibstimme finden. Es wird geschrieben und vorgelesen, fantasiert und gelacht. Außerdem gebe ich Tipps zu Sprache und Stil.

  • Samstag, 11. Juli 2015, 10 bis 17 Uhr
    Literaturbüro im Kunsttempel Kassel
    Gebühr 10/5 Euro; Anmeldeschluss 1. Juli.

Der Schreibworkshop findet statt im Rahmen der Veranstaltungsreihe Kleine Schritte. Große Sprünge! Literatur als Experiment und Herausforderung des Literaturbüros Nordhessen von Mai bis Juli 2015. Mehr auf: Literaturbüro Nordhessen.


15. Juni 2015
Paul Maar
Brüder-Grimm-Professor 2015

Normalerweise weiß ich nicht, warum man irgendwelche Leute, deren Bücher man gut findet, unbedingt sehen, hören, anfassen muss; auch das Bitten um Autogramme finde ich irgendwie seltsam. Aber Paul Maar wollte ich hören. Ja, auch wegen des Sams. Aber vor allem, weil der Besuch der Veranstaltungen mit dem Brüder-Grimm-Professor (des Fachbereichs Germanistik an der Uni Kassel) mir ein lieb gewonnenes und bereicherndes Ritual im Frühsommer geworden ist.
So hörte ich also die poetologische Vorlesung Maar und die Märchen des 24. Brüder-Grimm-Professor. Und war ein bisschen enttäuscht. Poetologie bzw. Poetik als „Wissenschaft von Wesen, Gattungen und Formen der Dichtung“ (Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur) gab es leider nur in geringen Dosen. Las Maar doch von den 60 Minuten, die ihm rund 200 Menschen im Gießhaus lauschten, ca. 45 Minuten aus seinen Werken. Die ich zwar fast alle nicht kannte, aber dazu, sie kennen zu lernen, war ich ja nicht gekommen ...
Seit ich denken bzw. (mich) reflektieren kann, sauge ich das auf, was mich anspricht, was mich zittern, staunen macht. Da kann der Lehrer oder der Unterricht noch so mittelmäßig bis empörend sein – ich finde etwas, das mich weiter- oder anderswohin bringt, das mich beflügelt, begeistert. Und das schaffte auch Paul Maar, da, wo er seine Poetologie skizzierte, deren Wollen man auch als kreativen Umgang mit dem Genre Märchen und Märchenmotiven zusammenfassen könnte. Maar fügt z. B. oft in reale Umgebungen fantastische Wesen ein, die dann einem Menschen aus einer Notlage helfen (so hilft etwa das Sams Herrn Taschenbier, mutiger und selbstbewusster zu werden), er schreibt keine Fantasy-, sondern fantastische Geschichten, da er kein Paralleluniversum entwirft, sondern in der realen Welt bleibt. Maar erzählt auch gern bekannte Geschichten neu, z. B. adaptiert er in Der weiße Wolf das Dschungelbuch und die Ödipussage. Vor allem arbeitet er mit mehreren Blickwinkeln, Berichterstattern, also Wahrheiten, so hat er schon in seinem ersten Kinderbuch Der tätowierte Hund zwei Perspektiven gestaltet (jenseits dessen, dass die Geschichte Anspielungen auf Grimms Hänsel und Gretel enthält).
Ich werde also mal Der tätowierte Hund und Der weiße Wolf lesen. Und versuchen herauszufinden, warum mein Lieblingsmärchen Wilhelm Hauffs Das kalte Herz ist (Paul Maar erklärte, warum seines das vom Eisenhans ist). Umsonst im Gießhaus gewesen? Nein!


8. Juni 2015
Der Blick auf die Hauptfigur
Aus unterschiedlichen Perspektiven

Aus einem Schreibseminar bei Charles Lewinsky (über das ich von meiner langjährigen Schreibschülerin Christa Müller einen ausführlichen Bericht bekam) stammt folgende Schreibanregung: Sie haben eine vage Vorstellung von einer Hauptfigur – oder bereits eine umfassende Skizze angefertigt. In jedem Fall wird die Figur plastischer, zunächst einmal für Sie selbst, wenn Sie sie beschreiben aus der Sicht

  • des kauzigen Nachbarn
  • der Bäckerin; wo sie immer ihre Brötchen kauft
  • der Briefträgerin, die weiß, was sie so an Briefen bekommt
  • einer Austauschschülerin
  • einer früheren Lehrerin beim Ehemaligentreffen
  • eines Kindergartenkindes, Kind der Nachbarn
  • eines Polizisten auf der Wache, der Beschwerden annimmt
  • eines Anhänger einer Sekte, der an der Tür klingelt
  • etc.

Sie können die Beschreibungen neutral verfassen oder in der Ich-Form verfassen, z. B. als Monolog oder als Brief. Vielleicht lässt sich die eine oder andere Beschreibung dann sogar (in Auszügen) für ihre Geschichte verwenden. Auf jeden Fall wird Ihre Figur vielschichtiger, widersprüchlicher und Ihnen bekannter.


1. Juni 2015
OuLiPo II
Warum banale Wortspiele alles andere als banal sind

Während der Segeberger Jahrestagung in Fuldatal hat am 6. März Friedrich Block einen Vortrag gehalten: Kreative Sprachkrisen – Zur Praxis des poetischen Kalküls. Doller Titel. Klasse Vortrag. Spannende Debatte. Warum soll man sich mit dem computergenerierten ,Quatsch’ befassen, was ist der Sinn von mathematisch/mechanistisch anmutenden, banalen Sprachexperimenten? Was also kann uns das, was die Gruppe OuLiPo in den 1960ern angestoßen hat, für die Schreib- und Lehrpraxis bringen? (Das waren jedenfalls meine Fragen.)
Jemand aus dem Publikum (Norbert Kruse?) stellte die Frage, ob wir denn nicht alle fremdgesteuert oder manipuliert seien, ob es nicht illusionär sei anzunehmen, dass wir Sprache in befreiender Form verwenden könnten. Daran knüpfte die Frage an, wie wir uns also einer Sprache bemächtigen können, die das Individuelle zu zeigen vermag, Manipulationen enttarnt, Entfremdung aufhebt, Grenzüberschreitungen ermöglicht. Wie wir uns einer Sprache bemächtigen können, die ein gestaltetes und gestaltendes Sein in der Welt sowie eine offene Gesellschaft ermöglicht.
Am Ende des Vortrags schrieb ich folgende Begriffe auf: DIE ERSCHÜTTERUNG – DIE ERWEITERUNG – DIE ENTGRENZUNG. Ist es nicht genau das, was oulipistische Schreib-Experimente vermögen? Die Automatismen erschüttern, Möglichkeiten jenseits von Zuschreibungen, jenseits des Immer-Schon ausloten, (Sprach-)Muster infrage stellen, Räume erkunden und aufzeigen. Das oulipistische Schreib-Experiment als Selbst­(er)findungs­akt. So jedenfalls führe ich in meinen Schreibwerkstätten Übungen ein, in denen Tabus oder Contraintes eine Rolle spielen.
Meine diesbezüglichen Lieblingsübungen sind: 1. Nur einsilbige Wörter sind erlaubt. 2. Kein Satz darf mehr als vier Wörter haben. 3. Der Text muss ohne Verben (wahlweise Nomen) auskommen (s. auch Blog-Eintrag vom 6. 4. 2015: OuLiPo I; s. auch Blog-Einträge vom 7. 7. 2014: Schlangengedicht nach Meret Oppenheim, und vom 28. 7. 2014: Einsilbig schreiben, und vom 19. 5. 2015: Zwei-Sätze-Texte).
Empfohlen sei hier noch, erst einmal selbst das Schreiben mit Tabus oder Contraintes auszuprobieren, denn nur, wenn ich als Schreibpädagogin vom Effekt überzeugt bin, kann ich das oulipistische Schreiben so vermitteln, dass es nicht als Joch, als einengend und bar jeden Spaßfaktors empfunden wird.


26. Mai 2015
Der Schrankkoffer
Beginn einer autobiografischen Reise

Nuala O’Faolain, eine irische Journalistin und Schriftstellerin, berichtet in ihrem autobiografischen Roman Sein wie das Leben (Claassen 2004)über die Entstehung der Einleitung für einen Sammelband mit eigenen Kolumnen. Hier der so von ihr selbst beschriebene Start: „In einem der Zimmer im Obergeschoss des Hauses stand im obersten Regal ein Schrankkoffer, den ich bei jedem Umzug behalten hatte, obwohl der Schlüssel schon vor dreißig Jahren verschwunden war. Jetzt schubste ich ihn mit solchem Schwung vom Regal, dass er aufsprang, setzte mich, vom Duft verstaubter Papiere umgeben, auf den Boden und las die Briefe aus dem Koffer so begierig, als führten sie mich zu einem Schatz. [...]
Hätte es den Schrankkoffer nicht gegeben oder wären andere Dinge darin gewesen, dann wäre meine Geschichte vielleicht eine andere geworden. Autobiographien sind, denke ich, genauso einseitig und vorläufig wie alle anderen Erzählungen auch. Trotzdem bemühte ich mich, als ich das Projekt anging, von Herzen und nach Kräften um die Wahrheit. Warum denn auch nicht?“ (S. 27)
Man muss mit etwas beginnen. Es ist nicht wichtig, was es ist. Es wird eine Erzählung des eigenen Lebens. Und würde man mit etwas Anderem beginnen müsste man die Fäden anders, zu einem anderen Muster zusammenknüpfen – es gibt nicht die eine Geschichte, die wie das Leben ist, das gelebt wurde. Manchmal hält man diese Erkenntnis schlecht aus – denn wer ist man den dann? Und manchmal ist es wie ein Geschenk, die eigene Lebensgeschichte noch einmal neu, ganz anders, mit ganz anderem Vorzeichen, einer ganz anderen Färbung erzählen zu dürfen.


18. Mai 2015
Zwei-Sätze-Texte
Ein oulipistisches Experiment

Ich weiß nicht mehr, wann und mit wem ich diese Übung das erste Mal gemacht habe (es könnte meine Kollegin Carmen Weidemann gewesen sein) – aber seither könnte ich sie (fast) in jeder Schreibwerkstattstunde machen. Man nehme: zwei Sätze (aus eigenen Texten oder aus der Literatur). Man nehme: die Wörter dieser beiden Sätze. Und sonst kein weiteres Wort. Alle Wörter, die Sie zur Verfügung haben, dürfen Sie so oft verwenden, wie Sie wollen. Sie dürfen die Wörter auch beugen, aber: Es darf kein einziges neues Wort hinzukommen.
Manchmal entsteht etwas Lyrisches, manchmal etwas Surrealistisches, manchmal kreist man um ein zentrales Thema, das eins der zur Verfügung stehenden Wörter auslöst ... Lassen Sie sich fort-, um den Brei herum, mitten rein und wieder zurücktragen!


11. Mai 2015
Miniversität
Was Sie alles wissen!

Eine meiner Lieblingsübungen in großen Gruppen, die sich zwar schon kennen, aber länger nicht gesehen haben, ist die Übung Miniversität. Ich habe sie nicht selbst erdacht, weiß aber nicht mehr, von wem ich sie quasi geschenkt bekam. Sie geht so: Sie stellen sich vor, über welche Themen Sie aus dem Stegreif ein zehnminütiges Referat halten könnten. Sie machen eine Liste mit all diesen Themen, denen Sie auch schon Titel geben. Alle Themen sind erwünscht, Themen aus dem beruflichen, dem häuslichen und dem – ich nenne ihn mal – Hobby-Kontext. Es geht bei dieser Übung darum, mir bewusst zu machen, über welche Ressourcen ich verfüge. Ich könnte daran anknüpfen ... Zumindest aber bekomme ich ein gutes Gefühl. Und in der Gruppe beim Vorlesen erfahre ich Erstaunliches.

Als Beispiel: Meine Miniversität vom 11. 4. 2015
Sockenstricken mit drei Nadeln
Die angloamerikanische Short Story und die deutsche Kurzgeschichte
LRS – das Leben als Mutter
Mehrfachbeziehungen: Visionen und Realitäten
Die Kommune Niederkaufungen
Die Domänen des Kreativen Schreibens
Curry-Sahne-Soße ohne Sahne
Yoga und Schreiben, yogisches Schreiben
Lücken im Lebenslauf
Der Segeberger Kreis
Wie Konzepte beim An-die-Wand-Starren aufblitzen
Das Fagott
Eine Pressemitteilung schreiben
Die Segnungen der deutschen Grammatik
Freewriting vs. Automatisches Schreiben
Glücklich leben mit Brustkrebs


8. Mai 2015
Die Freiheit im Denken trainieren
Heimspiel für Jamal Tuschick

Am 18 Februar war’s – die Mittwochsabendsschreibwerkstattgruppe und ich ließen die Schreibwerkstatt ausfallen, um Jamal Tuschicks Heimspiel zu sehen, vor allem natürlich zu hören. In der Offenen Schule Waldau (OSW) war er zu Gast beim HR2-Gespräch Heimspiel (Moderator Martin Maria Schwarz). Tuschick (Jg. 1961) ist in Waldau aufgewachsen, er bezeichnet sich (erwartungsgemäß) nicht als Heimatdichter à la Hermann Löns, sondern als „Regionalist“, will aber die Kategorie der Heimatliteratur revitalisieren. Das tut er auf eine ganz spezielle Art. Bereits als jugendlicher Schüler der OSW hat er sich „auf unmittelbare Art den Dingen genähert“ und beschlossen, „die Dinge absichtlich schön zu finden“, um „Idyllenmalerei aus Mutwillen“ zu betreiben. Er sagt mit oder nach André Gide: „Wir sind da universal, wo wir persönlich sind.“ Und postuliert, Walter Benjamin folgend, dass die kritische Reflexion über Heimat zu einer Heimatliteratur gehört, die nicht nur den nostalgisch-rückwärtsgewandten Blick auf das Gute meint. Heimatliteratur sei historisch auch immer eine Antwort auf Großstadtliteratur gewesen, konstatiert Tuschick. Er, der heute in Berlin lebt (nach vielen Jahren in Frankfurt/Main), ist nicht im Provinziell-Verklärenden stecken geblieben, orientierte sich an James Joyce, Wilhelm Genazino und Peter Kurzeck und hat textlich einen ganz spezifischen Mix aus sprachgewaltigem Bewusstseinsstrom, historischen Tatsachen, persönlich Beobachtetem und reflektiert Erzählerischem zu bieten. Sein Schlusssatz: „Die Freiheit im Denken muss man eben auch trainieren.“


4. Mai 2015
(M)eine ideale Schreibgruppenleitung
Da ist etwas Größeres, was Bedeutung hat

Am Präsenzwochenende Schreibgruppenpädagogik und Schreibgruppendynamik (Masterstudiengang Biografisches und Kreatives Schreiben an der Alice Salomon Hochschule Berlin), das ich jedes Jahr im April abhalte, geht es an einem Tag schwerpunktmäßig um Leitungsfragen. In Interviews loten die Studierenden aus, welche Art Schreibgruppenleitung sie sein wollen. Aus den zu den Interviews entstehenden Texten ragen immer wieder überaus bedeutsame Facetten heraus. In diesem April war ich erstaunt, erfasst, berührt, beglückt von dem, was Rebecca Grießler schrieb. Das Große, für das ich als Schreibgruppenleitung stehe, was mitschwingt, wenn ich lehre, das die Gruppe erfasst, wenn ich verstehe, es sichtbar zu machen ... Freundlicherweise hat Rebecca Grießler mir ihren Text zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Hier ist er:

„Die Frage nach dem Konzept hat sie sich vorher noch nie gestellt. Was nicht heißt, dass sie vorher keine Gruppen geleitet hat – im Gegenteil. Als junge Berufseinsteigerin war sie mit wöchentlich vier, fünf Gruppen von verhaltensauffälligen Jugendlichen konfrontiert, und Fragen hat sie sich dabei eine Menge gestellt – die wenigsten aber tatsächlich nach dem theoretischen Konzept. Auch die Rolle der jeweiligen Teilnehmer war eher im Hintergrund angesichts der eigentlichen zentralen Fragen, die sich ihr aufdrängten, die lauteten: Welche Methodiken der Musiktherapie kann ich bei derart gemischten Gruppen überhaupt verwenden? Wie schaffe ich es, alle Gruppenmitglieder zu integrieren und einen gemeinsamen musikalischen Nenner zu finden? Wie überlebe ich das Ganze?!
Derart konfrontiert mit der Realität blieb also die Frage des ,idealen’ Gruppenleiters erst mal peripher. Die stellt sie sich eigentlich erst heute. Und dabei bleibt das Schreib vor dem Gruppenleiter erst einmal unbeachtet, denn Gruppenleiter ist Gruppenleiter, egal ob Schreib, Musik oder sonstige kreative Ausdrucksgruppen. Das Wort ideal bleibt dabei ein wenig auf der Strecke. Ideal – das gibt es in der Theorie. Was die Praxis sie bisher gelehrt hat, ist einzig und allein die Unmöglichkeit, ein stetiges, nicht dynamisches Konzept eines idealen Gruppenleiters durchzuziehen.
Manche Gruppen brauchen starke Struktur. Manche Gruppen können und müssen sich erst mal selbst überlassen werden. Was von der Leitung zu erwarten ist, ist die Flexibilität, in jedem Moment genau das zu bieten, was gebraucht wird, und die einzelnen Teilnehmer im Blick zu haben mit ihren Bedürfnissen und dennoch das Ganze auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Die Gruppenleitung in ihrer Funktion als Therapeut, Pädagoge oder Manager braucht vor allem eins: Persönlichkeit als Bindeglied zwischen den verschiedenen Stunden, Methoden, Situationen. Ein guter Gruppenleiter sollte leben, was er lehrt. Eine gute Gruppe lebt von dessen Fähigkeit, sich selbst-bewusst darzustellen und hundert Prozent Präsenz zu zeigen. Präsenz kann dabei sowohl im Vordergrund als auch im Hintergrund wirken, muss aber vorhanden sein. Und dann gibt es noch einen letzten und wichtigsten Faktor: Ein Gruppenleiter kann eigentlich nur dann gut sein, wenn er weiß, dass er eigentlich auch nur ein Kanal ist.
Selber hat sie sich mehr als einmal als Vermittlerin gesehen von etwas, das um Unmengen größer ist, als das, was von begeisterten Teilnehmern fälschlicherweise ihr zugesprochen wurde. In wirklich guten Gruppenstunden spürt sie es. Und wenn sie es benennen müsste, dann würde sie vermutlich sagen, dass es das Leben ist, dass sich in diesem Moment zeigt. Aus einer idealen Stunde gehen die Teilnehmer hervor und haben das Leben in all seinen Facetten gespürt. Der Erfahrungswert des Erlebten steht dabei im Vordergrund. Spaß, Freude, Humor, aber auch Trauer und Wut waren evtl. vorhanden und können wertgeschätzt werden. Wenn Teilnehmer mit dieser Einsicht nach Hause gehen, dann hat sie ihren Job als Gruppenleiterin gut gemacht.“ (Rebecca Grießler, 11. 4. 2015)


27. April 2015
Die richtigen Wörter finden
Was Kreuzworträtsel mit dem Schreiben zu tun haben

Irgendwann entdeckte ich Erri de Luca. Der Himmel im Süden nahm mich mit, in den Süden, in ein meinem Wesen so fremdes Sein, bis ich weinte, und dann war das Büchlein schon ausgelesen ... Jetzt entdeckte ich wieder, in einer Bahnhofsbuchhandlung, ein Buch von de Luca: Fische schließen nie die Augen. Das Buch ist ebenso eine Entdeckung wie das erste, wenn es sich auch ein wenig mehr sperrt, mich nicht so hineinsaugt. Darin aber dieser Fund: „Heute denke ich, dass Rätselraten eine gute Schule für das Schreiben ist, es erzieht zum präzisen Umgang mit dem Wort, da jedes einzelne der geforderten Definition entsprechen muss. Es schließt verwandte Wörter aus, und wer Geschichten schreibt, bildet einen Großteil seines Vokabulars durch das Ausschließen von Wörtern. Das Rätselraten hat mir die spielerische Begabung geschenkt, die die Worte brauchen. Was ich damals für ein einsames Laster hielt, war in Wirklichkeit die Montagewerkstatt der Sprache“ (S. 25).


21. April 2015
1. Kasseler Schreibcafé
Vom Wort zum Satz: Kreative Schreibexperimente

Kreatives Schreiben? Sie wollten immer schon mal wissen, was sich hinter dem schillernden Begriff verbirgt? Und sie wollten immer schon mal ausprobieren, ob Sie Ihre Gedanken und Gefühle, all die Geschichten und Gedichte, die in Ihnen schlummern, auch zu Papier bringen können? Dann kommen Sie ins Schreibcafé. Einen Abend können Sie hineinschnuppern in das, was Kreatives Schreiben sein kann.
Es erwarten Sie kleine Schreibexperimente mit Wörtern, Ideen, wie Sätze aufs Papier kommen können und ein Kurzvortrag über Kreatives Schreiben. Im Zentrum des Schreibcafés steht das praktische Tun. Bitte, bringen Sie Papier und Stifte mit. Das Vorlesen der Texte ist freiwillig.

Veranstalter: Netzwerk Kreatives Schreiben Nordhessen/Südniedersachsen
Leitung: Kirsten Alers (Schreibpädagogin)
Termin: Donnerstag, 23. April 2015
Zeit: 19 bis ca. 21.30 Uhr
Ort: Café am Bebelplatz, Friedrich-Ebert-Straße, Kassel
Eintritt: 3 Euro + 1 Getränk im Café


18. April 2015
Günter Grass ist tot
Zwei Schreibanregungen

Günter Grass ist am 13. April 2015 gestorben. JedeR verbindet wohl etwas mit diesem Schriftsteller. Ich verbinde mit Günter Grass den Adamsapfel eines seiner Roman(anti)helden, der mich diese Schullektüre (Katz und Maus) hat verabscheuen lassen. Ich verbinde mit Günter Grass Die Blechtrommel, die ich in der Verfilmung von Volker Schlöndorff kurz nach meinem Abitur gesehen habe, jenseits der allerersten Szene am Kartoffelfeuer ist vor allem die Szene in mir unauslöschlich, in der Angela Winkler sich beim Anblick von Aalen, die aus einem verwesenden Pferdekopf kriechen, übergeben muss. Ich verbinde mit Günter Grass das Buch, in dem er kurze Prosastücke selbst illustriert hat (Mein Jahrhundert) und in dem ein seltsam flacher und gleichzeitig berührender Text über Wuppertal Platz hat. Ich verbinde mit Günter Grass, dass er nicht geantwortet hat, als ich ihn vor ein paar Jahren als Schirmherr für den Nordhessischen Autorenpreis gewinnen wollte. Ich verbinde mit Günter Grass den Mut, etwas Unpopuläres zu schreiben, öffentlich. – Bilder in mir, Erinnerungen, die zu Autobiografischem, zu Essayistischem ausgebaut werden könnten ... Was verbinden Sie mit Günter Grass? Schreiben Sie es auf.

Eine zweite Schreibanregung: Hier finden Sie fünf Anfänge von Texten von Günter Grass. Lassen Sie sich von diesen inspirieren zu Erzählungen oder autobiografischen Texten oder ...

  • Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt [...]
  • Nach den Worten unseres Gastgebers war ein Orkantief von Island in Richtung Schweden unterwegs.
  • Wie wir einander, Anna und ich [...]
  • Das Seminar schien befriedet, ich aber blieb in Unruhe.
  • Als wir, von Berlin kommend [...]

  • 13. April 2015
    Duda dududa
    Eine Anregung aus der Konkreten Poesie

    Nehmen Sie das Gedicht von Gerhard Rühm als Anregung für einen Text. Ob der Text ein Gedicht wird, eine Geschichte oder auch ein Experiment mit Buchstaben oder Lauten – Sie sind frei in der Form und selbstverständlich auch im Inhalt.

    uuuuuuuuuuuuuuuuu
    uuuuuuuuuuuuuuuuu
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    uuuuuuuuuuuuuuuuu
    uuuuuuuuuuuuuuuuu
    uuuuuuuuuuuuuuuuu
    uuuuuuuuuuuuuuuuu
    (aus: Gerhard Rühm: gesammelte gedichte und visuelle texte, Reinbek bei Hamburg 1970)


    6. April 2015
    Warum Schreibexperimente? Teil 1
    Was wir mit den Surrealisten OuLiPo & Co. anfangen können (sollten)

    Schon als Kinder spielten wir es auf Kindergeburtstagen oder beim Zusammentreffen mit den Cousins und Cousinen bei den Großeltern, wir nannten es „Onkel Otto sitzt plätschernd in der Badewanne“; mit den drogenabhängigen Jugendlichen, die ich auf dem Weg zum Hauptschulabschluss begleitete, spielte ich es immer, wenn sie vorher aktiv gearbeitet hatten: das Reihumschreibspiel mit oder ohne Umknicken, lieber aber mit – dann gibt es mehr zu lachen.
    André Breton, einer der bedeutendsten Vertreter des Surrealismus, beschriebe es als eine Arbeitsmethode, die das kreative Potenzial einer Gruppe wunderbar zur Entfaltung bringen kann: „Die köstliche Leiche wurde, wenn wir uns recht erinnern – und wenn wir so sagen dürfen –, um 1925 in dem alten, jetzt zerstörten Haus Nr. 54 der Rue du Chateau geboren. Der absolute Nonkonformismus und eine völlige Respektlosigkeit waren dort üblich, und es herrschte immer die glänzendste Stimmung. Das Leben war zum Vergnügen da und nichts sonst ... Wenn die Unterhaltung an Schärfe zu verlieren begann – es ging um Tagesereignisse, um Vorschläge, wie das Leben auf witzige und skandalöse Weise in Aufruhr zu bringen wäre –, war es üblich, zu Spielen überzugehen. Anfangs waren es Schreibspiele, so ausgedacht, dass die Elemente des Gesprächs sich in möglichst paradoxer Weise gegenübertraten und dass die menschliche Mitteilung, die dadurch von vornherein abwegig geworden war, den auf­nehmenden Verstand zu einem Maximum an abenteuerlicher Verwirrung auffordern musste. Von dem Augenblick an empfand keiner mehr ein abschätziges Vorurteil gegenüber den Spielen unserer Kindheit, für die wir die gleiche, obschon fühlbar gesteigerte Leidenschaft wie seinerzeit wiederfanden. Deshalb fiel es uns, als wir Rechenschaft ablegen sollten, worin unsere Begegnungen oft so aufregend waren, gar nicht schwer, einhellig festzustellen, dass die Methode der köstlichen Leiche sich nicht wesentlich von jener kindlichen, der kleinen Zettel, unterscheidet ... Was uns tatsächlich an diesen Produktionen begeisterte, war die Gewissheit, dass sie, komme wie es wolle, unmöglich von einem einzigen Gehirn hervorgerufen worden sein können und dass ihnen in einem viel stärkeren Maße die Fähigkeit des Abweichens eigen ist, auf die in der Dichtung nie genug Wert gelegt werden kann. Mit der köstlichen Leiche verfügt man endlich über ein unfehlbares Mittel, den kritischen Geist auszuschalten und dafür der metaphorischen Begabung des Geistes völlige Freiheit zu verschaffen.“
    (André Breton, zit. nach Lutz von Werder, Claus Mischon, Barbara Schulte-Steinicke: Kreative Literaturgeschichte, Milow 1992, S. 270)


    31. März 2015
    Blickwinkel Wasser
    Ausstellung im Augustinum Kassel

    Noch einmal und bis Mitte Mai können ca. 60 Schwarzweißfotos zum Thema Wasser betrachtet werden – dieses Mal im Augustinum Kassel. Mit 14 SchreibwerkstattteilnehmerInnen gab es 2014 eine Kooperation mit der Blickwinkel-Fotogruppe von Sabine Große. (Siehe auch Blog-Eintrag vom 9. Juli 2014.) Die Lesung zur Ausstellungseröffnung am 27. 3. vor etwa 100 Gästen war ein Genuss – wie gut alle gelesen haben. Und wie gut es ist, die Texte noch einmal und immer wieder von den AutorInnen in solch einem Rahmen zu HÖREN! Nun, dieses Erlebnis ist nicht zu konservieren. In einer Publikation sind zahlreiche Texte und Fotos veröffentlicht, sie ist über mich zu bestellen. Und einige wenige Texte, die visuelle Poesie genannt werden können, sind in der Ausstellung zu sehen, z. B. dieses von Rita Krause.

    Ausstellung Blickwinkel Wasser
    bis Mitte Mai im Augustinum
    Im Druseltal 12, Kassel-Wilhelmshöhe
    Di–Sa 12–19 Uhr, So 10–19 Uhr


    23. März 2015
    Bullshitwörter
    Gibt es ärgerliche Wörter?

    „Bullshitwörter“ nennt mein Kollege Claus Mischon sie. Als da wären „Achtsamkeit“, „wertschätzen“ oder „runterbrechen“. Sie sind so trendy, all diese Wörter. Wenn du sie sagst, bist du in, wenn du stattdessen „freundlich“, Respekt“ oder „übertragen“ sagst, bist du out. DU gibst dich als Randerscheinung zu erkennen, die Majoritäts­verliebten und deren (die Sprache) dominierende Gurus wenden sich ab. Das sind nun meines Kollegen Claus ärgerlichste Wörter, „schlussendlich“ nicht zu vergessen. Aber welche Wörter sind für mich ärgerlich?
    Ist ,ärgerlich’ eine Kategorie, die ich fassen, eine Schublade, die ich füllen könnte? Warum sollte ich etwa „Lügenpresse“ (das Unwort des Jahres 2014) in diese Schublade stecken? Sollte es nicht vielmehr wie andere Wörter auch, etwa „totaler Krieg“, als Bezeichnung für ein Phänomenen, das in einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext steht, verwendet werden?
    Sind Fotze, Tussi oder Emanze ärgerliche Wörter? Sie entlarven die Haltung der Benutzer. Die Benutzer sind eindeutig ein Ärgernis, aber die Wörter? Sind Hintern, Popo oder Gesäß weniger ärgerliche Wörter als Arsch? Kommt es nicht auch hier auf den Zusammenhang an, auf den soziokulturellen Kontext, in dem ein Mensch sich des einen Ausdrucks bedient und sich mit einem der anderen Ausdrücke lächerlich machen oder ins Abseits stellen würde? (Was ich natürlich auch bewusst tun kann, wenn mir das Benutzen des einen und das Vermeiden des anderen Begriffs wichtig ist oder wenn ich zeigen will, wo ich mich positioniere und wo nicht.)
    Gibt es also möglicherweise gar keine ärgerlichen Wörter? Sind wir dann aber nicht erst recht aufgefordert, Kontext und Ziel zu ergründen, um das je passende Wort zu finden?


    15. März 2015
    Kreatives Schreiben –
    Nabelschau oder Welt im Blick?

    Weder das eine noch das andere: Kreatives Schreiben nimmt die Welt in den Blick, und die Welt, das ist der Bauchnabel, das ist die Ukraine, das sind die Kriegserzählungen des Großvaters, das ist der Bandscheibenvorfall des Sohnes, das ist Fukushima, das ist die lange Beckett-Lesenacht, das ist meine Suche nach den richtigen Wörtern. Und auch gilt der .alte Spruch der Frauen der 1968er Bewegung: Das Private ist politisch, also ist alles ,Welt’ und öffentlich und nichts einfach nur meine Sache. Wie aber kann man das dann schreibend ausloten? Hier eine Idee:
    Schreiben Sie einen Tagebuch-ähnlichen Text rund um den Bauchnabel, frei, ohne vorherige Festlegung einer Form. Dann schreiben Sie einen Kommentar zu einem Sie bewegenden öffentlichen, kultur-, sozial- oder weltpolitischen Ereignis. In einem dritten Schritt schneiden Sie beide Texte in Abschnitte auseinander und setzen sie, die Absätze aus dem ersten Text mit den Absätzen aus dem zweiten Text abwechselnd, wieder zusammen.


    9. März 2015
    Experte oder Sparringspartner?
    Wer bin ich, wenn ich Gruppen leite?

    Sieben mögliche Leitungsrollen differenziert Jochem Kießling-Sonntag in seinem Handbuch Trainings- und Seminarpraxis (Berlin 2003, S. 134 ff.). Um eine direkte oder indirekte Auseinandersetzung damit, wer ich sein will, wenn ich Gruppen, welcher Art auch immer, leiten will, kommt keine vorbei, warum nicht mit Kießling-Sonntag?

    1. der Experte (für ein Fachgebiet; Gefahr: Einschüchterung, Passivität der Teil­nehmen­den)
    2. der Lehrer (Könner und Vorbild; Gefahr: auf alles eine Antwort, hemmt selbst­verantwortliches Lernen)
    3. der Lernpartner (vertraut auf Kraft der agierenden Gruppe; Gefahr: es allen recht machen wollen, Leitung aus der Hand geben)
    4. der Coach (Unterstützer und Förderer persönlicher Entwicklungen; Gefahr: Vernach­lässigung des Gruppenprozesses)
    5. der Sparringspartner (konfrontiert, ist ehrlich, holt die Welt in die Gruppe; Gefahr: Rollenverliebtheit verhindert Finden realitätstauglicher Lösungen)
    6. der Moderator (Helfer für Prozesse, hält sich mit eigenen Positionen zurück; Gefahr: zu wenig Fach- und/oder Steuerungskompetenz)
    7. der Begleiter (hört zu, hilft, beschleunigt nicht; Gefahr: Gruppenziele bleiben auf der Strecke)


    2. März 2015
    Wir waren auf Sylt
    Meine Lieblingsschreibübung der letzten Woche

    Eine Woche Meer schreiben! Ein Luxus. Für die Teilnehmenden, für mich. Eine Woche Inspirationen aus der imposanten Landschaft, vor allem im Listland, jenseits der touristischen Zentren der Insel Sylt. Meine Lieblingsübung der vergangenen sieben Tage hier als Schreibanregung:
    Inspiriert vom Buch Literatur in fünf Minuten (Roberta Allen) und passend zur Fastenzeit haben wir an einem Morgen als erste Schreibübung vier Drei-Minuten-Texte geschrieben. Nach jeweils drei Minuten sagte ich Stopp und gab den nächsten Impuls. Auf Sylt waren es: Wüste, meinwärts, grundlos vergnügt, Quelle meiner Kraft. Bei Nachahmung ist es sinnvoll, sich entweder von einer anderen Person nach und nach vier Begriffe geben zu lassen oder blind in ein Buch zu tippen und das Wort zu nehmen, auf das der Finger stieß. Es geht bei dieser Übung nicht darum, etwas Fertiges herzustellen, sondern sich dem zu überlassen, was der Impuls auslöst. Es entsteht möglicherweise dabei eine Idee für einen Text ...


    26. Februar 2015
    Wer bin ich?
    Lehrerin oder Texthebamme?

    Als ich am letzten Mittwoch im Wartezimmer meiner Zahnärztin saß, las ich im Stern (Nr. 7, 5. 2. 2005) von Günther Seidler, Traumatologe, Arzt und Analytiker: Er forscht zum Erfolg bzw. Misserfolg von Psychotherapien und ihren Ursachen und äußert neben Erstaunen oder Entsetzen über die Überheblichkeit und Selbstherrlichkeit seiner KollegInnen folgenden Satz: „Wir sind nur die Bergführer, haben Kompass und Wetterkarte, aber den Weg auf den Berg machen wir gemeinsam.“ (S. 49)
    Diese Haltung gefällt mir. Sie entlässt mich aus der Gluckenrolle und nimmt mein Gegenüber in die Verantwortung für das eigene Sein. Wenn ich mich nicht als Lehrerin, sondern als Texthebamme bezeichne, spiegelt sich darin eine ähnliche Haltung: Ich stelle mich mit meinem Wissen über Textsorten und Schreibprozesse Menschen zur Verfügung, die schreiben wollen oder müssen, ich helfe beim Gebären, aber schwanger gehen mit ihren Projekten müssen die Schreibenden selbst, und auch für die Ausformulierung sind sie selbst verantwortlich.


    16. Februar 2015
    Beenden tut gut
    ein-sil-big 2014 erschienen

    Ein guter Entschluss, mal ein (Schreib-)Jahr auch mit einem Produkt abzuschließen. Schreiben ist mir ja grundsätzlich erst einmal eine Lust! 2014 habe ich das Essay Schreiben? Schreiben!> veröffentlicht, das sich mit der Frage beschäftigt, woher die Lust am Schreiben kommt. Es ist in der Berliner Anthologie – Essays rund ums Schreiben (herausgegeben von Andreas Dalberg) erschienen. 2014 habe ich auch etwas ganz Anderes gemacht, als ein Essay zu schreiben. Fast bin ich geneigt zu sagen: etwas Gegensätzliches. Während es beim Essay quasi keine Regeln gibt, an die es sich zu halten gilt, weder für Wörter oder Sätze noch für Inhalte oder Strukturierung, habe ich mir für mein zweites Jahresprojekt eine überaus strenge Regel auferlegt: Ich habe eine große Anzahl Texte geschrieben, in denen ausschließlich Wörter vorkommen, die aus nur einer Silbe bestehen. (Zum Thema Einsilbig-Schreiben siehe auch Blog-Eintrag vom 28. Juli 2014.) Mit diesem Projekt habe ich mich und mein Haupt-Jahresthema begleitet. Jetzt habe ich es abgeschlossen, das Jahr und das einsilbig-Projekt – und habe ein Heftchen daraus gemacht: ein-sil-big 2014 kann sogar erworben werden, direkt bei mir für 5 Euro (plus Versand).
    Und auch das Heftchen Wortschatz 2011 kann noch zum gleichen Preis erworben werden.

                 


    9. Februar 2015
    Fragment schreiben 2
    Blütenstaubfragment – nach Novalis

    Stephan Porombka (Universität Hildesheim) schreibt: „[...] Es wäre deshalb völlig falsch, das Schreiben von Fragmenten als sinnlose Ausschussproduktion zu verstehen, die man sich eigentlich auch sparen könnte, wenn man sich nur gleich darauf konzentrieren würde, etwas Brauchbares aufs Papier zu bringen. Wer schreibend nach ,Brauchbarem’ sucht, um gleich das ;Unbrauchbare’ auszusortieren, schaltet Kontrollinstanzen ein, die beim Schreiben von Fragmenten ausgeschaltet bleiben sollen. Was man am Ende brauchen kann, weiß man ja nicht. [...] Fragmente sind Experimente. Jedes Fragment ist ein Anfangsverdacht, eine erste Ermittlung, eine erste Frage, eine erste Antwort. Sie sind Ergebnis eines leicht rauschhaften Zustands, in den sich der Schreibende durchs Schreiben bringt, um zu schwärmen, zu übertreiben, zu spinnen, zu riskieren, zu testen [...]“ (Porombka 2007, S. 29 f.). Porombka bezieht sich in seinem Aufsatz auf die poetische Idee des Fragmentarischen, die auf die Romantiker, genauer auf den Jenaer Kreis und im Speziellen auf Novalis zurückgeht. Das Fragment als vorläufiges Produkt des anderen Texten und Gedanken begegnenden intertextuellen Arbeitens und Ausprobierens, des immerwährenden Um- und Weiterschreibens im Labor des nie vollendeten Lebens. Novalis schreibt ein seinem 65. Blütenstaubfragment: „Alle Zufälle unseres Lebens sind Materialien, aus denen wir machen können, was wir wollen. [...]“ (zit. nach Porombka 2007, S. 35).
    Nehmen Sie einen Zufall aus Ihrem Leben. Von heute, von gestern, von 1991. Und schreiben Sie ein Blütenstaubfragment.

    Stephan Porombka: Für wahre Leser und erweiterte Autoren. Novalis: Blütenstaub-Fragmente [1798]. In: Stephan Porombka, Olaf Kutzmutz (Hg.): Erst lesen. Dann schreiben. 22 Autoren und ihre Lehrmeister, München 2007, S. 23–35


    6. Februar 2015
    Der erste Schritt zum Schreiben
    Sean Connery in Forrester

    „Überlegen kommt später. Den ersten Entwurf schreibst du mit dem Herzen. Anschließend nimmst du den Kopf und schreibst alles neu. Der erste Schritt zum Schreiben ist Schreiben. Allein der Fluss des Tippens bringt dich voran.“ Das sagt ein alter, schreibblockierter und deshalb frustrierter Schriftsteller zu einem jungen Mann, dessen Talent zum Schreiben er schließlich fördert – in einem Film: Forrester (auf Deutsch: Gefunden). Sean Connery spielt den Alten.
    Diese Sätze könnte ich in jeder meiner Schreibwerkstattstunden von mir geben. Und meine Erfahrung ist: Die besten Erstfragmente, die besten Entwürfe, die besten Ideen, die eigentlich-eigenen Themen, die eigentlich-eigenen Ausdrucksformen entstehen genau so.


    31. Januar 2015
    Fragment schreiben 1
    Fragmente als Mitten – nach Lorenz Hippe

    Lassen Sie sich drei Wörter schenken von der Person, die gerade neben Ihnen sitzt. Wenn da keine ist, schlagen Sie ein beliebiges Buch an drei Stellen auf, tippen auf je ein Wort. Oder Sie nehmen Ihren zuletzt geschrieben Text und nehmen die ersten drei dreisilbigen Wörter. Diese drei Wörter (beliebiger Wortarten) sind Ihr Grundmaterial, mit dem Sie zunächst ein Fragment schreiben. Sie schreiben drei Minuten. Dann lassen Sie den Stift fallen, spülen, gehen eine Runde spazieren, telefonieren, schreiben etwas Anderes ... Anschließend nehmen Sie sich Ihr Fragment wieder vor, dieses ist nun der Mittelteil einer kleinen Erzählung. Schreiben Sie einen in etwa genauso langen Teil davor und dann einen in etwa genauso langen Teil danach. Fertig ist Ihre Kürzest-Erzählung.

    Zur Arbeit mit Fragmenten empfehle ich das voller Schreibanregungen steckende Buch meines Kollegen, des Theaterpädagogen Lorenz Hippe: Und was kommt jetzt? Szenisches Schreiben in der theaterpädagogischen Praxis, Weinheim 2011


    26. Januar 2015
    Kreativität locken
    Buch-Empfehlungen von meiner Kollegin Susanne Wetzel

    Auf der Suche nach Impulsen, um inspirierende Übungen zu entwickeln, findet man immer wieder mal geniale Sachen ganz woanders als im Kreativen Schreiben verortet. Z. B. in Du bist ein Künstler von Nick Bantock. Er ist bildender Künstler und schreibt. Er ist ein Meister der Collagetechnik und Buch ist eine inspirierende Reise zur Kreativität und zu sich selbst. In diesem Buch stellt er 49 Übungen vor, um die eigene Kreativität herauszufordern. Collagierend, schreibend, malend. Macht super Spaß, damit zu arbeiten.
    Oder von Austin Kleon: Newspaper Blackout. Austin Kleon, der als Kreativ-Guru in den USA gefeiert wird, hat das Genre der Newspaper Blackout Poems erfunden. Creative blackout meint Kreativitätsblockade. Das erste Blackout-Gedicht entstand, als Kleon Wörter für eine Geschichte suchte und einfach auf einer Zeitungsseite alle schwärzte, die er nicht gebrauchen konnte. Oder vom selben Autor Alles nur geklaut. Klauen und neu mixen und zur eigenen Schöpfung kommen? Es macht Spaß, das auch optisch sehr ansprechende Büchlein zu lesen, von vorne oder ab Seite 15: „Nichts ist neu. [...] Schon in der Bibel steht: ,Es gibt nichts Neues unter der Sonne.’ (Prediger 1,9).“

    Nick Bantock: Du bist ein Künstler. Eine inspirierende Reise zur Kreativität und zu sich selbst, Allegria 2014
    Austin Kleon: Newspaper Blackout, Harper Perennial 2010
    Austin Kleon: Alles nur geklaut. 10 Wege zum kreativen Durchbruch, Mosaik Verlag 2013


    19. Januar 2015
    Binde deinen Karren an einen Stern
    Eine Aufforderung zum ermutigenden Schreiben

    Es ist nicht so einfach, ,auf Kommando’ Texte zu schreiben, die selbst- oder fremdermutigenden Charakter haben. Im Fachbereich des heilsamen oder therapeutischen Schreiben existieren vielerlei Anregungen. Heute will ich einen Satz als Schreibanregung hierher stellen, der an sich schon ermutigenden Charakter hat. Er passt gut auch gut zum noch jungen Jahr: „Binde deinen Karren an einen Stern!“
    Der Satz stammt von Leonardo da Vinci und ist der Titel eines 2000 im Herder Verlag erschienenen Buches von Jörg Zink und Meinolf Kraus. Vielleicht führt die in ihm enthaltene Aufforderung zum Blick auf etwas Leuchtendes im Schwarzen. Der Satz kann natürlich auch zu etwas ganz Anderem führen, als ich mir das so vorstelle. Das ist dann natürlich auch vollkommen richtig.


    12. Januar 2015
    Paris – Hauptstadt der Welt
    Der Tag danach
    Ich bin
    Ich bin Kirsten
    Ich bin ich
    Ich bin Atheistin
    Ich bin weiß
    Ich bin gelb
    Ich bin schwarz
    Ich bin
    Ich bin nicht wie
    Ich bin wie
    Ich bin sie
    Ich bin du
    Ich bin rot
    Ich bin Frau
    Ich bin trans
    Ich bin
    Ich bin nichts
    Ich bin
    Ich bin nicht Bin Laden
    Ich bin Härte
    Ich bin Verzeihen
    Ich bin klar
    Ich bin traurig
    Ich bin Aktion
    Ich bin gelähmt
    Ich bin Traum
    Ich bin
    Ich bin so Ich bin laut
    Ich bin ohne Scham
    Ich bin alt
    Ich bin Schreibende
    Ich bin deutlich
    Ich bin sehend
    Ich bin
    Ich bin Herz
    Ich bin Europa
    Ich bin Judith
    Ich bin nicht Papst
    Ich bin
    Ich bin Versöhnung
    Ich bin dabei
    Ich bin anders
    Ich bin
    Ich bin bunt
    Ich bin verwandt
    Ich bin unerwandt
    Ich bin unerwartet
    Ich bin lahm
    Ich bin links
    Ich bin still
    Ich bin beschämt
    Ich bin
    Ich bin Staunen
    Ich bin dort
    Ich bin hier
    Ich bin
    Ich bin in Gedanken
    Ich bin nie so
    Ich bin nicht Hass
    Ich bin Unikum
    Ich bin universell
    Ich bin unterwegs
    Ich bin klein
    Ich bin Stecknadel
    Ich bin Mensch
    Ich bin ein Stern
    Ich bin ein Wir
    Ich bin alle
    Ich bin
    Ich bin nicht Karl
    Je suis Charlie

    Geschrieben zum Semesterzwischentreffen der Montagsmorgensschreibwerkstatt, das heute bei Nicole Ohm-Hansen in Kaufungen stattfand. Nicole hatte die Schreibaufgabe gestellt: Der Tag danach. Ich schrieb heute direkt nach den Morgenseiten diesen seriellen Text, um ihn dann zwischen Croissants, Brie und Café au Lait vorzulesen.


    5. Januar 2015
    Sich selbst überraschen
    Frei nach Gerhard Richter

    Einer der Wettbewerbsteilnehmer am Nordhessischen Autorenpreis, Jan Ivo Krosing, schickte mir ein Zitat von Gerhard Richter aus der TV-Dokumentation Gerhard Richter malt, das ich hier einfach so wiedergebe, ohne es überprüft zu haben: „Wenn ich weiß, was ich malen will, kann ich es auch gleich bleiben lassen.“ Das ist ganz einfach aufs Schreiben zu übertragen. Jedenfalls verfahre ich meistens so. Oder es passiert mir einfach: Ich überrasche mich selbst mit Inhalten und Formen meiner Texte, die in den Schreibwerkstätten entstehen.


    29. Dezember 2014
    Was brauchst du?
    Friederike Mayröcker zu Ehren

    Am 20. Dezember ist Friederike Mayröcker 90 Jahre alt geworden. Die Gedichte und Prosa-Stücke der österreichischen Dichterin sind nicht immer leicht zu verstehen, aber einige Texte verwende ich seit Jahren als Anregungen in Schreibwerkstätten. So nun also hier zu ihren Ehren folgende Anregung, die auch zum kommenden Jahreswechsel passt, der ja doch – ob man es will oder nicht – zum Resümieren und Vorausblicken auffordert.
    Man kann sich erstens anregen lassen durch den Titel des Gedichts und Wesentliches versuchen zu filtern; man kann zweitens die Form, die ja etwas Aufzählendes hat, nachahmen; eine dritte Möglichkeit ist, zwischen die Zeilen Mayröckers jeweils eine eigene Zeile zu setzen, also eine Montage herzustellen.

    was brauchst du
    was brauchst du? einen Baum ein Haus zu
    ermessen wie grosz wie klein das Leben als Mensch
    wie grosz wie klein wenn du aufblickst zur Krone
    dich verlierst in grüner üppiger Schönheit
    wie grosz wie klein bedenkst du wie kurz
    dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume
    du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus
    keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach
    zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
    zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund
    die Gestirne das Gras die Blume den Himmel


    23. Dezember 2014
    Geschlechterfragen
    Binnen-I, Sternchen oder Ignoranz

    Ich mag Harald Martensteins Kolumnen. Ich mag sie auch, wenn er damit etwas in mir trifft, sodass ich schlucken muss. Aber seine Kolumne im ZeitMagazin vom 4. Dezember 2014 mag ich nicht. Sie zeugt von Ignoranz gegenüber einer Tatsache, der er sich sicherlich ansonsten nicht verschließt. Gegenüber der Tatsache nämlich, dass Sprache und Sprachstrukturen unser Denken, unsere Ich- und Weltwahrnehmung prägen. Selbst bei männlichen CSU-Politikern hat es sich durchgesetzt, die Menschen (mit denen man es sich natürlich auch nicht verscherzen will, wer weiß, welche emanzipierten Frauen vielleicht doch überlegen, einen CSU-Mann zu wählen) mit „liebe Wählerinnen und Wähler“ anzusprechen. In der Annahme, dass Harald Martenstein nicht erzkonservativ und insgeheim Anhänger der These ist, dass Männer in die Öffentlichkeit und Frauen aus dieser heraus gehören, erstaunt es um so mehr, dass zwar ein Horst Seehofer sich die Nennung zweier Geschlechter angewöhnt hat, dass aber ein Martenstein sich kolumnistisch darüber mokieren muss, dass es 1. zwei oder 2. sogar mehr Geschlechter gibt und dass diese 3. auch in der Schriftsprache vorkommen sollten.
    Sicherlich kann man sich über manche Versuche, die Geschlechter in der (deutschen) Sprache sichtbar werden zu lassen, lustig machen – Martenstein nennt das Beispiel einer Professorin, die sich Professx betiteln lassen will –, aber ernst nehmen kann ich eine Kolumne, die den Anspruch hat, gesellschaftliche Seltsamkeiten aufzudecken, nur, wenn dann nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird, in diesem Fall: der Versuch an sich, Frauen sprachlich sichtbar zu machen, verunglimpft wird.
    Haben doch 2013 die Universitäten Leipzig und Potsdam beschlossen, in ihren offiziellen Verlautbarungen das generische Femininum einzuführen, d. h. dass einfach die Wörter Professor in und Studentin verwendet werden, denn die männliche Form – Professor bzw. Student – ist ja darin enthalten. Seit einigen Jahren versucht die Trans-Queer-Szene, in der sich Menschen treffen, die Schwierigkeiten haben, sich in der klassischen Zweigeschlechtlichkeit zu verorten. Sie wählen den sogenannten Genderstern, also z. B. für sich transsexuell definierende Personen Trans*.
    In ihrem unaufgeregten und lesenswerten Aufsatz Liebe PCs! in der EMMA (Januar/Februar 2015, S. 74–75) diskutiert Luise Pusch die unterschiedlichen Varianten, die Geschlechter in der Schriftsprache sichtbar zu machen. Die seit Jahrzehnten die (feministische) Sprachwissenschaft mit ihren Thesen und Forschungen bereichernde Linguistin plädiert für die konsequente Einführung des generischen Femininums (am besten mit einem Stern als i-Punkt), da sich in diesem Frauen, Männer und alle anderen Geschlechter wiederfinden könnten. Ich stimme zu.


    15. Dezember 2014
    Die Hosentaschenbohnen
    Eine Blicklenkungsübung

    In Vorbereitung auf das Schreibwochenende im Kloster Germerode (5. bis 7. 12. 2014) habe ich mich an eine Geschichte erinnert, die ich mal gehört hatte, irgendwas mit Steinen oder Bohnen, die von einer Hosentasche in die andere wandern sollen ..., und habe sie gefunden:

    Die Glücksbohnen
    Es war einmal ein Bauer, der steckte jeden Morgen eine Handvoll Bohnen in seine linke Hosentasche. Immer, wenn er während des Tages etwas Schönes erlebt hatte, wenn ihm etwas Freude bereitet oder er einen Glücksmoment empfunden hatte, nahm er eine Bohne aus der linken Hosentasche und gab sie in die rechte. Am Anfang kam das nicht so oft vor. Aber von Tag zu Tag wurden es mehr Bohnen, die von der linken in die rechte Hosentasche wanderten. Der Duft der frischen Morgenluft, der Gesang der Amsel auf dem Dachfirst, das Lachen seiner Kinder, das nette Gespräch mit einem Nachbarn – immer wanderte eine Bohne von der linken in die rechte Tasche. Bevor er am Abend zu Bett ging, zählte er die Bohnen in seiner rechten Hosentasche. Und bei jeder Bohne konnte er sich an das positive Erlebnis erinnern. Zufrieden und glücklich schlief er ein – auch wenn er nur eine Bohne in seiner rechten Hosentasche hatte.

    „Sich auf das zu konzentrieren, was im Leben gut ist, statt nur auf die Probleme zu starren, verändert innerhalb weniger Wochen die gesamte Wahrnehmung und die Lebenseinstellung“, schreibt die Tiefenpsychologin Dr. Elisabeth Mardorf und empfiehlt, ein Dankbarkeits­tagebuch zu führen. Das ist die Idee: Es geht nicht darum, etwas zuzukleistern, unter den Teppich zu kehren oder umzuinterpretieren, sondern viele kleine Glücke vor das große Drama (jedeR hat eins) zu stellen. Also, vielleicht einfach mit drei Bohnen anfangen und abends sich schreibend an die Glücksbohnenmomente erinnern.
    Weiterführendes zu den Formaten Freuden- und Dankbarkeits­tagebuch lässt sich bei diversen AutorInnen finden, die sich mit der Heilkraft des Schreibens befassen, u. a. bei Luise Reddemann.


    8. Dezember 2014
    Schreibwettbewerb vom LEA-Leseklub
    Die Kunst der Einfachheit

    In der letzten 3+-Schreibworkshopstunde, in der ich mich von meiner Kollegin Carmen Weidemann inspirieren lassen durfte, erfuhr ich von einem Schreibwettbewerb von KuBus e.V. und dem Literaturhaus Köln, mit dem sie unter dem Titel Die Kunst der Einfachheit dazu aufruft, Kurzgeschichten, Gedichte oder Essays in einer „einfach verständlichen, aber erwachsenengerechten Sprache“ zu verfassen, sodass Menschen mit Behinderung sie verstehen können und gern lesen. Wir versuchten uns an dieser Aufgabe – und stellten fest, dass es keineswegs einfach ist.
    Es entwickelte sich eine Debatte darüber, ob Menschen mit einer geistigen Behinderung Metaphern nicht oder gerade verstehen. „Die Dunkelheit überschwemmte mein Herz.“ Ist da kein oder ein selbstverständlicheres, intuitiveres Bildverstehen? Wir wussten es nicht, konnten keine Einigkeit erzielen. Und was ist eine einfach verständliche, aber erwachsenengerechte Sprache? Oder geht es vielmehr um ,Einfache Sprache’ (vgl. Netzwerk People First) und erwachsenengerechte Inhalte? Und nicht zu vergessen: Bin ich geistig behindert, wenn ich keine Nebensatzkonstruktionen verstehe, oder bereits, wenn ich nicht weiß, was Interdependenz bedeutet?
    Ob KuBus oder LEA darauf eine Antwort wissen, kann ich nicht sagen, aber vielleicht lässt sich eine Annäherung schreibend ausloten.
    Informationen zum Schreibwettbewerb und zum LEA-Leseklub unter KuBus|LEA-Leseklub.


    12. Dezember 2014
    Auf dem ICH-Sockel
    Kassel hat mehr zu bieten als den Bergpark

    Gegenüber vom Brüder-Grimm-Platz, auf der Wiese vorm Hessischen Landesmuseum, eine Gehminute vom Kasseler Rathaus entfernt – da gibt es einen recht unscheinbaren Sandsteinsockel. Es ist so einer, auf dem eigentlich eine Statue oder Büste stehen könnte. Der Platz auf dem Sockel aber ist leer. Und dort, wo (im Falle von Statue oder Büste oben) eingemeißelt ist, um wen es sich dort oben denn handelt, steht das Wort ICH. Hinter dem Sockel gibt es ein Treppchen, man kann also bequem hinaufsteigen und sich auf dem Sockel positionieren. Und hinspüren. Wie stehe ich? Als was stehe ich? Wie halte ich meine Arme, wohin zeigen meine Füße? Was will ich demonstrieren? Will ich auf einem Sockel stehen? Wenn ja, für was? Und unweigerlich die Frage: Wer ist eigentlich dieser Mensch, der sich Ich nennt? Vielleicht findet man schreibend eine Antwort (oder mehrere), wenn man wieder heruntergeklettert ist.
    Fotos zu machen, ist auch spannend. Hier zwei von mir, aus den Jahren 2007 und 2012.


    27. November 2014
    E-Mail-Vernetzung
    Fluch und Segen

    Im Telefonat einig mit Guido Rademacher: Die Vernetztheiten – auch wenn man kein Handy hat und nicht bei Facebook & Co. unterwegs ist – sind ein Fluch. Gerade heute Morgen habe ich erst einmal 90 Minuten E-Mails bearbeitet, bevor ich anfangen konnte, mich meinen Projekten zu widmen. Einfach alles wegklicken – das geht ja nicht. Das hat man dann von der schnellen und einfachen Kommunikation (es ist ja nicht so, dass ich keine Massenmails verschicken würde, auf die dann 30 Leute freundlicherweise auch reagieren, von denen ich dann wieder auf 15 reagieren muss usw.). Und dann, als ich mich gerade den studentischen Arbeiten widmen wollte, bekam ich eine Mail von Heike Lange, die mich berührte und meinen E-Mail-Frust sofort vergessen ließ: „... weil ich bei Dir zwei große Stärken sehe. Ich finde Du kannst Schreibübungen gut verständlich zusammen fassen, schriftlich erklären, nicht so lapidar, wie andere! Ebenso haben mir, aber immer deine ,Werke’ und Texte von Dir gefallen. Sie sind für mich deine zarte, sinnliche Seite ...“
    Ich sollte vielleicht wieder die Regel einführen, dass ich nur morgens eine Stunde und noch mal mittags eine Stunde das E-Mail-Programm eingeschaltet habe ... Und die Notwendigkeit mancher Massenmail und mancher Mitgliedschaft in Verteilern noch mal überdenken ...


    24. November 2014
    Erfolgreiche Tagung zum Kreativen Schreiben
    Perspektiven für die Region Nordhessen

    Anlass für die 1. nordhessische Tagung zum Kreativen Schreiben war mein Wunsch nach Austausch und Vernetzung mit Kolleginnen und Kollegen in der Region einerseits, anderer­seits mein Wunsch, das Kreative Schreiben sichtbarer zu machen, es stärker öffentlich, in Institutionen und in den Köpfen, zu verankern. Es kamen 15 schreibpädagogisch arbeitende Menschen und sechs weitere, die sich für das Kreative Schreiben ,einfach so’ interessieren, am 18. November 2014 nach Kaufungen.
    Prof. Dr. Norbert Kruse (Grundschuldidaktik Universität Kassel) und ich hielten kurze Vorträge, zur Frage der Bewertbarkeit von kreativ geschriebenen Texten bzw. zur Geschichte der Schreibgruppen in Deutschland. Hauptsächlich aber tauschten sich die Tagungs­teilnehmenden nach der Methode World Café in wechselnden Kleingruppen zu folgenden Fragen aus:

    1. Kann ich das, eine Schreibwerkstatt leiten, und was brauche ich dafür?
    2. Wie motiviere ich Menschen, mein Angebot zu wählen? Wie akquiriere ich Teilnehmende?
    3. Mit welchen Methoden öffne ich zum Schreiben, und mit welchen begegne ich Schreibblockaden?
    4. Schreibe ich als Kursleitung mit? Wie sehen meine Textkritikverfahren aus?
      Wie gehe ich mit Wünschen aus der Gruppe um?
    5. Welche ,Nische’ besetze ich mit welchem Profil bzw. Curriculum – muss ich mir eine ,Nische’ suchen?
    6. Schreibe ich als Selbstausdruck, Selbstvergewisserung oder um Literarisches in die Welt zu setzen?

    Einige wunderbar konkrete Perspektiven wurden entwickelt. Ab 2015 wird viermal im Jahr ein öffentliches Schreibcafé stattfinden, das jeweils von einer Schreibpädagogin, einem Schreibcoach etc. geleitet wird; es gibt schreibunerfahrenen Menschen die Möglichkeit, einfach mal einen Abend eine Facette des Kreativen Schreibens zu beschnuppern. Außerdem ist mittelfristig eine Ringvorlesung an der Universität Kassel geplant. Und ein Stammtisch schreibpädagogisch arbeitender Menschen wird eröffnet. Zum ersten Stammtisch lädt Kirsten Alers ein, am 22. Januar 2015 um 20 Uhr ins Eberts (Friedrich-Ebert-Straße, nähe Bebelplatz).


    16. November 2014
    Re-Traumatisierung
    Nicht immer ist Schreiben befreiend

    „Erlebtes aufzuschreiben, lässt es erst einmal neu aufflammen, aber dann erlischt es endgültig und wird zum ruhenden Teil der eigenen Lebenschronik.“ Das sagt Hape Kerkeling in einem Interview im STERN vom 2. Oktober 2014, als er gefragt wird, ob ihn das Schreiben seines autobiografischen Romans nicht in den Schmerz zurückkatapultiert habe. Und das ist natürlich wunderbar, wenn das Schreiben solch eine Wirkung hat: Ich schreibe den Schmerz und er erlischt. Ganz so einfach ist das leider nicht immer.
    Schreiben befreit, Schreiben schafft Distanz, Schreiben erlaubt es, das Unnennbare, das Grauen zu versprachlichen und damit handhabbar zu machen. Schreiben ist ein jederzeit verfügbares Instrument, das ein hohes Maß an Selbstwirksamkeitserfahrung ermöglicht. Ja, das stimmt. Schreiben ist mittlerweile als Coping-, als Bewältigungstechnik von PsychologInnen, PsychotherapeutInnen und MedizinerInnen als Möglichkeit der Therapie und/oder Selbsttherapie auf der Palette von wohltuend bis lebensrettend anerkannt (leider aber nicht von den deutschen Krankenkassen). Sogar positive Auswirkungen auf das Immunsystem sind bereits nachgewiesen.
    Aber um in diesen von Kerkeling postulierten kathartischen Schreibprozess eintauchen zu können, bedarf es einer gewissen psychischen Stabilität. In einer akuten psychischen Krise kann Schreiben, wenn es unkontrolliert außerhalb eines wie auch immer gearteten therapeutischen Settings praktiziert wird, auch die Krise verschärfen, gar eine Re-Traumatisierung auslösen. Auch das kann natürlich gewollt und sinnvoll sein.

    (Wissenschaftliche) Literatur zum heilsamen und therapeutischen Schreiben:

    • Silke Heimes: Warum Schreiben hilft. Die Wirksamkeitsnachweise zur Poesietherapie, Göttingen 2012
    • Hilarion Petzold, Ilse Orth (Hg.): Poesie und Therapie. Über die Heilkraft der Sprache: Poesietherapie, Bibliotherapie, Literarische Werkstätten, Bielefeld 2009
    • Annette Rex: Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn. Über das Nutzen des Schreibens als Instrument der Bewältigung von Traumata und Krisen, Münster 2009
    • Silke Heimes, Petra Rechenberg-Winter, Renate Haussmann: Praxisfelder des kreativen und therapeutischen Schreibens, Göttingen 2013


    10. November 2014
    Nicht nur Sibylle Berg
    Frettchenhaft in der Dichterwerkstatt

    „Wie sieht Ihre ,Dichterwerkstatt’ in Zürich aus?“, fragte die WAZ-Autorin Elisabeth Höving die Schriftstellerin Sibylle Berg (WAZ, 28. Oktober 2014). Sibylle Berg antwortete: „Ich arbeite ab halb sieben am Morgen, bis sieben abends. Immer an verschiedenen Projekten parallel. Der Schlüssel, um vom Schreiben leben zu können, ist frettchenhaftes Arbeiten.“
    Meine Schwester Imke schickte mir die Zeitungsseite. Sie meinte wohl, dass auch ich ... Ja, sie hat recht. Nun arbeite ich zwar nicht in einer Dichterwerkstatt, sondern in einer Werkstatt für Kreatives Schreiben, aber immer an mehreren Projekten gleichzeitig und frettchenhaft – ja, so gestaltet sich, so gestalte ich mein Leben auch. Auch, um davon leben zu können. Und auch, weil das künstlerisch-pädagogisch-freiberufliche Dasein das so mit sich bringt. Und auch, weil es mir leider nicht vergönnt ist, sieben Leben parallel zu leben.
    Manchmal hätte ich gern ein Jahr für nur ein Projekt. Aber meistens ergeben sich wunderbarerweise unerwartete Synergieeffekte. Und überhaupt: Ich möchte mit nie­mandem tauschen!


    3. November 2014
    Interview in der Berliner Morgenpost
    Schreiben heißt, sich selbst besser zu verstehen

    Am 25. 10. 2014 erschien in der Beilage Leben der Berliner Morgenpost ein Interview mit mir: „Schreiben heißt, sich selbst besser zu verstehen“. Die übergeordnete Frage war, ob und wie Schreiben heilsam sein kann. Ein kurzer Auszug:

    „Was heißt das: heilsames Schreiben?
    Beim heilsamen Schreiben richtet sich – anders als in der Schulmedizin – der Blick nicht auf die Krankheit, sondern auf die Gesundheit, also die Ressourcen, die helfen, eine Krise zu bewältigen. Natürlich wirkt das heilsame Schreiben anders als ein Antibiotikum, das ja auch nur Symptome unterdrückt. Schreiben sollte regelmäßig betrieben werden, so wie Yoga. Dann entfalten sich Selbstheilungskräfte.“

    Das ganze Interview kann man hier lesen.


    27. Oktober 2014
    Kann ein Diktator Jan heißen?
    Namen und Plausibilität

    Natürlich kann ein Diktator im ,echten’ Leben Jan heißen. In meinem Leben gibt es auch eine Imke, die 1962 in Duisburg geboren wurde. Aber eine Erzählung mit einem Jan als Diktator oder ein Roman, der in den 1960er Jahren im Ruhrgebiet spielt und deren Hauptfigur Imke heißt, wirken nicht plausibel. Es gibt auch den umgekehrten Effekt: Wenn man einen Namen hört, entsteht sofort ein Bild, bei Brunhilde ein anderes als bei Pia, bei Nathan ein anderes als bei Pascal.
    Selbstverständlich kann man auch einen Namen wählen, der erst einmal nicht zu passen scheint, zu der Figur, zur historischen Zeit, zur geografischen Lage des Handlungsortes. Vielleicht hat die Figur dann ein Geheimnis oder sie ist eben etwas Besonderes. Dann ist dieser Jan vielleicht ein falscher Diktator und Imke macht, eben weil sie diesen Namen hat, eine besondere Karriere.

    Die Schreibanregung: Nehmen Sie einen der hier auftauchenden Namen (weitere Möglichkeiten wären: Anna, Karl, Chiara, Pablo, Momo oder Kim) und schreiben eine kleine Szene. Dann schreiben Sie die gleiche Szene noch einmal, aber mit einem anderen Namen. Was hat sich verändert, was musste sich verändern?


    20. Oktober 2014
    HNA-Ärger
    Was tun mit der Monopol-Tageszeitung in Nordhessen?

    Doch, ja, hier will ich mich noch einmal und immer wieder und noch einmal über die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine (HNA), die einzige Tageszeitung in der Region, in der ich lebe, aufregen: Sie hat es wieder geschafft, vier kapitale Fehler im Bericht über die Verleihung des 5. Nordhessischen Autorenpreises am 16. Oktober im Regierungspräsidium Kassel zu produzieren.
    1. Fehler: Der Name der 3. Preisträgerin ist falsch geschrieben. 2. Fehler: Der Wohnort des 1. Preisträgers ist falsch geschrieben. 3. Fehler: Als Einladender wird nicht der Verein Nordhessischer Autorenpreis e.V. genannt, sondern der Regierungspräsident, der aber ,nur’ Hausherr war. 4. Fehler: Der Text beginnt mit einem Satz über Schreibwerkstätten – der Nordhessische Autorenpreis hat mit Schreibwerkstätten so viel zu tun wie jeder andere Literaturwettbewerb auch, denn natürlich haben manche der Teilnehmenden mal eine Schreibwerkstatt besucht, aber mit diesem ersten Satz wird dem Preis ein Image verliehen, das er so schnell nicht wieder los wird. Wir hatten, weil im Bericht über die Preisverleihung des 4. Autorenpreises 2012 ebenfalls massive Fehler vorgekommen waren, alle Namen und Daten an die Kulturredaktion geschickt sowie der Journalistin die Biografien der PreisträgerInnen und meine Rede gegeben – sie hätte alles richtig machen können!
    Es scheint als auf die Berichterstattung in eben dieser Tageszeitung angewiesene Aktive in Nordhessen nur die Haltung zu bleiben: Resignieren und froh sein, dass man überhaupt Öffentlichkeit bekommt – im Interesse der MacherInnen der Zeitung kann das nicht liegen, es ändert sich aber auch nichts.
    Alles Wichtige und Richtige findet man auf der Website des Vereins Nordhessischer Autorenpreis e.V.


    13. Oktober 2014
    Schreiben fängt woanders an
    Der erweiterte Schreib- (und Lese-) Begriff

    Das Betreuen von Masterarbeiten (eine meiner Aufgaben als Dozentin für Schreibgruppenpädagogik und -dynamik an der Alice Salomon Hochschule Berlin) ist nicht immer nur die reine Freude, aber das Lesen der irgendwann auf meinem Schreibtisch landenden fertigen Arbeiten ist immer die reine Freunde – weil sich mir so viele Dinge aus dem Kontext Kreatives Schreiben in immer wieder neuen Zusammenhängen zeigen und weil ich hin und wieder auch etwas erfahre, das mir so als explizit Positioniertes neu ist.
    So erging es mir gerade mit der Arbeit von Sandra Berster: Kreatives Schreiben als inklusives Bildungsangebot. Darin las ich über den erweiterten Lese- und den erweiterten Schreibbegriff. Den erweiterten Lesebegriff entwickelten C. Hublow und E. Wohlgehagen bereits 1978, auf Werner Günthner geht der erweiterte Schreibbegriff zurück, beide sind zu finden in: Lesen und Schreiben lernen bei geistiger Behinderung. Grundlagen und Übungsvorschläge zum erweiterten Lese- und Schreibbegriff, Dortmund 2013.
    Lesen wird nicht begrenzt auf das Erlesen und Deuten von Buchstaben, Wörtern, Sätzen und Texten. Der erweiterte Lesebegriff fasst neben dem Erfassen von schriftlichen Texten das ,Erlesen’ von Situationen, Personen und Gegenständen, von Bildern und Piktogrammen, von Signal- und Ganzwörtern als Lesen auf.
    Schreiben im erweiterten Sinne meint nicht ausschließlich das Erstellen von Texten auf Grundlage von wörtergestützten Sätzen, sondern auch bildhafte Darstellungen von Situationen, Personen, Gegenständen und Emotionen, das Abzeichnen grafischer Zeichen, das Konstruieren sinnhafter Sätze durch eine Abfolge bildhafter Elemente, das Produzieren von Wörtern mit Hilfsmitteln wie Stempeln. Man könnte auch noch das lustvolle, absichtslose und das Schrift imitierende Kritzeln, das Kinder auf dem Weg zum Schriftspracherwerb praktizieren, dazurechnen.
    Und wenn man dann ein bisschen querdenkt ... Nutzen nicht auch einerseits die konkreten PoetInnen und andererseits Institutionen und nicht zuletzt die Neuen Medien den erweiterten Lese- wie Schreibbegriff? Es im Kontext Inklusion bewusst zu tun, ist von einem anderen Interesse geleitet, aber die Ansätze aufzugreifen, ist dann wiederum klug und inklusionsfördernd.


    6. Oktober 2014
    Ein Satz und zehn Texte
    20 Minuten in einer Schreibwerkstatt

    Eine ganz normale Sache in einer Schreibwerkstatt: Die Schreibgruppenleitung gibt einen Satz vor, woher auch immer er stammt, den sollen alle als Überschrift oder als Anfangssatz für einen eigenen Text nehmen. Die Schreibzeit beträgt 20 Minuten, dann wird vorgelesen, das, was an Fragmentarischem in diesen 20 Minuten entstanden ist. Und das, was da vorgetragen wird, lässt mich – die Schreibgruppenleitung – jede Woche mehrfach (in diversen Schreibwerkstätten) staunen. So unterschiedlich wie die Teilnehmerinnen sind auch die Texte, aber vor allem ist es die Bandbreite, die Vielfalt der zutage tretenden Bilder, die Verknüpfung mit Autobiografischem, die Lust am Erzählen, die mich begeistern.
    Am 18. September 2014 gab ich als Anfangsimpuls den ersten Satz aus Felicitas Hoppes Kurzgeschichte Picknick der Friseure (erschienen im gleichnamigen Buch, Fischer TB, Frankfurt/Main 2006): „Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure.“

    Folgende zehn Texte sind an jenem Donnerstag entstanden, nur wenig wurde beim Abtippen zuhause an ihnen verändert. Ich dokumentiere sie in alphabetischer Reihenfolge (mein eigener – ich schreibe (fast) immer mit – steht deshalb am Anfang).

    Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure.
    Sie bringen die Scheren mit und die Schafe und die neuste Haarmode und die Geschichten. Und sie bleiben zwei Wochen. Am 22. oder 23. Mai ziehen sie weiter mit ihren stumpfen Scheren und ihren schwangeren Schafen und neuen Ideen und neuen Geschichten. Und hinterlassen ein Erstaunen und eine Leere und eine hohe Geburtenrate im Februar. Wenn die Kinder beginnen zu begreifen, schauen sie den Friseuren ins Gesicht und später in den Spiegel. Ihre Mütter schweigen und schälen die Kartoffeln. Ihre Väter lassen sich die Bärte stehen. (Kirsten Alers)

    Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure.
    Warum kommen sie?
    Was wollen sie?
    Uns verschönern?
    Uns verärgern?
    Bärte einseifen?
    Sich austauschen und fachsimpeln?
    Einen Haarschneidemarathon veranstalten?
    Oder sich einfach nur ausruhen und genießen?
    Warum kommen jedes Jahr im Mai die Friseure? (Ute Baumgärtl)

    jedes Jahr im mai kommen die friseure.
    und dann schneiden sie alles ab, was weg muss. haare natürlich, zuerst, klar, am kopf die, die zu lang sind und in die augen fallen, damit fangen sie an, um sich dann die, die am kinn wachsen, vorzunehmen, die, die wachsen, wenn frauen älter werden, und die dann so ärgerlich pieksen und die beim küssen stören, die werden abgeschnitten und auch noch die, die unverschämt aus den nasenlöchern herauslugen, die fallen der schere zum opfer. und weil die friseure so gern schneiden, weil das eigentlich der grund ist, warum sie diesen beruf überhaupt gelernt haben, schneiden sie gleich weiter bei den zöpfen von vor fünf jahren, den alten mit spangen und schleifen, dann bei denen von vor acht und zehn jahren, in denen gar noch haarnadeln stecken und wenn es noch welche gibt von vor fünfzehn oder mehr jahren, solche dicken, verfilzten, festen zöpfe, dann schneiden sie die mit besonderer verzückung ab, man könnte schon beinahe behaupten, sie tun dies mit einer feierlichen, ehrwürdigen haltung.
    und sie schneiden gleich bei den blumen weiter, bei den welken – ritsch, ratsch – alles weg. welkes zeug mögen sie nicht. sie schneiden zu lange fingernägel ab und die angst vor dem leben gleich mit, aber auch zu lange röcke zum beispiel – ratsch, neue länge, frech bis übers knie. sie schneiden alte schilder ab, die in die irre führen könnten, und überholte regeln, die verwirrung schaffen, sie schneiden zweige ab, die den weg versperren, die sicht nehmen und das vorankommen schwierig machen.
    die friseure kommen in einen regelrechten schneiderausch, klappern laut mit ihren scharfen scheren, und ihre flinken augen suchen immerfort nach neuen möglichkeiten zu schneiden: der alte schrank wird weggeschnitten, raus aus der wand, in die er sich hineingearbeitet hat, sie schneiden die dicke luft aus der wohnung oben drüber, alles weg, sie schneiden die alten kissen aus den sesseln, die krawatte vom hals des filialleiters der bank, der dringend mehr luft braucht, die kruste über dem dorf kommt ab, der schlechte geruch, der sich am kirchturm festgehakt hat, wird mit einem glatten schnitt beseitigt, und sie eilen weiter auf der suche nach schneidemöglichkeiten, nach schneidedringlichkeiten und werden ganz unruhig, wenn es so aussieht, als ob es nichts mehr zu schneiden geben könnte.
    wenn die friseure allerdings aus lauter langeweile meine hecke kurz und klein schneiden wollen, kriegen sie was von mir zu hören. ich schreie sie an: „das reicht jetzt!“ dann blicken sie traurig und enttäuscht, manche auch ein wenig verschlagen oder listig und machen sich von dannen, wobei nicht wenige von ihnen vor sich hinmurmeln: „wir kommen wieder.“ (Marie-Luise Erner)

    Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure.
    Darauf kommt es Wilibo an. Schön zu sein für sein Mädchen. Für Malaba. Nur für sie. Und nur für sie erträgt er die schmerzhafte Prozedur: Mit der scharfen Muschelschale schabt Rimantibu ihm die Haare an den Schläfen und im Nacken weg. Zurück bleibt eine blutige Spur. Aber Wilibo lächelt. Er ist stark. Er ist tapfer. Er ist ein erfolgreicher Jäger. Rimantibu taucht die Finger in Asche. Nun zupft er die Barthaare am Kinn und unter der Nase aus. Wenn die Sonne untergeht, wird er damit fertig sein. Wenn dann der Vollmond die Hütten beleuchtet, wenn das Lagerfeuer brennt, wird Wilibo mit seinem Mädchen tanzen. (Gisela Hohmann)

    Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure.
    Das weiß ja jedes Kind. Alle Friseure und Friseurinnen, selbst die mit schlecht bezahltem Teilzeitjob, sind im Mai auf der Coiffeurmesse Hairstyle, kommen heim und behaupten, es sei höchste Zeit für einen neuen Schnitt, eine Trendfarbe, einen abgefahrenen Look.
    Die hohen Glasfenster des Friseursalons sind beschlagen. Im milchigen Pink zucken Reflexe wie Blitzlichtgewitter, blanke Scheren sausen auf und ab. Schatten tanzen ekstatisch um das goldene Haar. Ammoniakwellen, Musik und das Dröhnen der Föhne driften hoch bis zu ihrem Fenster.
    Jedes Jahr im Mai verbringt sie viele Stunden dort, hat die Arme auf das mit einem dicken Kissen gepolsterten Fensterbrett gebettet, ein paar Kekse und ein Getränk in Reichweite. Und bestaunt, welche Spuren die Coiffeurmesse in den Köpfen der Friseure und auf den Häuptern der Kunden hinterlassen hat. Linke Schläfe Vorwärtsrolle, rechte Schläfe Rückwärtsrolle, gezackter Pony, weiße Igelspitzen, eine rasierte Schneise über dem Ohr, umgeben von monsoon-blauen Rastazöpfchen.
    Mutige Kunden zücken den Handspiegel, sobald die Salontür zugefallen ist, und betrachten sich darin. Dann überqueren sie gesenkten Blickes die Straße oder wühlen erst einmal nach einem Kopftuch. Aber nicht alle! Die Trotzigen sind zwar in der Minderheit, aber es gibt sie. Die haben gar keinen Spiegel dabei, stöpseln sich vor der Tür gleich Musik in die Ohren und stolzieren mit hoch erhobenem Bürstenschnitt von dannen. Jedes Jahr im Mai geht sie nicht zum Friseur gegenüber, im April durchaus, aber dann erst wieder frühestens ab Mitte Juni. Jedes Jahr im Juni, wenn sie von oben die Haaransätze im Monsoon-Blau deutlich erkennt, wenn Verliebte sich gegenseitig wieder in ordentliche Haarbüschel fassen können, wenn die Friseure hinter der Glassscheibe wieder sichtbar werden und sich mit traurigem Blick die schweren Beine reiben, steigt sie die Treppe hinunter, überquert die Straße, öffnet die Tür und sagt: „Wie immer!“ (Christa Müller)

    Jedes Jahr im Mai kamen die Friseure.
    Die kleine Farm lag weit draußen im Südwesten der Stadt. Der Termin für dieses Ritual musste schon lange vorbestellt werden, da die Friseure immer einen gut gefüllten Terminkalender hatten.
    Die Ställe wurden schon Tage vorher auf den Besuch vorbereitet. Sie mussten aufgeräumt und sauber sein. Luftdurchlässige Säcke für die Wolle wurden bereitgelegt. Alle auf der Farm waren irgendwie aufgeregt, vor allem aber die Schafe. Sie schienen es zu spüren, was auf sie zukam. Unruhig liefen sie hin und her. Bei den kleinsten Geräuschen zuckten sie zusammen.
    Auf dieses Ritual freuten sich die Kinder und die Erwachsenen, denn mit der Ankunft der Scherer war plötzlich ein kunterbuntes Hin und Her auf der sonst eher ruhigen Farm.
    Endlich war es dann soweit. Anfang Mai kamen sechs kräftige Männer mit ihren Schermaschinen auf die Farm. Mit geübten Händen befreiten sie die Schafe in wenigen Minuten von ihrem Fell, wobei die Kinder ihnen gespannt zuschauten. Der Duft der frisch geschorenen Wolle verbreitete sich schnell in den Ställen. Die Farmer sortierten die Wolle, alles lief Hand in Hand.
    Der Sommer konnte kommen. (Jutta Cäcilia Ortseifen)

    Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure.
    Irgendwann müssen sie ab, die Haare. Lange, inzwischen sehr verfilzte Haare hängen ihm ins Gesicht, laufen seinen Rücken hinunter, sehen wirklich nicht unbedingt gut aus.
    Einmal im Jahr ist Schurtag, nicht nur bei den Schafen, auch bei ihm.
    Er blickt in seinen kleinen Spiegel, der auch bessere Zeiten gesehen hat. Wehmütig fährt er sich durch die Mähne.
    Immer im Mai, wenn die Schafschur beginnt, muss auch John seine Mähne opfern. Und der Bart muss ab! Das hat er seiner Mary versprochen, nur so konnte er sie überzeugen, seine Haare und den Bart wild wachsen zu lassen.
    Einmal im Jahr, immer im Mai, ist für ihn ein trauriger Tag. (Gisela Schneider)

    Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure.
    Es gibt ein Sammelbuch von mir. Ein ganz spezielles. Es ist mein Mai-Buch.
    Im Mai beginnen mein Bauch zu kribbeln, meine Füße zu tanzen, mein Hals zu lachen.
    Im Mai, da schreibe ich, da klebe ich, da nähe ich. Und alles kommt in das Buch. Fotos von Jeans, über und über mit Blumen bestickt. Blusen abgeschnitten bis über den Bauchnabel, gepresste Frühlingsblätter, gebastelte Weggefährten.
    Und Haarsträhnen. Rote, braune, blonde, schwarze, grüne und pinke.
    Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure zu uns in die Stadt. Einige sind immer da, aber diese sind besonders. Dann ist Friseurmesse. Und ich bin ein williges Opfer für deren neusten Kreationen. Sie suchen immer Modelle. Ich stehe immer in der ersten Reihe.
    Würden die Friseure im Oktober kommen, dann würde ich keine Haarsträhnen sammeln. Es ist der Mai, der kribbelt und krabbelt.
    Und wenn die Friseure ihr Werk vollbracht haben, sammele ich meine Haarsträhnen vom Fußboden auf. Die roten, braunen, blonden, schwarzen, grünen und pinken. Und klebe sie ein. In mein Mai-Buch. (Martina Vaupel)

    Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure.
    Sie sind wie die Ingenieure. Die alles zu wissen meinen.
    Jedes Jahr danach kommen die Schneider. Dann brauchen alle neue Kleider.
    Jedes Jahr im Juli feiern sie die Feste. Jeder gibt das Beste.
    Jedes Jahr im August sammeln sie Reste, ist vorbei die Lust.
    Und jedes Jahr im Winter suchen sie ihre Kinder. Die haben einen Traum, hängt oben im Baum.
    Jedes Jahr im März ziehen sie ihn herunter. Mancher bleibt, ein anderer geht unter.
    Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure. (Charlotte Vortmann)

    Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure.
    Robert macht Holz. Es ist jedes Jahr dasselbe. Er hört es gerne, wenn das Holz im Kamin stöhnt. Er nennt es „gemütliches Knistern“, aber ich weiß, in den Holzscheiten sitzen die Seelen der Bäume, die diesen schmerzhaften Prozess durchmachen müssen. Es bleiben nur Aschehäufchen übrig, die in nichts mehr an stolze Bäume erinnern.
    Im Frühherbst rückt Robert aus mit Schlepper, Säge, Axt und dem Benzinkanister voller Super-Benzin. Er sägt und schlägt und rückt, was das Zeug hält, und hört das Stöhnen der Bäume nicht, da er Ohrenschützer trägt. Er ist eben kein Lauscher wie ich, die im Wald so vieles von den grünen Riesen erzählt bekommt. Im Rauschen der Wipfel Tröstendes, im Knacken der Äste Heiteres, im Schwenken der Zweige Philosophisches. Ich komme zur Ruhe. Nach dem Fällen der Bäume kommt das Auf-Länge-Schneiden der Scheite. Robert hat sich eine elektrische Tischsäge gekauft, und die Scheite fallen beim Sägen alle in gleicher Größe in unsere Garage. Am meisten Spaß macht ihm das Stapeln. Er baut Mauern aus Holzscheiten, die im Herbst unser Haus umrunden und im Frühjahr nicht mehr vorhanden sind. Ohne diese Mauern ist Robert nicht glücklich. „Ich sorge vor, damit du es im Winter immer schön warm hast“, sagt er stolz, zieht seine Gummistiefel an, schärft Axt und Säge und geht los. Der Wald erschrickt jedes Mal, wenn er Roberts Schritte hört. Die Bäume hoffe, dass er an ihnen vorübergeht. Manche überlegen sogar, wie sie Robert erschlagen können.
    Jedes Jahr im Mai erscheinen die Friseure im Wald. Das sind Männer in grüner Tracht, die sich Förster oder Forstwirte nennen. Sie erscheinen mit einem ganzen Trupp von Waldarbeitern. Immer haben sie ihre Schneidewerkszeuge dabei, Astscheren oder ganz große Knipser, mit denen sie Äste beseitigen, die den Weg versperren oder unschön gewachsen sind. Den Bäumen ist das nur recht. Nach dem strengen Winter müssen im Frühjahr ihre Wipfel und Zweige gezähmt werden. Die Förster nennen das „Auslichten“, und tatsächlich ist es wunderschön, wenn das Licht der Bäume im Mai durch gut frisierte Bäume fällt. Die Friseure haben sanfte Hände, ganz andere als die von Robert. Und wenn sie abends den Wald verlassen, stehen alle Bäume stramm und salutieren. (Erika Wiemer)


    30. September 2014
    Die neuen Segeberger Briefe
    Ein Muss für SchreibpädagogInnen

    Den Segeberger Kreis nenne ich – wenn mich jemand fragt, weil der Name so wenig selbsterklärend ist – gern „eine Art Berufsverband für Schreibpädagoginnen und -didaktiker“. Für mich hat der seit 1982 bestehende Kreis trotz komplett fehlender Gremien- und Lobbyarbeit seit 2002 diese Funktion.
    Jedes Jahr im Frühjahr treffen sich Mitglieder und sonstige am Kreativen Schreiben Interessierte an wechselnden Orten in der Republik, um ein Thema schreibkreativ und reflektierend auszuloten. Unser Thema im April 2014 in der Evangelischen Akademie in Meißen hieß Schreiben 21 – Was ist zeitgemäß?.
    Die Segeberger Briefe sind eine Zeitschrift für Kreatives Schreiben, die der Segeberger Kreis herausgibt. Das Herbstheft bereitet jeweils die letzte Tagung nach. So heißt das gestern aus der Druckerei gekommene Heft zeitgemäßes schreiben anno zweitausendvierzehn. Es beinhaltet komplette Schreibsettings aus sechs Kleingruppen, Beispieltexte aus der schreibkreativen Gruppenarbeit, Rezensionen, Seminarangebote und den Nachdruck einer Poetikvorlesung des Autors und Alice-Salomon-Poetik-Preisträgers Franz Hohler.

    Segeberger Briefe – Zeitschrift für Kreatives Schreiben
    ISSN 2193-4495
    Nr. 89, September 2014, 180 Seiten, 22 Euro
    Bestellung über Kirsten Alers


    22. September 2014
    Wortwechsel
    In guter Gesellschaft

    Als ich Mitte Juli in Berlin war, fand ich in einem Buchladen mit modernem Antiquariat sowohl ein Geburtstagsgeschenk für meinen Bruder als auch ein Buch mit dem Titel Wortwechsel (Frauenoffensive, München 2006). Das ich natürlich kaufte. Nicht zuletzt, weil ich die Autorin (Luisa Francia) schätze, aber ganz zuvorderst natürlich wegen des Titels: Wortwechsel. Im Klappentext ist zu lesen: „Wortwechsel geht der Sprache auf den Grund, zeigt ihre Bedeutung im Alltag und in der Tradition der Magie, die sich der Worte bedient, um zu rufen, zu bannen, zu binden, zu lösen und zu wandeln.“

    Im zweiten Kapitel gibt es – das entdeckte ich erst nach dem Kauf – u. a. Spiele mit Worten. Bekannte Assoziations(schreib)spiele, wie z. B. das Bilden von Anagrammen aus dem eigenen Namen, setzt Luisa Francia hier in einen neuen Zusammenhang, in dem sie eine andere, vielleicht stärkere Kraft entfalten, als wenn man sie ,nur’ als niedrigschwellige Warming-ups benutzt.


    15. September 2014
    Kreatives Schreiben in Nordhessen
    Fachtagung in Kaufungen

    Eingeladen sind Lehrende und Veranstalter aus den Universitäten, der Erwachsenenbildung und freie Anbieter im Arbeitsfeld des Schreiben-Lehrens in der Region Nordhessen. Einem Überblick über die jüngere Entstehungsgeschichte des Kreativen Schreibens in Deutschland (Referentin Kirsten Alers) sollen Kleingruppenworkshops und Debatten folgen. Das Programm sieht eine Vorstellung der Schreibgruppenpädagogik ebenso vor wie die Vorstellung der Best Practice von Teilnehmenden.
    Prof. Dr. Norbert Kruse, Deutschdidaktiker an der Universität Kassel, lädt nach seinem Vortrag „Kreatives Schreiben und Bewertung von Texten – ein Widerspruch?“ zur Diskussion ein.
    Ausführlich kann über die Konzeptionsunterschiede in den Angeboten diskutiert werden, etwa zum Umgang mit Textkritik, zur Frage des Mitschreibens durch die Leitung oder der Problematik von Öffentlichkeit und Veröffentlichung. Außerdem kann ein Austausch darüber stattfinden, wie sich die Lehrenden für ihre Aufgabe qualifizieren, was Schreibgruppenleitungen mitbringen sollten. Nicht zuletzt kann erörtert werden, wie Kooperationen in der Region entwickelt und weitergeführt werden können.
    Um 20 Uhr liest der Autor Thommie Bayer aus Die kurzen und die langen Jahre. Er berichtet zudem aus des Dichters Werkstatt.

    Termin: Dienstag, 18. 11. 2014, 14-22 Uhr
    Ort: Kaufungen, Tagungshaus, Kirchweg 3
    Kosten. 25 Euro (inkl. Lesung)
    Anmeldung: vhs Region Kassel (Kursnummer N 2116), Tel. (05 61) 10 03 16 81
    Anmeldeschluss 6. 10. 2014


    8. September 2014
    Ein Gedicht übers Schreiben
    Oder: Sollte man es nicht lieber lassen?

    Niemals hätte ich dieser Dichterin dieses Gedicht zugetraut. Schon allein, weil es keine Reime hat. Habe ich nicht auch Die Judenbuche (inkl. der rezeptiven Besprechung im Deutschunterricht der Mittelstufe) in guter Erinnerung? Nun, ich werde mir wohl doch noch einmal Anderes von ihr anschauen ...

    Unbeschreiblich
    Dreitausend Schreiber auf Teppichen saßen
    Und rührten den Bart mit der Feder;
    Sie schrieben, schrieben so manchen Tag,
    Dass grau geworden die Bärte,
    Dass trüb geworden die Augen längst
    Und längst erkrummet die Finger;
    Wer aber, was sie geschrieben, liest
    Und liest das, was sie geschrieben,
    Der spricht: Ist es ein Schatten wohl?
    Oder ist es der Schatten des Schattens?
    (Annette von Droste-Hülshoff, 1797–1848)


    1. September 2014
    „Wenn Schreiblehrer schreiben lernen ...“
    Segeberger Kreis in TextArt

    Es ist ja immer wieder interessant zu beobachten, wie Neulinge die Tagungen des Segeberger Kreises erleben. Bei der Märztagung in Meißen war erstmals der Autor und Journalist Oliver Buslau zu Gast, der über seine Erfahrungen in einem Artikel in seiner Zeitschrift TextArt – Magazin für Kreatives Schreiben berichtet. Die Tagung stand unter dem Thema „Schreiben21 – Was ist zeitgemäß?“. Oliver Buslau arbeitete in der Gruppe „Postmodernes Schreiben“ mit. Über die Schilderung der Gruppenarbeit hinaus ist der Artikel mit dem Titel Wenn Schreiblehrer schreiben lernen … aber auch ein großes Porträt des Segeberger Kreises, in dem die Zielsetzung des Kreises und die Tagungs-Rituale von der Gruppen­themen­findung bis zum fröhlichen Beisammensein nicht zu kurz kommen. Der Beitrag ist Teil der aktuellen TextArt-Septemberausgabe (TextArt Magazin).

    Der Vorstand des Segeberger Kreises, der als eine Art Berufsverband für SchreibpädagogInnen und ‑didaktikerInnen verstanden werden kann: vorn von links: Friederike Kohn, Ingrid von Engelhardt; Mitte von links: Kirsten Alers, Karl Günter Rammoser, Norbert Kruse; hinten: Hans Arnold Rau. Weitere Informationen: Segeberger Kreis


    25. August 2014
    Die Rechte des Lesers
    Ein (abermaliger) Fund

    Bei der Vorbereitung der Schreibwerkstätten (Beginn des Herbstsemesters: 15. September) bin ich auf ein Buch gestoßen, das seit Langem in meinem Regal steht: Daniel Pennac: Wie ein Roman (Köln 1994/2006). Pennac schreibt überaus unterhaltsam und tiefsinnig über Leseunlust und Bildungsdruck. Ich schlug das Buch also wieder einmal auf und fand (überraschenderweise erinnerte ich mich daran nicht) im Inhaltsverzeichnis (als Kapitel­überschriften) die „unantastbaren Rechte des Lesers“:

    1. Das Recht, nicht zu lesen
    2. Das Recht, Seiten zu überspringen
    3. Das Recht, ein Buch nicht zuende zu lesen
    4. Das Recht, noch einmal zu lesen
    5. Das Recht irgendwas zu lesen
    6. Das Recht auf Bovarysmus (die buchstäblich übertragbare Krankheit, den Roman als Leben zu sehen)
    7. Das Recht, überall zu lesen
    8. Das Recht herumzuschmökern
    9. Das Recht, laut zu lesen
    10. Das Recht zu schweigen

    Und die Rechte von Schreibenden?
    Auf ein Buch schreibend zu reagieren, einen neuen Schluss (oder Anfang) zu erfinden, sich von einem Satz zu einem eigenen Roman inspirieren zu lassen, eine Rezension und einen Tagebucheintrag zu schreiben, dem Autoreinen Brief zu schreiben, aus dem Roman ein Gedicht zu machen, etwas ganz Anderes zu schreiben ...


    21. August 2014
    Elfte Schreibanregung
    Überschriften von Anderen

    235 Einsendungen gab es zum 5. Nordhessischen Autorenpreis (Titel: „Himmel. Hölle. Heimatkunde.“). Ich habe die vorher anonymisierten Texte alle in den letzten fünf Wochen gelesen. Und erlaube mir, meine 17 Überschriftenfavoriten als Schreibanregung zu geben.
    Variante A: Lassen Sie sich von einer Überschrift zu einem eigenen Text inspirieren.
    Variante B: Montieren Sie alle Überschriften in einen Text.

    Dornröschen 2.0 | Keinort | Landschaft mit Sündenfall | Kleines Waldstück mit Holzweg und Lichtung | Rapstage | Mein Stuhl, meine Katze, meine Farbe auf der Wand | 500 m² Heimat | Alles im Fluss, sagst du | Grenzebach | Im Westen was Neues | Glühende Landschaften | Halbjahre entfernt | Gestern ist morgen nicht mehr | keine Heimat überall | Des Sichelmondes starres Gähnen | Wolfhagen. Ein Versuch | Zehn Versuche, Mara zu besuchen


    28. Juli 2014
    Zehnte Schreibanregung
    Einsilbig schreiben

    Die oulipistischen Einschränkungen gehören zu meinen Lieblingsschreibaufgaben. Nicht zuletzt fordern sie dazu heraus, zwingen eine/n geradezu dazu, einmal vom üblichen Schreibstil, der einfach so immer wieder die eigenen Texte beeinflusst, abzuweichen. Sich einmal beim Schreiben anders zu erleben.
    Meine eigene Lieblingseinschränkung zurzeit ist (und das ist die Schreibanregung): Schreib einen Text, der ausschließlich aus einsilbigen Wörtern besteht. (Kleiner Tipp: Die 2. oder 3. Person Singular sind gut geeignet.)

    Beispiel: Du willst es doch auch
    Du willst es doch auch. Du, das weiß ich. Komm, sei kein Frosch, komm, zier dich nicht so. Ich weiß doch, dass du das auch willst. Da ist dein Blick, der mir das sagt, da ist dein Herz, das so laut klopft. Los jetzt, es ist Zeit, du bist doch sonst nicht so. Das weiß ich von Tom, der hat – oh, das weißt du ja selbst. Was ist denn? Ich bin wohl nicht so gut! Was hat denn Tom und was fehlt mir? Komm, sag schon! Mensch, mach es nicht so zäh, mach es mir doch nicht so schwer. Ich weiß doch, dass da was ist. Dass das nicht nur in mir ist. Und so scheu bist du nicht. Da war ja auch nicht nur Tom, da war schon Lars und auch Max. Komm, tu nicht so. Schau, ich will dich, du willst mich – was ist so schwer? Was muss ich noch tun? Auf die Knie? Wie, du willst nicht?! Du lügst! Ich weiß, dass du willst. Das merkt man doch. Du spielst ein Spiel mit mir. Das wird dir noch leid tun! Ja, dass du das weißt: Das wird dir noch leid tun, was du mit mir machst. Mit mir macht man das nicht. Und frau erst recht nicht. Du, du ...


    19. Juli 2014
    Zur Nachahmung empfohlen
    Wasserfragen

    Für das Foto-Text-Projekt „Blickwinkel Wasser“ (Vernissage mit Lesung am 17. 7. 2014 um 19 Uhr im Café Buch-Oase in Kassel, die Ausstellung bis zum 7. 9. 2014 zu sehen) hat Margareta Driesen sich anregen lassen von Pablo Nerudas Fragen (s. 14. Juli 2014) und monatelange Fragen an das Wasser gestellt. Mir ist nicht bekannt, ob es geantwortet hat, aber mit dem Fragenprojekt hat sie sich selbst beflügelt. Man könnte sich inspirieren lassen und beispielsweise Fragen an den Himmel (oder die Hölle ...) stellen. Hier sind die ersten zehn (es sind über 120) von Margareta Driesens Fragen.

    Kann sich Wasser wundern? – Warum verbirgt sich der größte Teil des Wassers, das uns umgibt? – Was ist dem Meer näher, der Himmel oder das Land? – Wir spiegeln uns im Wasser – worin spiegelt sich das Wasser? – Vermisst das Meer die Muscheln, die ich mit mir nahm, oder vermissen die Muscheln das Meer? – Weiß das Wasser, das verdunstet, wohin es ,geht’? – Ist ein Tropfen allein einsam? – Stiehlt das Wasser seine Farben vom Himmel? – Wollen alle Sandkörner gern an den Strand? – Bemerkt das Meer etwas von meiner Ehrfurcht und Liebe zu ihm?


    14. Juli 2014
    Neunte Schreibanregung
    Antworten auf ungewöhnliche Fragen

    Der chilenische Dichter und Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda (1904–1973) erhielt sich eine besondere Fähigkeit: neugierig zu sein und zu staunen. Aus dieser Fähigkeit heraus entwickelte er hunderte außerordentlicher Fragen, die im Buch der Fragen (The Book of Questions – nur noch auf Spanisch und Englisch erhältlich) veröffentlicht sind. Viele GrundschulpädagogInnen haben bereits mit den Fragen Nerudas gearbeitet, davon berichtet u. a. das Buch Schreibspielräume von Eva-Maria Kohl. Ich habe für meine Schreib­gruppen­arbeit – die vorrangig mit Erwachsenen stattfindet – zahlreiche Fragen übersetzt und möchte als Schreibanregung fünf Fragen veröffentlichen, denn die Magie der Fantasie zu spüren, sich in sie hineinfallen zu lassen, das sollte nicht nur Sache der Kinder sein:

    • Wer schrie vor Freude, als das Blau geboren wurde?
    • Warum lehrt man die Hubschrauber nicht, Honig aus der Sonne zu saugen?
    • Woher kommt die Wolke mit ihren schwarzen Säcken voller Tränen?
    • Wohin gehen die geträumten Dinge?
    • Warum fragen mich die Wellen die gleichen Fragen, die ich ihnen stelle?


    9. Juli 2014
    Blickwinkel Wasser – ein Foto-Text-Projekt
    Ausstellung und Lesung im Café Buch-Oase

    Wasser – Quelle, Lebensraum, Nahrung, Energie, Bedrohung. Wasser – Fließen, Verdampfen, Erstarren. Wasser – was für ein Thema! Seit Sommer 2013 arbeitet eine Gruppe von Fotografierenden unter Leitung der Kaufunger Künstlerin Sabine Große zum Thema „Blickwinkel Wasser“. Anfang 2014 kamen noch einmal neue Aspekte hinzu durch die Kooperation mit der Schreibwerkstatt Kaufungen. Angeleitet durch mich texteten Schreibende zu ausgesuchten Fotos, sie eröffneten durch ihre Wassertexte aber auch für die Fotografierenden neue Blickwinkel. Es entstanden fotografische und textliche Eindrücke von Fluss- und Bachläufen, vom Wasser als Energiespender, als Ort der Erholung und Faszination, als fantasieanregendes sowie bedrohliches und bedrohtes Element. Die rund 60 fotografischen Umsetzungen, die einen Spannungsbogen von dokumentarischen bis zu experimentell-abstrahierenden Positionen zeigen, erfolgten als digitale Fine-Art-Prints in Schwarzweiß. Die Fotos werden ergänzt durch Wort-Bild-Kompositionen. Und in etwa 40 Prosa- und Lyriktexten manifestiert sich tiefes biografisches und fiktionales Eintauchen in die Mikro- und Makrowelt unserer Lebensgrundlage. Am 17. Juli laden die beiden Initiatorinnen und 26 Kursteilnehmende zur Ausstellungseröffnung mit Lesung ins Kasseler Café Buch-Oase ein.

    Blickwinkel Wasser  |  Ausstellungseröffnung mit Lesung
    17. Juli 2014, 19 Uhr, Café Buch-Oase, Germaniastraße 14, Kassel
    zu sehen bis 7. September 2014, Di–Sa 12–19 Uhr, So 10–19 Uhr


    7. Juli 2014
    Achte Schreibanregung: Tabu 1
    Schlangengedicht nach Meret Oppenheim

    1974 schrieb Meret Oppenheim ihr 2. Schlangegedicht nach einer oulipistisch zu nennenden selbst gestellten Aufgabe bzw. nach einem selbst auferlegten Tabu: Jedes Wort musste mit dem letzten Buchstaben des vorhergehenden Wortes beginnen.

    Beginnen Sie mit irgendeinem Wort, zum Beispiel mit dem Wort „Wenn“ – das nächste Wort müsste dann mit einem N beginnen, also zum Beispiel „Wenn niemand“, das wiederum nächste Wort müsste nun mit einem D beginnen ...


    30. Juni 2014
    Siebte Schreibanregung (Ritas* Lieblingsübungen 3)
    Anfangssatz aus einem Buch

    Altbekannt und in vielen Variationen vorkommend in Schreibwerkstätten und doch immer wieder anregend: Man nehme einen Satz, mit dem ein (bis dato nicht gelesenes) Buch beginnt, als Anfangssatz eines eigenen Textes.
    Ich schlage heute zwei Sätze vor aus zwei Büchern (deren Titel ich hier noch nicht verrate), die ich im Monat Juni gelesen habe:

    – „Wir waren bei den Wochenendeinkäufen im Supermarkt.“ (Yasmina Reza)

    – „An jenem Tag fuhr ich nach dem Termin in der Radiologie mit dem Fahrrad nach Hause.“ (David Servan-Schreiber)


    29. Juni 2014
    Flow
    Eine Entdeckung

    Nicht der Flow an und für sich ist keine neue Entdeckung. Beim Schreiben, speziell beim Automatischen Schreiben (écriture automatique) verspüre ich ihn, ich gerate schnell in einen rauschartigen Zustand (meine ehemaligen Schreibschüler im Jugenddrogenprojekt Willings­hausen-Leimbach haben mich immer gefragt, was ich denn genommen hätte, wenn sie meine im Flow geschriebenen Texte zu hören bekamen), aber dazu mehr an anderer Stelle. Ich entdeckte letzten Samstag in einer Berliner Bahnhofsbuchhandlung die Zeitschrift Flow.
    Flow – nun ja, Verlag Gruner+Jahr: ein bisschen Brigitte, ein bisschen schöner wohnen, ein bisschen Esoterik, ein bisschen Lifestyle, das alles durchaus sympathisch aufgemacht für die Generation Y – und darin (Nummer 3/2014) ein herausnehmbares Schreibheft mit 30 Fragen für „30 Tage schreiben, denken und zu sich finden“, denn, so der Autor und Mottogeber des einleitenden Textes Rutger Kopland (1934–2012): „Schreiben heißt finden, was in dir lebt.“
    Und da ich alles erst einmal wertschätze, was Menschen ins Schreiben, ins sich ausdrückende, sich reflektierende, denkende und spinnende Schreiben bringt, empfehle ich also diese Ausgabe von Flow.


    25. Juni 2014
    Ich bin drin!
    Berliner Anthologie erscheint heute

    „Schreiben? Schreiben! Oder: Woher kommt die Lust am Schreiben?“ – so der Titel meines Essays in der Berliner Anthologie, die heute erscheint.
    Das ist ja nun nicht meine erste Veröffentlichung zum Thema Schreiben, aber vielleicht die beste, auf jeden Fall die persönlichste. Ich fühle mich geehrt und bedanke mich (auch an dieser Stelle) bei Herausgeber Andreas Dalberg für seine ermutigend-kritische Begleitung und für die Einladung, zur Präsentation am 10. Juli mein Essay zu lesen.

    Klappentext:
    Hier wird das lyrische Ich verloren und wiedergefunden, der Weg in das Innere des Schreibens vermessen und der Fabulierlust auf den biographischen Grund gegangen: In den abwechslungsreichen Essays der ersten Berliner Anthologie, die mal feuilletonistisch oder literarisch, wissenschaftlich oder philosophisch sind, berichten die Autorinnen und Autoren von ihren gedanklichen Spaziergängen durch die Schreiblandschaften. Sie suchen Antworten auf Fragen, die sich im Lauf jeder Schreibbiographie stellen: Ist Schreiben nur das Zuhause für professionelle Dichter? Ist die Neurose der Protagonistin auch die eigene? Wie lässt sich der Punk-Spirit im Schreiben (wieder)entdecken? So unterschiedlich die Annäherungen, so verschieden die Perspektiven. Denn Schreiben mag vieles sein, eines aber sicher nicht: auf einen simplen Begriff zu bringen. Die Berliner Anthologie spiegelt diesen Facettenreichtum heutiger Schreibräume und spricht daher ebenso von Wortfiguren und Schreibwerkstätten wie von Schriftstellerei.

    Andreas Dalberg (Hg.): Berliner Anthologie. Essays rund um das Schreiben, Roos & Reiter, Berlin 2014, ISBN 9783944283043, 172 Seiten, Paperback, 12,80 €

    Buchpräsentation: Donnerstag, 10. Juli 2014, 20 Uhr im ,Naumann 3’ (Naumannstraße 3, Berlin-Schöneberg, S-Bahnhof Julius-Leber-Brücke), Eintritt frei


    22. Juni 2014
    Sechste Schreibanregung
    Himmel. Hölle. Heimatkunde.

    Der Countdown läuft. Die ,Odenwaldhölle’ ging 2013 durch die Medien. Nein, nicht die Odenwaldschule, die auch, ja, aber die medial erzeugte ,Odenwaldhölle’ hat uns, den Vorstand des Vereins Nordhessischen Autorenpreis e. V., zum Titel unseres 5. Literaturwettbewerbs angeregt: HIMMEL. HÖLLE. HEIMATKUNDE.
    Jana Ißleib, Carmen Weidemann und ich freuen uns über Prosa-, Lyrik- und experimentelle Texte, die bis zum 17. Juli 2014 eingereicht werden können. Die Ausschreibund mit allen Bedingungen findet man hier: Nordhessischer Autorenpreis.


    22. Juni 2014
    Abänderung
    Voltaire und das Schreiben

    Über Literatur und Aufklärung lässt sich nicht reden, ohne auch über Voltaire zu reden. Die Aufklärung aber soll hier nicht Thema sein, sondern Voltaires viel zitierter, auf Postkarten und in Schreibratgebern zu findender Satz. „Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.“

    Ich folge dieser Aussage nicht, sondern sage:

    Welches Schreibprodukt – denn um dieses geht es Herrn Voltaire und all seinen den Satz zitierenden Fans wohl – langweilt, ist auf Seiten der Lesenden zunächst einmal eine Frage des Geschmacks, des persönlichen Hintergrunds und des Interesses am Gegenstand. Wer also sollte allgemeingültig entscheiden, welcher Text langweilt und welcher nicht?
    Auf Seiten der Schreibenden gelten die gleichen Fragen – und (mindestens) zwei weitere kommen hinzu: 1. Was passiert, wenn ich mir verbiete, langweilig zu schreiben? Die Antwort: Ich laufe Gefahr, mich zu blockieren. 2. Warum soll ich nicht langweilig schreiben dürfen? Die Antwort: Ich darf schreiben, wie ich es für richtig halte, denn die Kategorie Langeweile hat für den Akt des Schreibens keine Relevanz.
    Und oh, wie entlastend kann es sein, langweilig zu schreiben, einfach zu schreiben, so schön langweilig – und plötzlich macht es klick und ich bin im Flow. Vielleicht schreibe ich immer noch langweilig, aber das ist in diesem Zustand wirklich vollkommen irrelevant.


    21. Juni 2014
    Fünfte Schreibanregung
    (Autobiografischer) Impuls

    An einem Abend letzte Woche zappte ich durch die Fernsehkanäle und landete bei einem Krimi, an dessen Titel und Thema ich mich nicht erinnere, und an die DarstellerInnen erinnere ich mich auch nicht. Nur an einen Satz, den der Kommissar kurz vor Ende sagte – und den ich hier als Schreibanregung geben möchte. Vielleicht inspiriert er zu einer Selbstreflexion, vielleicht zu Fiktion oder ...: „Die Dinge, die dir heute am meisten zu schaffen machen, sind die, bei denen du eine Wahl hattest.“


    17. Juni 2014
    Wenn Studieren glücklich macht
    Bettina Völter beim 2. Alumni-Treffen

    „Der Studiengang hier ist möglicherweise der einzige an dieser Hochschule, der glücklich macht.“ Nicht immer, nicht jeden Tag, aber grundsätzlich kann man Bettina Völter, Mitglied des Rektorats der Alice Salomon Hochschule, nur zustimmen. Der Studiengang, der ihrer Meinung nach glücklich macht, ist ,meiner’: der Masterstudiengang Biografisches und Kreatives Schreiben. Vor fast zehn Jahren ist er entstanden, zum 13. Juni hatte die Studiengangsleitung, Prof. Dr. Ingrid Kollak, zum 2. Alumni-Treffen eingeladen, zu dem sich aus sieben der acht bisherigen Jahrgänge ehemalige und noch Studierende einfanden. Außerdem folgten mehrere DozentInnen sowie zwei der GründerInnen, Lutz von Werder und Barbara Schulte-Steinicke, der Einladung. Und noch mehr Feines hatte Bettina Völter gefunden: Bemerkenswert an diesem Studiengang sei, dass man die Möglichkeit habe, Studium und eigene Erfahrungen ganz eng miteinander zu verknüpfen, und im Schreiben selbst zu erleben, wie „ungeborene Ideen gehoben“ werden könnten. Zudem sei der Studiengang nicht etwa ein Anachronismus, sondern ein „Gegengewicht“ zu dem, wie das Schreiben sich medial und in seiner Funktion verändert habe. Ich bin – als Dozentin für Schreibgruppenpädagogik und -dynamik – gern Teil dieses Gegengewichts.
    Weitere Informationen: Alice Salomon Hochschule Berlin.


    16. Juni 2014
    Museumsinsel-Fundstück
    Am Kupfergraben abgeschrieben

    Auf Betonbegrenzungsblöcke gepinselt von PalmArtPress, Zitate, halb verdeckt von den Bücherflohmarktbeschickern. Am Kupfergraben (Berlin, gegenüber der Museumsinsel), nicht gezählt, wie viele, zwei abgeschrieben:

    „Wenn es mir schlecht geht, gehe ich nicht in die Apotheke, sondern zu meinem Buchhändler.“ (Philippe Dijan)

    „Wer zur Quelle gehen kann, gehe nicht zum Wassertopf.“ (Leonardo da Vinci)


    12. Juni 2014
    (Wieder-)Erkennen beim Lesen
    Die Eleganz des Igels

    Dieses Buch empfahlen mir schon Imke und Veronika und nun las ich es. Der Vergleich mit Harold and Maud – nun gut, ein Werbetrick. Paloma, ein zwölfjähriges, hochintelligentes Mädchen aus einer wohlhabenden Familie, das sich an ihrem nächsten Geburtstag das Leben nehmen will, und die sich heimlich seit Jahrzehnten selbst bildende Concierge Renée im gleichen Haus in der Rue de Grenelle 7 in Paris schreiben Tagebuch. Aus ihren Tagebucheinträgen besteht das Buch. Erst auf den letzten Seiten kommt es zu einer (erkennenden) Begegnung der beiden. Ich zitiere jeweils eine Passage, die etwas mit Schreiben bzw. Sprache zu tun haben:

    Renée: „So ist es auch mit gar manchen glücklichen Momenten unseres Lebens. Von der Las der Entscheidung und der Absicht befreit, unterwegs auf unseren inneren Meeren, wohnen wir unseren verschiedenen Bewegungen bei wie den Verrichtungen eines anderen und bewundern doch deren unbeabsichtigte Vortrefflichkeit. Welchen anderen Grund könnte ich haben, dies hier zu schreiben, dieses lächerliche Tagebuch einer alternden Concierge, wenn das Schreiben nicht selbst etwas von der Kunst des Mähens hätte? Wenn die Zeilen zu ihren eigenen Demiurgen werden, wenn ich wie durch wunderbaren Zufall miterlebe, wie auf dem Papier Sätze entstehen, die sich meinem Willen entziehen und, indem sie ohne mein Zutun auf dem Blatt Niederschlag finden, mich lehren, was ich will, ohne dass ich wusste oder glaubte, es zu wollen, genieße ich diese schmerzlose Geburt, diese nicht bewusst herbeigeführte Selbstverständlichkeit, genieße ich es mit dem Glück aufrichtigen Staunens, ohne Anstrengung und ohne Gewissheit einer Feder zu folgen, die mich führt und mich trägt.“ (S. 134 f.)

    Paloma: „Ich persönlich glaube, dass die Grammatik einen Zugang zur Schönheit bietet. Wenn man spricht, wenn man schreibt oder wenn man liest, spürt man genau, ob man einen schönen Satz formuliert hat oder ob man dabei ist, einen schönen Satz zu lesen. Wir sind fähig, eine schöne Wendung oder einen schönen Stil zu erkennen. Doch wenn man sich mit Grammatik befasst, hat man Zugang zu einer anderen Dimension der Schönheit der Sprache. Sich mit Grammatik zu befassen, das bedeutet, die Sprache zu enthülsen, zu schauen, wie sie gemacht ist, sie gewissermaßen ganz nackt zu sehen. Und genau das ist das Wunderbare, denn man sagt sich: ,Wie gut sie gemacht ist, wie gut ist sie gebaut!’, ,Wie solid, sinnig, reich und subtil sie ist!’. Nur schon zu wissen, dass es mehrere Wortarten gibt und dass man sie kennen muss, um daraus auf ihren Gebrauch und ihre mögliche Vereinbarkeit zu schließen, entzückt mich.“ (S. 174)

    Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels, Paris 2006, München 2009/2010


    11. Juni 2014
    Museum der Sprachen der Welt
    Berliner Initiative organisiert Lesung mit Claus Mischon

    Claus Mischon, mein ehemaliger Kollege an der Alice-Salomon-Hochschule (und weiterhin engagierter Geschäftsführer des Instituts für Kreatives Schreiben in Berlin) ist Pfälzer. Das hört man – und das will er hören lassen. Man kann ihm zuhören:
    „Das Pfälzische: Phonetik, Grammatik, ,fremde’ Einflüsse, Mundartdichtung“ 9. Salon der Sprachen in der Galerie Wedding am Dienstag, 8. Juli 2014, 19 Uhr, Altes Rathaus Wedding, Müllerstraße 146, Erdgeschoss, U-Bhf. Leopoldplatz Organisiert wird die Veranstaltung von der mir bis dato unbekannten und mich überaus neugierig machenden Initiative für ein Museum der Sprachen der Welt (Prof. Dr. Gerd Koch, Prof. Dr. Jürgen Nowak, Dipl.-Kaufmann Günter Thauer). Mehr unter Linguae Mundi.


    9. Juni 2014
    Das Böse in der Literatur
    Ilija Trojanow zu Besuch in Kassel

    Jedes Jahr vergibt die Universität Kassel an einen zeitgenössischen Schriftsteller die Brüder-Grimm-Professur. 2014 war Ilija Trojanow eingeladen, eine Vorlesung und ein Seminar zu halten sowie aus seinem Werk zu lesen. „Das Böse in der Literatur“ – der Titel des Seminars hatte mich nicht besonders gereizt, um so erstaunlicher, wie der frühe Abend des 3. Juni in mir nachhallt.
    Trojanows These: In der zeitgenössischen Literatur werde nicht die zentrale Frage gestellt, wie der Mensch ins Böse abgleitet. Wie es möglich ist, dass Menschen (wie in den totalitären Gesellschaftsordnungen des 20. Jahrhunderts massenhaft geschehen) FreundInnen, NachbarInnen, KollegInnen und Familienmitglieder sowie vom Staat als nicht geduldet definierte Personen denunzieren. Ob es heute nicht auch möglich ist. Ob ich nicht auch ... Das Abgleiten in den Sog des sogenannten Bösen werde in der Literatur nicht dargestellt. Es werde totalitären Regimes oder AusnahmetäterInnen in die Schuhe geschoben – die Möglichkeit des individuell und kollektiv sich entwickelnden Bösen (wie es sich in den Romanen des 19. Jahrhunderts, etwa bei Dostojewski oder Dickens manifestiere) sei (literarisch) abgeschafft.
    Einen die These widerlegenden Einwurf aus dem Publikum ließ Trojanow gelten: Landgericht von Ursula Krechel (Deutscher Buchpreis 2012).
    Er selbst versuche in seinem Schreiben die Fragen zu umkreisen, auf die die Moderne keine Antwort habe – wozu sonst lohne es sich, die eigene Lebenszeit zu geben?! Als eine mögliche Lösung für eine zeitgemäße literarisch-ästhetische Gestaltung des Bösen – der systemischen Zwänge und der individuellen Bereitschaft, sich diesen zu beugen – sieht er im polyphonen, collagierenden Arbeiten. Er mischt Dokumente mit Literarisierungen mit dem Ziel, dem Leser den Boden unter den Füßen wegzuziehen, weil dieser nicht mehr klar erkennen kann, was Gut und was Böse ist, um dann herausgefordert zu sein, eine Lösung für sich zu finden: Wie will ich handeln, was will ich tun und was nicht?
    Ja, wozu auch sonst schreibe ich? Ja, wozu auch sonst lese ich?
    Drei Leseanregungen möchte ich geben:
    1. Agota Kristof: Das große Heft (sich während des 2. Weltkriegs physisch und psychisch abhärtende Jungen dokumentieren ihre Handlungen emotionslos-dokumentarisch in einem Heft), Hamburg 1987
    2. Ursula Hegi: Die Andere (wie sich während der Nazi-Zeit das Denunziantentum in eine kleine Stadt im Rheinland einschleicht, erzählt aus Sicht einer kleinwüchsigen Frau), Reinbek 1998
    3. Juli Zeh: Spieltrieb (wie Jugendliche unter sozialem Druck und in Parallelwelten, in denen scheinbar keine Tabus herrschen, in kalte und gleichsam verzweifelte Inhumanität abgleiten), Frankfurt/M. 2004


    4. Juni 2014
    Lieblingszitate einsenden
    von Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner

    Ich musste nicht lange suchen ... Es geht um Folgendes (ich zitiere einen Auszug aus einer Pressemitteilung von Dr. Friedrich Block, Kurator der Brückner-Kühner-Stiftung):
    Vor 30 Jahren wurde die Stiftung Brückner-Kühner vom Kasseler Schriftstellerpaar Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner ins Leben gerufen. Die Stiftung vergibt seither jährlich gemeinsam mit der Stadt Kassel den „Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor“. Zudem wirkt sie als Literaturzentrum vom Wohnhaus der beiden Schriftsteller aus, das auch als Museum zugänglich ist. Aus Anlass des Jubiläums ruft die Stiftung ihre Freunde dazu auf, sich an einem literarischen Projekt zu beteiligen: Senden Sie uns für Sie bedeutsame Zitate aus dem Werk von Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner. Die kurzen Zitate sollten möglichst nur einen Satz oder ein bis zwei Verse umfassen. Dann jedenfalls besteht die Möglichkeit, dass sie für eine Präsentation in der Kasseler Innenstadt ausgewählt werden: Ende September werden die Zitate auf den Kandelaber-Flächen in Kassels Fußgängerzone, der Oberen Königsstraße, zu sehen und zu lesen sein. Unter den Einsendungen ermitteln wir per Los fünf Personen, die zu einem exklusiven Literaturabend mit Lesung, Wein und Imbiss ins Dichterhaus eingeladen werden, ausgerichtet vom Freundeskreis Brückner-Kühner.
    Einsendungen (mit Quellenangabe) bis 15. Juni 2014 per E-Mail, Brief oder Fax an: Stiftung Brückner-Kühner, Hans-Böckler-Straße 5, 34121 Kassel, Fax: (05 61) 2 88 80 45, E-Mail: block@brueckner-kuehner.de.

    Meine Lieblingszitate:
    Christine Brückner: Wenn du geredet hättest, Desdemona. Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1983
    Darin fasziniert mich besonders die „Rede gegen die Wände der Stammheimer Zelle“, die Christine Brückner Gudrun Ensslin in den Mund gelegt hat, daraus folgende Zitate: 1. „Illusionshaft ist Mord!“ (S. 110); 2. „Anders kriegt ihr mich nicht“ (S. 110); 3. „Ich will nicht in eurem Strom schwimmen, ich will nicht gegen den Strom schwimmen, ich bin eine Sperrmauer im Strom der Zeit!“ (S. 114)

    Otto Heinrich Kühner: Pummerer und andere skurrile Verse, R. Piper & Co. Verlag, München 1968
    Darin faszinieren mich besonders die Verse, die sich mit Sprache befassen, daraus folgendes Gedicht (S. 18):

    Orthographie

    In einem Brief an den Obersten v. Schratt in G.
    Schrieb Pummerer das Wort Miene ohne ,e’
    Und hatte den Fehler erst erkannt,
    Als er den Brief schon abgesandt.
    In G. gab es dann auch – er las davon –
    Am Tage darauf eine Detonation.

    Ein kleines ,e’, dachte er, ein Buchstabe bloß,
    Und die Folgen dann gleich so grenzenlos!
    Seither glaubt Pummerer irgendwie
    An die Wichtigkeit der Orthographie.


    1. Juni 2014
    Wiedergefunden
    Zwei Lieblingsliebesgedichte

    Das erste muss laut gelesen werden – es ist so voller Klang! Und das zweite: so einfach – einfach genießen!

    Ein alter Tibetteppich
    (Else Lasker-Schüler)

    Deine Seele, die die meine liebet,
    Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

    Strahl in Strahl, verliebte Farben,
    Sterne, die sich himmellang umwarben.

    Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
    Maschentausendabertausendweit.

    Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
    Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
    Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

    wie ich dich nenne
    wenn ich an dich denke
    und du nicht da bist

    (Friederike Mayröcker

    meine Walderdbeere
    meine Zuckerechse
    meine Trosttüte
    mein Seidenspinner
    mein Sorgenschreck
    meine Aurelia
    meine Schotterblume
    mein Schlummerkind
    meine Morgenhand
    mein Vielvergesser
    mein Fensterkreuz
    mein Mondverstecker
    mein Silberstab
    mein Abendschein
    mein Sonnenfaden
    mein Rüsselhase
    mein Hirschenkopf
    meine Hasenpfote
    mein Treppenfrosch
    mein Lichterkranz
    mein Frühlingsdieb
    mein Zittergaul
    meine Silberschnecke
    mein Tintenfasz
    mein Besenfuchs
    mein Bäumefäller
    mein Sturmausreiszer
    mein Bärenheger
    mein Zähnezeiger
    mein Pferdeohr
    mein Praterbaum
    mein Ringelhorn
    meine Affentasche
    meine Winterwende
    meine Artischocke
    meine Mitternacht
    mein Rückwärtszähler

    (da capo!)


    29. Mai 2014
    Vierte Schreibanregung
    Anapher- oder serielle Texte (2)

    Zurzeit leite ich eine achtstündige Wörterwerkstatt im Kasseler Friedrichsgymnasium, in die sich 15 Mädchen und Jungen aus dem Jahrgang 6 eingewählt haben. Am ersten Tag haben wir außer Akrostichons und Kurzkrimis zu dritt auch Anapher-Texte geschrieben (s. auch Dritte Schreibanregung vom 19. Mai). Hier meine Vorgaben:
    Schreib einen Anapher-Text, bei dem jede Zeile mit „Manchmal ...“ oder mit „Und ich sage ...“ beginnt. Es sollen mindestens sechs Zeilen sein, den Schluss kann eine besondere Zeile bilden, die dann anders beginnt (Thore nannte sie Moralzeile).
    Die Jugendlichen haben fast alle andere Anfänge gewählt als die von mir vorgeschlagenen, z. B. „Heute“, „Morgen“, „Der Tod“, „Leben ist“ oder „Es gibt Leute ...“.
    Interessant wird diese Art zu schreiben, wenn man beim Schreiben der Anapher-Texte konsequent und bewusst über den Punkt hinausschreibt, am dem man stockt oder nur noch in Wiederholungen denkt oder sich blöd und das gerade praktizierte Schreiben überflüssig findet – um dann zu neuen Schreibhandlungserlebnissen zu kommen und möglicherweise auch zu neuen Inhalten.
    Ein Buchtipp: Florian Neuner: Satzteillager, Klever Verlag, Wien 2011. 146 Seiten; geb.; 16,90 €, ISBN 978-3-902665-34-8


    26. Mai 2014
    Filme – Liste 1
    zum Thema Schreiben, Geschichten erfinden, Lesen

    Eine kleine Auswahl von Filmen, in denen Bücher, Geschichten, Gedichte, Lesen, Erzählen und last but not least Schreiben eine Rolle spielen (ich freue mich über Ergänzungen):

    • Danny DeVito: Schmeiß die Mama aus dem Zug, 1987 (Eingangsszene: der Kampf des Autors mit dem ersten Satz)
    • Vadim Jendreyko: Die Frau mit den fünf Elefanten, 2009 (Dokumentarfilm über Svetlana Geier, die Dostojewskis Romane ins Deutsche übersetzt und u. a. dafür gesorgt hat, Schuld und Sühne in Verbrechen und Strafe umtituliert wurde)
    • Scott Kalvert: Jim Carroll – In den Straßen von New York, 1995 (weg von Drogen durch Schreiben, mit Leonardo DiCaprio)
    • Sydney Pollack: Jenseits von Afrika, 1985 (Meryl Streep als Karen Blixen erzählt mitreißend eine Geschichte, die sie aus dem Stegreif entwickelt)
    • Rob Reiner: Das Beste kommt zum Schluss, 2007 (ein Todkranker schreibt eine ,Löffelliste’, auf der steht, was er noch tun will, bevor er den Löffel abgibt, mit Morgan Freeman und Jack Nicholson)
    • Éric-Emmanuel Schmitt: Odette Toulemonde, 2007 (Lesen als Eskapismus aus dem Alltag)
    • John N. Smith: Dangerous Minds, 1995 (Lehrerin bringt vorwiegend schwarze Unterschicht-SchülerInnen über Song-Texte von Bob Dylan zur Auseinandersetzung mit Gedichten und sich selbst)
    • Gus van Sant: Forrester – Gefunden!, 2000 (alter schreibblockierter Schriftsteller, gespielt von Sean Connery, unterstützt jungen Schwarzen beim Schreiben)
    • Peter Weir: Club der toten Dichter, 1989 (Umgang mit dem Lesekanon)


    24. Mai 2014
    Bücher – Liste 1
    zum Thema Schreiben, Schreibwerkstätten

    Bücher, in denen Lesen eine Rolle spielt, gibt es zahlreiche. Die unendliche Geschichte (Michael Ende) und Das verborgene Wort (Ulla Hahn) seien hier als berühmte Beispiele genannt. Aber Bücher, in denen Schreiben, womöglich gar Kreatives Schreiben oder Schreibwerkstätten eine Rolle spielen, sind eher selten. In meinen Regalen stehen die folgenden (ich freue mich über weitere Tipps):

    • Sharon Creech: Der beste Hund der Welt, Frankfurt/Main 2003 (Tagebuch eines Jungen, der merkt, dass auch Jungs Gedichte schreiben können)
    • Susanne Diehm: Hannahs fabelhafte Welt des Kreativen Schreibens, Milow 2013 (Krimi und der Weg zum Schreiben)
    • Erin Gruwell & Freedom Writers: Freedom Writers, Berlin 2007 (eine Lehrerin in Long Beach bringt ihre vorwiegend schwarzen ,Risiko-SchülerInnen’ zur Auseinandersetzung mit ihrem Leben, u. a. indem sie sie das Tagebuch der Anne Frank lesen lässt; auch verfilmt mit Hilary Swank)
    • Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur, Berlin 2013 (Tagebuch parallel zum Sterben am Krebs, in dem auch das Schreiben an sich reflektiert wird; stellvertretend empfohlen für Schreibprozesse begleitende Tagebücher/Journale von SchriftstellerInnen)
    • Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer, Reinbek 2009 (auf einer Ebene die Geschichte eines Sommerschreibkurses für Mädchen)
    • Agota Kristof: Das große Heft, Berlin 1987 (grausig emotionsloses Dokumentieren des Lebens durch zwei Jungen Mitte des 20. Jahrhunderts, Folgebände: Der Beweis; Die dritte Lüge)
    • Marlen Haushofer: Die Wand, Hildeheim 1968 (Schreiben, um das Letzter-Mensch-Sein zu verkraften; auch verfilmt mit Martina Gedeck)
    • Siegfried Lenz: Deutschstunde, Hamburg 1968 (ein Aufsatz als Strafarbeit wird zur Auseinandersetzung mit dem Leben während der NS-Zeit)
    • Henning Mankell: Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt, München 2006 (über das Schreiben von Memory-Books AIDS-kranker, sterbender Eltern in Uganda)
    • Antonio Skármeta: Der Aufsatz, Hamburg 2003 (Kinderbuch über die Schwierigkeit des Aufsatzschreibens in der Militärdiktatur in Chile)
    • Denis Thériault: Siebzehn Silben Ewigkeit, München 2011 (Liebesroman rund ums Haiku-Schreiben)
    • Jincy Willet: Die Dramaturgie des Todes, Reinbek 2009 (spannender Krimi mit vielschichtig aufgefächerten Schreibwerkstattstunden)

    • 19. Mai 2014
      Dritte Schreibanregung (Ritas* Lieblingsübungen 2)
      Zurückgehen: Ich erinnere mich ...

      Geh auf den Dachboden oder in den Keller, öffne eine Kiste, die dort schon lange steht, am besten, du weißt gar nicht mehr, was sich in dieser befindet – nimm einen Gegenstand aus der Kiste und schreib.
      Es gibt die Möglichkeit, einfach nur den Gegenstand (z. B. ein Memorie-Spiel oder ein Brief oder ein Kastanienfigürchen) als Impuls zu nehmen und sich schreibend zu erinnern.
      Es gibt aber auch die Möglichkeit, einen seriellen Text zu verfassen. Das geht so: Wieder ist der Gegenstand der Impuls, und dann beginnst du jeden Satz mit „Ich erinnere mich ...“. (Das literarische Stilmittel, wenn jeder Satz mit dem gleichen Wort oder der gleichen Wortgruppe beginnt, nennt man Anapher.)


      17. Mai 2014
      Frei nach Laotse
      Fund auf Sylt

      „Jeder Anlauf beginnt mit einem Rückschritt und jeder Weg mit einem ersten Schritt.“
      (gefunden an der Wand eines Tagungsraumes im Hamburger Jugenderholungsheim Puan Klent auf Sylt/OT Rantum)


      14. Mai 2014
      Himmelsstürmerinnen-Lesung
      Frauenfrühstück in Röhrenfurth

      Es war still im Saal, kaum geatmet haben die 50 Frauen, so schien es uns beim Lesen. Das ist ein Geschenk, wenn Zuhörende mitgehen, mitlachen, mitseufzen ... Die Frauenschreibwerkstatt war eingeladen, am 10. Mai zum einmal im Jahr stattfindenden Frauenfrühstück in der evangelischen Kirchengemeinde Röhrenfurth (Melsungen) einen kulturellen Beitrag zu leisten.
      Besonders berührt waren die Zuhörerinnen von den Texten, die sich in fiktionaler Form mit der 900-jährigen Geschichte des nahe gelegenen Klosters Breitenau (Guxhagen) auseinandersetzten – wissen doch alle in der Region, dass das Kloster auch KZ war, auch Mädchenerziehungsheim mit Schwarzer Pädagogik, auch psychiatrische Anstalt.
      Gedenkstätte Breitenau | Regiowiki HNA

      Gelesen haben KIrsten Alers, Monika Ehrhardt-Müller, Gabi Willius und Dorte Schätzle aus der Mittwochs­abends­schreib­werkstatt.


      13. Mai 2014
      Nordhessischer Autorenpreis
      Neues Vorstandsmitglied gewählt

      Kennen Sie diese wunderbar auf nostalgisch kolorierte Karte mit dem Spruch „Ein Leben ohne Kuchen ist möglich, aber nicht sinnvoll“? Ich übersetze wie folgt: Ein Leben ohne Schreiben ist möglich, aber nicht sinnvoll. Wenn ich nicht gerade das Kreative Schreiben unterrichte, bin ich auf der Suche nach Möglichkeiten, wie ich Menschen zum Schreiben motivieren kann.
      Also habe ich 2004 Jahren gemeinsam mit meinen Kolleginnen Henrike Taupitz und Carmen Weidemann den Nordhessischen Autorenpreis erfunden – um literarisches Leben, Gegenwartliteratur und AutorInnen in Nordhessen zu fördern. Im Moment läuft der fünfte Durchgang. Man findet dazu mehr auf der Website des Vereins Nordhessischer Autorenpreis e.V.

      Pressemitteilung
      Jana Ißleib (33) ist auf der Jahreshauptversammlung des Vereins Nordhessischer Autorenpreis e.V. am 12. Mai 2014 als neues drittes Vorstandsmitglied gewählt worden. Sie ist erfahren in Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und im Organisieren von Kulturveranstaltungen und wird in den kommenden Monaten die seit fast zehn Jahren aktiven Vorständlerinnen Kirsten Alers (53) und Carmen Weidemann (48) bei der Durchführung des 5. Nordhessischen Autorenpreises unterstützen.
      Gunther Neumann hat den Vorstand nach drei Jahren Engagement aus persönlichen Gründen verlassen, er bleibt dem Verein als unterstützendes Mitglied treu.
      Zum 5. Autorenpreis können bis zum 17. Juli 2014 (Einsendeschluss) lyrische, erzählerische und experimentelle Arbeiten zum Thema „Himmel, Hölle, Heimatkunde“ eingereicht werden. Die unveröffentlichten Texte müssen in siebenfacher Ausfertigung eingehen bei: Henrike Taupitz, Uhlenhorststraße 14, 34132 Kassel

      Der neue Vorstand des Vereins Nordhessischer Autorenpreis e. V.: (von links nach rechts) Jana Ißleib, Kirsten Alers und Carmen Weidemann (Foto: Ulrich Ahrend | satzmanufaktur).


      12. Mai 2014
      Zweite Schreibanregung
      Shakespeare folgen

      Letzten Donnerstag (8. Mai) hatte ich das große Vergnügen, an einem Shakespeare-Schreibabend teilzunehmen, durch den meine Kollegin Carmen Weidemann die Schreibgruppe geleitete. William Shakespeare soll ca. am 23. April 1564 geboren worden sein und ist am 23. April 1616 gestorben. (Seit 1995 ist der 23. April UNESCO-Welttag des Buches.)
      Die erste Schreibanregung des Schreibabends gebe ich hier weiter: Schreib einen freien Text, inspiriert vom ersten Satz des Hamlet-Monologs: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“.


      5. Mai 2014
      Einzigartig in Deutschland
      Masterstudiengang „Biografisches und Kreatives Schreiben“

      Mittlerweile im achten Jahrgang bildet die Alice Salomon Hochschule (Berlin) als deutschlandweit einzige Hochschule SchreibpädagogInnen (M.A.) aus. Ich vertrete im Masterstudiengang „Biografisches und Kreatives Schreiben“ das Fach Schreibgruppen­pädagogik und Schreibgruppendynamik – und werbe an dieser Stelle gern für diesen großartigen, sich im ständigen Wandel befindenden Studiengang.
      Ich möchte bereits praktizierende SchreibpädagogInnen einladen, mit dem Gedanken zu spielen, ihre in der Praxis erworbenen Kenntnisse wissenschaftlich und selbstreflektierend zu untermauern. Und ich möchte diejenigen Menschen einladen, die eigene schreibkreative Erfahrungen haben und sich vorstellen können, das Instrumentarium des Kreativen Schreibens in ihrem Berufsfeld zu implementieren. Mehr in der folgenden Pressemitteilung.

      Pressemitteilung
      An der Alice Salomon Hochschule Berlin startet im Oktober 2014 nunmehr zum neunten Mal der berufsbegleitende Masterstudiengang „Biografisches und Kreatives Schreiben“ (M.A.). „Mit Methoden der Biografiearbeit und des kreativen Schreibens die eigene Arbeit zu bereichern oder aus dem Arbeitsalltag auszubrechen und etwas Anderes zu machen, motiviert viele unserer Studierenden für den Masterstudiengang“, so Prof. Dr. Ingrid Kollak, wissenschaftliche Leiterin des Studiengangs. Vier Präsenzwochenenden pro Semester werden mit Methoden des E-Learning kombiniert. Neben den beiden Studienbereichen Kreatives Schreiben mit Textimpulsen aus Lyrik und Prosa und Biografisches Schreiben mit authentischen und künstlerisch-ästhetischen Reflexionen über Lebensphasen und Lebenskrisen werden schreibpädagogische Fähigkeiten vermittelt und praktisch erprobt. Untersuchungen über die Wirkung kreativen Schreibens und die Arbeit in Schreibgruppen können im Rahmen der Masterarbeit angelegt werden.
      Weitere Informationen unter: www.ash-berlin.eu/bks
      Kontakt: Telefon (030) 992 45-426


      4. Mai 2014
      Josef Haslinger zum distanzierten Lesen
      Fundstück in der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen

      Anlässlich des Literarischen Frühlings in Waldeck-Frankenberg, bei dem Josef Haslinger als Lesender zu Gast war, interviewte Bettina Fraschke den Leipziger Professor für literarische Ästhetik (Deutsches Literaturinstitut Leipzig) für die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine (15. März 2014). Ich zitiere einen kleinen Auszug:

      Bettina Fraschke: Was können Schreibschüler bei Ihnen lernen?
      Josef Haslinger: Sie sollen herausfinden, was sie eigentlich wollen. Wir können sie mit Aufgaben stimulieren. Wir geben ihnen ein Echo. Der erste Schritt der Professionalisierung eines Autors ist, dass er den Text so liest, als wäre er von einem anderen geschrieben. Man lernt das Werkzeug Sprache besser handzuhaben. Sprache ist aber nicht nur ein Werkzeug. Ein Autor lebt auch in ihr, denn darin sind die eigenen Erinnerungen deponiert. Josef Haslinger spricht über die Arbeit mit Studierenden, die sich als AutorInnen auf dem Literaturmarkt positionieren wollen. In meinen Schreibwerkstätten versuche ich tatsächlich aber Ähnliches – auch wenn nie der Anspruch besteht, AutorInnen auszubilden. Denn erst durch die distanzierte Wahrnehmung des eigenen Textes kann jedwedes Feedback gewünscht, verstanden und produktiv reflektiert werden.


      2. Mai 2014
      Erste Schreibanregung (Ritas* Lieblingsübungen 1)
      Literatur in 5 Minuten

      Nimm dir 30 Minuten Zeit zum Schreiben. Du brauchst ein Wörterbuch oder ein Lexikon oder einen anderen Menschen und einen Wecker. Das Ziel ist, sechs Miniaturen zu schreiben, alle fünf Minuten ein neues Thema zu nehmen und diesem Impuls jeweils zu folgen, schnell zu schreiben, quasi den Stift immer in Bewegung zu halten, nicht zu überlesen, alle Regeln (Grammatik, Rechtschreibung) mal außer Acht zu lassen. Die Idee dahinter: Man kann nicht nachdenken, man hat keine Chance, das Prozedere zu durchlaufen, das man normalerweise immer durchläuft zu Schreibbeginn. Es geht darum, sich einzulassen auf das, was die Impulse anticken. Es geht nicht um fertige, gute, schöne oder ähnlich attributierte Texte, sondern um das Heben von Bildern, von Sätzen, von Schätzen aus sich selbst. Freewriting, Assoziatives Schreiben, écriture automatique sind Stichwörter, die in diesen Kontext gehören.
      Nimm dir also ein Wörterbuch oder ein Lexikon, schließ die Augen und schlag willkürlich eine Seite auf, leg den Finger auf eine Stelle – das Wort, das du getroffen hast, ist dein erster Impuls. Nach fünf Minuten Schreiben wiederholst du das Ganze. Du kannst dir auch alle fünf Minuten von einem anderen Menschen ein neues Wort zurufen lassen. Nach 30 Minuten bzw. sechs Miniaturen stoppst du. Möglicherweise findest du beim Durchlesen Überraschendes oder etwas, das du schon lange vergeblich zu heben versucht hast, oder einen Anfang für eine Kurzgeschichte ... Diese Schreibanregung habe ich entwickelt mit Hilfe des Buches Literatur in 5 Minuten von Roberta Allen, erschienen bei Zweitausendeins, Frankfurt/Main 2002.
      * Rita Krause ist Schreibwerkstattteilnehmerin seit vielen Jahren und meine Freundin.


      28. April 2014
      Schreiben ist …

      … forschen … lachen … festhalten … ausprobieren … brüllen … sagen … eindringen … ausatmen … lernen … jubeln … streiten … aufdecken … weinen … therapieren … weis­sagen … mitteilen … verstehen … erzählen … kritisieren … erfinden … vertreiben … gestalten … über­blenden … ausdrücken … verbinden … fliegen … feiern … fantasieren … überleben …