Kirsten Alers
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Fachbuch zur Schreibgruppenpädagogik

Kirsten Alers
Schreiben wir! Eine Schreibgruppenpädagogik
Erschienen im Schneider Verlag Hohengehren, 2. Auflage 2018

Schreib-Blog  

17. September 2018
Prüfkriterium für Sexismus
Gastbeitrag von Susanne Hüfken

In der Schreibwerkstatt am 13. 9. ließen wir uns von Anfangssätzen utopischer (und dystopischer) Romane inspirieren. Susanne Hüfken wählte den ersten Satz aus einem über 40 Jahre alten Buch, das immer noch die Augen öffnen kann und Spaß macht beim (Wieder)Lesen: Die Töchter Egalias. Leider ist es wohl nur noch antiquarisch zu finden. Aber sicher haben viele Wibschen es noch in ihren Regalen zu stehen. Ich freue mich, dass Sanne mir ihren Text für meinen Blog zur Verfügung stellt. Er schlägt einen Bogen über diese 40 Jahre, er schafft es aber auch aufzuzeigen, dass es erhellend, öffnend und hilfreich sein kann, dieses Buch noch einmal zu lesen, will per sich jedweder Ungerechtigkeit zumindest verbal in den Weg stellen.

Die Töchter Egalias
„Schließlich sind es noch immer die Männer, die die Kinder bekommen“, sagte Direktorin Bram und blickte über den Rand der Egalsunder Zeitung zurechtweisend auf ihren Sohn. Petronius heulte und schrie. „Ich will Seefrau werden! Warum dürfen Männer nicht Seefrau werden? Nur wegen diesem verdammten PH, der angeblich auch am Tauchanzug sein muss – und nicht bissfest genug ist?!“
So ähnlich beginnt der Roman Die Töchter Egalias. Mit einem Kniff macht die Autorin Gerd Brantenberg die Un-Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern deutlich: Sie tauscht einfach die Geschlechterrollen. Das heißt, eigentlich beschreibt sie eine ganz normale Familie in einer ganz normalen Gesellschaft in sowas wie Norwegen in den 1970er Jahren. Der kleine Unterschied hat es in sich: Frauen und Männer tauschen die Rollen.
Durch diesen Trick werden viele Ungerechtigkeiten, Ungleichheiten deutlich und sehr viele Absurditäten in unseren gesellschaftlichen Konventionen.
„Schließlich sind es immer noch die Männer, die die Kinder bekommen.“ Denn mit der Schwangerschaft und der als großes, schönes, lustvolles Ereignis ganz öffentlich zelebrierten Geburt haben die Frauen genug zur Reproduktion beigetragen. Jetzt sind die Männer dran, das schwache Geschlecht. Schwach nicht im körperlichen Sinn, sondern im geistigen.
Als logische Folge können Männer nicht Seefrauen werden. Das sagt doch schon das Wort: Männliche Seefrau – wie bescheuert klingt das denn? Und, Petronius, du weißt: Ein Seefrauentauchanzug hat keinen PH – keinen Pimmelhalter – und ohne einen PH geht kein anständiges Herrlein aus dem Haus.
Ich habe diesen Roman gelesen, als ich 15 Jahre alt war. Und mir gingen Seifensieder auf – nicht dass ich einen BH gehabt hätte oder auch nur gewollt (den hatten meine Mütter ein paar Jahre vorher verbrannt). Aber der Rest …
Seither hatte ich ein Prüfkriterium für Sexismus. Wenn mir etwas komisch vorkommt – im Hinblick auf Gerechtigkeit zwischen Frauen und Männern –, drehe ich die Rollen um. Ist es immer noch Ordnung, wenn eine Frau sich sooo verhalten würde? Wie wird ein Mann angesehen, wenn er das sooo machen würde?
Das fing bei den verdammten Pfiffen an, wenn ich über die Straße ging, und hörte bei der Sprache längst nicht auf. Ich bat um die Flaschenöffnerin und heftete Wichtiges in meine Ordnerin.
Jetzt – nach 30 Jahren – werden Frauenrechte wieder infrage gestellt. Der Streit tobt beim Thema Abtreibung und ums Stillen im Landtag.
Wahrscheinlich ist es wieder Zeit, den Roman zu lesen, sich Fantasie machen zu lassen im Umkehren von Rollen – nicht nur bei Frauen und Männern und Sprache. Auch die Verhältnisse zwischen Menschen mit verschiedenen Hautfarben, Religionen, zwischen Kindern und Eltern könnten so auf Gerechtigkeit überprüft werden.
Gerd Brantenberg: Die Töchter Egalias. Roman. Verlag Frauenoffensive 1987 (Original 1977, Pax Forlag (Norwegen))

Susanne Hüfken wurde 1967 geboren und ist Pfarrerin in der Nähe von Kassel. Feministische Themen oder Sichtweisen auf die Welt begleiten sie seit ihrer Schulzeit. Seit 20 Jahren lebt Susanne Hüfken in einer Gemeinschaft mit 60 anderen Erwachsenen und 20 Kindern, in der sie nach dem Bedürfnisprinzip leben: Alle geben, was sie können, und nehmen, was sie brauchen. Die Gemeinschaft versucht, ökologisch und geschlechtergerecht zu leben und alle wesentlichen Entscheidungen gemeinsam zu treffen.


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